Die Ungarn
Husaren in der Fremde.
Obwohl es in Geschichtsbüchern manchmal so dargestellt wird, fielen die Ungarn nicht wie ein plötzlicher
Sturm in Mitteleuropa ein, sondern tasteten sich über Jahre langsam vor, wobei Söldnerdienste eine entscheidende
Rolle spielten. Mitte des 9. Jahrhunderts mussten sie nach einem gescheiterten Aufstand gegen die herrschenden Chasaren
ihre Wohnsitze nördlich des kaspischen Meeres verlassen und bewegten sich langsam nach Westen.
Zuerst unterstützten sie Byzanz gegen die Bulgaren. Als diese aber Frieden schlossen, mussten sie vor den Bulgaren
und den nachdrängenden Petschenegen weiter nach Westen ausweichen. Um 895 überquerten sie die Karpaten und
besetzten die Ebene Pannoniens. Allerdings waren ihnen um diese Zeit die Machtverhältnisse in den Resten des
fränkischen Reiches bestens vertraut. Bei ersten Raubzügen hatten sie zum Teil empfindliche Niederlagen
einstecken müssen, doch dann kamen sie in Kontakt mit Arnulf von Kärnten (850-899), dem letzten Spross der
Karolinger im Ostfrankenreich.
Arnulf kämpfte an vielen Fronten: gegen die Wikinger, die Langobarden, die Böhmen und den rebellischen Adel.
Dabei lernte er schnell die Qualitäten der wilden Reiterkrieger zu schätzen. Sie waren nicht nur gute
Kämpfer, sondern auch sehr kostengünstig, wenn man ihnen ausreichend Gelegenheit zum Plündern gab.
Er warb sie für seine Feldzüge gegen Mähren, und zog mit ihnen 892 nach Italien, wo er mit ihrer Hilfe die
Langobarden besiegte. Als er schließlich 896 zum Kaiser gekrönt wurde, soll er einige tausend Ungarn in
seinem Dienst gehabt haben.
Einer von Arnulfs mächtigsten Konkurrenten war der Karolinger Berengar I., der als König der Langobarden in
Norditalien herrschte. In Arnulfs Diensten schlugen ihn die Ungarn 899 vernichtend an der Brenta. Da Arnulf kurz
darauf starb, konnten sie ihren Machtbereich relativ ungestört weiter nach Westen ausdehnen. Doch auch Berengar konnte
bei den endlosen Machtkämpfen der Karolinger auf die Dienste der Ungarn nicht verzichten. Er warb nun selbst
Söldner in Ungarn und erlangte mit ihrer Unterstützung 915 die Kaiserkrone. Bei den späteren Kämpfen
mit seinen rebellischen Adligen und Rudolf II. von Burgund waren die ungarische Söldner seine wichtigste Stütze.
Allerdings plünderten sie anscheinend so hemmungslos im Land, dass Berengar jeden Rückhalt in den eigenen Reihen
verlor und schließlich ermordet wurde.
Die Ungarn waren sicher gute Krieger, doch die wichtigste Voraussetzung für ihre erfolgreichen Raubzüge, mit denen
sie in den nächsten Jahrzehnten fast ganz Westeuropa verheerten, waren das dortige Machtvakuum und die internen Konflikte,
zu deren Lösung man sie immer wieder ins Land holte. Als es Heinrich I. Zum Beispiel gelang das ostfränkische Reich
zu stabilisieren und die Ungarn 933 bei Riade zu schlagen, schien die Gefahr gebannt. Aber sein Sohn und Nachfolger Otto I.
musste wie die meisten Herrscher zuerst zahlreiche Adelsrevolten niederschlagen, was auch wieder die Ungarn ins Land brachte.
Am gefährlichsten war sicher der "Liudolfinische Aufstand" in dem sich Ottos ältester Sohn Liudolf und
sein Schwiegersohn Konrad der Rote gegen ihn erhoben. Als die Aufständischen bereits mehrere Niederlagen erlitten hatten,
holte Liudolf 954 die Ungarn ins Land – "hervorragende Bogenschützen als Söldner" schreibt Thietmar
von Merseburg. Liudolf empfing sie festlich in Mainz und führte sie anschließend zu einem großen Plünderungs-
und Verwüstungszug links des Rheins bis nach Lothringen. Es ist kein Wunder, dass die Ungarn so erneut auf den Geschmack
gekommen, im nächsten Jahr gleich wieder – nun ungerufen – ins Reich einfielen, wobei sie dann in der
Schlacht auf dem Lechfeld geschlagen wurden.
Damit war die Verwendung ungarischer Söldner im Westen vorerst beendet. Das lag allerdings nicht an mangelnden kriegerischen
Qualitäten, sondern viel mehr am fehlenden Kapital, um Söldner in größerem Stil zu bezahlen. Die
abendländischen Heere des Hochmittelalters setzten sich vorwiegend aus Feudalaufgeboten zusammen, da man kaum über Geld
verfügte. Eine wichtige Ausnahme bildete lediglich Byzanz – wo das Finanzsystem weiterhin funktionierte und Krisenregionen,
in denen Plünderungen in großem Stil möglich waren.
Man mag es für eine Ironie der Geschichte halten, dass an diesen verbliebenen "Arbeitsplätzen" bald Deutsche und
Ungarn gemeinsam kämpften. Als zum Beispiel Boleslaw "Chrobry" der erste König von Polen seinen Schwiegersohn
Swjatopolk 1018 bei einem Kriegszug gegen Kiev unterstützte, befanden sich in seinem Heer 300 sächsische Ritter (anscheinend
zum Teil ehemalige Verbannte, die der deutsche Kaiser geschickt hatte) und 500 Ungarn. Da bei der Eroberung Kievs reiche Beute gemacht
wurde, konnten alle reich beschenkt nach Hause entlassen werden.
Im Hochmittelalter war Byzanz jedoch der Hauptarbeitsgeber von Söldnertruppen, und berittenen Bogenschützen brachte man seit
Belisars Tagen besondere Hochachtung entgegen. Da man sie jedoch unter der eigenen
Bevölkerung nicht rekrutieren konnte, mussten sie immer als Söldner unter den nördlich und östlich angrenzen
Nomaden angeworben werden. Die Ungarn entwickelten sich dabei neben Kumanen, Petschenegen und Türken schnell zu einem der
wichtigsten Lieferanten.
Vielleicht das beste Beispiel für den ungarischen Beitrag zur byzantinischen Militärgeschichte ist die Schlacht von Pelagonia
1259, die das Ende des Lateinischen Kaiserreiches in Griechenland einleitete. Die Byzantiner hatten Infanterie aus Serbien, Anatolien
und der Walachei und 300 schwere Reiter aus dem Reich. Ihre Hauptmacht bestand aber aus berittenen Bogenschützen; laut den Quellen
500 Türken, 600 Serben, 2.000 Kumanen und 13.000 Ungarn. In der Schlacht hielten die deutschen Panzerreiter dann eine Zeit lang
den Ansturm der Lateiner auf, wurden dabei aber völlig aufgerieben. Die Ungarn umschwärmten derweilen den Gegner und schossen
die Pferde nieder, und so wurden die überlebenden Franken schließlich ein Opfer der byzantinischen Infanterie.
Die Schlacht von Pelagonia ist aber vor allem deshalb interessant, weil man hier noch der typischen Arbeitsteilung zwischen schweren
mitteleuropäischen Panzerreitern und berittenen ungarischen Bogenschützen begegnet. Denn bald darauf passten sich die Ungarn
immer mehr der abendländischen Lebensweise an. Der Adel baute Burgen, kaufte sich schimmernde Rüstungen im Westen und
entrechtete die eigenen Untertanen. Unter diesen Umständen waren berittene Bogenschützen bald kaum noch zu finden. Die Adligen
kämpften nun selbst als gerüstete Ritter, dabei hatten sie sicher noch leichte Reiter in ihrem Gefolge, die vielleicht noch
hier und da den Bogen verwendeten. Von einem besonderen Können wird allerdings nichts mehr berichtet.
Als Ungarn unter Ludwig I. zu einem der mächtigsten Königreiche Europas aufstieg, stieß dieser bald wegen des Besitzes
von Dalmatien mit Venedig zusammen und griff schließlich sogar in den Streit um die Thronfolge in Neapel ein. Ludwigs Kriege
brachten ab 1347 zahlreiche Ungarn nach Italien, wo auch viele deutsche und italienische Ritter in seinen Diensten standen. Ludwig musste
sich zwar nach einigen Jahren anderen, dringenderen Problemen auf dem Balkan und in Polen zuwenden. Dennoch blieben viele der Ungarn in
Italien, wo man inzwischen reichlich Verwendung für Söldner hatte und diese dank des Aufschwungs im Finanzwesen auch
bezahlen konnte. In den nächsten Jahren stößt man immer wieder auf größere ungarische Kontingente in den
Freien Kompanien von Werner von Urslingen, Konrad von Landau und vielen
anderen bedeutenden Hauptleuten.
Ähnlich wie bei Ludwigs Eingreifen in Neapel waren es oft dynastische Verbindungen, die Anlass zur Werbung größerer
Zahlen ungarischer Söldner lieferten. Sigismund von Luxemburg (1368-1437), der in Personalunion König von Ungarn und
römisch-deutscher Kaiser war, warb viele Ungarn für seine Kriege gegen die Hussiten. Oder als Stephan Báthory
(1533-1586), der Fürst von Siebenbürgen, König von Polen wurde, nutzte er die Verbindungen in seine alte Heimat,
um sich dort mit besonders zuverlässigen Truppen zu versorgen.
Entscheidend wurde für Ungarn jedoch der Vorstoß der Türken auf dem Balkan. Ungarn wurde zunehmend Fronstaat,
wodurch die meisten militärischen Ressourcen absorbiert wurden. Wie an der gesamten umkämpften Grenze zwischen
Christentum und Islam vom westlichen Mittelmeer, über den Balkan bis in die Ukraine wurde auch für Ungarn der kleine
Raubkrieg mit seinen Überfällen, Menschenjagden und Renegaten bestimmend. Je mehr der Krieg als "heilig"
propagiert wird, desto schmutziger wird er ja bekanntlich.
Nach der vernichtenden Niederlage bei Mohács (1526), kamen große Teile Ungarns unter türkische Herrschaft.
Das bedeutete, dass der verhasste Knabenzins (die Aushebung von Christenkindern für das Janitscharenkorps) nun auch in
Ungarn erhoben wurde. Aber es musste nicht immer Zwang angewendet werden. In den türkischen Heeren und am Hof in Konstantinopel
wimmelte es von Renegaten, die auf diese Weise ihre Gefangenschaft erleichtern oder einfach die besseren Karrierechancen im
Osmanischen Reich nutzen wollten. Der bekannteste ist sicher der ungarische
Geschützmeister Urban, der Mehmed dem Eroberer 1453 das Riesengeschütz für den Angriff auf Konstantinopel
goss. Ihm folgten zahllose andere.
Im permanenten Kleinkrieg gegen die Türken, aber auch in einer ganzen Reihe von Rebellionen gegen die Habsburger, entwickelten
die Ungarn ihre eigentliche Spezialität: die Husaren. Über die Herkunft des Wortes gibt es mehrere Theorien, am
wahrscheinlichsten scheint, dass es sich vom Lateinischen "cursur" ableitet, das in diesem Zusammenhang die
Bedeutung von Räuber oder Raubzug hat. Man sollte in diesem Zusammenhang an "Inkursion" oder "Korsar"
denken. Die irreguläre Infanterie bezeichnete man als "Heiducken", was seine Herkunft im türkischen Wort
"haydut" für Räuber hat.
Es spricht für die Umstände, dass sich die Husaren in Polen, wohin sie wahrscheinlich im Dienst von Stephan Báthory
gekommen waren, nach und nach zur schweren Adelsreiterei entwickelten, während sie in Ungarn dagegen leichte , irreguläre
Kavallerie blieben. Dass aber vor allem für die leichte Kavallerie auch international großer Bedarf bestand, belegt dass
abgesehen vom Polnischen mit dem Wort Husar (engl: hussar, franz: hussard) immer ein leichter Reiter bezeichnet wird, der besonders
für "Husarenstückchen" zu gebrauchen ist.
Leichte Reiter aus Ungarn kämpften bereits im Schmalkaldischen und dann in zunehmender Zahl im Dreißigjährigen Krieg.
Allerdings dienten sie zu dieser Zeit noch in den gefürchteten Kroatenregimentern, in denen die Reiterei vom Balkan zusammengefasst
war. Die "Krabaten" des Dreißigjährigen Krieges kann man durchaus als Vorform der europäischen Husaren
bezeichnen.
So richtig in Schwung kam das Geschäft aber danach, als die europäischen Mächte mit dem Aufbau stehender Heere begannen,
was eine zunehmende Spezialisierung einzelner Truppenteile mit sich brachte. Als die Elite galt die schwere Kavallerie, die Kürassiere.
Dann gab es die Dragoner, eine Art berittener Musketiere, die als äußerst schlechte Reiter galten. Am wichtigsten war aber
wahrscheinlich die leichte Kavallerie, die man fürs Fouragieren, Aufklären, Überfälle, Wach- und Patrouillendienste
benötigte; sie bildete Augen und Ohren jeder Armee. Man benötigte dazu gute und abgehärtete Kämpfer, vor allen Dingen
aber hervorragende Reiter. Da der Adel aber bevorzugt bei den Kürassieren diente – Husaren hatten keinen guten Ruf -, war es
nicht so einfach die passenden Mannschaften zu rekrutieren.
Natürlich fand man auch in Mitteleuropa immer abenteuerlustige Burschen, die gut reiten konnten, die echten Könner warb man
jedoch wie so oft in der Geschichte an der Peripherie: Kroaten, Albaner, Kosaken und nach dem Ende der ungarischen Selbständigkeit
immer mehr Husaren. Kardinal Richelieu ließ bereits 1635 die "Cavalerie Hongroise" aufstellen. Es soll eine recht wilde,
malerische Truppe gewesen sein, die wahrscheinlich durch ihre großen Halstücher den Anstoß für die Entwicklung der
Krawatte gegeben hat. Zu dieser Zeit war wie gesagt "Kroat" (Krabat) noch ein allgemeines Synonym für leichte Reiter
vom Balkan.
Die Einheit wurde zwar nach dem Pyrenäenfrieden (1659) wieder aufgelöst, 1692 wurde dann aber unter Ludwig XIV. aus
Deserteuren der kaiserlichen Truppen ein Husarenregiment aufgestellt. Die Unzufriedenheit der Ungarn mit der absolutistischen Herrschaft
der Habsburger und der gescheiterte Kuruzenaufstand (1703–1711) führte stetig neue Flüchtlinge nach Frankreich, so dass
1710 bereits 3 Husarenregimenter gebildet werden konnten. Es handelte sich um die berühmten Rattky-,
Eszterhazy- und Bercheny-Husaren, Regimenter, die über Generationen in allen Kriegen Frankreichs kämpften.
Zu einem anderen Großabnehmer entwickelte sich Preußen, in dessen Dienste gerne die ungarischen Protestanten
traten. Als dann unter Kaiserin Maria Theresia immer härter gegen Protestanten vorgegangen wurde, sorgte dies für
einen ständigen Zustrom an Deserteuren und Flüchtlingen, mit denen Friedrich der Große seine Husarenregimenter
füllte. In der Zeit von Ludwig XIV. bis zu Friedrich dem Großen während der so genannten Kabinettkriege,
sah man den Höhepunkt der Husaren, hier zeigten sie, was sie auf den Schlachtfeldern leisten konnten und hier bildete
sich ein Kranz von Legenden um ihre schillernden Gestalten.
Husaren galten als Teufelskerle, verwegen, leichtsinnig, listig und tapfer. Ein französischer Offizier schrieb: "Genau
gesagt sind Husaren nichts anderes als berittene Räuber, die einen irregulären Krieg führen. Es ist unmöglich
sie normal zu bekämpfen. Wenn man glaubt, dass sie komplett geschlagen und zerstreut sind, tauchen sie wieder auf, in der
selben Formation wie zuvor." Die Husaren selbst sagten: "Ein Husar, der mit 30 nicht tot ist, ist ein Schuft"
(Das Motto "Live Fast, Die Young" wurde nicht erst vom Rock'n'Roll erfunden).
Bei ihren schnellen Operationen tief im feindlichen Gebiet riskierten die Husaren zwar viel mehr als andere Truppenteile, konnten
aber auch hervorragend Beute machen, die sie dann meistens schnell wieder verjubelten. Husaren galten als große Frauenhelden
und ebenso große Säufer. Ihr Leichtsinn bei Wetten war berüchtigt und ihre Lust an Duellen gefürchtet. Wie
viele Elitesoldaten betonten sie in ihrem Erscheinungsbild gerne das Individualistische, Räuberhafte. An Stelle des üblichen
Soldatenzopfes trug ein Husar gerne vier, die zum Teil auch noch durch eingeflochtene Pistolenkugeln beschwert waren. Dazu kam ein
möglichst gewaltiger Schnurrbart, der falls nötig schwarz gefärbt werden musste.
Nachdem Husarenregimenter erst einmal zu einer festen Institution geworden waren, setzte sich in allen europäischen Armeen eine
für sie typische Uniform durch, die diesen besonderen exotischen Status betonen sollte. Zuerst war da einmal der Tschako eine
hohe Mütze, die meist mit einem bunten Tuch bedeckt war, das beim Reiten hinterher wehte. Sehr typisch war auch der Dolman,
die mit Schnüren besetzte Uniformjacke, die meistens salopp über der Schulter getragen wurde. Auch der Säbel als
Reiterwaffe fand erst durch die Husaren größere Verbreitung in den westeuropäischen Armeen.
Allerdings war der Weg ins Exil weit und bedeutete oft eine dauerhafte Trennung von der Heimat. Deshalb dienten die meisten Ungarn
sicher den Habsburgern, vor allen Dingen als zumindest in adligen Kreisen die alten Gegensätze zunehmend verschwanden. Je mehr
sich die Ungarn von den Habsburgern anwerben ließen, desto weniger blieben für die Husarenregimenter in Frankreich und
Preußen. Man musste sie deshalb dort bald mit Einheimischen und Deserteuren aus anderen Armeen füllen. Am Vorabend der
Französischen Revolution stammten von den 6.320 Husaren in Frankreich nur noch 45 aus Ungarn. Erst unter Napoleon
erhöhte sich ihr Anteil wieder leicht, da nun zahlreiche Ungarn als Kriegsgefangene oder Deserteure in französische
Hände gerieten.
Bei dem Image, das die Husaren von sich selbst pflegten, erstaunt es nicht, dass sich in ihrer großen Zeit –
dem Ancien Regime – einige Ungarn besonders hervorgetan haben. Wahrscheinlich könnte man mit ihren chaotischen
Biographien leicht ein dickes Buch füllen; ich möchte hier aber nur auf drei besonders schillernde Persönlichkeiten
hinweisen.
Einer von ihnen war Michael Kováts, der als Husar im Heer Maria Theresias diente. 1746 also nach den Schlesischen Kriegen wechselte
er nach Preußen. Möglicherweise war es wegen Schulden, einem Duell oder einem der anderen Dinge, die einem Husar so passieren
konnten. Dennoch war es Fahnenflucht zum Gegner. Im preußischen Heer diente er mehrere Jahre als einfacher Husar, wurde dann aber
mit dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) rasch befördert. 1761 kehrte Kováts wieder nach Ungarn
zurück, wo dann wegen seiner früheren Fahnenflucht ein Verfahren eröffnet wurde. Allerdings konnte er eine Begnadigung der
Kaiserin erreichen. Das Leben als Zivilist scheint ihn aber gelangweilt zu haben. Denn als er vom Krieg in Amerika erfuhr, machte er sich
auf den Weg dorthin und bot Benjamin Franklin seine Dienste an. Wegen seiner hervorragenden Tätigkeit als Ausbilder gilt Kováts
manchen heute als der Vater der US Cavalry. Die Briten meinten zu seiner Einheit: "the best cavalry the rebels ever had." 1779
fiel er dann bei Kämpfen um Charleston.
Geradezu legendär als Kaiser von Madagaskar wurde Moritz August Graf von Benyowszky (auch Benyovszky, Beniowski u.a.).
Er hatte als Leutnant für die Habsburger im Siebenjährigen Krieg gekämpft. Danach war er nach Polen gegangen
und hatte sich an dem Aufstand gegen Russland beteiligt. Als Kriegsgefangener war er dann nach Kamtschatka verbannt worden,
von wo er auf äußerst abenteuerliche Weise auf dem Seeweg entfliehen konnte. Wieder in Europa propagierte er
die Eroberung Madagaskars zuerst in Frankreich später in Wien, England und den USA. Nachdem er in Frankreich einige
Mittel erhalten hatte, ließ er sich von einigen Stämmen auf Madagaskar zum Kaiser wählen. 1785 fiel er dort
bei Kämpfen mit einem französischen Expeditionskorps.
Sozusagen ein ungarische Emigrant der zweiten Generation war François Baron de Tott. Sein Vater war nach dem Kuruzenaufstand nach
Frankreich geflohen und dort bei den Bercheny-Husaren eingetreten. François diente dann im selben Regiment wie sein Vater, wurde aber
zunehmend bei diplomatischen Missionen in der Türkei und auf der Krim verwendet. Schließlich ging er als Militärberater in
die Türkei, wo er vor allem beim Aufbau einer modernen Artillerie hervorragende Arbeit leistete und sich im russisch-türkischen
Krieg 1768-74 bewährte. Nach dem Krieg wurde er zu einem der großen Reformer des türkischen Militärs. Als er
schließlich nach Europa zurückkehrte, wollte er wegen der Revolution nicht wieder nach Frankreich, und setzte sich deshalb in
Ungarn zur Ruhe, wo er 1793 starb.
Da der ungarische Adel jedoch seinen Frieden mit den Habsburgern gemacht hatte, kämpften die Ungarn während der napoleonischen
Kriege fast ausschließlich in der kaiserlichen Armee. Erst als sich danach die neuen nationalistischen und liberalistischen Ideen
verbreiteten, entstand in Ungarn wieder ein starkes Konfliktpotential. Die Revolution von 1848 entwickelte in Ungarn sehr schnell eine
besondere Dynamik und konnte schließlich nur mit massiver russischer Unterstützung niedergeschlagen werden.
Wie so oft in der ungarischen Geschichte sorgte diese gescheiterte Revolution für einen neuen Strom an Emigranten und damit auch an
Söldnern. Allerdings war die Nachfrage nach letzteren inzwischen sehr begrenzt. Einige kamen in der Fremdenlegion unter, für die
meisten gab es dagegen wenig zu tun. Mehrmals wurde im Exil mit der Aufstellung einer ungarischen Legion begonnen, die an der Seite der
Feinde Österreichs kämpfen sollte – so für Italien 1859 in Piemont und für Preußen 1866 in Oberschlesien.
Allerdings wurde immer Frieden geschlossen, bevor die Legionen zum Einsatz kommen konnten.
Die meisten Veteranen, die nicht dauerhaft ins Zivilleben zurückkehrten, kamen deshalb wie so viele andere europäische 48er
im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) zum Einsatz. Die überwiegende Mehrheit kämpfte auf Seiten der Nordstaaten,
da sie sich dort niedergelassen hatten. Obwohl ihre Zahl verglichen mit anderen Einwanderergruppen sehr klein war, stellten sie einen
relativ sehr hohen Anteil an Offizieren, was auf militärische Erfahrung schließen lässt.
Zu dieser Zeit hatte in Ungarn jedoch längst die Politik des "Ausgleichs" begonnen. Die Ungarn wurden damit zu
privilegierten Mitgliedern der k. u. k. Doppelmonarchie. Viele Emigranten kehrten zurück und machten ihren Frieden mit den
Habsburgern. Dazu kam, dass Söldnerdienste in dieser allzu patriotischen Epoche kaum noch gefragt waren. Sicher fand immer
noch der eine oder andere den Weg in die Fremdenlegion und unter den wenigen Abenteurern des 20. Jahrhunderts sind auch Ungarn
vertreten. Man sollte hier an den großen Scharlatan und politischen Intriganten Ignaz
Trebitsch-Lincoln, oder den Piloten
und Saharaforscher Graf Ladislaus Eduard Almásy, der als "der englische Patient" bekannt wurde, denken.
Auch als nach dem II. Weltkrieg wieder eine größere Anzahl ungarischer Emigranten nach Westeuropa strömte, gab es
für Söldner nicht viel zu tun. Die Fremdenlegion rekrutierte eine größere Zahl und schickte sie nach Indochina.
Die CIA förderte die Gründung militanter Emigrantenorganisationen, die dann bei einem III. Weltkrieg als Kader einer neuen
ungarischen Armee dienen sollten. Unter der Führung ehemaliger Pfeilkreuzler entstand so der MHBK (Verband Ungarischer Kämpfer).
Als es dann unter stetiger Ermunterung durch die CIA 1956 in Ungarn tatsächlich zum Aufstand kam, rührte Amerika keinen Finger.
Eine riesige Welle neuer Emigranten war die Folge, unter denen sich auch viele ehemalige Soldaten befanden. Für die Fremdenlegion
kamen sie gerade recht für den Krieg in Algerien. Letzten Endes handelte es sich aber gemessen an der Gesamtzahl nur um Ausnahmen.
Die Zeiten in denen sich Europas Flüchtlinge als Söldner durchlagen mussten waren eben schon längst vorbei.