Pernambuco

Die Sehnsucht nach der großen weiten Welt.

Indianer, tropische Früchte, ein Schiff und seltsame Tiere zieren Aldenburgks Buch Von Kokosnüssen, die man mit Musketen von den Bäumen schießen mußte und deren Saft wie Mandelmilch schmeckte, Zucker, der wie Salpeter gekocht wurde, Wunderbäumen, abscheulichen Krokodilen, großen Schlangen und haarigen Spinnen, Eidechsen, die wie Fliegen an den Wänden liefen, Affen, Meerkatzen, Tigern, Papageien, Schwert- und Walfischen wolle er erzählen, begann Johann Gregor Aldenburgk seinen Bericht über die Eroberung Bahias (Salvador) im fernen Brasilien.

Sicher waren es überwiegend soziale Probleme, die für den steten Nachschub an Söldnern sorgten. Der Not gehorchend "kapitulierten" sie, wie man das Unterzeichnen eines Soldvertrages treffend bezeichnete. Dennoch sollte man nicht übersehen, dass die Sehnsucht ferne Länder zu sehen und wunderbare Abenteuer zu erleben auch oft eine starke Motivation bildeten. Nachdem die Welt durch die Kolonisation und den Fernhandel immer mehr erschlossen wurde, waren die Menschen geradezu verrückt nach Reiseberichten. Fremde Länder, Sitten und Gebräuche der wilden und der zivilisierten Völker, exotische Tiere und Pflanzen faszinierten die Leser und erfüllten sie mit wohligem Schauern. Bei den Fürsten kamen Wunderkammern und Raritätenkabinette in Mode, in denen seltene Tiere, Mineralien, Pflanzen, Waffen, Kleidung, Schmuck, Felle, Früchte und Knochen gesammelt wurden. Pilgerfahrten ins heilige Land waren sattsam bekannt; jetzt wollte man von Indien, der Karibik, Afrika und China lesen. Wundervolle Namen wie Pernambuco, Surabaya, Amboina oder Koromandelküste zogen die Menschen in ihren Bann. Die meisten träumten nur davon, aber einige machten sich auf den Weg. Der einfachste Weg führte über Amsterdam, wo die WIC (West-Indische Compagnie) ständig Söldner für ihren verlustreichen Krieg um ihre Kolonie Pernambuco in Nordbrasilien warb.

Die Anziehungskraft dieser fernen Länder muss beträchtlich gewesen sein, wenn man bedenkt, dass die WIC die meisten Söldner zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges benötigte, als für diese in Mitteleuropa praktisch Vollbeschäftigung herrschte. Vor allem unter den Deutschen, die sich von der WIC anwerben ließen, findet man deshalb einige, die unter normalen Umständen wahrscheinlich nie Soldat geworden wären. Es gab Studenten und süddeutsche Patriziersöhne, für die der Dienst in Westindien so ziemlich die einzige Möglichkeit war nun auch etwas von der großen neu entdeckten Welt zu sehen. Manchmal scheint der Kolonialdienst aber schon damals dazu benutzt worden zu sein, sich Problemfälle vom Hals zu schaffen. Man schickte sie, wie das Sprichwort sagt, "dahin, wo der Pfeffer wächst." Aber ganz anders als in Südostasien führten die Niederländer in Nordbrasilien einen blutigen und äußerst grausamen Krieg. Für die Betrachtung exotischen Tropenlandschaften blieb dabei wenig Muße, und die jugendlichen Abenteurer konnten froh sein, wenn sie mit heiler Haut davon kamen.

Der aus Coburg stammende Johann Gregor Aldenburgk studierte in Jena, als er 1623 von den Werbungen der WIC hörte. Da er schon seit seiner Jugend davon geträumt hatte, zu reisen und fremde Länder zu sehen, machte er sich sofort auf den Weg nach Amsterdam und ließ sich für die erste Expedition, die zur Eroberung von Bahia ausgerüstet wurde, anwerben. Zumindest der Anfang der Reise entsprach noch seinen Erwartungen. Er sah auf der Überfahrt fliegende Fische, Haie, Wale und die Kapverdischen Inseln. Auch Bahia konnte nach kurzer Beschießung leicht eingenommen werden. Doch nachdem die Söldner ihren Sieg mit erbeutetem Zuckerrohrschnaps anständig begossen hatten, begannen die harten Befestigungsarbeiten. Bei glühender Hitze mußten Schanzen, Hornwerke und Ravelins aufgeworfen werden. In der Regenzeit stürzten Wassermassen vom Himmel und schwemmten die Erdwerke hinweg. Die Söldner wühlten in Schlamm und Dreck; Ruhr und Fieber breiteten sich aus.

holländische Flotte vor Olinda Doch das war nicht das Schlimmste. Die Portugiesen hatten sich im Dschungel vor der Stadt festgesetzt und begannen einen grausamen Kleinkrieg gegen die Besatzung. Verstärkung erhielten die Holländer von schwarzen Sklaven, die zu ihnen überliefen. Sie wurden mit alten Schwertern, Spießen und Pfeil und Bogen bewaffnet, und dienten als Kundschafter und Hilfstruppen. Die Söldner mussten jedoch bald feststellen, dass hier, anders als in der Heimat, kein "Quartier" gegeben wurde, also keine Gefangenen gemacht wurden. Selbst die Toten wurden verstümmelt. Am schlimmsten traf es die Sklaven, die zu den Holländern übergegangen waren. Einige wurden, nachdem ihnen die Portugiesen die Hände abgehackt hatten, zur Abschreckung in die Stadt zurückgeschickt. Die Söldner begannen daraufhin ebenfalls ihre Gefangenen zu erschießen oder übergaben sie den Sklaven, die sie mit ihren Buschmessern in Stücke hackten. Bald begann der Hunger in der Stadt. Pferde, Hunde, Katzen und Leguane wurden gegessen. Nur die Sklaven schlichen sich noch durch die feindlichen Linien und versorgten die Belagerten mit Obst und erbeuteten Vorräten.

Da die WIC die Kolonie weitgehend sich selbst überließ, kapitulierte die Garnison bereits ein gutes Jahr später gegen freien Abzug. Die Portugiesen hätten die verhassten Söldner zwar am liebsten niedergehauen, aber die spanischen Truppen, die ja auch in Europa Krieg führen mussten, sorgten für einen sicheren Rücktransport über England. In Amsterdam wurde dann eine armselige Schar kranker, verkrüppelter und abgerissener Gestalten abgedankt. Auch Aldenburgks Tropenträume hatten so ein schnelles Ende gefunden. Immerhin war er gesund nach Hause gekommen.

Wesentlich ausgiebigere Kriegserfahrungen sollte der Straßburger Ambrosius Richshoffer machen. Er kam mit der großen Flotte, die 1629 zur Eroberung von Recife geschickt wurde. Richshoffer stammte aus einer wohlhabenden und angesehenen Patrizierfamilie, und seine Eltern hatten andere Pläne für ihn und ihn deshalb zu einem Nürnberger Kaufmann in die Lehre gegeben. Doch der Lehrling schwärmte von seinem Großvater der in venezianische Diensten an der Seeschlacht von Lepanto und an Karl V. Kriegszug nach Tunis teilgenommen hatte, wo er "an Türckischen Ducaten vnd schönen Antiquiteten gute Beuten gemacht vnd herauß gebracht". Wahrscheinlich bewahrte man in dem Straßburger Patrizierhaus einige türkische Teppiche und Waffen, die man stolz Besuchern zeigte. Das war eher ein Stoff zum Träumen, als die trockene Kaufmannslehre. Als die WIC wieder Söldner anwarb, büchste der gerade Siebzehnjährige deshalb während einer Messe in Frankfurt aus, um endlich etwas von der großen Welt zu sehen.

Trotz der spanischen Garnisonen am Rhein erreichte er mit zwei ebenfalls abenteuerlustigen Reisegefährten glücklich Amsterdam, wo sie ihr Handgeld erhielten und kurz darauf vereidigt wurden. Richshoffer durfte bei der Parade durch die Stadt stolz das Fähnlein seiner Kompanie tragen. Allerdings nicht aufgrund seiner Verdienste, sondern weil er als Sohn aus guter Familie mit einem versilberten Degen und bunten Federn auf dem Hut am besten gekleidet war. Im Mai 1629 fuhr die Flotte von Texel ab. An Bord bildeten immer acht Mann eine sogenannte "Back", d.h. sie erhielten zusammen in einer Schüssel einmal täglich eine warme Malzeit, die aber wie Richshoffer schreibt "zween Mann mit gutem appetit hätten aufessen können". An zwei Tagen gab es Fleisch mit Bohnen, an einem Speck, sonst Gerstengrütze oder Erbsen, manchmal Stockfisch. Zusätzlich erhielt jeder wöchentlich viereinhalb Pfund Zwieback, ein halbes Pfund Butter, etwas Essig und für die ganze Reise drei große holländische Käse.

Wie Aldenburgk war auch Richshoffer von den Eindrücken der Reise fasziniert. Er berichtet von Schildkröten, Walen und fliegenden Fischen. Doch gleichzeitig berichtet er auch vom Sterben an Bord. Das Essen war zu salzig und der Zwieback voller Käfer und Würmer. Bald forderte der Skorbut seine ersten Opfer und während eines längeren Aufenthalts auf den Kapverden brach die Ruhr aus. Das Problem war, dass es die Flotte gar nicht eilig zu haben schien nach Brasilien zu kommen, sondern längere Zeit versuchte im Atlantik spanische Schiffe zu kapern, um damit die Kriegskasse aufzubessern. Als sie endlich vor Recife ankam, waren allein auf Richshoffers Schiff 23 Mann gestorben und ein Vielfaches davon krank.

Pernambuco im 17.Jahrhundert Aber jetzt blieb Richshoffer keine Zeit mehr für eine Betrachtung des idyllisch zwischen Palmen auf einem Hügel liegenden Olindas oder des endlosen Sandstrandes. Statt dessen beobachtete er, wie auf den Schiffen "Ketten- Brandtkugeln, Creütz, Feuerballen, Granaten vnd Bechkräntze" fertig gemacht wurden. Die Musketiere mußten ihre Bandeliere mit Pulver, Lunten und Blei füllen, dann wateten sie in ihren Stulpenstiefeln und Federhüten an den Strand. Nach einem kurzen aber verlustreichen Kampf stürmten sie Olinda und dann den kleinen Hafen Recife. Die Beute war mager, denn die Spanier hatten fast alles in Sicherheit gebracht und die Lagerhäuser in Brand gesteckt. Lediglich die, die zuerst das Jesuitenkloster gestürmt hatten, fanden etwas Geld, das sie in den nächsten Tagen jedoch gleich wieder verspielten. Die meisten mussten sich mit Wein begnügen, woraufhin viele in den Häusern und den auf den Straßen" wie das vnvernünfftig Vieh ligen blieben". Richshoffer und seine Kameraden erhielten ein gutes Quartier, wo sie sich von zwei schwarzen Sklaven aus Wein, Zucker und tropischen Früchten erfrischende Getränke bereiteten ließen.

Danach schienen sich die Ereignisse von Bahia zu wiederholen. Die Holländer befestigten Olinda und Recife, während sich die Portugiesen in der Nähe festsetzten und versuchten in einem Guerillakrieg die Garnison vom Hinterland abzuschneiden. Immer neue Schanzen wurden aufgeworfen, die Söldner kämpften um einzelne Vorposten und lieferten sich mit dem Feind kleine Scharmützel. Wieder setzten die Portugiesen verbündete Indianer ein und die Holländer bewaffneten entlaufene Sklaven mit Spießen und Hackmessern. Es war ein Kampf ohne Gnade, "Quartier" wurde von keiner Seite gewährt, Gefangene wurden meitens gnadenlos hingerichtet oder verstümmelt.

In diesem schmutzigen Krieg endeten Richshoffers Tropenträume. Er berichtet nichts von der exotischen Landschaft oder von fremden Tieren, sondern vom Hunger, dem Tod seiner Kameraden und den alltäglichen Kriegsgräueln. Auf einer Patrouille sah er 30 tote Söldner, die in einer Reihe lagen; viele waren ohne Kopf, anderen hatte man die Geschlechtsteile abgeschnitten und in Mund gesteckt. Aber er und seine Kameraden machten sich diese Methoden schnell zu eigen. Als ein Trupp Portugiesen in einen Hinterhalt geriet und gnadenlos niedergemacht wurde, steckten die Söldner abgeschnittene Nasen und Ohren auf ihre Degen. Richshoffers Offizier verehrte dem Regimentskommandeur eine "halbe Kling voller Nasen vnd Ohren". Auch eine der besonders abstoßenden Landsknechtssitten war noch nicht aus der Mode gekommen. Einem toten, besonders starken Brasilianer schnitten die Söldner Streifen aus der Haut, um an den zauberkräftigen Schmeer zu kommen.

Mit ihrer überlegenen Flotte setzten die Holländer Truppen hinter den feindlichen Linien an Land. Diese unternahmen ausgedehnte Verwüstungszüge, überfielen feindliche Stützpunkte, verbrannten Plantagen und Zuckermühlen. Der junge Straßburger entwickelte sich dabei schnell zu einem Spezialisten des Dschungelkriegs. Er berichtet wie sich die Söldner von Gefangenen durch die Wildnis führen ließen. Sie lutschten Zuckerrohr gegen den Hunger und schätzten sich überglücklich, wenn sie etwas Wein oder Vieh erbeuten konnten. Richshoffers stolzeste Beute war eine blutbesudelte, mit Seide und Spitzen verzierte Hose, die er nach einem Scharmützel einem toten Portugiesen ausgezogen hatte. Er behauptete zwar, daß ihm davor "dennoch nicht gekrauset" hätte, aber man nimmt es ihm nicht richtig ab.

die Toten werden geplündert

Die jungen Söldner verrohten schnell unter diesen Verhältnissen. Man prahlte mit seinen schrecklichen Erlebnissen und damit, daß einen wirklich nichts mehr erschüttern konnte. Richshoffer überliefert eine dieser Geschichten, mit denen sich die Söldner die Zeit vertrieben und ihre Abgebrühtheit demonstrierten. Zwei seiner Kameraden bereiteten sich unter schwerem Beschuß in ihrer Hütte eine sogenannte kalte Schale aus Wein und Brot. Noch während sie darüber stritten, wer mehr Brot hineingetan hätte, sauste eine Kanonenkugel durch die Hütte und riß dem einen den Kopf ab. Als der Kopf in die Schüssel fiel, sagte der andere trocken: "jetzo magstu die kalte Schaal allein außessen".

Richshoffer wurde ein Veteran. Er lernte die kargen Rationen mit Zuckerrohr oder Ratten anzureichern, überstand mehrere Verwundungen, wußte wie man Hinterhalte legte oder versteckte Siedlungen ausfindig machte, und vor allem hatte er sich an das mörderische Klima und die damit verbundenen Krankheiten gewöhnt. Über die frischen Rekruten, die manchmal noch schneller starben als sie von der WIC geliefert werden konnten, bemerkte er lapidar: "als biß anhero vnter den new ankommenen Völckern geschehen, davon der meiste theyl weggestorben, die solchen heissen Landes vnd schlechten halbgesaltzenen Wassers gar nicht haben gewohnen können".

Veteranen waren in erster Linie Überlebenskünstler und deshalb für die WIC ganz besonders wertvoll. Als nach drei Jahren die Dienstzeit der zuerst angeworbenen Söldner zu Ende war, versuchte man sie mit doppeltem Sold und der Aussicht auf Beförderungen zum Bleiben zu überreden. Richshoffer, der inzwischen auf Empfehlung eines Straßburger Offiziers zum "Adelsburst" (Gefreiten) ernannt worden war, wurde die nächste freiwerdende Fähnrichsstelle in Aussicht gestellt. Aber weder bei ihm noch bei den meisten seiner Kameraden zeigten die Anreize besondere Wirkung. Alle schienen heilfroh endlich nach Hause zu können. Der süße Traum von den Tropen war im Dschungel Pernambucos schnell im Blut ersoffen. Ein wenig lebte er noch einmal kurz auf, als auf der Rückfahrt die karibischen Inseln angelaufen wurden, um Wasser und Obst an Bord zu nehmen. Obwohl unterwegs keine Gelegenheit zum Seeraub ausgelassen wurde und ein Schiff im Sturm verloren ging, war der Krieg für die Entlassenen vorbei und Richshoffer dankte Gott, als er trotz der vielen Gefahren gesund und mit allen Gliedmaßen in Amsterdam angekommen war.

Dort bemerkte er eine großen Menge Frauen, von denen viele vergeblich auf ihre Männer und Brüder warteten. Man spürt hier deutlich seine Erleichterung, selbst davon gekommen zu sein. Die Überlebenden feierten ihr Glück mit Branntwein und veranstalteten bei der Waffenabgabe ein riesiges Freudenfeuerwerk, "weilen wir gleichsam nicht nur auß dem Fegfeuer, sondern also zu reden, wohl gar auß der Höllen in den Himmel kommen seind". Doch mit der Ankunft in Amsterdam waren die entlassenen Söldner noch längst nicht in Sicherheit. Ein großes Problem war der Rückweg, da marodierende Söldner und Bauernbanden im Reich die Straßen unsicher machten. Auch Aldenburgk hatte ihnen mehrmals ausweichen müssen und war von verzweifelten Bauern beinahe gelyncht worden. Richshoffer schickte deshalb den Großteil seines Soldes in Form von Wechseln nach Straßburg und fuhr mit Rheinschiffern nach Süden. Bei einem Streit mit französischen Söldnern, die in Köln Schutzgelder von den Reisenden eintreiben wollten, wurde er nochmals verwundet. Aber schließlich war es das Leben, das er kannte. Zwei Reitern, die ihn zuerst anwerben und dann ausplündern wollten, erklärte er: "daß kein Winter so gar kalt, worinn die Wölffe einander selber auffressen". Anscheinend erkannten sie den Gleichgesinnten in ihm, denn sie ließen ihn ziehen.

Das Fort von Recife Für Aldenburgk und Richshoffer war jugendliche Abenteuerlust sicher das entscheidende Motiv, sich von der WIC anwerben zu lassen. Mit viel Glück hatten sie die Gefahren des Krieges, das Fieber und die zahlreichen anderen Krankheiten überlebt. Dass das Abenteuer auch anders ausgehen konnte zeigt das Beispiel des Nürnberger Patriziersohnes Stephan Karl Behaim, der vier Jahre nach Richshoffer nach Recife kam. Er hatte nicht so viel Glück und sein Schicksal konnte von einem Historiker nur noch mit Hilfe von Briefen rekonstruiert werden. Dadurch entsteht jedoch ein wesentlich genaueres Bild der Lebensumstände dieser im Dreißigjährigen Krieg aufgewachsenen Kinder aus gutem Hause und der Gründe, warum sie manchmal in ferne Länder zogen und von dem elenden Schicksal, das sie dort erwartete.

Behaim stammte aus einer reichen Nürnberger Patrizierfamilie. Da sein Vater früh gestorben war, stand er unter der Vormundschaft seines älteren Bruders. 1625 wurde er zum Studium nach Altdorf geschickt. Obwohl gerade dreizehn Jahre alt, führte er bald ein wüstes Lotterleben auf Festen und in Kneipen. Während er ständig mehr Geld forderte, häuften sich die Klagen der Universität. Der Bruder mahnte und nur die Mutter steckte ihm heimlich etwas zu. Doch alles nützte wenig. Um seine Zechgelage bezahlen zu können, machte Behaim Schulden und verkaufte heimlich seine wertvollen Bücher. Als er dann auch noch durch seine Prüfungen fiel, nahm ihn der Bruder von der Universität und gab ihn als "Aufwarter" in den Dienst eines adligen Hofmannes. Bei einem Freund beklagte sich Behaim bitter über sein Schicksal. Sein Leben erschien ihm kleinkariert und langweilig; er wollte ferne Länder sehen und berühmt werden. Wenn er erst einmal in Indien oder Amerika gewesen sei, könne sich zu Hause in Nürnberg keiner mehr mit ihm messen. Von seinem Bruder verlangte er, in Tours studieren zu dürfen; doch der dachte nicht daran. Nach einem Fluchtversuch brachte man den Tunichtgut dann bei einem Advokaten am Reichskammergericht in Speyer unter. Der einzige Lichtblick in dieser Zeit war für ihn eine Hochzeit am kurfürstlichen Hof in Dresden. Jeder bekam soviel Bier und Wein, wie er trinken konnte und fünf Gänge zu essen. "Und hat jedermann gnug gehabt", schreibt Behaim begeistert.

Seine Sehnsucht nach Ruhm und Anerkennung schien wahr zu werden, als Gustav Adolf siegreich durch Deutschland zog. Vom Bruder ausgerüstet trat er 1632 in ein Nürnberger Regiment der schwedischen Armee ein. Dort diente er zwar als einfacher Söldner, aber als Sohn aus guter Familie benötigte er Pferd, Diener, gute Kleidung, standesgemäße Unterkunft und bessere Verpflegung als er es sich mit seinem Sold leisten konnte. Doch anstatt Beute und Lorbeeren zu sammeln, wurde er selbst von feindlichen Reitern ausgeplündert, und die Familie musste eine neue Ausrüstung bezahlen. Eine Menge Geld kostete auch sein Aufenthalt in Stuttgart, wo er eine Verletzung auskurierte. Der Bruder hatte seine Bettelbriefe nun endgültig satt. Auch in den Nürnberger Patrizierfamilien begann das Geld knapp zu werden. Krieg und Kontributionen ruinierten das Geschäft. Um sich das Problem möglichst sicher vom Hals zu schaffen, nahm der Bruder über Geschäftspartner in Amsterdam Kontakt zur WIC auf. Dort warb man immer noch Söldner für Pernambuco. Schwierig war nur der Weg nach Amsterdam. Aber mit Geld und Beziehungen ließen sich auch die notwendigen Pässe besorgen.

Als aber Behaim mit einem großzügigen Zehrgroschen versehen dort ankam, stürzte er sich gleich in das wilde Leben der Hafenstadt. In den Kaschemmen lebte er in Saus und Braus und machte wieder großzügig Schulden. Zu guter letzt entging er nur der Verhaftung, weil sein Bruder 200 Taler überwies. Aber jetzt musste er sich endgültig anwerben lassen. Er wurde Gefreiter bei den Musketieren mit einem Monatssold von vier Talern. Damit konnte er seinen gewohnten Lebensstil natürlich nicht finanzieren, aber einem Behaim gewährte man in Amsterdam gerne Kredit. Während sein Schiff wegen widriger Winde einige Wochen im Hafen festlag, ließ er sich neue Kleider machen und feierte mit den Kameraden an Bord die Ausfahrt. Die Hafenwirte schleppten fette Braten aufs Schiff und dazu einen "Keller" nach dem anderen. Als "Keller" bezeichneten Söldner und Matrosen eine Ladung aus sechs großen und drei kleinen Flaschen Branntwein. Diese wochenlangen Gelage waren nicht billig und noch einmal musste der Bruder 200 Taler berappen damit das Sorgenkind nicht doch noch im Schuldgefängnis die Abfahrt verpasste. Doch danach war endgültig Schluss; die Schiffe legten ab und Behaim fuhr nach Brasilien.

Kleinkrieg in Pernambuco Trotz schwerer Verluste hatten die Holländer in Brasilien Fortschritte gemacht. Das ehemalige Fischerdorf Recife war zum befestigten Zentrum der Kolonie geworden, und die Obristen Sigismund von Schkopp und Christoph Artischofsky hatten mit der Eroberung des Hinterlandes begonnen. Unter dem Nachschub, der dazu benötigt wurde, war 1636 auch Behaim. Er kam als Infanterist in das Regiment von Oberst Artischofsky. Gleich nach seiner Ankunft erlebte er einige Gefechte mit den Spaniern und dann den Vormarsch nach Süden. Die Truppen litten furchtbar unter dem mörderischen Klima, den Märschen und der kargen Verpflegung, und Behaims großtuerische Briefe wurden bald ziemlich kleinlaut. Seine größte Angst war, krank zu werden. Wahrscheinlich ließ sich das elende Schicksal der Siechen und Invaliden in Recife nicht übersehen. Er überstand heil seinen ersten Feldzug, musste aber bereits während des nächsten krank in Recife zurückbleiben. Zum Glück konnte er sich von dem Nürnberger Söldner Christoph Ayrschedel Geld leihen und sich damit bessere Verpflegung kaufen. Er bat seinen Bruder in einem Brief, diese Schulden den Verwandten Ayrschedels zurückzuzahlen. Danach hörte die Familie nichts mehr von ihm.

Erst durch Nachfragen in Amsterdam erhielten sie einen Brief von Kaspar Stör aus Glückstadt, der den Dienst bei der WIC heil überstanden hatte. Er hatte Behaim gut gekannt und schrieb, dass dieser zum Schluss nur noch als einziges Kleidungsstück einen schäbigen Rock besessen habe und eine seiner Zehen vereitert und halb abgefault gewesen sei. Er hätte ihn nicht in ein Lazarett bringen können, da diese durch "Elend und Stank" so verkommen seien, dass dort selbst Gesunde erkranken und sterben würden. Nachdem Stör zu einer neuen Expedition aufgebrochen war, starb Behaim am "roten Blutgang", an Blutvergiftung. Stör schrieb empört über die Ausbeutung und die Zustände in Pernambuco: "Aber der Teufel wird die Schinders, die Zuckerkrämers, noch wohl reiten, daß sie so manch ehrlich Mannskind in Grund lassen verderben".

Stephan Karl Behaims Schicksal war in seiner Banalität sicher in vielem typischer als das von Aldenburgk oder Richshoffer, die mehr Glück hatten und über eine bessere Gesundheit verfügten. Er verreckte elend am Straßenrand oder in einer Strohhütte, halb nackt, zu apathisch und zu schwach um sich zu waschen, an einer läppischen Wunde, die er sich wahrscheinlich auf dem Marsch zugezogen hatte. Nach seinem Tod überwies die WIC seinen restlichen Sold abzüglich der Kosten für Kleidung und Verpflegung nach Nürnberg; es waren 28 Fl und 10 Kreuzer.

© Frank Westenfelder  
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