Die Hugenottenkriege

Das Grab des deutschen Adels.

Wie in allen Religionskriegen, die Europa von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges erschütterten, ging es auch in den Hugenottenkriegen in Frankreich (1562-1598) nur vordergründig um die richtige Konfession. Viel mehr kämpfte der Adel um seine ständischen Freiheiten und Privilegien gegen den Ausbau der zentralistischen Landesherrschaft. Vor allen Dingen fanden sich aber immer neue Koalitionspartner, um die übermächtige Dominanz des habsburgischen Spaniens zu brechen. Die Auseinandersetzung konzentrierte sich lange auf die Niederlande, wo die nördlichen Provinzen in ihrem achtzigjährigen Freiheitskampf (1568-1648) schließlich ihre Unabhängigkeit erreichten.

Da die französischen Könige verständlicherweise so ihre Probleme mit der katholisch-spanischen Allianz hatten, und die Hugenotten nur über sehr begrenzte Ressourcen verfügten, waren die Hugenottenkriege immer eine Art Nebenkriegsschauplatz. Wenn es ihre Möglichkeiten erlaubten schickten die Niederländer und Königin Elisabeth von England den Hugenotten Geld und manchmal sogar Truppen, um dadurch die Spanier dazu zu zwingen ihre Kräfte zu teilen und von wichtigeren Zielen abzuziehen. Die Art des von ausländischen Mächten sporadisch alimentierten Stellvertreterkrieges führte nicht nur dazu, dass die Hugenottenkriege in eine ganze Reihe zeitlich begrenzter Konflikte zerfielen, sondern auch unglaublich schlecht finanziert waren. Jede Partei nutzte die oft nur versprochenen Hilfsgelder um möglichst viele Truppen zu werben, mit denen dann eine schnelle Entscheidung erzwungen werden sollte. Da Erfolg und Sold regelmäßig ausblieben, begannen die Söldner zu plündern, so dass viele große Unternehmungen bald zu reinen Raubzügen degenerierten. Hier kam dann noch der Fanatismus des Religionskrieges verstärkend hinzu.

Die französische Armee bestand bereits vor dem Ausbruch der Kämpfe zu guten Teilen aus fremden Söldnern. So veranschlagt eine Spezialstudie ihren Anteil bei der großen Heerschau 1558 in der Picardie mit 70%. Das Rückgrat des Heeres bildeten zwar immer noch die schweren gepanzerten Lanzenreiter, die Gendarmes der alten Ordonanzkompanien; die Infanterie war dagegen völlig vernachlässigt worden und absolut kein Gegner für Schweizer oder Landsknechte, die deshalb hier die große Masse stellten. Aber auch die Gendarmes reichten längst nicht mehr, um die Aufgaben der Kavallerie zu erfüllen. Aus diesem Grund wurden hauptsächlich die so genannten Schwarzen Reiter, die "Reitres", in deutschen Fürstentümern geworben, die dann auch die Mehrheit der Kavallerie bildeten.

Zug einer protestantischen Armee nach Frankreich Durch die Hugenottenkriege wurde dieser Trend weiter verstärkt. Die königlich-katholische Partei verzichtete zwar sehr schnell auf den Einsatz von Landsknechten zu Gunsten der Schweizer, da sich diese als weit überlegen erwiesen hatten, und erhielt auch spanische Infanterie aus Flandern. Den Hugenotten blieb dagegen lange keine Alternative zu den Landsknechten. Manchmal erhielten sie zwar auch kleinere Kontingente aus England, doch meistens beschränkte sich Elisabeth darauf mit ihrem Geld die Werbung deutscher Söldner zu finanzieren. Immer wichtiger wurden jedoch für beide Parteien die Schwarzen Reiter, die mit ihrem disziplinierten Pistolenfeuer nicht nur Schlacht entscheidend sein konnten, sondern auch für weiten Truppenmanöver und Beutezüge ideal geeignet waren.

Die Voraussetzungen für die Werbung waren hervorragend. Da sich die deutschen Lande in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts einer langen Periode relativen Friedens erfreuten und der Adel weiterhin ökonomisch in der Krise steckte, bestand an Freiwilligen kein Mangel. Obwohl die protestantischen Kurfürsten gegenüber den Hugenotten auf Neutralität bedacht waren, um den Frieden im Reich nicht zu gefährden, gab es doch genügend kleinere Fürsten und Adlige, die sogar bereit waren auf eigene Kosten Truppen aufzustellen, um ihren Glaubensbrüdern zu helfen. Natürlich sollten sich diese Investitionen später lohnen, und ohnehin reichten sie bestenfalls bis zur ersten Musterung.

Das Provisorische dieser Aktionen wird dadurch unterstrichen, dass es in den insgesamt acht Hugenottenkriegen lediglich zu sechs größeren Schlachten kam. Wesentlich charakteristischer sind dagegen die ungezählten Scharmützel, Belagerungen, Raubzüge und Überfälle. Und immer wieder führten deutsche Adlige wie die Grafen von Nassau, Wolfgang von Zweibrücken, Fabian von Dohna, der Pfalzgraf Johann Kasimir oder Christian von Anhalt neue Heere aus Reitern und Landsknechten nach Frankreich. Die blutigen Schlachten aber viel mehr noch Kleinkriege, Hinterhalte, Streitereien im Lager, Hunger und Seuchen forderten ihren Tribut. Bald bezeichnete man deshalb Frankreich auch als das "Grab des deutschen Adels".

Wir möchten nun zwei dieser Feldzüge etwas genauer betrachten; den von 1587 unter Fabian von Dohna und den von 1591 unter Christian von Anhalt. Sie vermitteln nicht nur ein eindrucksvolles Bild von den Hugenottenkriegen und der im Gegensatz zur "großen Landsknechtszeit" weniger bekannten Kriegsführung im späten 16. Jahrhundert, sondern geben durch die persönlichen Aufzeichnungen Dohnas auch einen Einblick in die Welt der kleineren Adligen, die ihr Glück in der Fremde suchten und dann bei den berüchtigten schwarzen Reitern landeten.

Fabian von Dohna stammte aus einer alten brandenburgischen Adelsfamilie und wurde 1550 in Stuhm geboren. Nach dem frühen Tod der Eltern übernahm Fabians ältester Bruder Achatius die Verwaltung der Familiengüter. Die drei anderen Söhne suchten wie viele Adlige Kriegsdienst im Ausland. Heinrich fiel auf polnischer Seite 1562 in den livländischen Kriegen, Abraham kam aus den Hugenottenkriegen krank nach Hause und starb, Hans verletzte sich tödlich bei einem Jagdunfall in Holstein und Friedrich ertrank in Dänemark. Fabian der jüngste kam unter die Vormundschaft von Achatius. Dieser schickte ihn an den Hof des Markgrafen von Brandenburg, und dann zum Studium nach Straßburg. Dort saß er mit seinen 14 Jahren mit einigen anderen Söhnen des märkischen Adels. Zu Hause hatte man sie mit einem Diener und gutem Zehrgeld ausgestattet und war froh sie für einige Jahre los zu sein.

in der Schwemme Ohne Aufsicht ließ der Lerneifer natürlich bald nach, dafür wurde das Geld um so schneller ausgegeben. Dohna klagte später, dass er in "böse Gesellschaft" geraten sei "und mit dem Gelde, das ich aus Unverstand mehr, als aus Mutwillen verzehret, hette man drey praeceptores unterhalten können." Als die Studenten wegen der Pest von Straßburg für einige Monate nach Frankfurt wechselten, geriet er "vollends gar in die Schwemme und in ein wüstes Leben." Mehrmals musste er seinem Bruder schreiben und um mehr Geld bitten. Trotzdem hinterließ er in Straßburg eine Menge Schulden und fürchtete den Zorn des Bruders. Der musste jedoch erst einem wichtigeren Problem nachgehen: Ihm war zu Ohren gekommen, dass Fabian "ein Weib genommen" habe. Es ist unklar, ob Fabian das Gerücht entkräften konnte, oder ob man die Sache mit Geld aus der Welt schaffen konnte. Jedenfalls hielt es Achatius für angebracht den Tunichtgut nach Italien abzuschieben.

In Italien traf er wieder auf eine Reihe junger deutscher Adliger. Sie besuchten Neapel, Florenz und Rom, feierten mit Musik und Wein. Bald musste er zurück in Heimat, um Geld zu holen. Doch als auch das aufgebraucht war, blieb ihm nichts anderes übrig, als dem schönen Land endgültig Lebewohl zu sagen. "Daheimen musst ich ein Zeitlang verharren mit mechtigem grossen Verdruss. Dieweil ich aber kein Geld hatte, wußte auch keines aufzubringen, mußte ich Patienz haben, dann die Zeit der arrenda meiner Güter war noch nicht aus, und das Geld, dessen nicht viel war, war schon verthan."

Er war jetzt Mitte Zwanzig, konnte italienisch, französisch und etwas Latein, litt an chronischem Geldmangel und Langeweile. Er wollte reisen und etwas erleben. Viele seiner Alters- und Standesgenossen waren in einer ähnlichen Situation. Ein Krieg erschien da als Lösung aller Probleme. Doch Kriege waren nicht immer so einfach zu finden. Als er endlich von einem geplanten Zug in die Niederlande hörte, lieh er sich von seinem Bruder Geld und machte sich mit vier Pferden auf den Weg. Aber der Krieg in den Niederlanden erwies sich schnell als leeres Gerücht. Dohna hörte von einem anderen Kriegszug, den der Pfalzgraf Johann Kasimir nach Frankreich plane. Er zog nach Frankfurt und knüpfte Kontakte. Am Hof des Pfalzgrafen wurde zwar fleißig konspiriert aber das Geld reichte nicht. Währenddessen lag Dohna mit Pferden und Gesinde in Frankfurt und machte Schulden. Bald war er so weit "alles zu Gelde zu machen, und den Rhein hinab zu fahren und mich unter die Landsknechte zu mischen." Aber man machte ihm Hoffnungen auf einen neuen Feldzug nach Frankreich.

Endlich war es so weit. Man befahl Reiter und Landsknechte nach Zutphen zur Musterung. Dort fanden sich dann 6.000 Reiter und 10 Fähnlein Landsknechte zusammen. Aber der Sold ließ auf sich warten. Dohna war inzwischen in das engere Gefolge des Pfalzgrafen aufgerückt, so dass in Courtray wenigstens gut für sein leibliches Wohl gesorgt wurde. Das einfache Kriegsvolk war da schon schlechter dran; es lebte vom Ersparten, machte Schulden und plünderte im Umland. Als der Pfalzgraf nach England reiste, um bei Königin Elisabeth Geld loszueisen, kam es zur Meuterei. Die Spanier hatten die protestantische Armee von Anfang an mit Misstrauen beäugt und Werber ins Lager geschickt. Nach der Abreise des Pfalzgrafen ließen sich viele Reiter und Landsknechte von ihnen abwerben oder zur Heimkehr bewegen, und in kurzer Zeit löste sich das Heer von selbst auf.

Da ihn aber zu Hause nichts erwartete, blieb Dohna am Hof des Pfalzgrafen "zwar nicht mit stattlicher Besoldung, (dann er vermocht es nicht) aber sonsten gehalten, nicht wie ein Diener." Nach und nach wurde er dort zum Kenner der protestantischen Diplomatie: Verhandlungen mit hugenottischen Abgesandten und deutschen Fürsten, Besuche von Land- und Reichstagen und immer wieder Versuche Geld für einen neuen Krieg aufzutreiben.

Zwischendurch ließ er sich einmal von seinem Bruder Achatius dazu überreden, sich an den livländischen Kriegen des polnischen Königs Stephan Bathory zu beteiligen. Bei der langwierigen Belagerung von Pleskau (Pskow) lernte Dohna dann erstmals den Krieg kennen. Er beobachtete den Einsatz der Artillerie, das Vorantreiben von Laufgräben und beteiligte sich am Sturm auf die Breschen. Noch mehr lernte er beim Kleinkrieg im Hinterland und durch die Beobachtung der internationalen Mischung im Feldlager. Dort befanden sich neben Polen, Ungarn und Kosaken auch zahlreiche deutsche und schottische Söldner.

Pskow konnte nicht genommen werden. In dem armen Land gab es nicht viel zu plündern und Bathory zahlte nur unregelmäßig. Letztendlich lag Dohna in Riga und machte wieder Schulden. Denn er musste nicht nur sich selbst versorgen, sondern auch sein persönliches Gefolge. Das wurde teuer. "Ich schickte all mein Gesinde von mir; denn sie hetten mich zum Bettler gefressen", schreibt er. Ein vorläufiger Frieden entband ihn dann seiner Verpflichtungen und er kehrte wieder an den Hof des Pfalzgrafen zurück, nicht ohne seinem Bruder vorher heftige Vorhaltungen gemacht zu haben.

Landsknechte mit Tross Abgesehen von einer kurzen Episode im Kölner Krieg verbrachte er Jahre am Hofe und mit der Verwaltung seiner Güter, bis 1587 endlich die Aufstellung eines großen Heeres zur Unterstützung der Hugenotten beschlossen wurde. Einige protestantische Fürsten aber vor allem die Königin von England hatten Geld gegeben, um diesen Feldzug auf den Weg zu bringen. Man versammelte 6.000 Reiter, ein Regiment Landsknechte und drei Regimenter Schweizer. Im Elsass stießen dann noch Truppen der Hugenotten dazu. Dohna wurde dem französischen Oberbefehlshaber als Vertreter der Deutschen an die Seite gegeben, da er das uneingeschränkte Vertrauen des Pfalzgrafen besaß.

Von Anfang an war der Feldzug schlecht geplant. Deutsche und Franzosen lagen ständig im Streit über die Ziele; Regen verwandelte die Wege in Morast; der Nachschub blieb aus, und Sold gab es sowieso keinen. Langsam und plündernd bewegte sich das Heer durch das Elsass und durch Lothringen. Katholische Reiter unter dem Herzog von Guise folgten dem Tross und machten Nachzügler und einzelne Streifscharen nieder. Die Katholiken verhandelten mit den unzufriedenen Schweizern und konnten sie mit einer Zahlung zum Abzug bewegen. Kaum waren die Schweizer weg, wurde das Heer von Guises Reitern bei Chartres überfallen. Neben vielen Landsknechten und Reitern ging dabei der ganze Tross verloren. Danach begann der Rückzug. Ständig verfolgt von Guises Reitern schleppte sich das Heer entlang der Loire nach Burgund. Nässe, Hunger und Seuchen waren ständige Begleiter. Kranke und Verwundete mussten zurückgelassen werden und wurden von der ausgeplünderten Bevölkerung oder Guises Reitern massakriert. Schließlich boten nur noch Verhandlungen einen Ausweg. Die Katholiken erlaubtem dem immer noch gefürchteten Gegner freien Abzug. So dass Dohna schließlich mit 2.000 Mann Genf erreichte. Das war der erbärmliche Rest des einst stolzen Heeres von über 30.000.

Doch auch diese Katastrophe tat dem Zustrom an Söldnern nach Frankreich keinen Abbruch. Kleine Gruppen folgten ständig den Werbern oder zogen selbständig über die Grenze. Zu einem großen Feldzug kam es erst wieder 1591 unter der Führung von Christian von Anhalt, als nach langwierigen Versuchen das notwendigste Geld zusammen gekommen war. Unter den vielen adligen Hauptleuten befand sich auch Dohna. Dieses Mal plünderten und brannten die Reiter schon beim Anmarsch durch die protestantischen Gebiete des Reichs. Da noch kein Sold ausbezahlt worden war, blieben auch die Abwerbeversuche katholischer Agenten nicht ohne Erfolg. Das einzige Mittel, um die zügellosen Gewalttätigkeiten und Desertionen einzudämmen, wäre die Musterung gewesen. Erst mit dem ersten Sold und dem Fahneneid begann die Befehlsgewalt. Aber diesen Termin wollten die Auftraggeber natürlich möglichst weit hinausschieben.

Ständig fanden sich mehr Söldner im Gebiet von Mainz ein und wurden zu einer immer größeren Plage für die Bevölkerung. Am Tag der Musterung zählte man 5.500 Reiter, 6.000 Landsknechte, 3.000 Wallonen und über 1.000 Schanzgräber; dazu kam die Artillerie und ein riesiger Tross. Eine endlose Karawane von Planwagen, kleinen Karren, Maultieren, Packpferden und schwer beladenen Fußgängern folgte dem Heer. Invaliden und Vagabunden schlossen sich dem Tross an, um durch Betteln ihr armseliges Leben zu fristen oder am Rande der Heerstraßen selbst etwas Beute zu machen. Da für die Heeresfolger keine Verpflegung geliefert wurde, konnten sie sich nur mit Dienstleistungen oder Raub ernähren. Meist wurden sie als "Bagage" oder "Canaille" verachtet. Ein deutscher Heerführer dieser Zeit entwirft kein sehr vorteilhaftes Bild von ihnen: "Wan man heutiges Tages ein Regiment Teutsches Kriegsvolck wirbt / hastu dreytausend Mann / so wirstu gewiß vier tausend Huren vnd Jungen finden / vnd das abgefeimte leichtlosest Gesindlein / was nirgends in Landen vnd Staetten bleiben will /das laufft dem Krieg zu / ist alles gut genug. Da hoeret man vnter demselbigen Gesindlein solches fluchen / schweren / zotten / mausen / packen / stehlen / pluendern / Haeuser vnd Kisten fegen / vnd andere leichtfertige / lose / boese Haendel / davon vor unsern Zeiten / so es ein heidnischer Kriegsmann hette gsehen / solte er erstarret seyn."

Streit im Lager Im August begann endlich der Marsch nach Frankreich. Wieder weichte Regen die Straßen auf und der Tross kam nur langsam von der Stelle. Bereits am Anfang mussten einige Wagen und Geschütze zurücklassen werden, da die Bespannung nicht ausreichte. Sobald lothringisches Gebiet erreicht war, fielen die Söldner völlig enthemmt über die Bevölkerung her. Höfe und Dörfer wurden niedergebrannt, die Menschen misshandelt oder erschlagen. Christian von Anhalt ließ zwar den einen oder anderen Übeltäter hängen, meistens waren aber keine Verantwortlichen zu ermitteln. Sicher hat auch kein Vorgesetzter allzu intensiv nach ihnen gesucht. Deutsche und Wallonen gerieten beim Plündern aneinander und lieferten sich regelrechte Gefechte. Vor Metz meuterte ein wallonisches Regiment, um endlich seinen Sold zu erhalten. Da kein Geld vorhanden war, verließen die Wallonen das Heer und zogen auf eigene Faust plündernd nach Norden, wobei allerdings die meisten von wütenden Bauern erschlagen wurden.

Ein großes Problem war die Versorgung mit Lebensmitteln, da die Einwohner die Ernte bereits an sichere Plätze gebracht hatten. Die Verteidiger dieser Burgen und Schlösser waren anfangs bereit, sich durch die Herausgabe von Lebensmitteln die eigene Sicherheit zu erkaufen. Nachdem die Söldner in ihrer Mordlust und Gier jedoch mehrere dieser Besatzungen samt Frauen und Kindern massakriert hatten, musste viel Zeit für langwierigen Belagerungen aufgewendet werden. Im September stieß König Heinrich zum Heer, doch auch er hatte außer guten Worten nichts dabei. Die Truppen streiften marodierend durchs Land und verlangten immer aufrührerischer nach Geld. Im September lockte man sie dann mit der Aussicht auf die Plünderung des reichen Rouen in die Normandie, ohne allerdings zu erwähnen, dass die Stadt bereits für frühere Subsidien an die englische Königin verpfändet war.

Inzwischen hatte der Herbst begonnen und vor allem die Fußtruppen litten sehr unter Kälte und Hunger. Jeder Nachzügler oder schlecht bespannte Wagen wurde von den katholischen Reitern geschnappt. Im Oktober kam es zur offenen Meuterei eines ganzen Regiments. Die Landsknechte verjagten ihre Offiziere und machten sich auf den Weg in die Niederlande. Da man fürchtete, dass sie dort von den Spaniern in Dienst genommen werden könnten, wurden sie sofort verfolgt und mit viel Zureden und etwas Gewalt zur Umkehr gezwungen. "Darnach liess man etliche henken, da wurden sie wieder fromm," schreibt Dohna. Obwohl seit Monaten ohne Sold, hatten die Knechte kein Recht ihrerseits den Dienst aufzukündigen. Die einzige Chance, ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, wäre eine groß angelegte Meuterei gewesen. Doch dazu war das Heer zu uneinig. Die Reiter erhielten mehr Sold als die Landsknechte und diese mehr als die Wallonen. Durch die Spannungen unter den verschiedenen Truppenteilen blieben den Kommandeuren immer genug Söldner, um einzelne Regimenter wieder zum Gehorsam zu zwingen.

Die Belagerung von Rouen begann im Winter. Nach langen Verhandlungen hatte König Heinrich wenigstens den Sold für einen Monat bezahlt. Aber es war kalt und Lebensmittel knapp und teuer. Feldlager im Winter waren fast immer erbärmliche Stätten, deren Elend jedes Vorstellungsvermögen übersteigt. Hunger und Seuchen zerstörten in diesen Lagern weitaus mehr Heere als die mörderischen Schlachten. Die Landsknechte hausten unter undichten Zeltplanen, andere hatten kleine Hütten aus Reisig und Stroh. Warme Kleidung besaßen nur die Reichsten; viele hatten weder Decken noch Mäntel und gingen auch im Winter barfuß. Geregelten Nachschub gab es praktisch nie.

Fußvolk im Winter Bei Belagerungen und Feldzügen durch Landstriche, in denen es nicht viel zu plündern gab, war der Hunger das größte Problem. Manchmal verhungerten tausende in den Lagern oder entlang der Marschwege durch ausgesogenes Gebiet. Die vom Hunger geschwächten und eng zusammengepferchten Menschen waren für Seuchen besonders anfällig. Hitze, Nässe, Kälte und Ungeziefer trugen das ihre dazu bei. Viele Söldner waren chronisch krank, litten an Tuberkulose, Rheuma, Syphilis, Krätze oder an alten Verwundungen. Ruhr, Hungertyphus oder die als Bräune bezeichnete Diphtherie rafften tausende hinweg. Besonders verheerend waren Pocken, Pest und im Süden die Malaria. Aber es mussten keine großen Seuchen sein. Oft genügte eine einfache Erkältung, um den ausgezehrten Knechten auf ihren fauligen Strohlagern den Rest zu geben. Zuerst starben allerdings die Heeresfolger, die Invaliden, Frauen und Kinder.

Während die Reiter bei ihren Streifzügen immer noch die Chance hatten etwas aufzutreiben, trugen die Landsknechte die Hauptlast der Kämpfe in den Laufgräben und um die Schanzen. Als Ende Februar ein Ausfall der Belagerten nahezu alle bisherigen Erfolge zunichte machte, hatten wieder die Landsknechte die schwersten Verluste. Verzweifelt versuchte Heinrich Geld aufzutreiben, um die Söldner zum Aushalten zu bewegen. Doch es reichte noch nicht einmal für einen Sold. Man versuchte die Söldner bei der Umrechnung der Währungen zu betrügen und zum Teil mit überteuerten Stoffen zu bezahlen, was die Stimmung im Lager nicht besserte. Das gesamte Umland war ausgeplündert und Lebensmittel kaum noch zu bekommen. Unter den ausgehungerten und frierenden Knechten grassierten Seuchen. Selbst die Offiziere waren inzwischen verschuldet und hatten einen Großteil ihrer Habe verkauft. Da nützte es wenig, dass es in der Stadt noch schlimmer aussah. Als dann noch im April ein spanisches Heer anrückte, wurde die Belagerung aufgegeben.

Die beiden gegnerischen Heere durchstreiften daraufhin die Normandie und lieferten sich kleinere Gefechte. Zu einer richtigen Schlacht waren die demoralisierten Deutschen jedoch nicht mehr zu bewegen. Schließlich zog man in die Champagne, wo das Heer dann im Juli entlassen wurde. Nicht einmal drei Monate waren bezahlt worden, für den Rest erhielten die Söldner Schuldverschreibungen, die allerdings später nur zu geringen Teilen eingelöst wurden. Die Verluste waren dieses Mal nicht ganz so verheerend wie bei Dohnas erstem Feldzug und hatten vor allem die Landsknechte getroffen, die allerdings bis zu zwei Drittel ihres Bestandes verloren hatten.

Landsknechte entschieden keine Schlacht mehr. Sie waren zum billigen Fußvolk geworden, das vor allem bei Belagerungen gnadenlos verheizt wurde. Die notwendigen Massen konnten aber weder regelmäßig bezahlt noch anständig versorgt werden. 100.000 Gulden waren im Spätmittelalter für Urslingens Große Kompanie noch eine äußerst reiche Beute gewesen. Jetzt warb man Zehntausende an, aber unterhalten konnte sie auf Dauer niemand. Die Kosten des Kriegszuges unter Christian von Anhalt beliefen sich fast auf drei Millionen Gulden.

© Frank Westenfelder  
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