die Japaner im Bürgerkriegs-China.

Im August 1945 hatte Japan den siegreichen Amerikanern weder in der Luft noch zur See etwas entgegen zu setzen; Hiroshima und Nagasaki waren von Atombomben ausradiert worden. Zudem hatte die Sowjetunion in einer Bitzoffensive die japanische Armee in der Mandschurei überrannt und bedrohte über die Kurilen den Norden Japans. Schließlich war die Lage so verzweifelt, dass der Kaiser am 15. August die Kapitulation im Radio verkündete.
Doch während Japans Streitkräfte an fast allen Fronten völlig zerschlagen oder auf dem Rückzug waren, standen in China noch weit über eine Million Mann unter Waffen, die sich absolut als Herr der Lage fanden. Weder die KMT (Kuomintang) unter Chiang Kai-shek noch die Kommunisten unter Mao Zedong hatten ihnen auf dem Schlachtfeld etwas entgegenzusetzen.
Der größte Trumpf der japanischen Generäle war aber, dass der bestenfalls notdürftig beigelegte Machtkampf zwischen KMT und Kommunisten nun nach der Niederlage Japans in seine entscheidende Runde gehen würde. Die Partei, die die Kapitulation einer japanischen Einheit annahm, würde nicht nur deren Territorium übernehmen sondern vor allem auch deren Waffen und Gerätschaften. So konnten die Kommunisten ihre Feuerkraft vervielfachen, nachdem ihnen die Sowjetunion die Bestände der in der Mandschurei geschlagenen japanischen Armee überlassen hatte.
Die Japaner hatten in China viele Jahre aufs grausamste gehaust. Gefangene hatten sie praktisch nie gemacht, und beim Massaker von Nanking wurden 1937 in einer perversen Gewaltorgie über Wochen hunderttausende friedlicher Zivilisten ermordet. In den folgenden Jahren kam es zu zahlreichen weiteren Kriegsverbrechen und zur brutalen Ausbeutung der besetzten Regionen. Ab 1941 galt für den Krieg in China der kaiserliche Befehl Nr. 575, der die “dreifache Auslöschung: alles niederbrennen, niedermetzeln und ausplündern“ befahl. So gesehen wäre nach der Kapitulation eigentlich mit Vergeltungsmaßnahmen zu rechnen gewesen. Die Sowjetunion transportierte ihre 600.000 japanischen Kriegsgefangenen nach Sibirien, wo viele von ihnen an Hunger und Kälte starben.
In China, das so viel mehr unter den Japanern gelitten hatte, dagegen nichts davon. Chiang Kai-shek hatte befohlen, sie mit Samthandschuhen anzufassen, denn es ging um viel mehr als nur die Waffen. Oft waren keine Truppen der KMT in der Nähe, um eine von der Japanern geräumte Stadt zu übernehmen, so dass diese an die Kommunisten fallen musste. Aus Sicht der KMT war deshalb ein schneller Abzug der Japaner und das damit verbundene Machtvakuum unbedingt zu vermeiden.
Die japanischen Offiziere behielten also erst einmal ihre Villen, ihre Dienstwagen und ihr Personal. Viele waren damit beschäftigt, ihre Kriegsbeute zu Geld zu machen, um möglichst viel davon mitnehmen zu können. Andere suchten sich chinesische Strohmänner, denen sie wertvolle Immobilien überschrieben in der Hoffnung, diese nach einer längeren Krise wieder zurückzuerhalten. Die selbsterklärten “Samurai” hatten sicher mehr Stil als deutsche Gauleiter, die moralfreie Gier war allerdings ziemlich die gleiche.

Auf höchster Ebene hatte man aber viel weitreichendere Pläne. General Okamura Yasuji, der japanische Oberbefelshaber in China, bot Chiang Kai-shek für den Schutz japanischen Besitzes den Dienst von fast 1,5 Millionen Mann an. Nur die Angst vor den USA, die dies (zumindest zu dieser Zeit) auf keinen Fall toleriert hätten, ließ Chiang Kai-shek letzten Endes zurückschrecken. Aber man fand trotzdem eine Reihe von Möglichkeiten, Japaner zu verwenden, ohne die Aufmerksamkeit der Amerikaner allzu sehr auf sich zu ziehen. So wurde ihre Demobilisierung gerne länger verzögert. Oft wurden aber japanische Soldaten direkt für die nationalchinesischen Truppen rekrutiert. Dabei wurde sicher manchmal auch Zwang angewendet, aber für viele Japaner war eine schnelle Heimkehr nicht besonders attraktiv. In Japan erwartete sie Elend und Arbeitslosigkeit. In China dagegen erhielten sie gute Rationen und wurden umgehend befördert.
Am erfolgreichsten bei der Verwendung von Japanern war der Warlord Yan Xishan, der als Verbündeter der KMT in der nordwestlichen Provinz Shanxi regierte. Er verfügte über ein komplettes japanisches Militärkorps von ca, 15.000 Mann und hatte zudem noch zahlreiche japanische Offiziere und Techniker für seine chinesischen Truppen. Einige waren ihm dabei behilflich die Kommunisten erfolgreich mit Giftgas zu bekämpfen.
Als sich die Amerikaner schließlich für die Vorgänge im abgelegenen Shanxi interessierten und die Lage vor Ort kontrollierten, versuchte man die japanischen Soldaten in den Bergen zu verstecken. Einige tausend nutzten jedoch die Gelegenheit, sich von den Amerikanern Richtung Heimat transportieren zu lassen. Dazu kamen die schweren Verluste im Kampf gegen die Kommunisten, trotzdem waren 1949, als die Hauptstadt Taiyuan kapitulierte, immer noch 3.000 Japaner dort.
Die KMT konnte sich bei der Rekrutierung japanischer Kriegsgefangener weitgehend auf die Kollaboration hoher japanischer Offiziere stützen, denen sie im Gegenzug Besitz und Privilegien garantierte und außerdem vor Strafverfolgung schützte. Als sich zum Beispiel General Okamura Yasuji vor dem Tribunal für Kriegsverbrechen verantworten sollte, hielt Chiang Kai-shek persönlich seine schützende Hand über ihn.
Die Kommunisten hatten es da nicht so einfach. Aber auch sie benötigten dringend japanische Fachkräfte, um das erbeutete Kriegsmaterial zu bedienen und zu reparieren. So waren Artilleristen besonders gesucht. Als Basis konnten sie dabei auf die zahlreichen Kriegsgefangenen zurückgreifen, die ihnen bereits vor Kriegsende in die Hände gefallen waren. Ganz anders als die Japaner behandelten sie die Gefangenen relativ gut. Die Parteileitung vertrat die Ansicht, dass es sich bei ihnen ebenfalls um Opfer der herrschenden Klasse handelte. Die Schuld an den zahlreichen Kriegsverbrechen wurde ausschließlich den Offizieren angelastet, während man versuchte, die einfachen Soldaten für die eigene Sache zu gewinnen.

Der Großteil der japanischen Soldaten stammte aus einfachsten Verhältnissen und hatte in der streng hierarchischen Armee oft Verachtung und Brutalität erfahren. So ist nur allzu verständlich, dass viele Sympathien für den Kommunismus entwickelten. Man wird natürlich nie feststellen können wie viele Japaner aus echter Überzeugung für die Kommunisten kämpften. Man sollte aber nicht vergessen, dass sie nicht als Interbrigadisten an die Front geeilt waren, sondern als Gefangene meistens der Not gehorchten. So ergaben sich in der Mandschurei viele Japaner den Kommunisten, um nicht den Russen in die Hände zu fallen. Als der Bürgerkrieg dann wieder richtig ausgebrochen war, gab es sicher oft gar keine andere Möglichkeit, als die Fronten zu wechseln oder erschossen zu werden.
Wie diese Dinge laufen konnten zeigt das Schicksal des Japaners Yoshinori Chiba. Bei der Kapitulation diente er als Unteroffizier in einer schweren Maschinengewehrkompanie und kämpfte sowohl gegen die KMT wie gegen die Kommunisten. Da er anscheinend einige Spione der KMT erschossen hatte, hielt er es für angebracht zu den Kommunisten überzulaufen. Er hatte sich aber kaum einer kommunistischen Guerillaeinheit angeschlossen, als er von der KMT gefangen genommen wurde. Die benötigten dringend erfahrene Leute und machten ihn zum Offizier. Nachdem er aber mit Vorgesetzten aneinander geraten war, desertierte er erneut und schlug sich in Zivilkleidung als Landarbeiter durch.
Hier kam er wieder in Kontakt mit kommunistischen Guerillas, die ihn, nachdem sie seine Geschichte erfahren hatten, zum Chef einer Maschinengewehreinheit machten. Sie schätzten seine taktische Erfahrung vor allem aber seine Fähigkeit, die japanischen Beutewaffen zu reparieren. So kam er schließlich in eine reguläre Einheit der Volksbefreiungsarmee und nahm in deren Reihen nicht nur an einigen der wichtigsten Schlachten des Bürgerkriegs teil, sondern auch noch am Koreakrieg (1950-1953).
Anschließend arbeitete er noch einige Jahre als Maschinist in einer Fabrik in China, bevor er 1962 nach Japan zurückkehrte. Er sagte später, dass ihn die Opferbereitschaft der Kommunisten tief beeindruckt habe, dennoch habe er aus der langen Zeit in China lediglich Desillusionierung und ungefähr 600 Yen mit nach Hause gebracht.
Ein ähnliches Beispiel ist Matsushita Kazutoshi. Er wurde 1944 eingezogen und in die Manschurei geschickt. Als ehemaliger Stahlarbeiter diente er bei einer Transporteinheit und nahm mit dieser an der letzten Offensive gegen die KMT teil. Nach acht Monaten siegreicher Kämpfe waren die Kräfte verbraucht und für die erschöpften Truppen begann ein 800 Kilometer langer Rückmarsch durch ausgeplündertes und verwüstetes Gebiet. Matsushita hatte offensichtlich genug gelitten und gesehen, denn in einer Nacht setzte er sich heimlich ab. Er versteckte sich in einem verlassenen Dorf und schaffte es irgendwie dort alleine bis zum Kriegsende zu überleben. Kurz darauf wurde er von KMT-Truppen entdeckt und umgehend als Fachmann für eine ihrer Transporteinheiten rekrutiert.

Mitte 1946 nahm er in den Reihen der 74. Division an Kämpfen weiter im Süden teil. Die 74. Division war anfangs erfolgreich, wurde dann aber eingekesselt und unter schwersten Verlusten vernichtet. Die Überlebenden, darunter Matsushita, wurden in die Volksbefreiungsarmee eingegliedert. Er hatte nun allerdings das Glück, dass ihn die Chinesen als Japaner hinter der Front einsetzten, wo er Süßkartoffeln als Proviant kultivierte.
So erlebte er das Kriegsende. Bevor er sich aber um seine Repatriierung kümmern konnte, brach der Koreakrieg aus, und Mao schickte 2 Millionen”Freiwillige”, um die Amerikaner zurückzutreiben. Matsushita überquerte mit der 58. Division im Dezember das Eis des Yalu und nahm mit ihr an dem blutigen Gemetzel am Chosin Reservoir teil, wo es den Chinesen gelang, die Amerikaner zurückzutreiben. Die Verluste der Chinesen waren furchtbar, wobei die meisten in der eisigen Kälte erfroren waren. Anschließend rückten die Chinesen weiter vor, aber die Versorgungslage war katastrophal. Es gab kaum zu essen, wenig Ausrüstung; manchmal teilten sich mehrere Soldaten einen alten japanischen Karabiner. Dazu kam die schreckliche Kälte und die erdrückende Luftüberlegenheit der Amerikaner.
Matsushita, der Japaner, der in Korea unter chinesischer Flagge gegen Amerikaner kämpfte, hatte irgendwann genug und desertierte wieder. Es kann nicht leicht gewesen sein, aber er schaffte es, sich ohne Ortskenntnis in dem verwüsteten Land zwischen chinesischen Patrouillen nach Süden durchzuschlagen. Im Mai 1951 ergab er sich in der Nähe von Seoul den Amerikanern.

Er kam als “Prisoner Number 600,001” in eines der großen Lager (6 bedeutete Japaner, wovon er der einzige war und blieb). Da niemand etwas mit ihm anzufangen wusste, gelang es ihm erst nach fast einem Jahr mit Hilde des Roten Kreuzes Kontakt mit seiner Familie in Japan aufzunehmen. Diese hatte ihn längst für tot gehalten. Nun erschienen über den verlorenen Sohn aber Artikel in Zeitungen und Politiker setzten sich publikumswirksam für ihn ein, so dass er im August 1954 – 10 Jahre nachdem er angeblich an der Front gefallen war – endlich in sein heimatliches Dorf zurückkehren konnte.
Natürlich sind die Schicksale von Yoshinori Chiba und Matsushita Kazutoshi außergewöhnlich, sie zeigen aber, dass den Kriegsgefangenen meistens gar keine Wahl blieb; nach ihrer ideologischen Einstellung wurde bestenfalls rhetorisch gefragt. Der Militärdienst war für sie in allererster Linie eine Überlebensfrage. Auch die Zahlen sind recht beachtlich. Man schätzt, dass auf Seiten der KMT
an die 100.000 Japaner gekämpft haben, bei den Kommunisten etwa 8-10.000, und einige davon haben unter den chaotischen Verhältnissen sicher mehrmals die Fronten gewechselt.
Die Methode Kriegsgefangene als Söldner zu verwenden lässt sich bereits für die Pharaonen und andere frühe Hochkulturen belegen. Sie wurde in der Geschichte praktisch immer verwendet, wenn der Militärdienst nicht ausdrücklich mit sozialen Privilegien verbunden war. Im Absolutismus war das “Unterstecken” aber auch der Verkauf gefangener Söldner eine wesentliche Rekrutierungsmethode. Allerdings kamen diese Praktiken dann mit dem Nationalismus und dem großen Kult ums Vaterland etwas aus der Mode. Wenn der Bedarf an “Menschenmaterial” aber groß genug war, griff man immer wieder gerne auf diese altbewährte Methode zurück. So dienten im Russischen Bürgerkrieg Zehntausende ehemalige Kriegsgefangene auf beiden Seiten, in Hitlers Ostlegionen fast eine Million, und der Pragmatiker Churchill ließ bereits im Mai 1945 Pläne für einen Angriff auf die Sowjetunion entwickeln, für den 10 Divisionen deutscher Kriegsgefangener verwendet werden sollten.
Literatur:
Gillin, Donald G. und Charles Etter
Staying On: Japanese Soldiers and Civilians in China, 1945-1949
The Journal of Asian Studies, Vol. 42, No. 3 (May, 1983), pp. 497-518
Morris-Suzuki, Tessa
Prisoner Number 600,001: Rethinking Japan, China, and the Korean War 1950-1953
The Journal of Asian Studies, Vol. 74, No. 2 (MAY 2015), pp. 411-432
Dreyer, Edward L.
China at War 1901–1949
1995
© Frank Westenfelder

Zuletzt die syrischen Bogenschützen und jetzt die Japaner in China. Wird ja richtig exotisch hier. Gefällt mir gut. Vor allem, da es sich um Gruppen handelt, von denen ich vorher noch nie was gehört habe.
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