Die Engländer

Söhne des Empire.

Als der britische Autor James Grant Mitte des 19. Jahrhunderts ein Buch über den Fremdendienst seiner Landsleute schrieb, nannte er es: “The Cavaliers of Fortune. British Heroes in Foreign Wars”. Solche Bücher wurden in dieser Zeit in vielen Ländern veröffentlicht, sie entsprachen dem patriotisch-militaristischen Zeitgeist. Das Interessante an Grants Buch ist allerdings, dass darin zwar jede Menge Schotten und Iren zu finden sind, allerdings kein einziger Engländer, obwohl diese ja immer den Löwenanteil der Bevölkerung Großbritanniens stellten.

Natürlich gab es immer wieder auch Engländer in fremden Kriegen, dennoch ist die Tendenz von Grants Buch charakteristisch. Während Iren und Schotten ihre Haut in fremden Kriegen zu Markte trugen – vor allem in englischen -, hatten die Engländer selbst einfach besseres zu tun. Sie gehörten zu den wenigen glücklichen Völkern, die aufgrund einer expansiven Außen- und Wirtschaftspolitik nicht nur die eigenen unruhigen Söhne praktisch komplett absorbierten, sondern auch zunehmend Söldner von außerhalb beschäftigten, wobei dann zuerst auf Iren und Schotten zurückgegriffen wurde.

Englische Söldner selbst – von einzelnen Abenteurern selbstverständlich abgesehen – findet man deshalb fast nur, wenn nach einem großen Krieg so viele Truppen demobilisiert werden mussten, dass sie der zivile Bereich nicht schnell genug absorbieren konnte.

Die erste Welle “englischer” Söldner wurde bereits durch die normannische Eroberung nach der Schlacht von Hastings (1066) ausgelöst. Zahlreiche angelsächsische Adlige flohen in den nächsten Jahren ins Exil. Sie fanden Aufnahme bei Verwandten in Schottland, Flandern, Dänemark oder Norwegen. Als besitzlose Berufskrieger werden viele von ihnen froh gewesen sein, wenn sie im Haushalt eines Fürsten unterkommen konnten. Recht populär wurde “Hereward the Wake”, der als Söldner in Flandern diente und sich später in England an Aufständen gegen William beteiligte.

Die meisten scheinen allerdings in der Warägergarde in Byzanz gelandet zu sein. Wahrscheinlich einfach deshalb, da Byzanz zu dieser Zeit der einzige Staat in Europa war, der eine größere Zahl Söldner unterhalten konnte. 1081 trafen sie in der Schlacht bei Dyrrachion (Durrës im heutigen Albanien) auf die Normannen aus Süditalien unter Robert Guiscard. Wahrscheinlich von Rachegefühlen getrieben warfen sie sich auf die Normannen, wurden dann aber nach ersten Erfolgen vom Hauptheer abgeschnitten und fast vollständig aufgerieben.

Angelsachsen gegen Normannen. Schlacht bei Hastings 1066

Von diesen angelsächsischen Exilanten abgesehen ist in den nächsten Jahrhunderten von englischen Söldnern nichts zu hören. Ganz im Gegenteil stützten sich Wilhelms Söhne und Nachfolger bei ihren Kämpfen untereinander und gegen die rebellischen Barone stark auf Söldner vom Kontinent: Flamen, Bretonen, Gascogner und die berüchtigten Brabanzonen. Richard Löwenherz und sein Bruder Johann hatten für englische Robin Hoods wenig Verwendung, dafür aber umso mehr für den französischen Brabanzonenführer Mercadier.

Als Edward III. dann mit dem so genannten Hundertjähriger Krieg (1337-1453) begann, die unter Johann verlorenen französischen Besitzungen zurückzuerobern, warb er erst einmal bei deutschen Fürsten um Unterstützung. Bei seinen ersten beiden Feldzügen nach Nordfrankreich bestand sein Heer fast zur Hälfte aus deutschen Söldnern. Da sich die Franzosen aber nicht zur Schlacht stellten, waren riesige Schulden das einzige Resultat.

Erst jetzt ließ Edward fast nur noch in England und Wales werben. Hier hatte er den Vorteil, dass mächtige Adlige als Subunternehmer in Vorlage traten. Vor allen Dingen aber ließ er verstärkt Fußvolk rekrutieren, da dies wesentlich preisgünstiger war. Bei den Werbungen konnte er auf erfahrenes Personal zurückgreifen. In den langen Kriegen in Wales, Irland und Schottland hatten sich nicht nur die Bogenschützen zu einer beeindruckenden Waffengattung entwickelt, auch viele Schwerbewaffnete und Truppenführer hatten dort ihr Handwerk gelernt.

Der fundamentale Unterschied zum französischen Feudalheer war jedoch, dass der überwiegende Teil der englischen Streitkräfte von selbstständigen Hauptleuten aufgebracht wurden. Sie hatten Verträge, so genannte “indentures”, mit der Krone und warben für eine bestimmte Zeit eine bestimmte Zahl von Männern. Obwohl sie also ihrem König dienten, hatten diese Truppen bereits die Struktur von eigenständigen Söldnerformationen.

Es ergab sich deshalb praktisch von selbst, dass einige dieser Gruppen auf eigene Faust weiter Krieg führten, auch wenn von der Krone kein Feldzug geführt wurde. Edward erlaubte es einigen Hauptleuten im Dienst verbündeter Herrscher zu kämpfen. So stößt man im Bürgerkrieg in der Bretagne (1341-45) bereits auf Hugh Calveley und Robert Knolles, die später zwei der berühmtesten englischen Söldnerführer werden sollten.

Die große Stunde dieser selbständigen Kompanien kam aber als die Franzosen in der Schlacht bei Poitiers (1356) vernichtend geschlagen wurde. Viele hohe Adlige waren gefallen und der König in Gefangenschaft, was praktisch zu einem völligen Zusammenbruch der Zentralgewalt führte. In diesem Ambiente prosperierten die Söldner, für die die siegreichen Engländer nur wenig Verwendung hatten.

1358 plünderte und verwüstete Robert Knolles mit mehreren tausend Mann auf eigene Rechnung das Loiretal und im folgenden Jahr gemeinsam mit Calveley das der Rhone. Die reiche Beute lockte weitere Verstärkungen aus England, der Gascogne und anderen Regionen Europas an. Die Neuankömmlinge nannten sich nun “Tard Venus”, da sie befürchteten für die großen Raubzüge zu spät gekommen zu sein.

romantische Darsatellung der Weißen Kompanie

Der Frieden von Brétigny (1360) machte die Sache nur schlimmer, denn jetzt wurden von beiden Parteien Truppen entlassen, von denen viele den Krieg zu ihrem Haupterwerb gemacht hatten. In den “Freien Kompanien”, die in den folgenden Jahren Frankreich verwüsteten, waren Engländer neben Gascognern und Bretonen sicher am stärksten vertreten. 1361 zog die “Weiße Kompanie”, die zum Großteil aus Engländern bestand, nach Italien, wo sie dann unter der Führung von John Hawkwood viele Jahre eine bedeutende Rolle spielte.

Wegen seiner etwas exotischen Rolle als englischer Condottiere ist Hawkwood heute wahrscheinlich der berühmteste englische Söldnerführer überhaupt. Hugh Calveley und Robert Knolles waren in der Zeit sicher bedeutender. Calveley spielte bei den Kriegen um die spanische Krone (1365-67) eine äußerst wichtige Rolle, wo er Ländereien sammelte und schließlich den Grafentitel erhielt.

Auch als sich in 1370er Jahren das Kriegsglück gegen die Engländer wendete und sie fast alle Eroberungen auf dem Kontinent verloren, blieb der Ruf ihrer Söldner trotzdem geradezu legendär. Das beruhte sicher zu einem guten Teil auf dem Erfolg ihrer Bogenschützen, vor allem aber auf den disziplinierten Schwerbewaffneten, den “Men-at-arms”, die meistens in fester Formation zu Fuß kämpften. Einige waren mit Hawkwood in Italien geblieben, andere standen im Dienst flämischer Städte, und eine Kompanie war 1385 entscheidend beim Sieg der Portugiesen bei Aljubarrota.

Sogar in Frankreich schätzte man den Wert der alten Feinde. Nachdem dort 1407 der Machtkampf zwischen den Armagnac und Burgund 1407 zum Bürgerkrieg eskaliert war, warben beide Parteien Kompanien englischer Söldner auf dem freien Markt. Schließlich erhielt der Herzog von Burgund ein Hilfskontingent von etwa 1.200 Mann, das ihm bei der Besetzung von Paris 1411 sehr gute Dienste leistete. Danach stiegen die Angebote und als die Armagnacs Henry IV. schließlich die Rückgabe aller Besitzungen in Aquitanien versprachen, stellte er ihnen über 8.000 Söldner zur Verfügung.

Sein Sohn Henry V. nahm den Krieg gegen Frankreich wieder in großem Stil auf, wodurch der Export englischer Söldner für mehrere Jahrzehnte zum Erliegen kam. Als sich England dann schließlich geschlagen zurückziehen musste, bildeten ehemalige Söldner und die Heimkehrer, die ihren gesamten Besitz in Frankreich verloren hatten, das ideale Rekrutierungsreservoir für neue Armeen.

Diese oft mittellosen Veteranen waren wahrscheinlich mit ein Grund für den Ausbruch der Rosenkriege (1455-85) kurz darauf. Ein guter Teil von ihnen fand in den teilweise äußerst verlustreichen Schlachten sein Ende. Trotz dieser lokalen Probleme, fanden sich problemlos einige tausend, als ein Herrscher auf dem Kontinent wieder für englische Söldner Verwendung hatte.

Karl der Kühne, der mächtige Herzog von Burgund war mit den Geschichten des Hundertjährigen Krieges aufgewachsen. Also ließ er sich davon leiten, als er mit dem Aufbau einer schlagkräftigen Armee begann. Bald verfügte er über eine starke Artillerie und über zahlreiche schwere gepanzerte Reiter. Da durften natürlich auch die legendären englischen Bogenschützen nicht fehlen. Karls warb für jeden seiner Feldzüge Kompanien von ihnen und hatte hunderte allein in seiner persönlichen Garde. Nachdem er die Schwester des englischen Königs geheiratet hatte, vermittelte ihm dieser bei Bedarf mehrere tausend.

Engländer bei Murten

Es nützte wenig. Seine Söldner waren nicht in der Lage das relativ kleine Neuss einzunehmen, und als Karls Heere schließlich von den Schweizer Gewalthaufen bei Grandson. Murten und Nancy überrannt wurden, waren auch seine englischen Bogenschützen nicht in der Lage diese zu stoppen.

Später wurde viel darüber geschrieben, dass die Burgunderkriege militärisch das Ende der schweren, ritterlichen Reiterei bedeuteten. Dass dabei aber auch der Bedeutungsverlust der mittelalterlichen Bogenschützen sichtbar wurde, wird gerne übersehen. In England wurden die Rosenkriege mit den Waffen und Taktiken einer vergangenen Zeit ausgetragen, und als danach die Tudors auf den Thron kamen, sonnte man sich weiterhin im Ruhm von Crécy und Agincourt und sah wenig Grund für Reformen.

Als Heinrich VIII. dann 1513 dann ganz im Geiste seiner Vorfahren den Krieg gegen Frankreich wieder aufnahm, war zwar jeder Engländer fest davon überzeugt, es leicht mit einem halben Dutzend Franzosen aufnehmen zu können, mit der Realität hatte dies allerdings nichts zu tun. Um die Schwächen der eigenen Truppen auszugleichen, wurden vor allem schwere Reiter in Burgund und Landsknechte im Reich geworben. Später kamen dann zunehmend italienische und spanische Arkebusiere hinzu.

Die Rückständigkeit des englischer Militärwesens – Bewaffnung, Ausbildung, Versorgung, Rekrutierung – wurde dann richtig offensichtlich, als unter Elisabeth I. (1559-1603) damit begonnen wurde, die Protestanten auf dem Kontinent mit Truppen zu unterstützen. In England gab es starke Sympathien für die Calvinisten in den Niederlanden. Dazu kamen Handelskonflikte mit Spanien und die Angst, dass die Niederlande als Basis für eine spanische Invasion dienen könnten.

Von Anfang an hatten deshalb Engländer auf Seite der Rebellen gekämpft. Teilweise hatten Adlige auf eigene Kosten Kompanien geworben und selbst in die Niederlande geführt. Außerdem wurden in England niederländische Werbungen geduldet und oft unterstützt. Von offizieller Seite wurden erst ab 1585 Truppen geschickt, die dann aber bereits nach vier Jahren an die Niederländer abgetreten wurden.

In den folgenden Jahrzehnten schickte England zur Unterstützung der Niederlande, der Hugenotten in Frankreich und der Protestanten während des Dreißigjährigen Krieges viele tausend Söldner auf den Kontinent. Ihr Ruf war denkbar schlecht. Während irische Söldner für Härte und Genügsamkeit bekannt waren, Schotten als die Elite Gustav Adolfs galten, sagte man von den Engländern, dass sie ohne ihre “3 Bs” (Bed, Beef, Beer) nicht kämpfen könnten.

Um die notwendigen Truppen zusammen zu bekommen wurde in der Regel gepresst, das heißt Vagabunden und Betrunkene wurden aufgegriffen und nicht zuletzt regelmäßig die Gefängnisse geleert. Entsprechend niedrig waren Ausbildung und Motivation. Aber auch die Versorgung war denkbar schlecht oder gar nicht organisiert, so dass ständig viele an Krankheiten starben oder einfach verhungerten.

Ein besonders eklatantes Beispiel ist das Kontingent, das Ende 1624 aufgestellt wurde, um unter dem deutschen Söldnerführer Mansfeld dem Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz, der ein Schwiegersohn des englischen Königs war, bei der Rückeroberung seiner Besitzungen zu helfen. Mit den üblichen Methoden hatte man schließlich 12.000 Mann zusammengebracht und Richtung Küste in Marsch gesetzt. Ein Zeitzeuge berichtet:

Falstaff mit Rekruten

“Unsere Soldaten marschieren von allen Seiten nach Dover. Gott gebe ihnen gute Schifffahrt und Erfolg, aber solch einen Haufen ungebildeter und armer Schurken hat man nicht oft gesehen, und sie ziehen so widerwillig mit, dass man sie eher treiben als führen muss. Man kann sich vorstellen, wie verkommen wir sind, wenn sich einer, der unter Druck gesetzt wurde, aus Angst oder Verzweiflung erhängte, ein anderer in die Themse rannte und sich nach langem Hin und Her mit den Polizisten und den Offizieren ertränkte, als er nicht entlassen wurde. Ein anderer schnitt sich alle Finger einer Hand ab, und ein weiterer brannte sich mit Salz die Augen aus.”

Eigentlich hätten sie von Calais in die Pfalz marschieren sollen. Nachdem aber die Franzosen den Hafen sperrten, wurden sie nach Vlissingen transportiert. Dort war man aber nicht auf so viele Truppen vorbereitet, so dass sie im Januar zusammengepfercht bei eisiger Kälte und ohne Verpflegung über Wochen in den Schiffen ausharren mussten. Die Söldner erfroren, verhungerten oder starben an den Krankheiten, die sich in der Enge rasch verbreiteten. Einige stürzten sich ins eisige Wasser um dem Elend zu entgehen. Schließlich erklärten sich die Niederländer bereit, den kläglichen Rest zum Entsatz von Breda zu übernehmen. Da waren aber nur noch etwa 3.000 Mann übrig.

Trotz der hohen Verluste durch Hunger, Krankheiten und Desertionen wurde der Krieg in den Niederlanden sozusagen zur hohen Schule englischer Söldner. Unter den Oraniern hatte sich dort das Militär zum fortschrittlichsten in Europa entwickelt. Vor allen Dingen englische Offiziere, die im Gegensatz zu den meist gepressten Truppen, freiwillig dienten, lernten dort ihr Handwerk.

Als es dann in England 1642 zum Bürgerkrieg zwischen den Königlichen und dem Parlament kam, spielten bei beiden Parteien Offiziere, die in den Niederlanden gekämpft hatten, entscheidende Rollen. Am stärksten wurden die Neuerungen auf Seiten des Parlaments umgesetzt, wo sie dann zur Aufstellung der so genannten “New Model Army” führten, die schließlich den Krieg entscheiden konnte.

Nach dem Bürgerkrieg verlegte England seine expansiven Bemühungen zunehmend nach Übersee. Mann begann mit dem Erwerb eines Kolonialreichs in Nordamerika, dem Gewürzhandel mit Ostasien und dem äußerst lukrativen Dreieckshandel mit Sklaven, Zucker und europäischen Industriewaren. Zur Absicherung dieser Expansion wurde in wechselnden Konstellationen auf dem Kontinent gegen die Niederlande, Spanien und dann vor allem Frankreich Krieg geführt.

Schließlich herrschte England über ein gigantisches weltumspannendes Imperium, mit dem enorme Reichtümer gewonnen wurden. Allein zum Unterhalt diese Imperiums war ein gewaltiges Heer notwendig, dazu eine riesige Flotte und natürlich all die Arbeiter in den Häfen, den Lagerhäusern, den Werften und den Webstühlen. Kurz und gut, in England befand sich das Militär in einem harten Konkurrenzkampf mit dem Gewerbe, der Seefahrt und nicht zuletzt den großen Handelskompanien, die ihre eigenen Truppen unterhielten. Es gab deshalb keine überzähligen Söhne, die in der Fremde ihr Auskommen suchen mussten. England hatte ganz im Gegenteil einen geradezu unersättlichen Bedarf an fremden Söldnern. Man mietete in Deutschland ganze Regimenter, rekrutierte skandinavische Seeleute, viele Iren und Schotten, die inzwischen offiziell zum Empire gehörten, und schließlich immer mehr unter den besiegten Völkern, wobei sich Indien zum ganz großen Menschenreservoir entwickelte.

Natürlich gab es bei der großen Masse an Engländern, die irgendwie im Dienste des Imperiums unterwegs waren, fast in jedem Winkel einen schiffbrüchigen Seemann, Deserteur oder Abenteurer, der einem lokalen Herrscher als Söldner diente. Bereits unter Magellans Besatzung befand sich ein Engländer; man denke auch an Andrew Battel und seine Abenteurer in Angola oder an William Adams, der im Dienst des Shōguns Karriere machte. Man kann viele weitere Namen anführen, aber es handelt sich immer um einzelne Außenseiter.

britische Abenteurer in Indien

Besonders auffällig wird dies, wenn man die Situation in Indien betrachtet, das im 18. Jahrhundert eine Art Paradies für europäische Abenteurer war. Unter ihnen gab es natürlich auch den einen oder anderen Engländer. Konzentriert man sich jedoch auf die bekannten Namen, so findet man vor allem Franzosen, Niederländer, Iren, Schotten, Italiener, Deutsche, aber keinen einzigen Engländer. Für die war es viel einfacher im Dienst der Britischen Ostindien-Kompanie reich zu werden.

Auf komplette Einheiten englischer Söldner stößt man erst wieder, als nach dem Ende der Napoleonischen Kriege die riesigen Armeen demobilisiert wurden. In England standen plötzlich hunderttausende ehemaliger Soldaten auf der Straße. Allerdings waren in Europa mit dem Aufkommen des Patriotismus Söldner aus der Mode gekommen.

Da traf es sich gut, dass englische Geschäftsleute, denen der Krieg als Absatzmarkt weggebrochen war, damit begonnen hatten, die Unabhängigkeitsbewegungen in Lateinamerika zu unterstützen. Für neue Absatzmärkte und Handelsprivilegien waren sie gerne bereit Simon Bolivar und andere mit Waffen und Geld zu versorgen.

Mit Papieren südamerikanischer Exilpolitiker und englischen Krediten begannen bald Werbungen. Unter den Werbern dominierten Menschenhändler der übelsten Sorte wie der Schotte Gregor McGregor und der Ire John D’Evereux, die ihre Rekruten mit vielen leeren Versprechungen nach Übersee schickten und sie dort sich selbst überließen, oder sie von einer Katastrophe in die nächste führten.

Insgesamt wurden gut 7.000 Mann geworben und nach Lateinamerika geschickt. Bei der Hälfte handelte es sich aber um Iren, dazu kamen andere Europäer; die Engländer selbst stellten nur etwa 20%. Der Großteil dieser Rekruten desertierte oder starb elend an Krankheiten, ohne jemals einen Feind gesehen zu haben. Diejenigen, die Hunger, Fieber und die Strapazen der endlosen Märsche überstanden, schlugen sich später hervorragend und entwickelten sich sich zu einer Elitetruppe. Allerdings schätzt man, dass von ihnen nur etwa 150 (!) den Krieg überlebten.

Historisch ist aber das Interessanteste an diesen britischen Legionen, die relativ geringe Zahl der Engländer. Bei der immensen Masse an entlassenen Soldaten und Seeleuten ist es überraschend, dass sich nur so wenige Freiwillige für dieses Unternehmen fanden. Außerdem waren von diesen nur bestenfalls ein Drittel Veteranen mit militärischer Erfahrung. Die englische Wirtschaft muss also in der Lage gewesen, sein den allermeisten Veteranen eine bessere Alternative zu bieten als den Solddienst in Übersee.

Der Großteil der Freiwilligen bestand dagegen aus jungen Romantikern, die das Gefühl hatten, die Napoleonischen Kriege “verpasst” zu haben. Außerdem waren die Engländer nach Wellingtons Siegen in Spanien und bei Waterloo natürlich mal wieder davon überzeugt, dass jeder von ihnen mindestens 10 Spanier wert war. Romantische Abenteuerlust war immer ein nicht zu unterschätzendes Motiv für Söldner gewesen, aber sicher nie so bedeutend wie Hunger und Armut. Dass sie nun zum Hauptmotiv wird, ist ein neuer Trend, der sich zumindest im immer satteren Abendland bis in unsere Tage fortsetzt.

British Auxiliary Legion in Spanien

Im großen Ganzen hatte man in England bis zum Ende des Empires mehr als genug Verwendung für alle die sich aus Not oder Abenteuerlust für das Militär rekrutieren ließen. Die einzige größere Ausnahme war die so genannte “British Auxiliary Legion”, die 1835 für den Dienst in Spanien rekrutiert wurde. Dort war zwischen den regierenden Liberalen unter Königin Isabella II. und den Ultrakonservativen unter dem Thronprätendenten Don Carlos ein Bürgerkrieg ausgebrochen. Während die konservativen Großmächte – Preußen, Russland und Österreich – Don Carlos unterstützen, erhielten die Liberalen Hilfe von Frankreich, Portugal und England. Da aber alle Parteien eine direkte Konfrontation und einen großen europäischen Krieg vermeiden wollten, beschränkten sie sich auf die Lieferung von Geld, Waffen und Freiwilligen. Frankreich überließ den Liberalen seine Fremdenlegion und England erlaubte ihnen 1835 die Werbung von 10.000 Mann.

Engländer stellten ungefähr die Hälfte der Legionäre, die anderen waren Schotten und vor allem Iren. In Spanien waren sie von keinem großen Nutzen. Dem schmutzigen Guerillakrieg dort und den Strapazen waren sie in keiner Weise gewachsen. Die schwersten Verluste hatten sie dann auch gleich im ersten Winterlager im Baskenland. Ansonsten machten sie mehr durch ihre Trinkgelage und ihre Rückzüge von sich reden. Nachdem ihre Verträge nach zwei Jahren abgelaufen waren, kehrten die meisten enttäuscht nach England zurück. Lediglich 1.500 konnten mit viel Alkohol zum Bleiben überredet werden. Man formierte aus ihnen eine neue Legion, die sich aber nach ein paar Monaten selbst auflöste, nachdem der Sold ausgeblieben war.

Bei dem Eingreifen in Spanien hatten sich englisches Geld und Waffenlieferungen als viel wichtiger erwiesen als die Söldner. Für über 100 Jahre hielt man sich an diese Erkenntnis. Empire, Industrie und Handel wuchsen mit atemberaubender Geschwindigkeit. Also benötigte man in England jeden Mann selbst, dazu kamen immer mehr Söldner aus den Kolonien. In den beiden Weltkriegen dienten mehrere Millionen Inder und hunderttausende von Afrikanern. Schließlich zerbrach das Empire genau daran, dass man ihnen nach dem Kriegsdienst auch die entsprechenden politischen Rechte und schließlich die Unabhängigkeit zugestehen musste.

England hatte zwar den II. Weltkrieg glorreich (mit)gewonnen, danach aber das Weltreich verloren. Wie am Ende der meisten großen Konflikte, hätte man also auch jetzt ein verstärktes Auftreten von Söldnern erwarten können. Doch im England um 1960 lebte es sich trotz Wirtschaftskrise sicher viel besser als zu Zeiten Napoleons oder gar des Hundertjährigen Krieges. Das Hauptproblem war aber, dass mitten im Kalten Krieg mit all den großen Ideologien Söldner nicht mehr zeitgemäß waren.

Als sie dann dann doch plötzlich wieder völlig überraschend in den postkolonialen Konflikten Afrikas auf der weltpolitischen Bühne erschienen, waren auch zunehmend Engländer beteiligt. Allerdings handelte es sich dabei immer nur um ein paar Dutzend. Dennoch schafften sie es durch ihr mörderisches Vorgehen – vor allem in Angola – und die damit verbundenen Skandale, dass sich die UN schließlich zu einem generellen Verbot der Verwendung von Söldnern aufraffte.

Natürlich blieb die UN-Resolution weitgehend wirkungslos. Sie führte bestenfalls dazu, dass sich Söldner und solche, die es gerne wären, fortan als “Freiwillige” deklarierten. Unter diesen “Freiwilligen” vom Krieg in Rhodesien, über die in Ex-Jugoslawien bis hin zu dem in der Ukraine findet man immer einen relativ hohen Anteil von Briten und damit auch Engländern.

Aber während diese Thrill-Sucher zumindest gelegentlich die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zogen, blieb die historisch bedeutsame Entwicklung des Gewerbes lange weitgehend unbeachtet, und an ihr hatten Engländer entscheidenden Anteil.

Als sich das Emire in voller Auflösung befand, ging es für die Realisten unter den Strategen darum, die wertvollsten Teile davon zu retten, und das waren in allererster Linie die gigantischen Ölreserven am Golf. Man förderte deshalb die Bildung von Kleinstaaten, die ohne britische Hilfe nicht lebensfähig waren. Großbritannien musste deshalb mehrmals in Oman mit Truppen eingreifen, und seine schützende Hand über Kuwait und die Emirate halten.

Allerdings wurde es zunehmend schwieriger koloniale Militäroperationen zu rechtfertigen. Andererseits war Geld in den Golfstaaten im Überfluss vorhanden. Als es deshalb notwendig wurde, Saudi Arabien im Krieg Nordjemenitischer Bürgerkrieg (1962-70) zu unterstützen, beschränkte man sich auf die Lieferung von Waffen und die Vermittlung von Privatpersonen als Ausbilder und anderem Fachpersonal. An vorderster Front war dabei der ehemalige Oberstleutnant David Stirling aktiv. Er war durch die Gründung des SAS (der britischen Special Forces) während des Zweiten Weltkrieges bereits eine Legende. Nach dem Krieg war er dann hauptsächlich als Waffenhändler im Nahen Osten tätig.

Watchguard Mitarbeiter im Jemen

Im Bereich Sicherheit kannte Stirling Angebot und Nachfrage wie kein zweiter. Er vermittelte seit Jahren Waffen und erfahrenes Personal zwischen britischen Firmen, Militär und Geheimdienst und den Golfstaaten. Deshalb war es nur ein logischer Schritt zur Gründung der Firma “Watchguard International Ltd”, die dann für den britischen Geheimdienst den Krieg im Nordjemen organisierte. Watchguard gilt heute als die erste moderne PMC der Geschichte und blieb auch nach dem Krieg im Nordjemen weiter im Geschäft. Andere Firmen folgten bald.

Das neue an Firmen wie Watchguard, Keenie Meenie Services und später Sandline war die enge Kooperation mit Regierung und Wirtschaft. Sie waren keine unabhängige Söldnertruppe, sondern eher eine inoffizielle Unterabteilung des Geheimdienstes, von der sich die Regierung jederzeit distanzieren konnte. Charakteristisch ist dann auch die Diskretion mit der gearbeitet wurde. So gibt es über den äußerst erfolgreichen Einsatz der Söldnern im Nordjemen nur sehr wenige Zeitungsartikel oder gar Bücher, während man mit den Skandalberichten zum Kongo Regale füllen kann.

Die britischen PMCs rekrutieren vorwiegend ehemalige Elitesoldaten von SAS, Paras, Marines aber auch der Polizei. Vor allem wegen des langen Konflikts in Nordirland gibt es viele Ex-Soldaten, die große Erfahrung im Einsatz gegen Terrorismus haben. Die leitenden Figuren haben oft in elitären britischen Regimentern gedient, stammen aus guten Soldatenfamilien und haben beste Kontakte zu Wirtschaft und Politik.

Großbritannien, und das bedeutet hier vor allem England und London, ist heute nach den USA sicher der bedeutendste Anbieter auf dem internationalen Söldnermarkt. Der Erfolg beruht zum Teil auf der guten Beziehung zu den USA, aber auch der engen Verflechtung von Militär, Politik und Wirtschaft.

© Frank Westenfelder

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