Todeskommandos

Patriotische Legenden und banale Realitäten

Auf dem Rückweg aus Italien wurde dem kaiserlichen Heer 1155 in der Veroneser Klause von einer „Räuberbande“ der Weg versperrt. Man kann jedoch davon ausgehen, dass es sich hierbei um eine von Verona rekrutierte Söldnertruppe handelte.

Für italienische Patrioten ist der Kampf der lombardischen Städte gegen die deutschen Kaiser von zentraler Bedeutung. Es schien, als ob sich hier das von Neid und Kleinstaaterei zerrissene Italien endlich einmal vereint gegen seine fremden Unterdrücker gewehrt habe. Zudem wurde der Widerstand nicht von despotischen Herrschern oder dem Klerus getragen, sondern vorwiegend von den Bürgern der Städte. Es war sozusagen das Volk selbst, das hier um seine Freiheit kämpfte.

Schlacht bei Legnano (1176)
Schlacht bei Legnano (1176)
Die Schlacht bei Legnano

Der glorreiche Höhepunkt dieses sich über Generationen erstreckenden Konflikts war die Schlacht bei Legnano (1176). Legnano war viel mehr als ein Sieg der Lombarden – davon gab es schließlich mehrere. In der Schlacht hatte das Fußvolk, geschart um Mailands Fahnenwagen, den Angriffen der deutschen Ritter unter schwersten Verlusten so lange standgehalten, bis lombardische Verstärkungen eintrafen, die dann die Entscheidung brachten.

Eigentlich war Fußvolk gegenüber Rittern absolut chancenlos, und Legnano ist die erste größere Schlacht, in der es dem Fußvolk gelang, sich über viele Stunden erfolgreich zu verteidigen. Das war allein schon taktisch und militärhistorisch gesehen eine Sensation. Vor allen Dingen aber bestand das Fußvolk aus den Bürgern der Städte, die hier dem Adel die Stirn geboten hatten.

die Kompanie des Todes. Romantische Darstellung
die Kompanie des Todes

Kern dieser bürgerlichen Kampfkraft war angeblich die „Kompanie des Todes“, ein Bund junger Mailänder, die alle geschworen hatten, bis zum Tod zu kämpfen. Ein Teil von ihnen verteidigte als Fußvolk den Fahnenwagen, während der andere unter der Führung von Alberto da Giussano im entscheidenden Moment beritten zu Hilfe kam und die Deutschen in die Flucht schlug.

Durch den der italienischen Nationalismus im 19. Jahrhundert wurden Legnano dann sehr populär. Verdi komponierte eine Oper, bedeutende Künstler malten Historiengemälde und man errichtete Alberto da Giussano ein heroisches Denkmal, das später noch der Lega Nord als Symbol diente. Aber wie so oft bei patriotischen Legenden haben neuere Forschungen ergeben, dass sowohl die Kompanie des Todes wie auch der große Held Alberto da Giussano pure Fantasieprodukte sind, die leider nie existiert haben.

Während also einem Ereignis des Kampfes gegen den Kaiser mit einer erfundenen Kompanie des Todes zusätzlicher Glanz verliehen wurde, ist ein anderes reales Todeskommando völlig in Vergessenheit geraten.

Kampf um die Veroneser Klause

Bereits beim Ersten Italienzug von Friedrich I. – oder Barbarossa, wie er in Italien genannt wurde – war es zu schweren Spannungen mit Mailand und anderen lombardischen Kommunen gekommen, was zur Zerstörung von Tortona geführt hatte. Als Barbarossa dann im Sommer 1155 nach der Kaiserkrönung in Rom den Rückweg nach Deutschland antreten musste, war Norditalien bereits zu guten Teilen feindliches Gebiet.

Dennoch rechnete man nicht mit offenen Feindseligkeiten, da die Lombarden froh waren, die Deutschen los zu werden. Barbarossa hatte das Heer aufgelöst und Erlaubnis zur Heimkehr gegeben. Teile hielten sich weiter westlich und zogen über den großen St. Bernhard oder den Mont Cenis nach Norden. Das Gros unter dem Befehl des Kaisers wählte die gebräuchlichste Route über Verona, das Etschtal und den Brenner.

Auch in Verona war die Kaiserlichen nicht willkommen. Da man aber auf beiden Seiten Gewalt vermeiden wollte, war Verona davon befreit worden, die Deutschen zu versorgen oder in die Stadt zu lassen. Es musste lediglich eine Brücke über die Etsch instand gehalten werden. Die Veroneser beobachteten also von ihren Stadtmauern, wie das Heer vorbeizog und sich dabei im ungeschützten Umland schadlos hielt.

Veroneser Klause im 19.Jahrhundert
Veroneser Klause im 19.Jahrhundert

Die Probleme begannen etwa einen Tagesmarsch weiter flußaufwärts. Vor dem modernen Ort Ceraino zwängt sich die Etsch durch eine enge Schlucht. Dort, wo heute die Straße zwischen Fluss und steiler Feldwand verläuft, gab es zu Barbarossas Zeiten nur einen schmalen Pfad. An einer besonders engen Stelle war weiter oben auf den Felsen eine Burg errichtet, von der aus der Durchgang kontrolliert werden konnte. Die Engstelle war bekannt als die Chiusa di Verona, die Veroneser Klause (Klause oder Kluse bedeuted hier „Schleuse“).

Unter der Führung des Veroneser Ritters Alberich hatten hier mehrere hundert Mann Stellung bezogen und versperrten dem kaiserlichen Heer den Weg. Unterhändler vertrieben sie mit Steinwürfen. Schließlich forderten sie für den Durchzug von jedem Ritter seine Rüstung und sein Pferd und vom Kaiser noch zusätzlich eine hohe Summe Geld.

Die Lage war ziemlich verzweifelt, da Truppen aus Verona dem Heer gefolgt waren und nun auch noch den Rückweg versperrten. Allerdings wäre Barbarossa zum Gespött Italiens geworden, wenn er sich auf solch dreiste Weise hätte ausrauben lassen.

Hilfe in der Not kam von zwei Veroneser Rittern, die bereits mit dem Heer nach Rom gezogen waren und nun anscheinend Barbarossa nach Deutschland begleiteten. Es ist gut möglich, dass sie in ihrer Heimatstadt nicht mehr willkommen waren.

Als Ortskundige wussten diese beiden Ritter, wie man an einer anderen Stelle die Felswand ersteigen und dann über Umwege den Berg über der feindlichen Burg erreichen konnte. Um die Gegner in Sicherheit zu wiegen, ließ Barbarossa in sicherer Entfernung das Lager errichten. Dann erhielt Otto von Wittelsbach den Auftrag mit 200 Kämpfern den Aufstieg zu wagen. Er hatte unter seinen Bayern sicher genug erfahrene Kletterer.

Otto von Wittelbach im Kampf mit den Räubern
Otto von Wittelbach im Kampf

Geführt von den beiden Veroneser Rittern gelang den Bayern der gefährliche Aufstieg, und sie konnten über abgelegene Pfade schließlich den Fels oberhalb der Burg erreichen. Von dort griffen sie die Feinde überraschend von hinten an. Der Widerstand war gering. Die meisten versuchten zu flüchten. Einige stürzten in den Abgrund, andere wurden ohne Gnade niedergemacht. Angeblich sollen an die 500 Mann getötet worden sein. Lediglich zwölf, darunter Alberich wurden gefangen genommen. Fast alle waren Lombarden „ritterlichen Standes“, wie der Chronist Otto von Freising berichtet. Man kann also annehmen, dass wie so oft nur die eher adligen Anführer gefangen genommen worden waren, während das einfache Kriegsvolk niedergemacht oder in den Abgrund getrieben worden war.

Aber es nützte nichts, dass die besseren Gefangenen – wie ebenfalls üblich – nun reichlich Lösegeld versprachen, sie wurden als gemeine Straßenräuber als abschreckendes Beispiel zum Tod am Galgen verurteilt. Lediglich einer verteidigte sich erfolgreich mit dem Argument, dass er kein Lombarde, sondern Franzose sei. Er sei von ritterlichem Stand, habe sich aber durch seine Armut verleiten lassen, sich den Räubern anzuschließen. Offensichtlich reichten diese Argumente, denn er wurde mit der Auflage begnadigt, an seinen Genossen die Henkersarbeit zu verrichten.

Obwohl es sich bei den Besiegten fast ausschließlich um Lombarden, bei vielen sogar explizit um Veroneser handelte, wird nirgendwo eine Verbindung zu Verona gezogen. Otto von Freising spricht ganz generell von einer „Menge von Straßenräubern“, die lediglich durch persönliche Gewinnsucht motiviert wurden.

Rekrutierung von Gesetzlosen

Für Verona war die Brenner-Transitroute die mit Abstand wichtigste Einnahmequelle. Es ist deshalb absurd, anzunehmen, dass die es die Stadt geduldet hätte, wenn sich dort vor ihrer Haustür eine selbstständige Räuberbande installiert hätte. Man kann viel mehr davon ausgehen, dass die Burg normalerweise von einer Veroneser Garnison besetzt war.

Alberto da Giussano der Held von Legnano

Da man aber in Verona offensichtlich eine direkte Konfrontation mit dem Kaiser und seinem Heer vermeiden wollte, hatte man die Angelegenheit an Freischaffende übertragen. Wahrscheinlich hatte man für die riskante Aufgabe Verbannte und gesuchte Räuber rekrutiert, ihnen Straferlass und reiche Beute versprochen und ihnen dann die Burg übergeben. Kriminelle für riskante Aufgaben zu rekrutieren war im Mittelalter (und natürlich auch danach) eine recht beliebte Methode.

Für Verona – manche vermuten auch Mailand hinter dem Komplott – ging es dabei vor allem darum, im Falle eines Scheiterns jede Verbindung jede Verbindung abstreiten zu können. Heute spricht man in diesem Zusammenhang von „glaubhafter Abstreitbarkeit“ (plausible deniability), und sie ist für moderne Politiker oft ein Grund aud PMCs oder eben Söldner zurückzugreifen.

Anscheinend gab es dennoch ein paar Zweifel, denn im folgenden Jahr schickte Verona Bischof Tebaldo an den kaiserlichen Hof. Dort versicherte er Barbarossa, dass Verona treu zur kaiserlichen Sache stand und keiner seiner führenden Bürger irgendetwas von einer Verschwörung gegen ihzn gewusst hatte. Barbarossa war jedoch nur bereit, Frieden mit der Stadt zu schließen, nachdem sie eine deftige Buße bezahlt hatte.

Dennoch hat letzten Endes die Version von Alberich und seiner Räuberbande Eingang in die deutschen Geschichtsbücher gefunden. Besonders die Heldentat von Otto von Wittelsbach erfreute sich vor allem in Bayern großer Popularität und mehrere Historienmaler produzierten heroische Fantasieprodukte. In italienischen Chroniken und Geschichtsbüchern wird das Ereignis dagegen völlig ignoriert. Man hat ja die Helden von Legnano.

© Frank Westenfelder  

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