{"id":903,"date":"2024-10-23T11:45:34","date_gmt":"2024-10-23T11:45:34","guid":{"rendered":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/?p=903"},"modified":"2025-01-16T10:49:10","modified_gmt":"2025-01-16T10:49:10","slug":"die-huren-des-krieges","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/die-huren-des-krieges\/","title":{"rendered":"Die Huren des Krieges"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Arm und reich.<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist sicher m\u00fc\u00dfig der Frage nachzugehen, wem nun die Ehre des &#8222;\u00e4ltesten Gewerbes der Welt&#8220; geb\u00fchrt, und wem lediglich die des zweit\u00e4ltesten. Deutlich wird jedoch an dieser Fragestellung, dass es sich bei der Prostitution wie auch beim S\u00f6ldnertum um zwei der \u00e4ltesten Berufe handelt, die aufs engste mit der Entwicklung der Zivilisation verbunden sind. Beide sind so tief in der Geschichte verwurzelt, dass sie manchmal geradezu als Archetypen jenseits von ihr erscheinen. Dennoch sind sie dem historischen Wandel unterworfen, den sie in immer neuen Facetten und Erscheinungsformen reflektieren. Aus aktueller Sicht offerieren beide Dienste, die nach b\u00fcrgerlichen Vorstellungen nur sozusagen aus &#8222;h\u00f6heren Motiven&#8220; &#8211; d.h. Liebe oder Patriotismus &#8211; geleistet werden d\u00fcrfen, aber bitte nicht f\u00fcr schmutziges Geld. Andererseits ist es aber gerade diese b\u00fcrgerlich-kapitalistische Gesellschaft, die durch ihre Doppelmoral und ihre Kaufkraft f\u00fcr die entsprechenden Angebote sorgt. &#8222;S\u00f6ldner&#8220; ist deshalb wie &#8222;Hure&#8220; zum einem hohlen Schimpfwort geworden, mit dem im Moment gerne die Kombattanten der Gegenseite diffamiert werden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"308\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/shanghai.jpg\" alt=\"Shanghai Girls\" class=\"wp-image-907\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/shanghai.jpg 500w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/shanghai-300x185.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Shanghai Girls<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die vielleicht wichtigste Gemeinsamkeit ist jedoch das Elend, aus dem sich beide Berufsst\u00e4nde n\u00e4hren. Man kann weder \u00fcber Prostitution noch \u00fcber S\u00f6ldnertum sprechen und dabei Armut, Betrug, Ausbeutung, Unterdr\u00fcckung und auch Sklaverei au\u00dfer Acht lassen. Die Masse der S\u00f6ldner wie auch der Huren wurde normalerweise in den \u00e4rmsten Randgebieten der Hochkulturen oder den Elendsvierteln der Gro\u00dfst\u00e4dte angeworben. Emigranten und geschlagene V\u00f6lker f\u00fcllten oft nicht nur die Armeen der Sieger, sondern auch deren Bordelle. So findet man nach dem Russischen B\u00fcrgerkrieg zahlreiche Kosaken in der Fremdenlegion und in den Diensten chinesischer Warlords w\u00e4hrend russische &#8222;Gr\u00e4finnen&#8220; die einschl\u00e4gigen Bars von Paris und Shanghai bev\u00f6lkern. Bei entsprechendem Bedarf warten die Sieger allerdings nicht, bis die Geschlagenen nach einer gewissen Zeit der Not gehorchen, und f\u00fchren die menschliche Beute direkt ihrem Verwendungszweck zu. So verschenkte Belisar die Frauen der besiegten Vandalen an seine Soldaten, aus den M\u00e4nner wurden jedoch mehrere Regimenter f\u00fcr den Krieg in Persien gebildet. Wer denkt, dass sich solche Methoden nur bis ins 19. Jahrhundert verfolgen lassen, sollte einfach mal an die Nazis w\u00e4hrend des II. Weltkrieges in Russland denken, an diverse Kolonialkriege, an die Parallelen zwischen erzwungenem Milit\u00e4rdienst und Prostitution im Vietnamkrieg oder an die Immigranten in den USA.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich gibt es nicht nur Zwang. Die Unschuld vom Lande, die in die Gro\u00dfe Stadt kommt, und dort aus Leichtsinn und Naivit\u00e4t zur Prostituierten wird, ist seit Jahrhunderten ein fester Topos der Weltliteratur. Allerdings gibt es auch zahlreiche S\u00f6ldnerbiographien, die einem \u00e4hnlichen Muster folgen. Und es gibt die ganz Gro\u00dfen und Ber\u00fchmten, die Het\u00e4ren und Kurtisanen, die als Maitressen oder gar Gattinnen von Herrschern selbst fantastische Karrieren machten. Theodora die m\u00e4chtigste Kaiserin von Byzanz, war die Tochter eines B\u00e4renw\u00e4rters und hatte ihre Laufbahn wahrscheinlich als Prostituierte begonnen; Madame Pompadour die Maitresse en titre Ludwig XIV. nahm lange entscheidenden Einfluss auf die Politik ganz Europas, und noch in neuester Zeit sorgten legend\u00e4re Callgirls wie die Nitribitt oder Christine Keeler f\u00fcr spektakul\u00e4re Schlagzeilen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"350\" height=\"317\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/pompadour.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-908\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/pompadour.jpg 350w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/pompadour-300x272.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Pompadour<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man k\u00f6nnte nat\u00fcrlich auch hier Parallelen zu gro\u00dfen S\u00f6ldnerf\u00fchrern oder zumindest zu solchen, die es auf die Titelseiten der Weltpresse geschafft haben, strapazieren. Viel wichtiger ist jedoch die Erkenntnis, dass es sich bei diesen Personen um \u00e4u\u00dferst seltene Ausnahmen handelt. Gerade der Vergleich mit der Prostitution sollte den Blick daf\u00fcr sch\u00e4rfen, dass man es hier nicht mit dem Normalgesch\u00e4ft zu tun hat. Man besch\u00e4ftigt sich gerne mit Kaiserin Theodora, Madame Pompadour oder Christine Keeler, weil sie diesem sonst so tristen Gewerbe etwas Farbe, etwas Glamour geben. Auch wir erliegen manchmal diesem Reiz, wenn wir z.B. vom K\u00f6nig von Korsika, Walter Reinhardt oder Rolf Steiner berichten. Wir halten diese Exkurse f\u00fcr legitim, da auch mit den Schicksalen dieser Ausnahmeerscheinungen einiges \u00fcber M\u00f6glichkeiten und Grenzen des Marktes gezeigt werden kann. Allerdings nur so lange man nicht den Eindruck erweckt, als ob das ganze Gewerbe nur noch aus einer Art Luxuscallgirls best\u00fcnde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daran sollte man auch denken, wenn man sich denen zuwendet, die ihr Gewerbe ohne Bezahlung, angeblich aus echtem Idealismus oder Liebe, verrichten, und die dennoch manchmal nicht ganz grundlos als Huren oder S\u00f6ldner bezeichnet werden. Hierbei geht es auf der einen Seite um Frauen, wie sie von Marilyn Monroe in &#8222;How to marry a millionaire&#8220; dargestellt wurden, und die w\u00fcrdige Nachfolgerinnen in Ivana Trump und zahlreichen Gattinnen und Begleiterinnen erfolgreicher Sportler und Popstars gefunden haben. Diese Frauen setzen bei der Verfolgung materieller Ziele sicher auch ganz bewusst ihren K\u00f6rper ein, sind allerdings viel zu clever, um sich direkt zu prostituieren. So billig sind sie einfach nicht zu haben. Man muss aber auch zu bedenken geben, dass hierf\u00fcr eine gewisse &#8222;Klasse&#8220; und eigene Geldmittel nicht ganz unwichtig sind. Sie finden ihr m\u00e4nnliches Pendant in Abenteurern, die auf eigene Rechnung in fremde Kriege ziehen und daf\u00fcr zwar keinen Sold aber eine gute Offiziersstelle, ein Amt oder gar ein eigenes F\u00fcrstentum erwarten. Obwohl dieser Typus seine Bl\u00fctezeit im Absolutismus erlebte und im 19. Jahrhundert haupts\u00e4chlich noch von verkrachten Offizieren verk\u00f6rpert wird, ist er dennoch nicht v\u00f6llig ausgestorben. Warlords, die f\u00fcr die CIA den Kommunismus, oder aktueller islamische Fundamentalisten bek\u00e4mpfen und daf\u00fcr eine Art Lizenz zum Drogenexport erhalten, haben sicher in erster Linie kommerzielle Absichten egal, was sie auf ihre Fahnen schreiben. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit Beratern, die einer Regierung fast selbstlos zu Hilfe eilen, und dann mit R\u00fcstungsauftr\u00e4gen und Bergbaulizenzen entsch\u00e4digt werden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"320\" height=\"411\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/ck.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-910\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/ck.jpg 320w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/ck-234x300.jpg 234w\" sizes=\"auto, (max-width: 320px) 100vw, 320px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zuletzt wollen wir noch ein paar Worte zu denen verlieren, die anscheinend von einer Art echten Begeisterung nicht f\u00fcr die Sache sondern die Berufsaus\u00fcbung getrieben werden. Im Umfeld der Prostitution kommt diesem Typus sicher das am n\u00e4chsten, was man fr\u00fcher als &#8222;Groupies&#8220; bezeichnete und heute vielleicht als &#8222;Partygirls&#8220;. &#8222;Almost Famous&#8220; (beinahe ber\u00fchmt) beschreibt ein Film ihre Grundeinstellung. Es geht um Publicity, um Ruhm. Allerdings l\u00e4sst sie wohl nie genau entscheiden, ob sich nicht dennoch manchmal materielle Gr\u00fcnde dahinter verbergen. Sowohl Boris Becker wie auch Mick Jagger k\u00f6nnten ein Lied davon singen. Zudem l\u00e4sst sich sp\u00e4ter eine dadurch erreichte Ber\u00fchmtheit hier und da durch Auftritte in Talkshows und B\u00fccher ganz gut vermarkten. So sammelte Cynthia Plaster Caster Gipsabdr\u00fccke vom besten St\u00fcck gro\u00dfer Rockstars und wurde selbst damit ber\u00fchmt. Auch Courtney Love bewies gro\u00dfes Talent bei der Selbstvermarktung. Diesen auf schnellen Ruhm bedachten Lebedamen entspricht am ehesten die Variante des S\u00f6ldners, die wir als &#8222;Fahrende Ritter&#8220; bezeichnen. Diesen geht es in erster Linie um das Erlebnis des Kampfes, um Abenteuer, Ruhm und Ehre. Nach M\u00f6glichkeit reisen sie auf eigene Kosten, sind allerdings oft auf Solddienste angewiesen, um wirklich einmal zum Einsatz zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Gegensatz zu den anderen Beispielen mag man diesen Typus nun f\u00fcr eine v\u00f6llig moderne Erscheinung halten, was nicht zuletzt daran liegt, dass er sich der gesteigerten Aufmerksamkeit der Medien erfreut. Allerdings begegnet er uns schon im Mittelalter, und l\u00e4sst sich seither ohne Unterbrechung verfolgen. Obwohl Cervantes in seinem Don Quijote schon vor Jahrhunderten den Nachruf der Fahrenden Ritter verfasst hat, verschwanden sie nicht von der B\u00fchne. Ganz im Gegenteil erfreuen sie sich als typisches Zeichen f\u00fcr die Dekadenz einer Gesellschaft zunehmender Beliebtheit. Wie jedoch bei den Groupies ist es ratsam auch die &#8222;idealistischen&#8220; Motive Fahrender Ritter in Zweifel zu ziehen. Wichtiger als Sold ist ihnen oft ihre Ber\u00fchmtheit, eine Story in Esquire oder SOF. Einen recht anschaulichen Bericht aus der Szene bietet das Buch &#8222;Have Gun will travel&#8220; von Karl Penta, der nicht ohne Ironie beschreibt, was sich an M\u00f6chtegerns\u00f6ldnern in den Achtziger Jahren in Surinam tummelte. Penta nutzte dann auch die Gelegenheit, in Romuald Karmakars Dokumentation &#8222;Warheads&#8220; seine Arbeit in Bosnien mediengerecht vorzuf\u00fchren. Bei dem Sold, den er in dort bekommen haben d\u00fcrfte, liegt die Vermutung nahe, dass Penta &#8211; obwohl er sich liebend gerne als S\u00f6ldner bezeichnet &#8211; aus seiner &#8222;Ber\u00fchmtheit&#8220; wesentlich mehr Nutzen zieht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"350\" height=\"506\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/bellejour.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-911\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/bellejour.jpg 350w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/bellejour-208x300.jpg 208w\" sizes=\"auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dem kritischen Beobachter wurde schon bei der Berichterstattung \u00fcber die &#8222;S\u00f6ldnerszene&#8220; Anfang der 90er Jahre in Ex-Jugoslawien schnell klar, dass es sich hier eigentlich gar nicht um richtige S\u00f6ldner handeln konnte. Da verkleideten sich manche als Rambo und wollten Krieg spielen. Sie suchten starke Gef\u00fchle und der Begriff &#8222;Adrenalinjunkie&#8220; manchte die Runde. Der Sold, der dem guten alten Gewerbe mal den Namen gegeben hatte, war zur v\u00f6lligen Nebensache verkommen. Um die Problematik noch etwas zu verdeutlichen, sollte man hier einmal an Bunuels Film &#8222;Belle du Jour&#8220; denken. Hier arbeitet die Gattin eines erfolgreichen Chirurgen als Gelegenheitsprostituierte in einem Luxusbordell, um ihrer h\u00e4uslichen Langeweile zu entfliehen. Obwohl es sich auch dabei sicher um eine ihrer Facetten handelt, w\u00e4re Bunuel nie auf die Idee gekommen, zu behaupten einen Film \u00fcber Prostitution gemacht zu haben. Wenn allerdings ein Lifestyle-Magazin einen Hochglanz-Bericht \u00fcber gelangweilte Wohlstandsb\u00fcrger auf der Suche nach dem ultimativen Kick bringt, wird das als S\u00f6ldnerreportage verkauft. Angemessener w\u00e4re es in diesem Zusammenhang sicher, etwas \u00fcber fragw\u00fcrdige M\u00e4nnlichkeitsrituale zu schreiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es mag sein, dass Frauen aus den Wohlstandsgebieten der so genannten Ersten Welt heute mit der Prostitution in erster Linie als Groupies, freischaffende Callgirls, gut bezahlte Hostessen oder skrupellose Karrieristinnen in Ber\u00fchrung kommen. Das sollte aber niemanden von der Einsicht abhalten, dass die gro\u00dfe Masse der Prostituierten &#8211; selbst im goldenen Westen &#8211; nach wie vor ein relativ erb\u00e4rmliches Leben f\u00fchrt, in dem von Selbstbestimmung oder freier Entscheidung nicht die Rede sein kann. Es ist nur so, dass die Frauen f\u00fcr die harten und \u00fcblen Jobs mittlerweile aus Osteuropa, S\u00fcdostasien oder Afrika kommen. Wenn man heute also Artikel \u00fcber Prostitution schreibt, dann sollte man nicht nur \u00fcber Luxuscallgirls schreiben und dies dann als allgemeinen Trend verkaufen. Beim Thema S\u00f6ldner verh\u00e4lt es sich nicht anders.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der neueren Literatur \u00fcber S\u00f6ldner, die sich ganz auf die so genannten PMCs konzentriert, wird ein S\u00f6ldner bevorzugt als Kombattant definiert, der <strong>freiwillig gegen gute Bezahlung<\/strong> f\u00fcr einen bestimmten Zeitraum einen bestimmten Auftrag ausf\u00fchrt. F\u00fcr viele der Autoren geh\u00f6rt es dabei anscheinend zum guten Ton, zuerst einen kurzen Ausflug in die Geschichte zu unternehmen und ein wenig \u00fcber die Freien Kompanien, die Schweizer und die &#8222;verkauften Hessen&#8220; zu schreiben. Als Historiker st\u00f6\u00dft man bei der Lekt\u00fcre dieser Texte schnell auf zahlreiche Fehler, Halbwahrheiten und Legenden, die als Realit\u00e4ten verkauft werden. Nun ist Geschichte sicher nicht das Spezialgebiet dieser eher von den Politikwissenschaften kommenden Autoren; man muss sich dennoch fragen, warum sie unbedingt historische Vergleiche strapazieren und vergewaltigen, bis sie in ihr Schema passen. Die Ursache liegt sicher haupts\u00e4chlich darin, dass sie den &#8222;S\u00f6ldner&#8220; sehr wohl als historischen Begriff pr\u00e4sentieren m\u00f6chten, aber weitgehend unf\u00e4hig sind, ihn mit der notwendigen Distanz zu betrachten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"450\" height=\"796\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/soldadera.jpg\" alt=\"mexikanische Soldadera\" class=\"wp-image-913\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/soldadera.jpg 450w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/soldadera-170x300.jpg 170w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">mexikanische Soldadera um 1910<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der grundlegende Fehler dabei ist, dass sich die ganze Aufmerksamkeit auf einen ganz bestimmten Typus konzentriert, wie er im vor allem im Moment im Dienst gro\u00dfer Sicherheitsfirmen in Afrika oder im Irak anzutreffen ist. Dass sich das S\u00f6ldnertum \u00fcber ein weitaus breiteres Spektrum erstreckt, von dem diese hoch bezahlten Spezialisten nur eine kleine Facette bilden, nehmen lediglich einige Historiker zur Kenntnis. Der Gro\u00dfteil der Politikwissenschaftler und Journalisten, die S\u00f6ldner erst seit kurzem wieder entdeckt haben, beschr\u00e4nkt sich in typischer westlicher Nabelschau auf das aktuelle Modell US-amerikanischer Pr\u00e4gung. Daran w\u00e4re sicher nichts auszusetzen, wenn man z.B. von &#8222;freiberuflichen Sicherheitskr\u00e4ften&#8220;, &#8222;Free-Lance-Security&#8220; oder \u00e4hnlichem sprechen w\u00fcrde, das Problem ist einfach, dass immer wieder der Begriff &#8222;S\u00f6ldner&#8220; verwendet und dabei vollst\u00e4ndig verf\u00e4lscht wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als erstes w\u00e4re hier die so genannte Freiwilligkeit in Zweifel zu ziehen. Im Laufe der Geschichte bestand ein guter Teil der potentiellen Rekruten sehr oft aus den \u00c4rmsten der Armen, ruinierten Bauern, Emigranten, Fl\u00fcchtlingen und abgeh\u00e4rteten Halbnomaden oder Bergbewohnern, die alle lediglich der Not gehorchten. Dazu kamen ehemalige Kriegsgefangene oder Str\u00e4flinge, denen wohl keine gro\u00dfe Wahl blieb. Im Absolutismus wurden Vagabunden und Arbeitslose eingefangen, zum Milit\u00e4rdienst gepresst, und dann noch manchmal weiter verkauft. Gerade bei den immer wieder gerne angef\u00fchrten verkauften Hessen sollte doch manchem Autor klar werden, dass von Freiwilligkeit oft nicht die Rede war. Mit dem Verdienst war es \u00e4hnlich. Von einigen gut bezahlten Fachleuten oder ausgesprochenen Eliteeinheiten &#8211; wie Gesch\u00fctzmeistern, schwerer Kavallerie oder den Schweizer in ihren allerbesten Zeiten &#8211; abgesehen, verdienten S\u00f6ldner fast immer weniger als Facharbeiter, und wurden dabei oft noch um einen guten Teil ihres Soldes betrogen. So schrieb ein venezianischer Offizier 1572 \u00fcber neue Rekruten Sie lie\u00dfen sich anwerben, &#8222;um nicht als Handwerker oder Verk\u00e4fer arbeiten zu m\u00fcssen; um vor einer Strafe zu fliehen; um neue Dinge zu sehen, um Ehre zu gewinnen &#8211; aber dies sind sehr wenige. Der Rest kommt, um genug zum Leben zu haben und noch ein klein bisschen mehr f\u00fcr Schuhe und ein paar andere Kleinigkeiten, die das Leben ertr\u00e4glich machen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"320\" height=\"456\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/nitri.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-915\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/nitri.jpg 320w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/nitri-211x300.jpg 211w\" sizes=\"auto, (max-width: 320px) 100vw, 320px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genauso falsch ist die These von der begrenzten Dienstzeit. Viele S\u00f6ldner dienten ihr ganzes Leben und blieben schlie\u00dflich sogar als dauerhafte Immigranten in den L\u00e4ndern ihrer Arbeitgeber. Als Beispiel sei nur auf die Germanen im R\u00f6mischen Reich, die schottischen S\u00f6ldner w\u00e4hrend des Hundertj\u00e4hrigen Krieges, die Schweizer in Frankreich, die Hessen in Amerika oder die irischen Wildg\u00e4nse verwiesen. Bezahlter Milit\u00e4rdienst war wahrscheinlich schon immer eine der wichtigsten Formen der Migration und daran hat sich bis heute wenig ge\u00e4ndert. Die L\u00e4nge der Dienstzeit richtet sich nur selten nach den W\u00fcnschen der S\u00f6ldner, sondern viel mehr nach den Interessen des K\u00e4ufers, und die k\u00f6nnen es sich heute einfach oft nicht leisten die Dienste von Dyncorp oder MPRI f\u00fcr Jahrzehnte zu mieten. Man sollte sich in diesem Zusammenhang vielleicht einmal an das deutsche Fremdenregiment im Dienst des brasilianischen Kaisers Dom Pedro I. erinnern. Die S\u00f6ldner waren mit den \u00fcbelsten T\u00e4uschungen angeworben worden, und als sich einer beim Kaiser nach der L\u00e4nge der Dienstzeit erkundigte, wurde ihm geantwortet: &#8222;So lange es mir gef\u00e4llt und euch eure Knochen tragen.&#8220; Nach der Aufl\u00f6sung der Einheiten blieben dennoch die meisten als Kolonisten in Brasilien, was sie von Anfang an beabsichtigt hatten.<br><br>Nun mag jemand einwenden, dass sich die Situation der S\u00f6ldner allgemein verbessert habe, und diese alten Geschichten deshalb keine Bedeutung mehr h\u00e4tten. Unserer Ansicht nach hat sich jedoch nur die Situation in der westlichen Welt, der Ersten, so weit gebessert, dass von ihr das einfache Fu\u00dfvolk nicht mehr geliefert wird. Mietregimenter werden heute von Bangladesch, Pakistan oder Nigeria angeboten; Kindersoldaten\/s\u00f6ldner dienen in weiten Teilen der Welt f\u00fcr etwas Essen und ein paar Drogen; Lateinamerikaner lassen sich von der US-Army f\u00fcr die Staatsb\u00fcrgerschaft anwerben. Was bezahlt ein Warlord, und wie lange muss man ihm dienen?<br><br>Nach wie vor nehmen viele Autoren eigentlich nur die Luxuscallgirls zur Kenntnis, die f\u00fcr gutes Geld eine gute Figur machen. Wie gesagt finden auch wir solche Geschichten manchmal unterhaltsamer. Man sollte sie aber nicht so verbreiten, als ob man \u00fcber ganz normale S\u00f6ldner berichten w\u00fcrde. Auf jeden gut bezahlten Berater kommt heute eine ganze Menge Fu\u00dfvolk, das vor Ort rekrutiert und wesentlich schlechter entlohnt wird. Es ist deshalb nicht nur naiv, sondern auch \u00fcberaus arrogant, sich bei der Betrachtung von S\u00f6ldnern auf den US-Typus zu beschr\u00e4nken, der eher am Ende einer Entwicklung angekommen ist, aber dennoch bestenfalls die Spitze des Eisberges bildet.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\">\u00a9 Frank Westenfelder &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Arm und reich.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":905,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[94,8],"tags":[95],"class_list":["post-903","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-archetypen","category-artikel","tag-definition"],"blocksy_meta":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.9 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Huren des Krieges - 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