{"id":642,"date":"2024-10-10T10:51:27","date_gmt":"2024-10-10T10:51:27","guid":{"rendered":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/?p=642"},"modified":"2025-01-16T14:29:45","modified_gmt":"2025-01-16T14:29:45","slug":"sebastian-schertlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/sebastian-schertlin\/","title":{"rendered":"Sebastian Schertlin"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Landsknecht und Kriegsunternehmer.<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Landsknechte sind nur ganz selten reich geworden, obwohl sie mit vier Gulden im Monat deutlich mehr als ein Handwerker (2,5-3 Gulden) verdienten. Das lag zum Teil daran, dass sie meisten \u00fcberh\u00f6hte Kriegspreisen bezahlen mussten, oder daran, dass der Sold sehr unregelm\u00e4\u00dfig oder gar nicht gezahlt wurde, vor allem aber an ihrer geradezu sprichw\u00f6rtlichen Verschwendungssucht. Dennoch gab es einige wenige, die zu Reichtum und Besitz kamen. Die Voraussetzung daf\u00fcr war aber, sein Geld etwas zusammen zu halten und Karriere zu machen. Mit Helm und Brustpanzer ger\u00fcstete Landsknechte oder Sch\u00fctzen dienten bereits als Doppels\u00f6ldner. Spielleute, F\u00e4hnriche, Feldwebel und andere Funktionstr\u00e4ger erhielten noch etwas mehr. Der Hauptmann eines F\u00e4hnleins zwischen 300 und 500 Mann verdient bereits um die 50 Gulden, musste aber sicher lesen und schreiben k\u00f6nnen, und vor allem in der Lage sein, diesen wilden Haufen zu organisieren. Das richtige Geld winkte jedoch den Obristen. Ihr Monatssold betrug zwar &#8222;nur&#8220; zwischen 300 und 400 Gulden, sie waren aber f\u00fcr Werbung, Versorgung und Besoldung ihres Regiments selbst\u00e4ndige Unternehmer und wie echte Condottieri das Bindeglied zwischen Auftraggeben und S\u00f6ldnern. Unregelm\u00e4\u00dfige aber bedeutende Eink\u00fcnfte waren die Pr\u00e4mien und Geschenke bei Vertragsabschlu\u00df und nach erf\u00fcllten Aufgaben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"506\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/landsknechte.jpg\" alt=\"Landsknechte\" class=\"wp-image-648\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/landsknechte.jpg 400w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/landsknechte-237x300.jpg 237w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Richtig gro\u00dfe Gewinne machte ein Oberst aber durch Betrug, sowohl an seinem Auftraggeber wie auch an den Knechten. Zwischen zwei Musterungen erhielt er Oberst Sold f\u00fcr alle Gemusterten. Nat\u00fcrlich wurden Verstorbene und Deserteure nur mit Versp\u00e4tung oder gar nicht gemeldet. Ihr Sold blieb in der Kasse des Obersts. Bei Musterungen war es \u00e4u\u00dferst beliebt sich Landsknechte von anderen Regimentern auszuborgen oder Trossknechte mit antreten zu lassen. Es war Kleinkram, aber es summierte sich. Bei Pavia sch\u00e4tzte Franz I. die St\u00e4rke seiner Armee um 30% h\u00f6her ein, als sie tats\u00e4chlich war. Weiterer Profit winkte bei der Truppenversorgung. Ein Oberst war auch Heereslieferant und versorgte seine Knechte mit Verpflegung und Waffen. Viele verkauften \u00fcberteuert verdorbenes Essen und schadhafte Waffen. Auch an allen anderen Gesch\u00e4ften im Lager, dem Aufkauf der Beute, der Prostitution und dem Ausschank war der Oberst meistens irgendwie beteiligt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Allerdings bargen diese Gesch\u00e4fte enorme Risiken. In der Regel wurde dem Oberst bei der Bestallung zwar ein kleiner Vorschuss bezahlt, dann aber warb er aber auf eigene Rechnung. Der erste Sold wurde normalerweise erst am Einsatzort bezahlt. Danach traten st\u00e4ndig Verz\u00f6gerungen ein. Da dem Oberst an seinem Auftrag gelegen war, musste er seine M\u00e4nner mit allen Mitteln bei der Fahne halten und meistens weiter in Vorlage treten. Als Frundsberg seinen Schlaganfall hatte, waren seine G\u00fcter, Familienschmuck und Tafelsilber l\u00e4ngst verpf\u00e4ndet. Oft bezahlten die F\u00fcrsten ihre Schulden ratenweise \u00fcber Jahre. Ein umfangreicher Schriftverkehr und Besuche bei Hofe waren vonn\u00f6ten, um wenigsten einen Teil des Geldes zu erhalten. Manchmal bem\u00fchten sich noch die Erben der S\u00f6ldnerf\u00fchrer um die Au\u00dfenst\u00e4nde &#8211; nicht immer mit Erfolg. Die Bankrotterkl\u00e4rungen der Habsburger rissen gro\u00dfe Bankh\u00e4user ins Verderben, wen k\u00fcmmerten da die Forderungen eines Landsknechtsobristen. Zu diesen immer drohenden immensen Verlusten kamen die kleineren aber daf\u00fcr allt\u00e4glichen. Knechte hatten Handgeld erhalten und erschienen nicht zur Musterung oder desertierten anschlie\u00dfend mit geliehener Ausr\u00fcstung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dazu kam als nicht unbetr\u00e4chtliches Berufsrisiko der Tod in der Schlacht. Bis weit ins 17. Jahrhundert war es die Aufgabe der Offiziere in kritischen Situationen an vorderster Front zu k\u00e4mpfen, wo die Verluste am h\u00f6chsten waren. Schwarz, Fuchs, Slentz und die F\u00fchrer der Schwarzen Bande waren so gefallen. Von allen namhaften Landsknechtshauptleuten, die beim Sacco di Roma und den anschlie\u00dfenden K\u00e4mpfen um Neapel dabei waren, sind nur zwei bekannt, die zur\u00fcckgekommen sind. Von den zw\u00f6lf spanischen Obristen bei Ravenna fielen elf. Als die Schweizer bei Bicocca von den Spaniern und Landsknechten unter furchtbaren Verlusten zur\u00fcckgeworfen wurden schrieen sie: &#8222;Wo sind die ganzen Offiziere, Pension\u00e4re und Doppels\u00f6ldner? Sie sollen sich ihr Geld verdienen und in der ersten Reihe k\u00e4mpfen.&#8220; Die Offiziere gehorchten dem Ruf der Knechte und fielen fast alle. Man hat versucht die durchschnittliche Lebenserwartung von allen bekannten Obristen im fr\u00fchen 16. Jahrhundert zu recherchieren: Nur wenige erreichten ein Alter von 40 Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einer der beiden Hauptleute, die den Sacco di Roma und die Belagerung Neapels \u00fcberlebten, war Sebastian Schertlin von Burtenbach, der seine Karriere als einfacher Landsknecht begonnen hatte und schlie\u00dflich zu einem der bedeutendsten S\u00f6ldnerf\u00fchrer seiner Zeit aufsteigen sollte. Seine in \u00e4u\u00dferst knappen Worten gehaltene Autobiographie vermittelt einen guten Eindruck von den Wertvorstellungen und der Brutalit\u00e4t der Landsknechte, von der gleichg\u00fcltigen Grausamkeit und dem Berufsethos mit denen sie ihr Handwerk aus\u00fcbten. Vor allem aber zeigt sie das Bild eines n\u00fcchternen Gesch\u00e4ftsmannes, der genau Gewinn und Verlust berechnet. Neben einer Menge Gl\u00fcck und einer \u00e4u\u00dferst robusten Gesundheit war die F\u00e4higkeit, mit Geld umzugehen sicher die Hauptursache seines Erfolges.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sebastian Schertlin wurde 1496 in Schorndorf bei Stuttgart geboren. Sein Vater war zwar nicht adlig, aber als Forstmeister anscheinend so wohlhabend, dass er seinem Sohn ein Studium in T\u00fcbingen erm\u00f6glichen konnte. Das Studium war sicher nicht unbedeutend f\u00fcr seinen sp\u00e4teren Erfolg, denn schreiben und rechnen waren auch f\u00fcr eine Landsknechtskarriere wichtigere Voraussetzungen als der Umgang mit Spie\u00df und Hellebarde. Schorndorf war zu dieser Zeit ein Zentrum der schw\u00e4bischen Landsknechtswerbung, und man kann annehmen, dass in den Wirtsh\u00e4usern die Veteranen mit ihren Abenteuern prahlten und die Werber goldene Berge versprachen. Schertlin versuchte jedenfalls nicht lange als Magister in irgendeiner Kanzlei zu arbeiten, sondern lie\u00df sich mit 22 Jahren als Landsknecht anwerben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seine ersten Erfahrungen sammelte er im kaiserlichen Dienst in Flandern und der Picardie und bei einem Feldzug gegen die T\u00fcrken in Bosnien. Dabei machte er nicht nur Beute, sondern auch Karriere. Wahrscheinlich warb er schon bald f\u00fcr die verschiedenen Regimenter Landsleute in seiner n\u00e4heren Heimat. Denn bereits 1523 wurde er von dem gefl\u00fcchteten D\u00e4nenk\u00f6nig Christian II. beauftragt, ihm zur Wiedergewinnung seiner L\u00e4nder 6.000 Landsknechte am Bodensee zu werben. F\u00fcr diesen Gro\u00dfauftrag war Schertlin sicher nicht die erste Wahl, da es sich um ein \u00e4u\u00dferst dubioses Unternehmen handelte, das schon kurz darauf mit Christians Gefangennahme endete. Dennoch hatte Schertlin offenbar genug Laufgeld erhalten, so dass er die geworbenen Knechte ohne Einbu\u00dfen wieder entlassen konnte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"355\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/landsk-schlacht.jpg\" alt=\"Landsknechtsschlacht\" class=\"wp-image-650\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/landsk-schlacht.jpg 650w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/landsk-schlacht-300x164.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrenddessen kamen aus Italien gute Nachrichten; dort hatten die Kaiserlichen die Franzosen bei Bicocca geschlagen und waren im Vormarsch. Schertlin dachte, dass man ihn dabei wohl brauchen k\u00f6nne und zog &#8222;auf eigene Kosten&#8220; nach Mailand, wo er sich dem kaiserlichen Heer anschloss. Er war dabei als die Franzosen aus Norditalien vertrieben wurden, wo beim Abzug sicher manches gute Beutest\u00fcck zu machen war. Unter dem Herzog von Bourbon wurde dann Marseille zwei Monate belagert. Als der franz\u00f6sische K\u00f6nig wieder ein starkes Heer gesammelt hatte, mussten sich die Kaiserlichen wieder nach Italien zur\u00fcckziehen und wurden in Pavia eingeschlossen. Die Belagerten wehrten \u00fcber vier Monate zahlreiche Angriffe ab und unternahmen Ausf\u00e4lle. Aber die Lebensmittel wurden immer knapper, so dass sie ihre &#8222;eigenen Pferd, Esel und Hund gegessen&#8220; hatten, bis endlich Pescara und Frundsberg mit dem Entsatzheer eintrafen. \u00dcber die Schlacht bei Pavia im Februar 1525 und das Ende der Schwarzen Bande &#8211; der Landsknechte in franz\u00f6sischem Sold &#8211; berichtet Schertlin in der f\u00fcr ihn typischen Art: Wir haben den K\u00f6nig &#8222;nach harten K\u00e4mpfen geschlagen, ab zehntausend Personen in der Tessin ertr\u00e4nkt, mehrenteils Schweizer, die sch\u00e4ndlich geflohen sind; aber die Knechte, die sich tapfer gewehrt haben, wurden erstochen.&#8220; Die Schlacht war nicht nur ein triumphaler Sieg, sondern brachte auch eine Menge Beute. Schertlin profitierte von beidem. Er wurde f\u00fcr seine Tapferkeit vom Vizek\u00f6nig von Neapel zum Ritter geschlagen und brachte 1.500 Gulden mit nach Hause. Das waren immerhin 30 Jahresgeh\u00e4lter eines Landsknechts!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch auch zu Hause war keine Ruhe. Die Bauern hatten sich erhoben und wurden nun zu Zehntausenden erschlagen. Da wurde ein Mann wie Schertlin nat\u00fcrlich dringend ben\u00f6tigt. &#8222;So bin ich nit mehr als vier Tag daheimgeblieben,&#8220; schreibt er dazu. Er beteiligte sich im Dienst des Schw\u00e4bischen Bundes an dem Gemetzel. Allzu leicht scheint es dennoch nicht gewesen zu sein, denn er wurde mehrmals dabei verwundet. Danach unterst\u00fctzte er einen fr\u00e4nkischen Adligen bei einer Privatfehde gegen Rothenburg. Solche Raubritterstreiche machten ihm bis ins hohe Alter viel Spa\u00df. Allerdings versuchten die Reichsst\u00e4dte nach M\u00f6glichkeit den Unruhestiftern das Handwerk zu legen. Und so hielt es Schertlin bald f\u00fcr besser, f\u00fcr einige Zeit das Land zu verlassen. Als inzwischen erfahrener Landsknechtsf\u00fchrer zog er nach Trient, wo Georg von Frundsberg gerade wieder Truppen sammelte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"400\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/landsknechte-kloster.jpg\" alt=\"Landsknechte pl\u00fcndern ein Kloster\" class=\"wp-image-652\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/landsknechte-kloster.jpg 650w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/landsknechte-kloster-300x185.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit kam er gerade recht f\u00fcr den chaotischen Feldzug von 1526-29. Es war Winter, die Versorgungslage war schlecht und gleich am Anfang gab es verlustreiche Scharm\u00fctzel mit den Reitern von Giovanni delle Bande Nere. Der Kaiser hatte wieder einmal kein Geld, um seine S\u00f6ldner zu bezahlen. Diese versorgten sich aus dem Land und Frundsberg musste sie immer wieder aufs neue vertr\u00f6sten. Als es dann doch zur Meuterei kam und ihn die aufr\u00fchrerischen Knechte bedrohten, wurde er vom Schlag getroffen. Das Heer aus Deutschen, Spaniern und Italienern w\u00e4lzte sich nur noch unter der loser F\u00fchrung nach Rom und st\u00fcrmte die Stadt. Es kam zum ber\u00fcchtigten Sacco di Roma. Schertlin erw\u00e4hnt die folgende monatelange Gewaltorgie kaum. Sicher nicht aus Scham, sondern viel mehr, weil er wahrscheinlich solche Vorg\u00e4nge f\u00fcr allgemein bekannte Banalit\u00e4ten hielt. Dennoch konnte auch er viel wertvolle St\u00fccke erbeuten. \u00dcber die Gefangennahme des Papstes und der Kardin\u00e4le schreibt er lapidar: &#8222;Es war ein gro\u00dfer Jammer unter ihnen und sie weinten sehr; wurden wir alle reich.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da sich aber niemand um die Beseitigung der zahlreichen Leichen k\u00fcmmerte, forderten bald Seuchen die ersten Opfer. Als schlie\u00dflich noch die Pest hinzukam, wurden die Landsknechte v\u00f6llig unregierbar. Sie forderten ihren ausstehenden Sold und griffen die Offiziere an, von denen einige ihr Leben nur durch Flucht retten konnten. Auch Schertlin wurde bei diesen Unruhen mehrmals angegriffen, tat aber sein bestes, um einen Rest an Ordnung aufrecht zu erhalten. Im Juni verlie\u00df das dezimierte Heer die pestverseuchte Stadt und pl\u00fcnderte unter Schertlins F\u00fchrung Narni. Da sich die Einwohner verzweifelt gewehrt und auch die Frauen &#8222;durch Zugie\u00dfen von hei\u00dfem Wasser gro\u00dfen Schaden&#8220; getan hatten, wundert man sich bei Schertlin nicht mehr, dass &#8222;tausend Personen darin zutot geschlagen, Weib und Mann.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesen Monaten waren die verbliebenen Hauptleute mehr Getriebene, die von dem aufr\u00fchrerischen Mob mitgesp\u00fclt wurden. Im September zogen sie noch einmal nach Rom, um vom Papst ihren Sold zu erpressen und nach versteckten Sch\u00e4tzen zu suchen. Dort blieben sie dann mordend und vergewaltigend \u00fcber den Winter. Die Stadt wurde erst erl\u00f6st, als der franz\u00f6sische K\u00f6nig eine neue Armee nach S\u00fcditalien schickte. Pl\u00f6tzlich erinnerte sich der Kaiser wieder seiner vergessenen Landsknechte, und es trafen ausreichende Gelder ein, damit die Verbliebenen dazu bewegt werden konnten, nach Neapel zu ziehen. Dort wurden sie von der weit \u00fcberlegenen franz\u00f6sischen Armee belagert. Die Versorgung mit Lebensmitteln war \u00e4u\u00dferst schlecht und bald trat auch hier die Pest auf. Zum Gl\u00fcck f\u00fcr die Belagerten w\u00fctete die Seuche vor allem im feindlichen Lager, so dass sie deren dezimierten und geschw\u00e4chte Reste im Herbst bei einem gro\u00dfen Ausfall aufreiben konnten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Danach machte sich Schertlin endlich auf den Heimweg. Unterwegs erkrankte er selbst schwer, ob an der Pest oder einer der anderen zahlreichen Krankheiten ist nicht klar. Er \u00fcberlebte auch das und kam im Mai 1529 mit einem guten Teil seiner Beute wieder nach Schorndorf. Die Erleichterung dar\u00fcber ist in seinem Bericht deutlich sp\u00fcrbar: &#8222;und hatt in demselben Krieg \u00fcberkommen 15000 Gulden und gute Kleider und Kleinod. Dem Allm\u00e4chtigen sei Lob! Ich hab\u2019s wohl erarnet.&#8220; Damit war er ein gemachter Mann. 1532 kaufte er sich f\u00fcr 17.000 Gulden die Herrschaft Burtenbach und nannte sich fortan &#8222;Ritter von Burtenbach.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die n\u00e4chsten Jahre lie\u00df er es ruhiger angehen. Er warb S\u00f6ldner f\u00fcr den T\u00fcrkenkrieg und nahm eine Stelle als Kriegshauptmann der Stadt Augsburg an, die ihm allein als Ruhegehalt 200 Gulden j\u00e4hrlich brachte. Ansonsten widmete er sich dem Ausbau von Burtenbach und den \u00fcblichen kleinen Fehden und Rechtsstreitigkeiten, die so ein Besitz mit sich brachte. Erst 1536 beteiligte er sich wieder als Hauptmann eines F\u00e4hnleins Landsknechte im Dienst des Kaisers an dem erfolglosen Feldzug gegen Marseille. &#8222;Ist ein j\u00e4mmerlicher Zug Hungers halb gewest und kein Feind nie an uns gekommen,&#8220; schreibt er. Dennoch scheint er gute Beute gemacht zu haben, denn er brachte 5.000 Gulden mit nach Hause, und das bei einem Monatssold von 100! Auf diese Art ging es weiter. Bei jedem Krieg gegen T\u00fcrken oder Franzosen und einigen Fehden im Reich war er dabei und verdiente sein Geld. Er muss sich aber auch als Stratege und Organisator bew\u00e4hrt haben, denn er machte Karriere. 1544 wurde er kaiserlicher Gro\u00dfmarschall, erhielt f\u00fcr sich 300 Gulden monatlich und den Sold f\u00fcr ein umfangreiches Gefolge. &#8222;In Summa, ich bin gehalten worden wie ein F\u00fcrst,&#8220; schreibt er stolz. In dieser Position begann er dann damit, seinen \u00e4ltesten Sohn Hans Bastian unter seinem Kommando zu verwenden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"360\" height=\"399\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/hauptmann.jpg\" alt=\"Landsknechte verhandeln\" class=\"wp-image-654\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/hauptmann.jpg 360w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/hauptmann-271x300.jpg 271w\" sizes=\"auto, (max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So h\u00e4tte es eigentlich weitergehen k\u00f6nnen, wenn Schertlin nicht pl\u00f6tzlich mehr auf die \u00dcberzeugung als auf das Geld geachtet h\u00e4tte. Aber 1546 wurde er Protestant und geriet dadurch in die gro\u00dfe Auseinandersetzung zwischen Karl V. und den protestantischen Reichsf\u00fcrsten. Als erfahrener Kriegsmann wurde er zu einem der wichtigsten Hauptleute des Schmalkaldischen Bundes. Nicht dass er es umsonst gemacht h\u00e4tte. Er erhielt jetzt sogar 400 Gulden im Monat und hatte 12 Leibw\u00e4chter, zwei Planwagen, 14 Pferde, Trommler, Pfeifer und 35 Personen Gesinde. Dennoch h\u00e4tte er sich einfach heraushalten k\u00f6nnen, oder geschickt zwischen den Fronten lavieren. Im Gegensatz zu vielen protestantischen F\u00fcrsten, die den offenen Kampf vermeiden wollten und lieber heimlich verhandelten, bem\u00fchte sich Schertlin &#8211; allerdings vergeblich &#8211; um eine offensive Kriegsf\u00fchrung. Nach der vernichtenden Niederlage der Protestanten 1547 in der Schlacht bei M\u00fchlberg traf ihn deshalb der ganze Zorn des Kaisers. Schertlin, der den Krieg in S\u00fcddeutschland gef\u00fchrt hatte, musste sich deshalb mit seiner Familie und dem, was er an Hausrat mit sich f\u00fchren konnte, nach Basel absetzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er war nicht lange dort, als Gesandte des neuen franz\u00f6sischen K\u00f6nigs Heinrich II. mit ihm Kontakt aufnahmen, ihm Geschenke \u00fcberbrachten und anfragen lie\u00dfen, &#8222;wieviel Kriegsleut er ihm wisse zuf\u00fchren.&#8220; Schertlin war inzwischen im Reich ge\u00e4chtet und sein Besitz beschlagnahmt. Zudem brauchte er auch in der Schweiz etwas Protektion, da vor allem die katholischen St\u00e4dte an seiner Ausweisung arbeiteten. Und so trat Schertlin wie viele Protestanten im Exil in die Dienste Frankreichs Seinen Sohn Hans Bastian besch\u00e4ftigte er als Hauptmann, und den j\u00fcngeren schickte er nach Orleans &#8222;zu studieren und die Sprach zu lernen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anfangs waren seine Aufgaben haupts\u00e4chlich diplomatischer Art. Als Kenner der protestantischen Szene im Reich, sollte er versuchen m\u00f6glichst viele F\u00fcrsten und St\u00e4dte f\u00fcr ein B\u00fcndnis mit Frankreich zu gewinnen. Erst als Frankreich 1552 offen in den Krieg eintrat, waren wieder seine F\u00e4higkeiten als Landsknechtsf\u00fchrer gefragt. Allerdings brachte die Werbung aus dem Ausland eine Menge Probleme mit sich. Emp\u00f6rt stellte er fest: &#8222;Ich habe mein Regiment nur mit solcher M\u00fche und Arbeit zusammengebracht, wie es mir mein Leben lang nie geschehen ist, weil mir die \u00d6sterreichischen im Elsa\u00df, Sundgau, Breisgau, Hegau und in W\u00fcrttemberg alle P\u00e4sse derma\u00dfen verlegt, bewacht und versperrt hatten, da\u00df ich mit aller Marter nur acht schwache F\u00e4hnlein Knechte aufbringen konnte. Acht Hauptleute und etwa 3.000 Knechte sind mir gefangen genommen worden, und wollte ich acht F\u00e4hnlein aufrichten, so mu\u00dfte ich etliche hundert Eidgenossen nehmen.&#8220; Mit den Knechten waren Werbegeld, Laufgeld und Ausr\u00fcstung verloren. Aber Schertlins Ruf folgten immer wieder gen\u00fcgend Knechte \u00fcber die Grenzen nach Frankreich, die er dann erfolgreich gegen die Habsburger f\u00fchrte. Die Beschreibung seiner Kriegstaten in Lothringen und Flandern in franz\u00f6sischen Diensten ist eine Reihung grausamer Schl\u00e4chtereien: &#8222;hab die Feind gesucht, alle Kirchh\u00f6f gest\u00fcrmt, die besetzt waren, und alle D\u00f6rfer und H\u00e4user gepl\u00fcndert, totgeschlagen und verbrannt. [\u2026] Wir haben vollends alle D\u00f6rfer verbrannt und das Land gar verderbt. [\u2026] Wir han die Stadt zu Pulver verbrannt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"360\" height=\"474\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/schertlin.jpg\" alt=\"Sebastian Schertlin\" class=\"wp-image-645\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/schertlin.jpg 360w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/schertlin-228x300.jpg 228w\" sizes=\"auto, (max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Krieg lief f\u00fcr den Kaiser katastrophal, und da auch Schertlin mit der Bezahlung in Frankreich nicht richtig zufrieden war, war bald beiden an einer Auss\u00f6hnung gelegen. Man muss Schertlin allerdings zu gute halten, dass er die Forderung des Kaisers, sofort gegen Frankreich zu k\u00e4mpfen, ablehnte: &#8222;Dieweil mich die Kron Frankreich in meinen N\u00f6ten conserviert, mir Gutes getan, viel geschenkt und gegeben h\u00e4tt, wollte ich mich in dem n\u00e4chstfolgenden Jahre nit darwider gebrauchen lassen; es st\u00fcnde mir nit ehrlich an.&#8220; Man wurde sich dennoch einig. Schertlin wurde voll amnestiert und erhielt auch Burtenbach zur\u00fcck. Der K\u00f6nig von Frankreich gab ihm einen ehrenvollen Abschied und nat\u00fcrlich eine gute Abfindung. Sein Landsknechte blieben aber in Frankreich und dienten dort unter dem Rheingrafen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu Hause widmete sich Schertlin wieder dem Ausbau seiner G\u00fcter und der Karriere seiner Kinder. H\u00f6here milit\u00e4rische \u00c4mter, die ihm angetragen wurden, lehnte er aus Gesundheitsgr\u00fcnden ab. Er hatte zwar weiterhin einige &#8222;H\u00e4ndel&#8220; mit anderen Adligen, die Kriege \u00fcberlie\u00df er aber seinen S\u00f6hnen, von denen der j\u00fcngere 1568 in den Niederlanden fiel. &#8222;Er ist ritterlich umkommen,&#8220; schreibt er dazu. In hohem Alter diktierte er dann zufrieden auf eine ruhmreiche Vergangenheit zur\u00fcckblickend, seine Erinnerungen. Man sucht darin vergeblich nach Bedenken, gegen den Kaiser Krieg gef\u00fchrt zu haben, oder nach Anzeichen von Mitgef\u00fchl mit seinen Opfern. Schertlin berichtet mit geradezu erschreckender N\u00fcchternheit von einem Handwerk, das er voll Stolz auf seine T\u00fcchtigkeit aber ohne weitere Emotionen ausf\u00fchrte. Aber auch die eigenen Leiden und Entbehrungen sind ihm nicht viele Worte wert, denn sie geh\u00f6rten ebenfalls zum Gesch\u00e4ft. So schreibt er zum Beispiel lediglich, dass bei einem Feldzug der &#8222;halbe Haufe&#8220; &#8211; das waren immerhin 12.000 Mann &#8211; am Hunger gestorben sei. Viel wichtiger war ihm das Geld. In weiten Teilen gleicht seine Autobiographie einem Rechnungsbuch. Immer wieder listet er auf, wie viel Gulden er bei einem Feldzug &#8222;erworben&#8220;, &#8222;verdient&#8220; oder &#8222;erarbeitet&#8220; hatte, seine Beute und seine Geschenke, seine Bewirtungskosten, Ausgaben und Verluste. Als er sp\u00e4ter seine beiden S\u00f6hne besch\u00e4ftigte, kam nat\u00fcrlich noch ihr Verdienst hinzu, und man erkennt deutlich den Stolz des Vaters auf das Geld, das sie &#8222;erobert&#8220; hatten. Schertlin war zwar auch ein beinharter und eiskalter Krieger, aber in erster Linie war er Gesch\u00e4ftsmann.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\">\u00a9 Frank Westenfelder &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Landsknecht und Kriegsunternehmer.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":847,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,67],"tags":[82,81],"class_list":["post-642","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","category-neuzeit-artikel","tag-kriegsunternehmer","tag-landsknechte"],"blocksy_meta":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.9 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Sebastian Schertlin - Kriegsreisende<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/sebastian-schertlin\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Sebastian Schertlin - 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