{"id":5802,"date":"2026-07-30T08:39:38","date_gmt":"2026-07-30T08:39:38","guid":{"rendered":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/?p=5802"},"modified":"2026-07-30T08:39:39","modified_gmt":"2026-07-30T08:39:39","slug":"cabrera","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/cabrera\/","title":{"rendered":"Cabrera"},"content":{"rendered":"\n<h4 id=\"Die_Todesinsel_der_Gefangenen\" class=\"wp-block-heading\">Die Todesinsel der Gefangenen.<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Nach der Niederlage von Bail\u00e9n wurden ca. 12.000 Gefangene des franz\u00f6sischen Armeekorps auf der Baleareninsel Cabrera interniert. Von Napoleon vergessen starb der Gro\u00dfteil an den Entbehrungen. Viele Nichtfranzosen lie\u00dfen sich jedoch von Engl\u00e4ndern und Spaniern als S\u00f6ldner anwerben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Spanien wurde die Situation der napoleonischen Truppen vorwiegend vom grausamen Kleinkrieg (das Wort &#8222;Guerilla&#8220; ist dort entstanden) gegen die Partisanen bestimmt, dem Schutz der langen Transportwege und der Kontrolle des ausgedehnten Landes. Gefangene wurden dabei eher selten gemacht. Die einzige bedeutende Ausnahme war die Schlacht bei Bail\u00e9n, wo im Juli 1808 ein ganzes franz\u00f6sisches Armeekorps kapitulierte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem Napoleon seinen Bruder zum spanischen K\u00f6nig gemacht hatte, hatten sich die anfangs mit Frankreich verb\u00fcndeten Spanier gegen die franz\u00f6sische Vorherrschaft erhoben. Die Aufst\u00e4nde in Madrid und im Norden waren schnell niedergeschlagen worden. General Dupont sollte dann mit einem Korps den S\u00fcden unterwerfen, wo bislang keine franz\u00f6sischen Truppen gestanden hatten. Dupont konnte zwar zuerst noch Cordoba pl\u00fcndern, doch dann zeigte sich schnell, dass seine Kr\u00e4fte zur Kontrolle des weiten Landes absolut unzureichend waren. Von seinen Nachschublinien abgeschnitten, wollte er sich langsam nach Norden zur\u00fcckziehen, was die Spanier dann bei Bail\u00e9n verhinderten. Alle Versuche die feindlichen Stellungen zu durchbrechen mussten nach schweren Verlusten aufgegeben werden. Eingekesselt und knapp an Wasser und Lebensmitteln sah Dupont schlie\u00dfen keine andere Alternative mehr, als sich mit seinem ganzen Korps zu ergeben<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"541\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/bailen.jpg\" alt=\"Kapitulation der Franzosen bei Bail\u00e9n 1808\" class=\"wp-image-5815\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/bailen.jpg 800w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/bailen-300x203.jpg 300w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/bailen-768x519.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">das franz\u00f6sische Korps ergibt sich bei Bail\u00e9n 1808<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ungef\u00e4hr 18.000 Mann kamen so in Gefangenschaft, allerdings waren die Bedingungen ausgesprochen g\u00fcnstig. Die franz\u00f6sischen Truppen sollten nach ihrer Entwaffnung bald m\u00f6glichst per Schiff nach Frankreich repatriiert werden. Gegen diese Vereinbarung erhob jedoch Gro\u00dfbritannien, Spaniens wichtigster Verb\u00fcndeter, vehement Einspruch. Als sich anschlie\u00dfend die milit\u00e4rische Lage f\u00fcr Spanien zunehmend verschlechterte, war auch hier die regierende Junta nicht mehr bereit, Napoleon seine Soldaten einfach so zur\u00fcckzugeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl es bei den Kapitulationsverhandlungen der Offiziere noch geradezu ritterlich zugegangen war, folgte das Martyrium der Soldaten praktisch auf dem Fu\u00df. Der Els\u00e4sser Philipp Schwein, der in einem franz\u00f6sischen Linienregiment in Gefangenschaft geraten war, schreibt, dass sofort nach der Abgabe der Waffen spanische Soldaten damit begannen franz\u00f6sische Soldaten zu ermorden oder langsam zu Tode zu qu\u00e4len. Anschlie\u00dfend wurden die Gefangenen im Triumphzug durch Cordoba getrieben, wo sie selbst noch kurz zuvor aufs grausamste gehaust hatten. Einzelne Soldaten wurden von der fanatischen Menge aus der Kolonne gezerrt und f\u00f6rmlich in St\u00fccke gerissen. Auch beim folgenden langen Marsch nach C\u00e1diz wurden Nachz\u00fcgler und Verletzte erbarmungslos von der aufgebrachten Bev\u00f6lkerung ermordet.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Die Pontons von C\u00e1diz<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei C\u00e1diz wurden die Gefangenen dann zum Teil in Festungskasematten untergebracht. Da dort aber f\u00fcr diese Masse nicht genug Platz war, kam der Gro\u00dfteil auf sogenannte Blockschiffe, die ber\u00fcchtigten &#8222;Pontons von C\u00e1diz&#8220;, gro\u00dfe ausrangierte Kriegsschiffe, die ohne Masten und Takelage in der Bucht verankert waren. Waren die Kasematten schon \u00fcble L\u00f6cher, so wurden sie doch durch die Blockschiffe um ein Vielfaches \u00fcbertroffen. Auf jedem waren zwischen 1.200 und 1.500 Mann zusammengepfercht. Unter Deck war alles feucht und voll von schwarzem, stinkenden Schlamm. Alles war voller Ungeziefer, es gab kaum ausreichend Luft zum Atmen und tags\u00fcber herrschte eine furchtbare unertr\u00e4gliche Hitze. Schnell verbreiteten sich Krankheiten wie Ruhr, Typhus, Skorbut, dazu kamen Entz\u00fcndungen, Rheuma und vieles mehr. Die \u00e4u\u00dferst knappe Nahrung bestand aus schimmeligem Biskuit, verdorbenem Fleisch, ein paar Bohnen und ranzigem Fett. Diese Umst\u00e4nde forderten ihre Opfer; 15-20 Gefangene starben t\u00e4glich. Oft blieben die Leichen tagelang an Bord, bis sie endlich abgeholt wurden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"443\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/prison_hulk.jpg\" alt=\"Gefangenen Schiff\" class=\"wp-image-5817\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/prison_hulk.jpg 600w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/prison_hulk-300x222.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Gefangenenschiff<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wachmannschaften bestanden zu guten Teilen aus ehemaligen Galeerenstr\u00e4flingen, die sich an den &#8222;Franzosen&#8220; f\u00fcr erduldete Leiden revanchieren und dabei auch gleich noch ihren Patriotismus unter Beweis stellen konnten. Wie allzu oft unter solchen Bedingungen fanden sich die schlimmsten Ausbeuter und Sadisten unter den Gefangenen selbst. Da das Gl\u00fccksspiel die einzige Abwechslung in dem stupiden Dahind\u00e4mmern bot, wurde jeden Abend gespielt. Diejenigen, die ausreichend Erfahrung oder das n\u00f6tige Kleingeld hatten, dominierten bald als Bankhalter das Gesch\u00e4ft und nahmen den anderen buchst\u00e4blich das letzte Hemd ab. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Verlierer wurden v\u00f6llig erniedrigt, mussten alle m\u00f6glichen Dienste verrichten und in letzten L\u00f6chern schlafen. Dabei konnte es nat\u00fcrlich nicht ausbleiben, dass die St\u00e4rksten nun mit Gewalt ihren Anteil am Kuchen einforderten. Ein Franzose schreibt dazu: &#8222;Der Gewinn der Bankhalter erregte die Begier der Strauchdiebe und Fechtmeister, die sich verb\u00fcndeten und behaupteten, dass ihnen allein das Recht zust\u00fcnde, Bank zu halten.&#8220; Die Bankhalter mussten daraufhin Schutzgeld bezahlen und pressten gemeinsam mit den Schl\u00e4gern die anderen Gefangenen aus. Schlie\u00dflich nahm die Ausbeutung so zu, dass die Gefangenen dagegen rebellierten und zwei der Schlimmsten mit Steinen halb totschlugen, wonach die Lage etwas besser wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch der Aufenthalt auf den Pontons war nur von relativ kurzer Dauer. Als sich das Kriegsgl\u00fcck wendete und Napoleons Truppen wieder erfolgreich nach S\u00fcden vorstie\u00dfen, beschloss man einen Gro\u00dfteil der Gefangenen auf die sicheren Balearen zu bringen. Da sich aber die dortigen Beh\u00f6rden nicht mit so einer gro\u00dfen Anzahl Gefangener belasten wollten, m\u00f6glicherweise auch einen Aufstand bef\u00fcrchteten, wurden sie nicht auf den gr\u00f6\u00dferen Inseln untergebracht, sondern auf das unbewohnte Cabrera transportiert.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Cabrera<\/h5>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"376\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/cabrera-hafen.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5820\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/cabrera-hafen.jpg 600w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/cabrera-hafen-300x188.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Cabrera: Hafen mit Soldatenh\u00fctten<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Cabrera ist eine karstige Felseninsel mit einer Fl\u00e4che von etwa 16 Quadratkilometern, auf der kaum etwas gr\u00f6\u00dferes w\u00e4chst als Str\u00e4ucher und B\u00fcsche. Da an Flucht nicht zu denken war, wurden die Gefangenen an Land gesetzt und sich weitgehend selbst \u00fcberlassen. Lediglich alle vier Tage &#8211; wenn es das Wetter erlaubte &#8211; kam das &#8222;Brotschiff&#8220; vom nahe gelegenen Mallorca und brachte Lebensmittel. Theoretisch sollte jeder f\u00fcr vier Tage sechs Pfund Brot, zwei Pfund Ackerbohnen (Favas) und einen L\u00f6ffel \u00d6l erhalten. Allerdings wurde bereits bei der Anlieferung betrogen, sodass meistens wesentlich weniger ankam. Diejenigen Gefangenen, die die Verteilung der Lebensmittel kontrollierten, zweigten nat\u00fcrlich auch noch einmal gut f\u00fcr ihren Bedarf ab. Damit konnten sie sogar eine schlagkr\u00e4ftige Truppe von Leibw\u00e4chtern unterhalten, sodass jeder Protest sinnlos war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mehr noch als in fast allen Gefangenenlagern war das Essen das fundamentale Problem. Manche verschlangen sofort nach der Ausgabe ihre gesamte Ration und litten dann tagelang Hunger. Andere versuchten zu fischen oder zu &#8222;jagen&#8220; &#8211; Eidechsen und Ratten standen hoch im Kurs. Einige verf\u00fcgten \u00fcber Geld und konnten damit ihre Rationen aufbessern und sogar andere f\u00fcr sich arbeiten lassen. Nat\u00fcrlich waren auch gut erhaltene Uniformst\u00fccke oder andere Ausr\u00fcstungsgegenst\u00e4nde einiges wert. Bei dem allgegenw\u00e4rtigen Klein- und Tauschhandel war eine Fava die kleinste W\u00e4hrung; eine Ratte war f\u00fcr 25 zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deshalb versuchten viele, mit allen m\u00f6glichen handwerklichen T\u00e4tigkeiten zu ein wenig Geld zu kommen. Aus Buchsbaumholz schnitzten sie L\u00f6ffel und kleine Dosen, aus den Knochen ihrer toten Kameraden Kn\u00f6pfe, sie flochten K\u00f6rbe, sammelten Salz und bearbeiteten angeliefertes Leder. F\u00fcr die Abnahme sorgte die Besatzung des Brotschiffes, die nebenher einen regelrechten Laden mit Knoblauch, Zwiebeln, Reis, Speck, T\u00f6pfen und nat\u00fcrlich Wein und Tabak unterhielt &#8211; selbstverst\u00e4ndlich zu exorbitanten Preisen. Die verbreitetste T\u00e4tigkeit war jedoch der Gartenbau. Die meisten Soldaten bearbeiteten in kleinen Gruppen einen Garten, in dem sie vor allem Gem\u00fcse und Bohnen anbauten. Das Problem war dabei jedoch das relativ knappe Trinkwasser, sodass im Sommer nichts gepflanzt werden konnte. Au\u00dferdem lieferte der karge Boden nur sp\u00e4rliche Ertr\u00e4ge, die zudem von Jahr zu Jahr geringer ausfielen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"459\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/cabrera-hohle.jpg\" alt=\"Gegangene in einer H\u00f6hle\" class=\"wp-image-5821\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/cabrera-hohle.jpg 600w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/cabrera-hohle-300x230.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Gegangene in einer H\u00f6hle<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleich nach der Produktion von Lebensmitteln war der Bau einer H\u00fctte die wichtigste Aufgabe. Auch hier taten sich normalerweise einige Soldaten zusammen und errichteten kleinere H\u00fctten. Das Klima auf Cabrera ist zwar relativ angenehm, dennoch kann es im Winter empfindlich kalt werden &#8211; es kann sogar schneien &#8211; und im Sommer ben\u00f6tigt man Schutz vor der Sonne. Da die spanischen Beh\u00f6rden weder Baracken gebaut noch Baumaterial geliefert hatten, mussten sich die Gefangenen mit Feldsteinen, Treibholz und Buschwerk selbst behelfen. Es war eine \u00e4u\u00dferst m\u00fchselige Arbeit, und die Pl\u00e4tze in den erb\u00e4rmlichen H\u00fctten wurden teuer verkauft, wenn einer der Anteilseigner starb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Abgesehen von einigen wenigen, die \u00fcber ausreichend Geld verf\u00fcgten oder es sich irgendwie beschaffen konnten, reichten bei den allermeisten die mageren Ertr\u00e4ge der G\u00e4rtchen oder der Heimarbeit nur selten aus um sich ausreichend zu ern\u00e4hren. Besonders schlimm wurde es, wenn jemand krank oder einfach ein Opfer der allgemein verbreiteten Depressionen wurde. Wer in diesem Fall keine Kameraden hatte, die sich um ihn k\u00fcmmerten, dem war der Tod sicher. Tausende starben, vorwiegend am Hunger. Wie schlimm die Situation war, wird durch einzelne Berichte \u00fcber Kannibalismus an Leichen unterstrichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es geh\u00f6rte sicher eine geh\u00f6rige Portion Selbstdisziplin dazu, sich in dieser desolaten Situation nicht komplett gehen zu lassen, sich seine kargen Rationen einzuteilen, den Garten zu pflegen und m\u00f6glichst noch anderen T\u00e4tigkeiten nachzugehen. Nicht alle konnten diese Energie aufbringen. Einige hundert konnten sich offenbar nicht dazu aufraffen eine H\u00fctte zu bauen, sie lebten in einer gro\u00dfen H\u00f6hle. Die meisten waren komplett nackt, da sie alle Uniformst\u00fccke versetzt hatten. Die anderen nannten diese schmutzigen, b\u00e4rtigen fast zum Skelett abgemagerten Gestalten &#8222;Tartaren&#8220;. Meistens kauerten sie in ihrer H\u00f6hle apathisch um ein kleines Feuer. Nachts versuchten sie manchmal, bei den anderen etwas Essbares zu stehlen. Denjenigen die erwischt wurden, schnitt man beim ersten mal die Ohren ab, beim zweiten mal wurden sie get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Frauen auf Cabrera<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einer der aus heutiger Sicht seltsamsten Aspekte des Lebens auf Cabrera war sicher die Anwesenheit von Frauen. Zwar waren Frauen in allen Armeen, Garnisonen und eben auch Gefangenenlagern pr\u00e4sent, dennoch r\u00fccken sie durch das Elend und die Tristesse auf Cabrera in ein ganz besonderes Licht. Insgesamt sollen 21 Frauen auf Cabrera gewesen sein. Alle waren als Marketenderinnen, so genannte &#8222;Vivandi\u00e8res&#8220;, mit Duponts Korps bei Bail\u00e9n in Gefangenschaft geraten. Nat\u00fcrlich waren sie als Frauen davon pers\u00f6nlich nicht betroffen, und die meisten Vivandi\u00e8res werden wieder nach Madrid gezogen sein. Diese 21 jedoch waren ihren M\u00e4nnern treu auf die Pontons nach C\u00e1diz gefolgt und dann weiter nach Cabrera.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"520\" height=\"537\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/vivandiere.jpg\" alt=\"Vivandi\u00e8re\" class=\"wp-image-5823\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/vivandiere.jpg 520w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/vivandiere-300x310.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 520px) 100vw, 520px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Vivandi\u00e8re zu besseren Zeiten<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die meisten waren Franz\u00f6sinnen aber es gab auch mindestens zwei Deutsche, eine Polin und eine Spanierin. Auf Cabrera widmeten sich fast alle zumindest gelegentlich der Prostitution, einige freiwillig, andere wurden von ihren M\u00e4nnern dazu angehalten. Dadurch verschafften sie sich das notwendige Kapital, um einen Weinhandel oder gar so etwas wie eine &#8222;Kantine&#8220; aufzuziehen, deren Popularit\u00e4t nat\u00fcrlich auch von der Attraktivit\u00e4t der Wirtin abhing. So verdiente die alte Marie zwar auch etwas als Prostituierte und als Branntweinh\u00e4ndlerin, endete aber als W\u00e4scherin. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die junge und h\u00fcbsche &#8222;la Jacquette&#8220; &#8211; so genannt nach ihrem Mann dem Artilleristen Jaquette, dagegen machte wesentlich bessere Gesch\u00e4fte. Als die sch\u00f6nste galt allerdings Ang\u00e9lique. Nachdem sie ihren Mann bereits auf den Pontons verloren hatte, lebte sie mit einem Sergeanten zusammen, der \u00fcber Geld verf\u00fcgte und einen Weinhandel hatte. Auf Cabrera betrieb sie die popul\u00e4rste Kantine das &#8222;Palais Royal&#8220;. Schlie\u00dflich verkaufte sie der Sergeant aber f\u00fcr 300 Francs cash und 3.000 weitere sp\u00e4ter zahlbar in Frankreich an Baron de Schaumburg, der sich unsterblich in sie verliebt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Solche &#8222;Kapitalisten&#8220;, wie die Chronisten sie nennen, waren aber \u00e4u\u00dferst seltene Ausnahmen. Die gro\u00dfe Masse lebte wie gesagt am Rande des Hungertodes, und alle Neuank\u00f6mmlinge berichten schockiert von den halb nackten, abgezehrten Gestalten, die mit ihren langen B\u00e4rten die Insel bev\u00f6lkerten. Napoleon hatte sie abgeschrieben und dachte nicht daran, auch nur ein Kriegsschiff f\u00fcr ihre Befreiung zu riskieren. Weitgehend vergessen waren sie f\u00fcr die restliche Welt lediglich noch unter einem Aspekt interessant: als potenzielle Rekruten.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Rekrutierung als Ausweg<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders empf\u00e4nglich f\u00fcr die Werber waren nat\u00fcrlich die Ausl\u00e4nder und &#8222;Beutefranzosen&#8220;, die teilweise sogar in regul\u00e4ren franz\u00f6sischen Einheiten dienten. So hatte Napoleon erst kurz zuvor Frankreichs Grenzen bis zum Rhein ausgedehnt, wodurch viele Deutsche und Niederl\u00e4nder in franz\u00f6sischen Linienregimentern als Konskribierte dienen mussten. Dazu kamen die Ausl\u00e4nder, die die Franzosen unter ihren eigenen Gefangenen rekrutiert hatten und schlie\u00dflich noch die Verb\u00fcndeten und S\u00f6ldner. So hatten zu Duponts Korps auch zwei Schweizerregimenter geh\u00f6rt, die vorher in spanischen Diensten gestanden hatten und dann in Madrid mit leichtem Zwang und Versprechungen ins franz\u00f6sische Heer eingegliedert worden waren. Dazu kamen Deutsche verschiedenster Herkunft, Polen und Italiener. Als die K\u00e4mpfe in Katalonien sp\u00e4ter wieder aufflammten, kamen neue Gefangene nach Cabrera, darunter Rheinbundtruppen, Nassauer und Anhalter.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"624\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/cabrera-brotschiff.jpg\" alt=\"Ankunft des Brotschiffs\" class=\"wp-image-5824\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/cabrera-brotschiff.jpg 500w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/cabrera-brotschiff-300x374.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">das Brotschiff kommt<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf spanischer Seite stellten Schweizer und Wallonische Garden zwar die besten Truppen, da aber beide schon seit einiger Zeit keinen Nachschub mehr aus der Heimat erhielten, waren sie l\u00e4ngst dazu \u00fcbergegangen, f\u00fcr den notwendigen Ersatz Kriegsgefangene zu rekrutieren. Der Els\u00e4sser Schwein, der die Schweizerregimenter in Madrid sah, nannte sie &#8222;deutsche Regimenter&#8220;, da sie zum Gro\u00dfteil aus preu\u00dfischen und \u00f6sterreichischen Gefangenen bestanden, die die Spanier vorher in franz\u00f6sischen Lagern gekauft hatten, als beide Nationen noch verb\u00fcndet waren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Schlacht bei Bail\u00e9n gingen dann viele franz\u00f6sische &#8222;Schweizer&#8220; zu den Schweizerregimentern in spanischen Diensten \u00fcber. Doch damit war der Personalbedarf dieser alten S\u00f6ldnerregimenter nat\u00fcrlich noch lange nicht gedeckt. Die ersten Werber erschienen deshalb bereits auf den Pontons von C\u00e1diz, hatten aber keinen Erfolg, da die Gefangenen wegen der schlechten Behandlung sehr antispanisch eingestellt waren und sich wahrscheinlich auch noch Hoffnungen auf eine baldige Befreiung machten. Auf Cabrera stellten sich dann immer wieder englische und spanische Werber ein und versprachen reichlich Essen und guten Sold. W\u00e4hrend sie jedoch bei den echten Franzosen relativ geringen Erfolg hatten, waren Napoleons Alliierte da wesentlich offener.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einer der besten Werber war anscheinend ein \u00f6sterreichischer Baron von Alberti, der 1811 als spanischer Rittmeister Landsleute f\u00fcr neue Regimenter rekrutiere. Von einer Kompanie Anhalter, die ein paar Monate zuvor bei Tarragona kapituliert hatte, konnte er gleich einen guten Teil anwerben. Nach ein paar Monaten kehrte er dann mit einigen, nun spanische Soldaten, zur\u00fcck. Als die Zur\u00fcckgebliebenen ihre ehemaligen Leidensgenossen gut gekleidet und gen\u00e4hrt erblickten und diese ihnen auch noch den spanischen Dienst in den sch\u00f6nsten Farben schilderten, lie\u00df sich fast der ganze Rest anwerben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Els\u00e4sser Schwein war da wesentlich hartn\u00e4ckiger. Er blieb selbst dann, noch als ein guter Teil seiner ehemaligen Kameraden sich hatte anwerben lassen. Erst nach drei Jahren nahm er schlie\u00dflich Dienst bei den Briten, da er gegen die Spanier immer noch starke Ressentiments hatte. Er wurde einem auf Sizilien stationierten Bataillon der <a href=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/wellenbrecher-bei-waterloo\/\">K\u00f6niglich Deutschen Legion<\/a> zugeteilt und verbrachte dort eine relativ ruhige Zeit bis Kriegsende.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die restlichen Gefangenen wurden erst 1814 nach Kriegsende nach Frankreich zur\u00fcckgebracht. Da bez\u00fcglich der Gefangenen keine ausf\u00fchrlichen Dokumente existieren, ist man auf teilweise recht grobe Sch\u00e4tzungen angewiesen. W\u00e4hrend Briten und Spanier die Trag\u00f6die logischerweise herunterspielen, kommen franz\u00f6sische Historiker auf wesentlich h\u00f6here Zahlen. Wahrscheinlich hatte man etwa 12.000 Gefangene auf die Insel gebracht, von denen knapp \u00fcber 4.000 nach Frankreich zur\u00fcckkehrten. Der Rest war elend umgekommen, bis auf diejenigen, die sich in alter S\u00f6ldnermanier vom Gegner hatten anwerben lassen. Wie viele es waren, wei\u00df nat\u00fcrlich auch niemand genau, will wahrscheinlich auch niemand wissen. In manchen modernen Texten werden sie immer noch als &#8222;Verr\u00e4ter&#8220; bezeichnet; wahrscheinlich h\u00e4tten sie Napoleon bis zum Hungertod die Treue halten sollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Offiziere hatten die Gefangenschaft \u00fcbrigens unter wesentlich angenehmeren Bedingungen in England \u00fcberstanden, und General Dupont durfte sogar wie vereinbart bald nach Bail\u00e9n nach Frankreich zur\u00fcckkehren. Dort fiel er zwar bei Napoleon in Ungnade und kam in Haft, weshalb er dann aber bei der Restauration schnell Karriere machte und sogar Kriegsminister wurde. In dieser Funktion wollte er die ungl\u00fccklichen Heimkehrer von Cabrera, an deren Schicksal er ja neben Napoleon der Hauptschuldige war, ins Exil nach Korsika schicken, was nur durch die Bev\u00f6lkerung Marseilles verhindert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right has-small-font-size wp-block-paragraph\">\u00a9 Frank Westenfelder &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Todesinsel der Gefangenen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5819,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[118,8],"tags":[115,58,149],"class_list":["post-5802","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-absolutismus-artikel","category-artikel","tag-kriegsgefangene","tag-napoleon","tag-spanien"],"blocksy_meta":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - 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