{"id":4948,"date":"2025-12-01T12:07:17","date_gmt":"2025-12-01T12:07:17","guid":{"rendered":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/?p=4948"},"modified":"2025-12-01T12:07:18","modified_gmt":"2025-12-01T12:07:18","slug":"ein-notorischer-deserteur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/ein-notorischer-deserteur\/","title":{"rendered":"Ein notorischer Deserteur"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Mit und gegen Napoleon.<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz des patriotischen Rummels, der w\u00e4hrend der napoleonischen Kriege in ganz Europa entfacht wurde, bestanden viele Regimenter nach wie vor aus Gepressten, untergesteckten Kriegsgefangenen, Deserteuren und einigen Leichtsinnigen, die sich aus Abenteuerlust hatten anwerben lassen. Denn nach wie vor war der Milit\u00e4rdienst gerade f\u00fcr Leute aus \u00e4rmeren Bev\u00f6lkerungsschichten eine der ganz wenigen M\u00f6glichkeiten etwas von der Welt zu sehen. Anders als in fr\u00fcheren Zeiten, wo ein S\u00f6ldner bef\u00fcrchten musste, den gr\u00f6\u00dften Teil seines Lebens mit stupidem Drill in ein und derselben Garnison zu verbringen, war durch Napoleon wieder Bewegung ins Soldatenleben gekommen, was auf manche eine nicht zu untersch\u00e4tzende Anziehungskraft aus\u00fcbte. Allen neuen Ideen zum Trotz trieben diese unverbesserlichen Landsknechte zwischen den Fronten, jagten nach Beute, desertierten, landeten in neuen Regimenter und wurden letzten Endes wie immer betrogen. Im Gegensatz zu den Patrioten, denen es nur selten besser erging, blieb ihnen jedoch einiges an Verbitterung erspart. Einer dieser notorischen Deserteure, die haupts\u00e4chlich aus Langeweile die Fahne wechselten, war der Berliner Karl. Er hat nichts von Heldentaten und glorreichen Abenteuern zu berichten, daf\u00fcr um so mehr von den verschlungenen Wegen des einfachen S\u00f6ldners.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"420\" height=\"477\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/waltz.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4964\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/waltz.jpg 420w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/waltz-300x341.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 420px) 100vw, 420px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl wurde 1786 in Berlin geboren. Er war der Sohn eines Handwerkers, erhielt eine relativ gute Schulbildung, lernte im Hugenottenviertel ganz passabel Franz\u00f6sisch und machte eine Buchdruckerlehre. Nach der preu\u00dfischen Niederlage wurde er jedoch arbeitslos, und da die inzwischen verwitwete Mutter die Kinder allein nur schwer durchbringen konnte, begab er sich auf die Wanderschaft. Zuerst ging er nach Leipzig, aber dort packte ihn das Fernweh, denn er wollte pl\u00f6tzlich weiter nach Frankreich. Er erschlich sich einen Mainzer Pass und zog ins Rheinland und von dort nach S\u00fcddeutschland. Das Wandern war relativ einfach: auf dem Land bettelte er, und in den St\u00e4dten erhielt er bei den Druckern immer eine Suppe und einen Zehrgroschen. Zum Milit\u00e4r zu gehen hatte er nur wenig Lust. Denn als er darauf aufmerksam gemacht wurde, dass ihn die Franzosen inzwischen als Mainzer rekrutieren w\u00fcrden, ver\u00e4nderte er in seinem Pass Mainz zu Massow in Pommern. Auch die Arbeit war ihm nicht mehr so wichtig. Er nahm nur noch Stellen an, wenn er v\u00f6llig abgebrannt war. So kam er schlie\u00dflich in die Schweiz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem er in Luzern mal wieder sein letztes Geld ausgegeben hatte, traf er drei neue Rekruten, die als Nachschub des an Spanien vermietetes Schweizerregiments &#8222;Traxler&#8220; angeworben worden waren. Bislang hatte er um das Milit\u00e4r zwar immer einen Bogen gemacht, aber die Aussicht nach Spanien zu kommen reizte ihn gewaltig. Da er zudem hungrig und abgebrannt war, hatten die drei nur wenig M\u00fche ihn in eine Kneipe zum Rekrutierungsoffizier zu bringen. Dort gab es gleich Schnaps, Brot und K\u00e4se, und nachdem er sein Handgeld erhalten hatte kapitulierte er f\u00fcr sechs Jahre. Dass f\u00fcr die spanische Armee nur Katholiken geworben werden durften, war kein gr\u00f6\u00dferes Problem. Der Offizier sagte ihm, er solle lernen, das Kreuz zu machen und setzte ihn als katholischen Breslauer auf die Liste. Das so genannte Schweizerregiment bestand zum Gro\u00dfteil aus Deutschen, Ungarn und Polen, Deserteuren, Handwerksburschen und Vagabunden wie Karl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als genug Rekruten beisammen waren, ging der Marsch unter F\u00fchrung eines Leutnants \u00fcber Genf, das Rhonetal und Montpelier zur Grenze bei Perpignan. Der Sold war gut und die Verpflegung reichlich. Da Karl anders als die meisten lesen und schreiben konnte und zudem in der Berliner Hugenottenkolonie Franz\u00f6sisch gelernt hatte, wurde er von dem Leutnant als Sekret\u00e4r besch\u00e4ftigt und hatte damit sogar noch einen Nebenverdienst. Unterwegs befreundete er sich mit einem Els\u00e4sser Tischler namens Berg, mit dem er gemeinsame Kasse machte, kochte und im Quartier das Bett teilte. Der Leutnant n\u00fctzte die gute Stimmung unter den Rekruten geschickt aus und \u00fcberredete alle noch um zwei Jahre zu verl\u00e4ngern. In Perpignan wurden die S\u00f6ldner von den Grenzposten gemustert, da alle von westlich des Rheins stammenden Rekruten von der franz\u00f6sische Armee beansprucht wurden. Der Leutnant bef\u00fcrchtete schon, einen Teil seiner kostbaren Ware zu verlieren, aber alle hielten sich an die Absprachen, und so wurde zum Beispiel aus dem Els\u00e4sser Berg ein Schwabe.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"434\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/schweizer-spanien.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4966\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Schweizer in Spanien<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Grund f\u00fcr diese &#8222;Loyalit\u00e4t&#8220; lag jedoch einzig in dem Wunsch, nach Spanien zu kommen, dort angekommen schwand sie schnell. In Barcelona wurden die Rekruten im Depot des Regiments untergebracht. Als kurz darauf die Franzosen einmarschierten, begannen bald die ersten zu diesen \u00fcberzulaufen, da dort gr\u00f6\u00dfere Freiheiten herrschten. Auch Karl und Berg entschlossen sich w\u00e4hrend eines Spaziergangs in der Stadt, die Fronten zu wechseln. Da f\u00fcr sie als Ausl\u00e4nder allerdings nur die franz\u00f6sischen Fremdenregimenter in Frage kamen, diskutierten sie ausf\u00fchrlich ihre Wahl. Zwar gab es auch in der franz\u00f6sischen Armee Schweizerregimenter, aber dort herrschte strenge Disziplin und vor allem noch die Pr\u00fcgelstrafe. Also meldeten sie sich bei einem neapolitanischen Regiment, wo sich nach und nach das halbe Rekrutendepot ihres alten Regiments einstellte. Frankreich und Spanien befanden sich noch nicht im Kriegszustand, und die Einheiten beider Armeen lagen zum Teil in denselben St\u00e4dten. Trotzdem gab es bereits genug Spannungen, so dass Deserteure nicht ausgeliefert wurden. Es war also f\u00fcr Unzufriedene von beiden Seiten \u00e4u\u00dferst einfach, die Fronten zu wechseln, und zumindest die echten S\u00f6ldner aus den Fremdenregimentern zeigten hier keinerlei Bedenken. Auch Christian berichtet, dass die gro\u00dfen Pl\u00fcnderungen in Madrid einen Gro\u00dfteil der S\u00f6ldner in den spanischen Schweizerregimentern zum \u00dcberlaufen bewegten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei den Neapolitanern erhielten Karl und Berg zwar gleich neue Uniformen und gute Verpflegung aber leider keinen Sold, der bei den Franzosen oft nur sehr unregelm\u00e4\u00dfig ausbezahlt wurde. Damit waren die Freuden der Gro\u00dfstadt \u00e4u\u00dferst eingeschr\u00e4nkt. Vor allem plagte sie die Langeweile. Statt weiter Reisen und aufregender Abenteuer sa\u00dfen sie ihre Zeit in der Garnison ab, und das ohne einen Heller in der Tasche. Da begegneten sie beim Flanieren in Stadt ihrem Wachtmeister aus dem Regiment Traxler. Dieser versprach ihnen volle Amnestie und sogar den Sold f\u00fcr die drei Wochen ihrer Abwesenheit, wenn sie zur\u00fcckkommen w\u00fcrden. Die Aussicht, endlich etwas Geld in die Finger zu bekommen, gab den Ausschlag, und sie willigten ein. Das \u00dcberlaufen zu den Spaniern war inzwischen allerdings etwas schwieriger, da die Franzosen die Stadt weitgehend unter ihrer Kontrolle hatten. Der Wachtmeister schmuggelte deshalb die R\u00fcckkehrwilligen als Bauern verkleidet aus der Stadt, wo man sie wieder in schweizer Uniformen steckte und dann in kleinen Gruppen zum Regiment nach Tarragona schickte. Doch beim Marsch wurden sie von einer neapolitanischen Patrouille aufgegriffen und wieder nach Barcelona gebracht. Auf dem R\u00fcckweg wurden noch vier weitere Deserteure gefasst, was auf einen regen Verkehr zwischen den Fronten schlie\u00dfen l\u00e4sst. Alle machten sich Sorgen, jetzt als Deserteure erschossen zu werden, aber die Neapolitaner wurden ihrem Ruf als laxe Truppe gerecht. Die H\u00e4ftlinge mussten lediglich versprechen nicht wieder zu desertieren und wurden dann wieder in ihre Kompanien gesteckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das langweilige Garnisonsleben fand sein Ende, als sich kurz darauf die Spanier gegen ihre Zwangsverb\u00fcndeten erhoben. Zu seinem Leidwesen musste Karl aber in der Garnison bleiben, als die ersten Truppenteile gegen die Aufst\u00e4ndischen ausr\u00fcckten. Neidisch beobachtete er, wie sie nach einigen Tagen beutebeladen und ohne Verluste zur\u00fcckkehrten. Zu seinem Gl\u00fcck war sein Freund Berg unter den Gl\u00fccklichen, und sie lebten mit dessen Anteil einige Tage in Saus und Braus. Doch auch Karl sollte noch zum Zug kommen. Kurz darauf r\u00fcckte das gesamte Regiment aus, und nach einem kleinen Scharm\u00fctzel mit Bauern, wurde deren Dorf als Strafe zur Pl\u00fcnderung freigegeben. Karl, der dabei anfangs noch ein schlechtes Gewissen hatte, tr\u00f6stete sich leicht mit den Worten: &#8222;Wo alles genommen wird, ist es dem, welcher beraubt wird, gleich wer es nimmt.&#8220; Allerdings war in dem kleinen Dorf nicht viel zu holen und die Soldateska besoff sich aus Stiefeln und M\u00fctzen. Nachdem die Weinf\u00e4sser zerschlagen und die Lebensmittel verschwendet waren, blieb praktisch nichts mehr \u00fcbrig.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"383\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/spanien-krieg.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4968\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/spanien-krieg.jpg 500w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/spanien-krieg-300x230.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Kriegsgr\u00e4uel in Spanien<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch Karl geriet jetzt in den spanischen Guerillakrieg, der von beiden Seiten mit bestialischer Grausamkeit gef\u00fchrt wurde. Dabei erlebte er Szenen, wie sie Goya in seinem Bilderzyklus &#8222;Die Schrecken des Krieges&#8220; festgehalten hat. Die Verrohung ging schnell, und Karl stellte verwundert fest, dass er, der in seiner Jugend kein Tier hatte t\u00f6ten k\u00f6nnen, jetzt ohne Gef\u00fchlsregung \u00fcber erschlagene Greise stieg. Doch zuerst war der Krieg ein lohnendes Gesch\u00e4ft. Meistens erhielten die S\u00f6ldner den ausdr\u00fccklichen &#8222;Befehl zum Pl\u00fcndern und Brennen&#8220;, um die Bev\u00f6lkerung gef\u00fcgig zu machen. Bei der verlustreichen Einnahme einer Kleinstadt begann sofort das gro\u00dfe Rauben. Karl und Berg drangen mit zwei Kameraden in das Haus eines Tabakh\u00e4ndlers und erbrachen alle Schr\u00e4nke und Kisten. Bei der Teilung der Beute erhielt jeder erhielt 800 Piaster, dazu schleppten sie Schinken, Speck und Wein aus der brennenden Stadt. Karl trug mit Berg ein kleines Fass. Ein Gro\u00dfteil der Beute wurde sofort verprasst, vergeudet oder beim Marsch weggeworfen. Blieb immer noch das Geld. 800 Piaster entsprachen 1.200 Talern und damit ungef\u00e4hr dem zwanzigfachen Jahresverdienst eines deutschen Gesellen, nach heutiger Kaufkraft also mehreren 100.000 Mark. Eine Summe mit der man sich in der Heimat durchaus eine Existenz aufbauen konnte. Karl h\u00e4tte zwar gerne einen Teil des Geldes nach Hause geschickt, da er aber wusste, dass es dort nie angekommen w\u00e4re, rann es ihm in Barcelona innerhalb weniger Wochen durch die Finger. Ein Teil wurde gestohlen, viel fra\u00df die Teuerung und mit dem Rest wurden Kameraden bei Gelagen und in den Freudenh\u00e4usern freigehalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie immer r\u00e4chten sich die Verw\u00fcstungen schnell. In Barcelona stiegen die Lebensmittelpreise in astronomische H\u00f6hen, und auf den M\u00e4rschen litten die Truppen wegen der vielen niedergebrannten D\u00f6rfer gro\u00dfe Not. Durstig dachte Karl an die zerschlagen F\u00e4sser und den versickerten Wein. Auch die Jagd auf wehrlose Bauern und die sich gegenseitig eskalierenden Vergeltungsaktionen machten ihm zunehmend Schwierigkeiten. Als er und seine Kameraden einmal die verst\u00fcmmelten Leichen zweier vermisster S\u00f6ldner in einem Kloster entdeckten, pl\u00fcnderten sie dieses vollst\u00e4ndig aus, h\u00e4ngten alle M\u00f6nche und kreuzigten den Prior am Tor. Kurz darauf ging Berg bei einem Sp\u00e4htrupp zu den Spaniern \u00fcber. Karl blieb in Barcelona, das immer enger eingeschlossen wurde. Er freundete sich jetzt mit einem Schweizer an, mit dem er gemeinsam zu den Spaniern \u00fcberlaufen wollte. Bei der Pl\u00fcnderung eines Dorfes schlugen sie sich dann getrennt in die B\u00fcsche. Als Karl die spanischen Vorposten erreichte rief er &#8222;Desertore&#8220; und wurde sogleich freundlich aufgenommen. In einer Schenke feierte man gemeinsam seinen Entschluss und \u00fcberstellte ihn dann dem Schweizerregiment &#8222;Wimpfen&#8220;, wo er auch seinen schweizer Kameraden wieder traf.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"398\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/spanien-cafe.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4969\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/spanien-cafe.jpg 500w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/spanien-cafe-300x239.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">ruhiges Leben in Katalonien<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Das Leben beim Spanischen Heere in Catalonien war jetzt ein sehr gutes: der Gemeine empfing t\u00e4glich sein gutes Brodt und zwanzig Quartos, womit er, bei der noch herrschenden Wohlfeilheit, wie ein kleiner Herr leben konnte&#8220;; stellte Karl zufrieden fest und war sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Doch bald darauf erhielten die Franzosen Verst\u00e4rkungen und schlugen die spanische Armee bei Valls. Mit den versprengten Resten, hart verfolgt von der franz\u00f6sischen Kavallerie, schlug sich Karl nach Tarragona durch. Dort tat er sich mit dem Berliner K\u00fcchel und einem W\u00fcrttemberger zusammen, da &#8222;gute Kameraden das Soldatenleben erleichtern&#8220;. Im Winter fiel ein Viertel der Garnison einer Seuche zum Opfer. Auch Karl wurde krank und vegetierte einige Zeit in einem v\u00f6llig verkommenen Lazarett, bis er sich wieder etwas erholt hatte. Danach wurde es besser. Mit einer kleinen Einheit wurde er in der Stadt Cervera stationiert. Das Land war noch vom Krieg verschont geblieben, Wein und Lebensmittel billig und die Bev\u00f6lkerung freundlich. Sp\u00e4ter dachte Karl an diese 15 Monate als seine beste Zeit im Ausland zur\u00fcck. Zu ihm und K\u00fcchel gesellten sich noch ein Bayer und ein Schweizer. Da sie nur wenig Wachdienst hatten, unternahmen sie weite Spazierg\u00e4nge durch die Felder und Weinberge, genossen die Trauben und Feigen und freundeten sich mit den Bauern an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch das Idyll war nicht von Dauer. Ab 1810 kam es wieder zu K\u00e4mpfen mit den Franzosen am Rand der Pyren\u00e4en und beim vergeblichen Entsatz des inzwischen belagerten Tarragona. Die Spanier vermieden die offene Schlacht, und beim Herumziehen im verw\u00fcsteten Hinterland von Tarragona wurden jetzt auch bei ihnen die Lebensmittel knapp. Den S\u00f6ldnern gefiel diese Hinhaltetaktik \u00fcberhaupt nicht. Es nagte an ihrem Selbstbewusstsein, sich st\u00e4ndig vor einem zahlenm\u00e4\u00dfig unterlegenen Gegner zur\u00fcckzuziehen. Karl bem\u00e4ngelte, dass die Spanier nur in der Verteidigung und mit vielfacher \u00dcbermacht k\u00e4mpfen w\u00fcrden. Auf diesen M\u00e4rschen starb K\u00fcchel an der Ruhr, wodurch dann auch die Freundschaft zu den anderen beiden zerfiel, deren Bindeglied K\u00fcchel gewesen war. Wieder allein schloss sich Karl einem Els\u00e4sser an, der in einem franz\u00f6sischen Regiment gedient hatte und als Gefangener gepresst worden war. Dieser \u00fcberredete ihn dazu, erneut \u00fcberzulaufen. Das war nicht schwierig, da Karl das sinnlose Lavieren der Spanier l\u00e4ngst satt hatte. Au\u00dferdem hatte das neapolitanische Regiment Spanien verlassen, so dass er keine Entdeckung bef\u00fcrchten musste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wieder erwies sich die ganze Aktion als nicht besonders schwierig. Auf dem Marsch versteckten sie sich im Wald und lie\u00dfen das Heer vorbeiziehen. Nachts schlichen sie dann durch ein Dorf zwischen den Fronten und lie\u00dfen dabei noch einen mit Weinschl\u00e4uchen beladenen Esel mitgehen, da die Spanier ja jetzt ihre Feinde waren. Als sie im Morgengrauen die franz\u00f6sischen Wachfeuer vor Tarragona erreichten, meldeten sie sich mit dem Ruf &#8222;Deserteurs&#8220;. Auch hier gab es gab einen freudigen Empfang, der mit einem gemeinsamen Umtrunk gefeiert wurde. W\u00e4hrenddessen fanden sich noch ein Unteroffizier mit seiner Frau und zwei Schweizer ein, die alle ebenfalls vom Regiment Wimpfen stammten. Karl lag also wieder einmal durchaus im Trend. Im franz\u00f6sischen Heer traf er seinen alten Freund Berg wieder, der schon vor einem Jahr zu Franzosen zur\u00fcckgekehrt war und sie nun nie mehr verlassen wollte. Berg \u00fcbernahm den Verkauf des Esels samt der restlichen Ladung. Der Erl\u00f6s wurde dann durch drei geteilt und man konnte nun anst\u00e4ndig das Wiedersehen begie\u00dfen. Die \u00dcberl\u00e4ufer wurden von franz\u00f6sischen Offizieren zu St\u00e4rke und Moral der spanischen Truppen befragt und erhielten eine Belohnung f\u00fcr die mitgebrachten Waffen. In den folgenden Tagen kamen noch einmal 19 Deserteure des Regiments Wimpfen hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber anscheinend waren die Franzosen nicht besonders knapp an Truppen; vielleicht war aber auch kein Fremdenregiment vor Ort. Denn Karl wartete vergeblich auf seine neue Uniform. Nur der Els\u00e4sser wurde als Franzose behalten; die anderen wurden mit einem Trupp spanischer Gefangener \u00fcber die Pyren\u00e4en geschickt. In Frankreich wurden sie nur noch von vier berittenen Gendarmen begleitet, erhielten t\u00e4glich eine Ration Brot und ein paar Sous. Je weiter sie sich von der Grenze entfernten, desto nachl\u00e4ssiger wurden ihre Bewacher. Trotzdem fl\u00fcchtete niemand, da es sehr schwierig war, ohne Papiere die Grenze zu erreichen. Auch die Bev\u00f6lkerung war freundlich und steckte den Gefangenen manchmal etwas zu Essen zu oder gab ihnen abgelegte Kleidungsst\u00fccke. Das Ziel war eine gro\u00dfe Kaserne in Auxerre, die zu einem Gefangenenlager umfunktioniert worden war. Erst hier fragte sich Karl so langsam, was dies eigentlich sollte. Schlie\u00dflich war er ein \u00dcberl\u00e4ufer und kein Gefangener. Als er den Kommandanten darauf ansprach, erkl\u00e4rt ihm dieser, dass eine Verwechslung passiert sein m\u00fcsse. Man hatte vergessen, ihn in den Marschpapieren separat als Deserteur auszuweisen; jetzt war daran leider nichts mehr zu \u00e4ndern. Er also pl\u00f6tzlich zu einem normalen Kriegsgefangenen geworden. Doch das Leben im Lager war leicht. Viele arbeiteten tags\u00fcber in der Stadt oder bei Bauern, um sich ein Zubrot zu verdienen. Karl litt aber bald wieder unter der Langeweile und beschloss mit einem Schweizer und einem Westfalen zu fliehen. Aber ohne P\u00e4sse kamen sie kamen nicht weit. Schon nach wenigen Tagen wurden sie von Bauern gefasst und ins Gef\u00e4ngnis gesteckt. Dort verbrachten sie einige ruhige Tage, bis sie wieder nach Auxerre gebracht wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlimmer wurde es als Karl mit einem Transport nach Lille verlegt wurde. Im Norden war das Land durch den Krieg viel ausgezehrter. Die K\u00e4lte in den Kasematten der alten Festung setzte den Gefangenen schwer zu und die Verwaltung bereicherte sich an ihrer Verpflegung. Zu Essen gab es fast nur halbgare Kartoffeln und viele starben an der Ruhr. Karl erkrankte ebenfalls schwer, erholte sich aber wieder. Zum Gl\u00fcck wurde er dann nach Douay verlegt, wo ein alter Invalide als Kommandeur f\u00fcr korrekte Verpflegung sorgte und das Abwiegen der Nahrungsmittel pers\u00f6nlich \u00fcberwachte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"520\" height=\"604\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/soldat-nap.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4970\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/soldat-nap.jpg 520w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/soldat-nap-300x348.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 520px) 100vw, 520px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Inzwischen hatte sich die politische Lage aber wieder einmal ge\u00e4ndert. Napoleon zog alle verf\u00fcgbaren Truppen f\u00fcr seinen Krieg gegen Russland zusammen, und so kam der Befehl, unter den Gefangenen Freiwillige als Verst\u00e4rkung f\u00fcr das Regiment Isemburg zu rekrutieren, das, nachdem es in Spanien v\u00f6llig aufgerieben worden war, nun in Italien neu aufgestellt wurde. Au\u00dfer Karl meldeten sich von den anderthalb tausend Gefangenen aber nur 60 Mann, allesamt erprobte Deserteure. Sie marschierten nach Metz, wo andere \u00e4hnliche Gruppen zu ihnen stie\u00dfen. Es war ein lockeres Leben. Es gab zwar weder Uniformen noch irgendwelche Dienstpflichten, daf\u00fcr aber Sold und reichlich Verpflegung. Das \u00e4nderte sich erst als Napoleon die Truppen in Metz inspizierte. Zum Schluss kam er zum Nachschub des Regiments Isemburg. Schweigend musterte er den buntscheckigen Haufen in den zerlumpten Uniformresten aller Armeen Europas, alten Bauernjacken und zerrissenen M\u00e4nteln. Man mag sich vorstellen wie er angesichts des zusammengelaufenen Gesindels die Nase ger\u00fcmpft hat. Jedenfalls wurden sie kurz darauf vollst\u00e4ndig montiert und nach Italien in Marsch gesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl war guter Dinge. Der Krieg oder die politische Lage interessierten ihn zwar \u00fcberhaupt nicht, aber endlich gab es wieder etwas zu sehen. Ausgiebig besichtigte er die St\u00e4dte und Sehensw\u00fcrdigkeiten auf dem Weg, bewunderte in Dijon den Palast der Herz\u00f6ge von Burgund und die &#8222;gigantischen, schauerlichen Natursch\u00f6nheiten&#8220; beim Weg \u00fcber den Mont Cenis. Selbst als er krank im Lazarett von Grenoble zur\u00fcckbleiben musste und dort gut gef\u00fcttert wurde, machte er sich so schnell wie m\u00f6glich wieder auf den Weg. Die Nachz\u00fcgler erhielten Kostgeld und mussten sich damit selbst durchschlagen. Das war ihm nur recht, denn dadurch hatte er auf seinem Weg noch gr\u00f6\u00dfere Freiheiten. Auf den Gedanken zu desertieren scheint er dabei nie gekommen zu sein. Doch als besoldeter Tourist war er rundum zufrieden, und Italien \u00fcbertraf alles, was er bislang gesehen hatte. Florenz war f\u00fcr ihn die sch\u00f6nste Stadt, die er je gesehen hatte. Dann besichtigte er Rom mit seinen ber\u00fchmten Pal\u00e4sten und Kirchen. Er war sich bewusst, dass dies f\u00fcr einen einfachen Soldaten wie ihn ein geradezu unerlaubtes Vergn\u00fcgen war, denn er schreibt: &#8222;Was soll ich von Rom sagen? &#8211; Gar nichts! werden die Gelehrten und Belesenen und dort Gewesenen meiner Leser antworten; Denn Du verstehst es doch nicht zu schildern.&#8220; Trotzdem lie\u00df er sich seine Neugier und Freude nicht nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Wandern endete im August 1812 mit seiner Ankunft bei einem Bataillon seines Regiments in Spoleto ein. Obwohl der Dienst dort sehr locker war, konnte er sich nach seiner Reise nicht mehr an das \u00f6de Garnisonsleben gew\u00f6hnen. Erstmalig in all den Jahren bekam er Heimweh und begann sich Gedanken zu machen, wie er jemals wieder nach Hause kommen sollte. Da es einem anderen Preu\u00dfen so \u00e4hnlich ging, fassten sie gemeinsam den Entschluss zu den Engl\u00e4ndern zu desertieren. Doch zu den englischen Linien war es weit. Anfangs marschierten sie nur Nachts und schlugen sich abseits der Stra\u00dfen durchs Gebirge, aber bald machte ihnen der Hunger zu schaffen. In einem einsamen Bauernhof tauschten sie ihre Uniformen gegen Bauernkleidung und etwas zu Essen. Als sie es endlich wagten, in einem Wirtshaus etwas zu verzehren, wurden sie sofort von neapolitanischen Gendarmen gefasst und nach Neapel gebracht. Beim Verh\u00f6r gaben sie sich als Deserteure von einem englischen Schiff aus. Wer wollte das in diesen Zeiten \u00fcberpr\u00fcfen? So landeten sie im Gef\u00e4ngnis mit anderen Deserteuren, englischen Gefangenen und italienischen Fahnenfl\u00fcchtigen. Die Kost war mager, aber ein Ungar brachte Karl bei, aus Pferdehaaren Uhrketten zu flechten, die bei den Neapolitanern sehr beliebt waren. Mit diesem kleinen Nebenverdienst hielt er sich notd\u00fcrftig \u00fcber Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1814 wurde er dann in ein neapolitanisches Linienregiment gesteckt, das nur Gepressten und Deserteuren bestand. Karl, der sich immer gute Kameraden gesucht hatte, f\u00fchlte sich nun immer einsamer. Er war mittlerweile der einzige Deutschsprachige im Regiment und immer wieder Schikanen der Italiener ausgesetzt. Die napoleonischen Truppen waren l\u00e4ngst aus Italien abgezogen, nur er tat immer noch Dienst. Doch die Flucht war schwierig, da die Grenze weit entfernt war. Er versuchte es trotzdem, wurde geschnappt und musste wieder einige Zeit im Gef\u00e4ngnis verbringen. Endlich wurde das Regiment an die r\u00f6mische Grenze verlegt. Karl befreundete sich mit einem Neapolitaner, der eine Geliebte in Florenz hatte, und beschloss mit ihm zu desertieren. Sie schlichen sich nachts an den Posten vorbei, die sie zwar beim Durchwaten eines Flusses beschossen aber keine Lust hatten, ihnen nachzusetzen. Beim Weg \u00fcber die Berge halfen ihnen zwei Banditen und ein Sch\u00e4fer weiter; die f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge offensichtlich Verst\u00e4ndnis hatten. Nachdem sie \u00fcber einen schneebedeckten Bergkamm r\u00f6misches Gebiet erreicht hatten, kaufte ihnen ein Bauer ihre Gewehre ab und bewirtete sie einige Tage. Von hier erreichten sie Rom, wo man sie als neapolitanische Deserteure in der Kaserne eines bunt zusammen gew\u00fcrfelten p\u00e4pstlichen Bataillons einquartierte. Man versuchte sie zwar anzuwerben, \u00fcbte aber keinen Zwang auf sie aus; schlie\u00dflich war der Krieg vorbei. Als sie standhaft blieben, erhielten sie nach einigen Tagen P\u00e4sse und Zehrgeld, um aus r\u00f6mischem Gebiet herauszukommen. Auf diese Weise versuchten die Beh\u00f6rden manchmal entlassene S\u00f6ldner los zu werden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"545\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/alpen.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4972\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/alpen.jpg 400w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/alpen-300x409.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Toskana mussten sie sich bettelnd bis Florenz durchschlagen. Hier wurden sie von der Familie der Geliebten des Neapolitaners gastfreundlich aufgenommen. Als Karl nach einigen Tagen weiterzog, wurde er r\u00fchrend verabschiedet, erhielt etwas Geld und den Ratschlag in Kl\u00f6stern zu betteln. Das bew\u00e4hrte sich, aber inzwischen waren seine Stiefel v\u00f6llig zerfallen, und er musste im Februar barfu\u00df die verschneiten Berge nach Norden \u00fcberqueren. Bei Bologna erreichte er \u00f6sterreichisches Gebiet. In der Kommandantur der Garnison erregte er Mitleid und bekam freie Unterkunft und Verpflegung. F\u00fcr den Heimweg wurde ihm ein neuer Pass ausgestellt mit dem Einquartierungsscheine f\u00fcr die lokalen Beh\u00f6rden verbunden waren. Man behandelte ihn also fast wie einen demobilisierten \u00d6sterreicher. Karl war zwar beeindruckt von der Disziplin der \u00f6sterreichischen Truppen beim Exerzieren, als er aber beobachtete wie ein Soldat dabei geschlagen wurde, nahm er sich vor, sich auf keinen Fall anwerben zu lassen. Aber niemand hatte Interesse an dem alten Veteranen; man schenkte ihm einige Groschen und lie\u00df ihn ziehen. Mit aus grobem Leder notd\u00fcrftig zusammengen\u00e4hten Schuhen kam er schlie\u00dflich \u00fcber die Alpen. In \u00d6sterreich wurde er stets freundlich aufgenommen. Oft erhielt er kleine Geschenke, Geld, Kleider und Essen. Es z\u00e4hlte nicht, ob er f\u00fcr oder gegen Napoleon gek\u00e4mpft hatte. Viele waren selbst Soldat gewesen und verstanden gut, dass der einfache Soldat sich nicht immer aussuchen konnte, welche Uniform er gerade trug. Abgerissen, &#8222;gebr\u00e4unt wie ein Indianer&#8220; und immer noch in seinen alten franz\u00f6sischen Rock durfte er von seinen Abenteuern in Spanien und Italien erz\u00e4hlen. Daf\u00fcr spendierte man ihm in den Wirtsh\u00e4usern manche Portion Kn\u00f6del und seit langen Jahren wieder das erste Bier. So erreichte er \u00fcber Salzburg und Dresden im Mai 1815 nach sieben Jahren wieder Berlin. Sein j\u00fcngerer Bruder erkannte ihn nicht, und seine Schwestern wagten erst nach Tagen mit dem verwilderten Gesellen zu sprechen, aber er war zu Hause und fand sp\u00e4ter sogar wieder Arbeit als Setzer.<br><br>Der notorische Deserteur Karl erscheint wie ein Relikt aus l\u00e4ngst vergangenen Tagen, aber aus seinem Bericht wird deutlich, dass er alles andere als ein Einzelfall war. Politik interessierte ihn nicht, und sein Patriotismus beschr\u00e4nkte sich darauf, dass er sich bevorzugt mit deutschsprachigen Soldaten befreundete. Wesentlich war f\u00fcr ihn dagegen, dass man in der franz\u00f6sischen Armee nicht mehr geschlagen wurde, und immer wieder das Essen. Man liest bei Karl relativ wenig \u00fcber die Schlachten und Scharm\u00fctzel, an denen er teilgenommen hat, obwohl er sich anscheinend tapfer geschlagen hat. Viel mehr erf\u00e4hrt man dagegen dar\u00fcber, ob und wie viel es zu Essen gab. Das war eben wirklich wichtig. Aus diesem Grund war er auch eher gegen das Pl\u00fcndern, denn er hatte ausgiebigst erfahren, dass die Soldaten durch Hunger und Teuerung die Zeche f\u00fcr die sinnlose Vergeudung schlie\u00dflich doch bezahlen mussten. Wenn die Versorgung gut war und es sogar noch etwas zu sehen und erleben gab, war er zufrieden; wenn nicht, wechselte er ganz pragmatisch die Fronten. F\u00fcr wen er dann k\u00e4mpfte, wer in den deutschen F\u00fcrstent\u00fcmern, Spanien oder Italien regierte war ihm dabei herzlich gleichg\u00fcltig.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right has-small-font-size wp-block-paragraph\">\u00a9 Frank Westenfelder<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit und gegen Napoleon.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4953,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[118,8],"tags":[286,58],"class_list":["post-4948","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-absolutismus-artikel","category-artikel","tag-deserteure","tag-napoleon"],"blocksy_meta":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.9 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ein notorischer Deserteur - Kriegsreisende<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/ein-notorischer-deserteur\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Ein notorischer Deserteur - 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