{"id":49,"date":"2024-09-20T11:31:34","date_gmt":"2024-09-20T11:31:34","guid":{"rendered":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/?p=49"},"modified":"2025-01-14T11:49:58","modified_gmt":"2025-01-14T11:49:58","slug":"die-merseburger-legion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/die-merseburger-legion\/","title":{"rendered":"Die Merseburger Legion"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading has-text-align-left\">Ein mittelalterliches &#8222;Strafbataillon&#8220;.<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis weit ins 11. Jahrhundert waren Sklaven der mit Abstand wichtigste Exportartikel, den das r\u00fcckst\u00e4ndige Abendland zu bieten hatte, um damit die vom Adel so gesch\u00e4tzten Luxuswaren des Orients &#8211; hochwertige Textilien, Gew\u00fcrze, Schmuck &#8211; zu bezahlen. Die Hauptabnehmer waren die moslemischen Staaten im Orient, Nordafrika und Spanien, wo bereits in gro\u00dfem Umfang Gold- und Silberm\u00fcnzen gepr\u00e4gt wurden, als der Handel in Europa noch weitgehend in Naturalien abgewickelt wurde. Krieg wurde zwar fast konstant gef\u00fchrt, aber au\u00dfer Vieh und Menschen gab es selbst in den wenigen Kl\u00f6stern und Adelssitzen wenig zu holen. Allerdings waren Menschen dabei ungleich wertvoller. So kosteten Sklaven um 800 in Lyon 240-360 Deniers; ein Schaf 12 und eine Kuh 14 Deniers. D.h. der Wert eines einzelnen Sklaven entsprach etwa dem einer kleinen Vieherde.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"420\" height=\"382\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/warager-sklaven.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-55\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/warager-sklaven.jpg 420w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/warager-sklaven-300x273.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 420px) 100vw, 420px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den moslemischen L\u00e4ndern stieg die Nachfrage konstant. Vor allem Spanien hatte einen geradezu uners\u00e4ttlichen Bedarf. Der Kalif von Cordoba Abd ar-Rahman III. (912-961) unterhielt eine Sklavengarde von \u00fcber 13.000 Mann, die so genannten Saqaliba. Dazu kamen die Palasteunuchen, unz\u00e4hlige Arbeitssklaven und die blonden Frauen f\u00fcr die Harems. Ein M\u00f6nch berichtet, dass er 870 im Hafen von Tarent 6 Schiffe mit 9.000 Sklaven auf dem Weg nach \u00c4gypten gesehen habe. W\u00e4hrend so die Preise stiegen, wurde es im Abendland zunehmend schwieriger die ben\u00f6tigte Ware zu besorgen, so galt es schon seit langem als falsch Angeh\u00f6rige des eigenen Volkes zu verkaufen, und unter dem Karolinger Pippin (741-68) wurde dann erstmals generell verboten Christen zu versklaven. Allerdings deuten die wiederholten Verbote darauf hin, dass sie h\u00e4ufig genug missachtet wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Beschaffung der Sklaven verlagerte sich deshalb zunehmend an die Randgebiete des Abendlandes. Die heidnischen Wikinger raubten Menschen in ganz Nordeuropa. Die christlichen Angelsachsen verkauften wiederum besiegte D\u00e4nen aber auch christliche Kelten aus Cornwall und Wales. Den Handel organisierten meistens friesische H\u00e4ndler. Von Kiev aus versorgten die War\u00e4ger \u00fcber Byzanz den ganzen Orient mit Sklaven und wurden reich und m\u00e4chtig dabei. Auch Karl der Gro\u00dfe konnte bei der Unterwerfung der Sachsen (772-785) durch den Sklavenhandel sicher einen Gro\u00dfteil seiner Kriegskosten decken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem die Sachsen mit \u00e4u\u00dferst drastischen Methoden schlie\u00dflich zum christlichen Glauben bekehrt und dem fr\u00e4nkischen Reich einverleibt worden waren, wurden automatisch die weiter \u00f6stlich lebenden Slawen zum prim\u00e4ren Ziel der Sklavenh\u00e4ndler. Die Slawen hielten nicht nur hartn\u00e4ckig an ihren heidnischen G\u00f6ttern fest, wodurch ihre Versklavung v\u00f6llig legal war, sie waren au\u00dferdem staatlich kaum organisiert, und ihre Bewaffnung war den fr\u00e4nkischen Panzerhemden und Schwertern weit unterlegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei diesem \u00e4u\u00dferst grausamen Kleinkrieg, der nun f\u00fcr viele Generationen das Leben der Menschen zwischen Elbe und Oder bestimmen sollte, handelte es sich allerdings nicht um irgendeine Art von &#8222;Germanisierungspolitik&#8220;, wie dies gerne von der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts behauptet wird. Der Adel &#8211; egal ob &#8222;deutsch&#8220;, &#8222;polnisch&#8220; oder &#8222;b\u00f6hmisch&#8220; &#8211; ben\u00f6tigte Geld zum Ausbau seiner Herrschaft, und das war am leichtesten durch Sklavenjagden zu beschaffen. Es ist dabei sicher symptomatisch, dass es sich bei Samo (623-658) dem ersten legend\u00e4ren K\u00f6nig der Slawen, wahrscheinlich um einen fr\u00e4nkischen Waffen- und Sklavenh\u00e4ndler handelte. Prag entwickelte sich unter diesen Umst\u00e4nden zum Hauptumschlagplatz f\u00fcr die menschliche Ware mit festen Handelsbeziehungen von Kiev bis nach Cordoba und verhalf seinen F\u00fcrsten zu Reichtum und Macht. Auch f\u00fcr Mieszko I. (935-993) den Stammvater der polnischen K\u00f6nige war der Sklavenhandel eine der wichtigsten Einnahmequellen; die Elbslawen bek\u00e4mpfte er mit der gleichen Grausamkeit wie die Ottonen oft auch im B\u00fcndnis mit diesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber auch die Elbslawen selbst waren alles andere als unschuldige Opfer. Sie hatten bereits im B\u00fcndnis mit Karl dem Gro\u00dfen das \u00f6stliche Sachsen verheert und nutzten auch sp\u00e4ter jede Gelegenheit f\u00fcr Raubz\u00fcge in die benachbarten Gebiete Sachsens oder Polens. Es waren Grenzkriege, bei denen jede Partei versuchte das seit Generationen erlittene Ungl\u00fcck mit Zinsen heimzuzahlen und dabei noch m\u00f6glichst guten Gewinn zu machen. Erwachsene M\u00e4nner wurden meistens gnadenlos erschlagen, Frauen und Knaben mitgenommen und sp\u00e4ter als Sklaven verkauft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die benachbarten Sachsen waren jedoch die sporadischen slawischen \u00dcberf\u00e4lle eher ein kleineres Problem. Gef\u00e4hrlicher waren die d\u00e4nischen Wikinger, die mit wesentlich st\u00e4rkeren Aufgeboten ins Land einfielen, mit der Zeit jedoch ihre Aktivit\u00e4ten mehr ins westfr\u00e4nkische Reich und nach England verlegten, da dort mehr Beute zu erwarten war. Am verheerendsten waren jedoch die Raubz\u00fcge der Ungarn. Mit ihren sehr schlagkr\u00e4ftigen und \u00e4u\u00dferst mobilen Heeren konnten sie in einem Sommerfeldzug gro\u00dfe Landstriche durchziehen und praktisch vollkommen entv\u00f6lkern.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"487\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/ungarn-franken.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-56\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/ungarn-franken.jpg 700w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/ungarn-franken-300x209.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Ungarn gegen fr\u00e4nkische Reiter<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die traditionellen germanischen Stammesaufgebote hatten diesen beweglichen Berufskriegern kaum etwas entgegen zu setzen. Meistens kamen sie zu sp\u00e4t, wenn die Feinde l\u00e4ngst mit ihrer Beute weg waren, oder sie wurden vernichtend geschlagen. Das st\u00e4rkte die Position des Adels, der mit seinem Gefolge nicht nur gut ger\u00fcstet und beritten in die Schlacht zog, sondern mit Pferden und Waffen auch umgehen konnte. Das Hauptproblem dabei war, dass diese Panzerreiter eine sehr kostspielige Angelegenheit waren. Ein gutes Pferd kostete 240-360 Deniers, ein Schwert 60, ein Helm 72 und ein Kettenhemd 144. Da die Bauern ihre Abgaben haupts\u00e4chlich in Naturalien entrichteten, konnten die notwendigen Mittel zu Ausr\u00fcstung einer Truppe zumindest in Sachsen praktisch nur durch den Sklavenhandel beschafft werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am erfolgreichsten waren dabei anscheinend die Luidolfinger &#8211; so benannt nach Graf Luidolf dem Stammvater des Geschlechts, sp\u00e4ter gingen sie als &#8222;Ottonen&#8220; in die Geschichte ein. Die Sklavenjagden jenseits der Elbe versorgten schon Luidolf mit genug Geld um seine Macht zielstrebig auszubauen. Er stieg zum Herzog von Ostsachsen auf und verheiratete eine seiner T\u00f6chter mit einem Sohn des Kaisers. Sein \u00e4ltester Sohn fiel zwar im Kampf gegen d\u00e4nische Wikinger, aber Otto der zweitgeborene f\u00fchrte das Werk des Vaters erfolgreich weiter. Er wurde Herzog von ganz Sachsen und f\u00fcgte seinem Herrschaftsbereich sogar Th\u00fcringen hinzu. Unter seiner F\u00fchrung entwickelte sich Sachsen zum m\u00e4chtigsten der ostfr\u00e4nkischen Stammesherzogt\u00fcmer, so dass sein Sohn Heinrich nach offener Rebellion schlie\u00dflich 919 die deutsche K\u00f6nigskrone erlangte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als deutscher K\u00f6nig musste Heinrich I. in erster Linie etwas gegen die allj\u00e4hrlichen Raubz\u00fcge der Ungarn unternehmen, die 924 sogar in sein Stammland eingefallen waren und dort vor allem den Merseburger Raum furchtbar verheert hatten. 926 gelang es ihm gegen einen hohen Tribut einen zehnj\u00e4hrigen Waffenstillstand zu erkaufen. In dieser Zeit widmete sich Heinrich energisch der Aufgabe, das Land auf den Krieg vorzubereiten. Er lie\u00df zahlreiche Fluchtburgen bauen, in die sich die Bev\u00f6lkerung mit ihrem Vieh zur\u00fcckziehen konnte. Im Grenzgebiet schuf er mit den &#8222;agrarii milites&#8220; eine Art Wehrbauern, von denen jeder neunte von der b\u00e4uerlichen Arbeit entbunden war und daf\u00fcr in der Fluchtburg die Vorr\u00e4te bewachen sollte. Doch dabei handelte es sich lediglich um einen b\u00e4uerlichen Grenzschutz. Um voll ger\u00fcstete K\u00e4mpfer kann es sich allein schon deshalb nicht gehandelt haben, da acht Bauern niemals den notwendigen Mehrwert h\u00e4tten erwirtschaften k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die dringend ben\u00f6tigten Panzerreiter konnte nur der wohlhabende Adel mit seinem Gefolge stellen. Trotzdem war es anscheinend schwierig ausreichend waffengewohnte Krieger zu finden, und so verfiel Heinrich auf die Idee aus verurteilten Kriminellen einen eigenen Verband aufzustellen. Der Chronist Widukind von Corvey schreibt dazu: &#8222;Jene Schar n\u00e4mlich war aus R\u00e4ubern gesammelt. Denn K\u00f6nig Heinrich war gegen die Fremden sehr streng, gegen seine Landsleute aber in allen Dingen sehr milde; so oft er deshalb sah, dass ein Dieb oder R\u00e4uber ein tapferer Mann und t\u00fcchtig zum Kriege sei, verschonte er ihn mit der geb\u00fchrenden Strafe; aber er versetzte ihn in die Vorstadt von Merseburg, gab ihm \u00c4cker und Waffen, und befahl ihnen nun die Landsleute zu verschonen, gegen die Barbaren aber, so viel sie sich getrauten, R\u00e4ubereien auszu\u00fcben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"350\" height=\"306\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/ritter-sklaven.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-57\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/ritter-sklaven.jpg 350w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/ritter-sklaven-300x262.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wegen ihres Standortes erhielt die Truppe den Namen &#8222;legione Mesaburiorum&#8220; &#8211; &#8222;Merseburger Legion&#8220;. Das Gebiet um Merseburg war wie gesagt kurz zuvor von den Ungarn heimgesucht worden und entsprechend entv\u00f6lkert; Land gab es also genug. Vor allen Dingen lag es aber direkt an der Grenze zu den slawischen Gebieten. Dort sollten die Legion\u00e4re nun durch Sklavenjagd selbst f\u00fcr ihren Unterhalt sorgen. Bei Widukind ist zwar auch von \u00c4ckern die Rede, man sollte aber nicht glauben, dass zu dieser Zeit eine gut ausger\u00fcstete Schar ehemaliger R\u00e4uber mit einem Freibrief des K\u00f6nigs in der Tasche im Schwei\u00dfe ihres Angesichts ihre Felder bearbeitet h\u00e4tte. Raub war damals ein hartes Gesch\u00e4ft, zudem nimmt die neuere Forschung an, dass sich in der Legion sicher auch nicht wenige ge\u00e4chtete Adlige befanden, die bei einer der zahlreichen Fehden etwas zu weit gegangen waren. Sogar im Dienst der elbslawischen F\u00fcrsten oder in Polen waren meistens einige zu finden, die dann auch kein Problem damit hatten, Raubz\u00fcge in ihre alte Heimat zu f\u00fchren. Die F\u00fchrung der Legion hatte ein gewisser Asik (oder Asig), der wahrscheinlich aus dem Geschlecht der Merseburger Grafen stammte. M\u00f6glicherweise also auch ein schwarzes Schaf, dem man hier eine zweite Chance gab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man wei\u00df weder wie gro\u00df die Legion war noch etwas \u00fcber ihre Ausr\u00fcstung. Trotzdem kann man einige Schl\u00fcsse ziehen. 936 beim Kriegszug gegen B\u00f6hmen stellte sie eine &#8222;vollst\u00e4ndige Heerschar&#8220; von zweien; die andere kam aus Th\u00fcringen. Auch wenn mittelalterliche Heere recht klein waren, wird man hier mindestens von an die tausend Bewaffneten ausgehen m\u00fcssen. Es ist allerdings kaum anzunehmen, dass bei ihrer Aufstellung so viele verurteilte Verbrecher zur Verf\u00fcgung standen, da es ja keine Haftstrafen gab. Man wird also mit einigen Dutzend begonnen und dann auf weiteren Zulauf gesetzt haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wegelagerer, R\u00e4uber und Ge\u00e4chtete gab es genug und Sachsen war gro\u00df. Aber trotz einer versprochenen Amnestie werden sich die nur eingefunden haben, wenn sie vom Erfolg der Legion h\u00f6rten. Und Erfolg bedeutete nicht glorreiche Siege, sondern Geld und Beute. Merseburg und vor allem Magdeburg entwickelten sich damals schnell zu bedeutenden Sklavenm\u00e4rkten, auf denen j\u00fcdische H\u00e4ndler sehr gut f\u00fcr slawische Knaben und Frauen bezahlten. Die Bisch\u00f6fe und Grafen vor Ort und nicht zuletzt K\u00f6nig Heinrich werden ebenfalls ihren Teil erhalten haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch Heinrich brauchte viel mehr Geld, er musste allj\u00e4hrlich den Tribut an die Ungarn bezahlen, teure Waffen und noch teurere Pferde beschaffen, Befestigungen anlegen und sein Gefolge vergr\u00f6\u00dfern. Au\u00dferdem musste er die neu aufgestellten Truppen im Kampf \u00fcben, Kommandostrukturen erproben und den angeschlagen Sachsen wieder Selbstvertrauen geben. Unter diesen Gesichtspunkten erschienen die Elbslawen als ideale Gegner, sie waren nicht nur milit\u00e4risch unterlegen, sondern konnten auch als Heiden problemlos als Sklaven verkauft werden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"488\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/heinrich-brandenburg.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-58\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/heinrich-brandenburg.jpg 640w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/heinrich-brandenburg-300x229.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Angriff \u00fcbers Eis<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von fr\u00fcheren Feldz\u00fcgen wusste man jedoch, dass sie sich von einem \u00fcberlegenen Gegner nur schwer zur Schlacht stellen lie\u00dfen. Sie zogen sich in ihre auf sumpfigen Inseln angelegten Burgen zur\u00fcck oder versteckten sich im Wald. Aber Heinrich war ein k\u00fchler Planer, er verst\u00e4rkte erst in Ruhe sein Heer und fiel dann im Winter 928\/29 als Fl\u00fcsse und Seen zugefroren und passierbar waren ins Land der Heveller ein. Nach schweren K\u00e4mpfen gelang die Eroberung der Bandenburg (oder Brennaborg). Anschlie\u00dfend zog das Heer weiter nach S\u00fcden gegen die Daleminzier und deren Bug Gana. Nach einer schweren Belagerung von zwanzig Tagen gelang dann die Einnahme. Widukind von Corvey berichtet deutlich: &#8222;Die Beute aus der Burg \u00fcberlie\u00df er den Kriegern, alle M\u00e4nner wurden niedergemacht, die Knaben und M\u00e4dchen f\u00fcr die Gefangenschaft aufbewahrt.&#8220; Zur Sicherung des unterworfenen Landes lie\u00df er die Festung Meissen errichten und das Heer marschierte mit seiner menschlichen Beute erst einmal zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz der H\u00e4rten eines Winterfeldzuges hatten die schnellen Siege die Moral der Truppen sicher gewaltig gehoben. Heinrich hielt es deshalb f\u00fcr angebracht sie in einem gr\u00f6\u00dferem Verband gegen einen m\u00e4chtigeren Gegner zu erproben. Im Fr\u00fchsommer 929 vereinigte er ein s\u00e4chsisches Kontingent mit anderen aus Franken und Bayern in der Oberpfalz und zog gegen Prag, das sich seit einiger Zeit aus dem Reichsverbund gel\u00f6st hatte. Angesichts der erdr\u00fcckenden \u00dcbermacht und wahrscheinlich auch aufgeschreckt von den Nachrichten vom Krieg gegen die benachbarten Daleminzier unterwarf sich Herzog Wenzel und versprach wieder regelm\u00e4\u00dfig seinen Tribut zu entrichten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Elbslawen nutzten die Abwesenheit eines guten Teils der Truppen zu einem Aufstand. Sie st\u00fcrmten und vernichteten die meisten der s\u00e4chsischen Garnisonen. Die Redarier \u00fcberschritten sogar die Elbe und eroberten die Burg Walsleben, wobei sie nun ihrerseits alle m\u00e4nnlichen Bewohnen t\u00f6teten und den Rest als Sklaven wegf\u00fchrten. Zur Vergeltung schickte Heinrich nun Graf Thietmar von Th\u00fcringen mit einem Heer, zu dem auch ein starkes Kontingent Panzerreiter geh\u00f6rte. Thietmar belagerte damit die wichtige Slawenburg Lenzen und schlug dann ein gro\u00dfes Entsatzheer, wobei die Panzerreiter die Entscheidung gebracht haben sollen. Die Burg Lenzen kapitulierte dann gegen freien Abzug der Besatzung, Frauen und Kinder wurden aber zu Sklaven gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heinrich verst\u00e4rkte in den folgenden Jahren weiterhin sein Heer und unternahm zum Training und zur Finanzierung st\u00e4ndig neue Feldz\u00fcge, so gegen die Abodriten (931) und die Lusitzen (932). Als er sich schlie\u00dflich stark genug f\u00fchlte, k\u00fcndigte er den Waffenstillstand mit den Ungarn und besiegte sie 933 bei Riade. Bei all diesen K\u00e4mpfen wird die Merseburger Legion nie ausdr\u00fccklich erw\u00e4hnt, was sicher daran liegt, dass sich die wenigen Chronisten wie Widukind oder Thietmar von Merseburg ganz auf die Heldentaten der K\u00f6nige und der s\u00e4chsischen Gro\u00dfen konzentrieren. Dennoch kann man davon ausgehen, dass sie h\u00f6chst wahrscheinlich immer an vorderster Front mit dabei war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Au\u00dferdem erh\u00e4lt man von diesen Kriegen und ihrer Grausamkeit sicher ein falsches Bild, wenn man sich zu sehr auf die wenigen bekannten Gro\u00dfereignisse konzentriert. Man muss sich viel mehr fragen, was dieses Heer sonst noch tat, wenn es ein paar Monate \u00f6stlich der Elbe herumzog oder eine Burg belagerte. Bei den Ungarneinf\u00e4llen hat man da bessere Vorstellungen. Jeder wei\u00df, dass hier schnelle \u00dcberf\u00e4lle, Pl\u00fcnderungen, Menschenraub, Totschlag und Vergewaltigungen wesentlich mehr das Kriegsgeschehen bestimmten als die \u00e4u\u00dferst seltenen Schlachten. Um die Slawen zur Unterwerfung zu zwingen und um die notwendigen Gefangenen zu machen, gen\u00fcgte es nicht einige Burgen zu erobern. Viel mehr durchstreiften zahlreiche Trupps das Land, brannten H\u00f6fe nieder und st\u00f6berten die gefl\u00fcchteten Einwohner in ihren Schlupfwinkeln auf. Es handelte sich um gro\u00df angelegte Sklavenjagden. Wahrscheinlich hat man Hunde dabei benutzt &#8211; die Jagd war ja ohnehin die Lieblingsbesch\u00e4ftigung des Adels -, au\u00dferdem sch\u00e4tzte man die Dienste slawischer \u00dcberl\u00e4ufer; sicher hat man auch einzelne Gefangene ausgiebig gefoltert bis sie die Verstecke preisgaben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"285\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/slawen-tempel.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-59\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/slawen-tempel.jpg 700w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/slawen-tempel-300x122.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Zerst\u00f6rung eines slawischen Tempels<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war genau die Art von Krieg, f\u00fcr die sich die Legion\u00e4re hervorragend eigneten. Ehemalige Wegelagerer und R\u00e4uber wussten, wo man sich im Wald am besten versteckte, konnten sich an ihre Beute anschleichen und waren sicher zu Grausamkeiten bereit, bei denen ein s\u00e4chsischer Bauer noch z\u00f6gerte. Sie werden auch auf Raub ausgezogen sein, wenn kein gro\u00dfer Kriegszug stattfand; in kleineren Gruppen, um unbemerkt ins Hinterland eindringen zu k\u00f6nnen, aber stark genug, um mit den M\u00e4nnern einer Siedlung fertig zu werden. Dann wieder schnell mit der Beute \u00fcber die Elbe zur\u00fcck. Auf diese Art f\u00fchrten sie ihren Krieg, und so lautete ja auch der Auftrag den sie vom K\u00f6nig erhalten hatten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Slawen wehrten sich erbittert, zum Teil gegen die fremde Herrschaft, mehr gegen das aufgezwungene Christentum aber am vehementesten sicher gegen die Sklaverei. Obwohl Widukind von Corvey als M\u00f6nch wenig f\u00fcr die Heiden \u00fcbrig hatte, wird er bei der Beschreibung der K\u00e4mpfe unter Otto dem Gro\u00dfen doch sehr deutlich: &#8222;so f\u00fchrte der K\u00f6nig selbst mehrere Male ein Heer gegen sie, f\u00fcgte ihnen vielen Schaden zu und brachte sie fast in das \u00e4u\u00dferste Verderben. Trotzdem zogen sie den Krieg dem Frieden vor, indem sie alles Elend der teueren Freiheit gegen\u00fcber gering achten. Es ist n\u00e4mlich dieser Menschenschlag hart und scheut keine Anstrengung; gew\u00f6hnt an die d\u00fcrftigste Nahrung, halten die Slawen f\u00fcr eine Lust, was den Unseren als eine schwere Last erscheint. Wahrlich, viele Tage gingen dar\u00fcber hin, w\u00e4hrend auf beiden Seiten verschieden gek\u00e4mpft wurde, hier f\u00fcr Kriegsruhm und Ausbreitung der Herrschaft, dort f\u00fcr Freiheit oder schlimmste Versklavung.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass die Merseburger Legion aber nicht nur im Kleinkrieg verwendet wurde, sondern auch den Kern eines richtigen Heeres stellen konnte zeigt ihr Ende in dem ungl\u00fccklichen Feldzug gegen B\u00f6hmen 936. Dort hatte Herzog Boleslav seinen Bruder Wenzel ermordet und dann selbst die Herrschaft \u00fcbernommen. Er wandte sich wieder vom Christentum ab und stellte auch die Tributzahlungen an den deutschen K\u00f6nig ein. Heinrichs Sohn Otto, der im selben Jahr seinem Vater auf den Thron gefolgt war, schickte deshalb zwei Heere gegen Prag: eines aus Th\u00fcringen und das andere unter dem Befehl von Asik aus Sachsen, von dem die Merseburger Legion einen guten Teil stellte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"450\" height=\"559\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/franken-reiter-1.jpg-1.jpg\" alt=\"fr\u00e4nkische Reiter\" class=\"wp-image-60\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/franken-reiter-1.jpg-1.jpg 450w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/franken-reiter-1.jpg-1-242x300.jpg 242w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">fr\u00e4nkische Reiter<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Widukind schreibt \u00fcber diese Ereignisse: &#8222;Da aber Boleslav von dem Heere der Sachsen h\u00f6rte, und dass die Sachsen getrennt von den Th\u00fcringern gegen ihn z\u00f6gen, teilte er auch seine Genossen, und klugen Rates, wie er war, beschloss er beiden Heeren zu begegnen. Als aber die Th\u00fcringer die Feinde unvermutet sich gegen\u00fcber sahen, vermieden sie durch die Flucht die Gefahr. Asik hingegen mit den Sachsen und der \u00fcbrigen Mannschaft st\u00fcrzte ohne alles Z\u00f6gern auf die Feinde, schlug den gr\u00f6\u00dften Teil von ihnen mit den Waffen nieder, trieb die \u00fcbrigen in die Flucht, und kehrte siegreich zum Lager zur\u00fcck. Und da er von dem Heere, welches die Th\u00fcringer verfolgt hatte, nichts wusste, erfreute er sich zu sorglos des errungenen Sieges. Als aber Boleslav unser Heer zerstreut und die Einen besch\u00e4ftigt sah, den Get\u00f6teten die R\u00fcstungen abzuziehen, andere ihren K\u00f6rper zu pflegen, andere Futter f\u00fcr die Pferde zu sammeln, vereinigte er das geschlagene und das zur\u00fcckgekehrte Heer, fiel \u00fcber die nichts ahnenden und durch den eben errungenen Sieg sicher gemachten pl\u00f6tzlich her, und erschlug den Feldherrn samt unserem ganzen Heere.&#8220;<br><br>Das war zwar das Ende der Merseburger Legion, die Sklavenjagden jenseits der Elbe gingen jedoch weiter. Unter Otto dem Gro\u00dfen wurden fast j\u00e4hrlich Gesandtschaften mit dem Kalifenhof in Cordoba ausgetauscht, der ja eigentlich f\u00fcr die Reichspolitik keine besondere Bedeutung h\u00e4tte haben d\u00fcrfen. Wenn man die Ottonen jedoch als Gro\u00dflieferanten f\u00fcr Sklaven sieht, machen diese engen Kontakte mit dem Hauptabnehmer im Westen durchaus Sinn. Wahrscheinlich diskutierte man Lieferumfang, spezielle Kundenw\u00fcnsche und die Umgehung des Zwischenhandels.<br><br>Die Merseburger Legion war nur eine kurze Randepisode in der langen blutigen Geschichte der Unterwerfung der Elbslawen. Dennoch hatte sie ein \u00fcbles Nachspiel, auf das man zumindest kurz verweisen sollte. Als die Nationalsozialisten nach der Eroberung Polens und mehr noch nach den ersten Erfolgen gegen die Sowjetunion damit begannen, gro\u00dfe Pl\u00e4ne f\u00fcr eine neue deutsche Ostsiedlung zu entwerfen, wurden auch die alten Berichte von Widukind von Corvey wieder entdeckt. W\u00e4hrend Hitler sich seine historischen Vorbilder mehr unter den deutschen Kaisern suchte, entdeckte der Rassenfanatiker Himmler Heinrich I. als sein gro\u00dfes Idol. Wie dieser wollte er &#8222;agrarii milites&#8220; im Osten ansiedeln &#8211; dazu sollten SS-Veteranen verwendet werden -, und von der Merseburger Legion lie\u00df er sich zur Aufstellung der &#8222;SS-Sondereinheit Dirlewanger&#8220; anregen, die dann aus Kriminellen gebildet und bevorzugt bei der Partisanenbek\u00e4mpfung eingesetzt wurde.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\">\u00a9 Frank Westenfelder &nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein mittelalterliches &#8222;Strafbataillon&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":54,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,37],"tags":[18,19,20],"class_list":["post-49","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","category-mittelalter","tag-mittelalter","tag-sklavenhandel","tag-straeflinge"],"blocksy_meta":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.3 - 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