{"id":4577,"date":"2025-08-28T13:06:12","date_gmt":"2025-08-28T13:06:12","guid":{"rendered":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/?p=4577"},"modified":"2025-09-09T15:24:55","modified_gmt":"2025-09-09T15:24:55","slug":"deutsche-soldner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/deutsche-soldner\/","title":{"rendered":"Deutsche S\u00f6ldner"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Deutsche Legenden.<\/h5>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"375\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/gerry-schwerter.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4586\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/gerry-schwerter.jpg 500w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/gerry-schwerter-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Gerrie im Irak<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Seit einiger Zeit geistert eine Legende durch die Deutschen Medien, es ist die von den vielen deutschen S\u00f6ldnern im Irak oder m\u00f6glicherweise sogar weltweit. Anscheinend ist bei S\u00f6ldnerfirmen wie Dyncorp oder Blackwater deutsche Wertarbeit gefragt. Und haben nicht gerade wir Deutschen eine \u00e4u\u00dferst lange Tradition in dem Gesch\u00e4ft? Von den Landsknechten Frundsbergs, \u00fcber die verkauften Hessen, bis zur Fremdenlegion und Kongo-M\u00fcller?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem dabei ist leider, dass man nicht viel findet, wenn man sich wirklich f\u00fcr den Job interessiert. Sucht man in den einschl\u00e4gigen Foren, entdeckt man viel Geschw\u00e4tz, eine Menge so genannter &#8222;Wannabees&#8220; (M\u00f6chtegern-S\u00f6ldner), die verzweifelt einen Job suchen, aber nur ganz, ganz wenige, die wirklich mal einen echten Contract in der Tasche hatten. Ich erinnere mich noch gut daran: als die ersten S\u00f6ldnergeschichten \u00fcber den Irak durch die Presse gingen, erhielt ich einige emails von Leuten, die einen Job im Irak suchten (Kriegsreisende war damals ja schon einige Zeit online und so wurde ich als Historiker von der Gegenwart eingeholt).<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings meldeten sich nicht nur potentielle S\u00f6ldner bei mir, sondern auch Journalisten. Die suchten wiederum S\u00f6ldner, nat\u00fcrlich echte mit Irakerfahrung und Kerben im Revolvergriff, f\u00fcr ein Interview. Als ich denen dann erkl\u00e4rte, dass es im Irak kaum deutsche S\u00f6ldner geben k\u00f6nne und sie doch besser etwas \u00fcber Immigranten in den westlichen Armeen bringen sollten, wollten sie nichts davon wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Tja, und irgendwann kamen dann doch die Geschichten \u00fcber die Deutschen im Irak. Der erste richtige Rei\u00dfer war glaube ich im Stern: &#8222;Die Hunde des Krieges&#8220; (Oktober 2005) hie\u00df der Artikel rei\u00dferisch und gleich danach ging es weiter: &#8222;Olaf, Dirk und Norman verdienen ihr Geld beim Einsatz Im Irak. Sie eskortieren Ingenieure oder schieben Wache zum Schutz der Armee. Sie fahren wie die Teufel und schie\u00dfen auch so &#8211; drei Deutsche im Dienst des Pentagons.&#8220; Das Ganze war wie beim Stern \u00fcblich mit einigen Hochglanzfotos sch\u00f6n aufgemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Februar 2006 folgte das ZDF mit der Sendung &#8222;Deutsche S\u00f6ldner im Irak&#8220;. Dort wurde dann von Dirk und Norman berichtet, zwei deutschen M\u00e4nnern, die ihr Geld im Irak verdienten. Irgendwie kam mir das schon bekannt vor. \u00dcber ein Jahr sp\u00e4ter berichtete schlie\u00dflich die FAZ (Mai 2007). &#8222;Profiteure des Kriege&#8220; hie\u00df der Artikel marktschreierisch und begann dann in einem Stil, den man eher von SOF-Magazine als von der guten alten FAZ gewohnt ist: <em>&#8222;Blutbeschmierte Panzer und romantische Sonnenaufg\u00e4nge, verkohlte Leichname und M\u00e4nner in Schutzwesten, die stolz ihre Sturmgewehre in die H\u00f6he recken, die Augen hinter verspiegelten Sonnenbrillen verborgen. \u201aDas ist die Realit\u00e4t eines ganz normalen Jobs\u2019, sagen die M\u00e4nner. Gunny, Norman und Dirk, die Nachnamen tun nichts zur Sache.&#8220;<\/em> Der FAZ erschienen dann wohl auch Fotos wie im Stern etwas zu lasch und so wurde der Artikel mit Bildern aus Filmen wie &#8222;Die Wildg\u00e4nse&#8220;, &#8222;Blood Diamond&#8220;, &#8222;Red Scorpion&#8220; usw. dekoriert. (Ich frage mich \u00fcbrigens im Ernst, warum nicht einige Leser ihr FAZ-Abo k\u00fcndigen, wenn sie so einen Dreck lesen m\u00fcssen.)<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"560\" height=\"503\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/faz.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4588\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/faz.jpg 560w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/faz-300x269.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 560px) 100vw, 560px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>So was nennt man dann investigativen Journalismus. Zum Gl\u00fcck gab es ja Dirk und Norman, die wie die Teufel schie\u00dfen und zwischen blutbeschmierten Panzern ihren Sold verdienen. Dennoch wird manchen Leuten so langsam ged\u00e4mmert haben, dass im Irak nicht allzu viele Kongo-M\u00fcllers unterwegs sind. Die Rettung f\u00fcr alle Freunde des Spektakels kam dann durch den &#8222;Bundeswehr-Experten und Kriegsreporter&#8220; Franz Hutsch mit einem echten Kn\u00fcller. &#8222;Exportschlager Tod. Deutsche S\u00f6ldner als Handlanger des Krieges,&#8220; hei\u00dft das Buch, das viele Skandalreporter von ihren N\u00f6ten erl\u00f6ste. Denn dort kann man dann lesen, dass &#8222;4.000 Deutsche&#8220; weltweit unterwegs sind, wie &#8222;in der Branche gesch\u00e4tzt&#8220; wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer aber, bitte sch\u00f6n, ist denn hier die &#8222;Branche&#8220;, wer sch\u00e4tzt hier? Einige Schw\u00e4tzer an der Theke, Verschw\u00f6rungstheoretiker oder Herr Hutsch pers\u00f6nlich? Seit Jahren konnte die geballte Medienmacht des deutschen Journalismus nicht viel mehr als Dirk und Norman vorweisen, und pl\u00f6tzlich gibt es Tausende? Im Gegensatz zu vielen, die das Buch inzwischen geradezu als &#8222;Beweis&#8220; zitieren, suchte ich darin selbst nach Belegen. Ich fand Benny, der im Irak dient, Jens, der dort gefallen ist, Uli und Kornelius in Afghanistan. Viel mehr ist da nicht. Ach ja, dann sind da noch die Gotteskrieger (ein gutes Drittel des Buchs), ein deutscher Konvertit, ein paar T\u00fcrken und Marokkaner, die noch nicht mal einen deutschen Pass haben. Bei allem Wohlwollen (schlie\u00dflich bin ich \u00fcber jede seltsame Geschichte froh), kann ich in Gotteskriegern keine deutschen S\u00f6ldner erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst wenn man aber aus Mohamed Atta, seinen Freunden von der Hamburger Zelle und anderen radikalen in Deutschland wohnenden Islamisten deutsche S\u00f6ldner macht, kommt man immer noch auf keine gro\u00dfen Zahlen. Deshalb ist dann bei Hutsch auch noch von hunderten von deutschen S\u00f6ldnern in Ex-Jugoslawien zu lesen. Dem mag tats\u00e4chlich so gewesen sein. Doch Jugoslawien hatte ja den riesigen Vorteil, dass dort praktisch jeder Spinner eingestellt wurde, der sich ein Zugticket nach Zagreb leisten konnte. Mit Professionalit\u00e4t hatte die Sache wenig zu tun, vor allen Dingen ist sie aber l\u00e4ngst Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch dann liefert Hutsch tats\u00e4chlich noch einen Hinweis. Er hat entdeckt, dass sich immer mehr Soldaten beim Ausscheiden aus der Bundeswehr eine Fortbildung&nbsp; in der Sicherheitsbranche bezahlen lassen. &#8222;Eine Steigerung von 84,5 Prozent \u2013 und ein Indiz f\u00fcr den Bedarf an S\u00f6ldnern aus Deutschland.&#8220; Allerdings muss ich mich hier fragen, ob Hutsch, der als ehemaliger Bundeswehroffizier die Verh\u00e4ltnisse ja kennen sollte, wirklich so blau\u00e4ugig ist oder seine Leser mit Absicht verschaukelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich muss man keinen investigativen Journalismus betreiben, um diesem &#8222;Skandal&#8220; auf die Spur zu kommen. Man muss lediglich Google ein wenig mit den Suchbegriffen &#8222;Sicherheitsfirmen&#8220;, &#8222;Bundeswehr&#8220;, &#8222;Fortbildung&#8220; usw. bem\u00fchen. Dann entdeckt man sehr schnell dass Firmen wie Securitas bei der Bundeswehr regelrechte Werbeveranstaltungen abhalten, und jede Menge andere Firmen bieten die passenden Kurse an, um mit Steuergeldern ehemalige Soldaten f\u00fcr das Wach-und-Schlie\u00df-Gewerbe zu qualifizieren. Im Uni-Spiegel war zum Beispiel bez\u00fcglich Bundeswehr zu lesen: <em>&#8222;Der Dienst bei der Bundeswehr dagegen ist vor allem bei Sicherheitsfirmen gefragt. \u201aWenn junge M\u00e4nner und Frauen bei der Bundeswehr waren, dann ist das mitunter ein Pluspunkt\u2019, erkl\u00e4rt Arnd Gesatzki von der Sicherheitsfirma Securitas, die deutschlandweit 14.600 Mitarbeiter besch\u00e4ftigt &#8211; vom Warenhausdetektiv bis zum Geldtransport-Fahrer.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wachpersonal also und T\u00fcrsteher, das Leben ist schon banal, aber damit verkauft man keine Zeitungen und schon gar keine B\u00fccher. Ich m\u00f6chte in diesem Zusammenhang nur an zwei Spiegel-Titel dieses Jahres erinnern. Im ersten &#8211; Nr.18 &#8211; wurden eindeutige Parallelen zwischen der aktuellen Wirtschaftskrise und dem Ende der Weimarer Republik gezogen. Ich meine dem betreffenden Redakteur sollte es die Schamesr\u00f6te ins Gesicht treiben, wenn er jemals etwas dem Elend damals gelesen haben sollte. In Nr.19 wurde dann die Schweinegrippe zum &#8222;Weltvirus&#8220; erkl\u00e4rt. Das ist nicht nur alles pure Phantasie, sondern auch gezielte Panikmache. Auf die selbe Weise wird dann das Thema S\u00f6ldner behandelt. Als der Spiegel 2004 &#8222;US-S\u00f6ldner im Irak Die Folterer von Bagdad&#8220; spektakul\u00e4r auf der Titelseite trug war im gesamten Heft von S\u00f6ldnern so gut wie nichts zu lesen. So werden M\u00fccken zu Elefanten, aus nichts werden Titelthemen und aus Dirk und Norman tausende deutscher S\u00f6ldner.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"540\" height=\"507\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/jobs.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4587\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/jobs.jpg 540w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/jobs-300x282.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">reale Jobangebote<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Denn Dirk und Norman waren ja tats\u00e4chlich echt und wirklich im Irak. Durch den Presserummel wurde auch ihr alter Arbeitgeber die L\u00fcbecker &#8222;Bodyguard Academy&#8220; zur bekanntesten deutschen &#8222;S\u00f6ldnerfirma&#8220;. Und die Bodyguard Academy bildet aus, stellt Personenschutz, unternimmt &#8222;High-risk-Operationen&#8220; und arbeitet in L\u00e4ndern wie Kolumbien, Venezuela, den Philippinen und einigen afrikanischen L\u00e4ndern. Also kann man zumindest auf diesem Weg S\u00f6ldner werden? Ich sehe mir die Homepage der Bodyguard Academy an (Dez. 2009) und finde dort tats\u00e4chlich einen Men\u00fcpunkt &#8222;Jobs&#8220;. Dort entdecke ich dann: <em>&#8222;Wir suchen dringend: Kaufhausdetektive\/Doormann -gerne Neueinsteiger. Ausbildung und Vermittlung durch die BA. Kosten\u00fcbernahme durch ARGE, Arbeitsagentur, BFD oder andere Tr\u00e4ger m\u00f6glich.<\/em>&#8220; Anscheinend habe ich die selben S\u00f6ldner wie Franz Hutsch gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders verh\u00e4ngnisvoll an der angeblich kritischen Berichterstattung ist jedoch, dass praktisch alle flei\u00dfig an der Legende von den 1.000$\/Tag mitstricken (Hutsch steigert sie sogar auf 1.800$). Man sollte sich vielleicht einmal fragen, was denn ein deutscher Exsoldat soviel mehr zu bieten hat als ein Gurkha, der trotz Kampferfahrung und hervorragender Englischkenntnisse nur einen Bruchteil erh\u00e4lt. Diese Traumgeh\u00e4lter m\u00f6gen in der wilden Anfangszeit tats\u00e4chlich hier und da bezahlt worden sein, inzwischen sind jedoch Bruchteile \u00fcblich. Journalisten sind aber leider s\u00fcchtig nach gro\u00dfen Zahlen, weil diese so sch\u00f6ne Schlagzeilen machen, und die wenigen interviewten S\u00f6ldner (falls sie denn wirklich echt waren) werden auch ganz gerne mit ihrem Sold geprotzt haben. Welcher harte Profi gibt denn schon gerne zu, dass er viel weniger verdient und noch niemanden gekillt hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den ma\u00dflos \u00fcbertriebenen Berichten von den Traumgeh\u00e4ltern im Irak verf\u00fchren die Medien jedoch nicht nur so manchen dazu sein Gl\u00fcck in dem Gesch\u00e4ft erst zu versuchen, sie locken auch eine ganz besondere Art von Abzockern auf den Plan. Wo so viel Geld zu erwarten ist, muss man auch schulen, ausbilden und zertifizieren. Mancher M\u00f6chtegern-S\u00f6ldner hat ja noch etwas Gespartes, die ausscheidenden Zeitsoldaten haben Abfindungen und dann gibt es noch das Arbeitsamt, das auch immer gerne die Unkosten f\u00fcr Weiterbildungen \u00fcbernimmt. Inzwischen ist gerade in Deutschland eine regelrechte Branche entstanden, die mit der Ausbildung von S\u00f6ldnern wunderbare Gesch\u00e4fte macht. Diese &#8222;S\u00f6ldner&#8220; erhalten dann sch\u00f6ne Zeugnisse und Zertifikate (man kann sich schon denken, was man damit machen kann), einen echten &#8222;Job&#8220; im Irak hat jedoch kaum einer gesehen, ganz zu schweigen von den legend\u00e4ren 1.000$\/Tag. Meistens wird die bereits angesprochene Ebene &#8222;Kaufhausdetektive\/Doormann&#8220; nicht verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist das gerade im historischen Kontext nicht ohne eine gewisse Ironie. Fr\u00fcher gab es in den Niederlanden die so genannten &#8222;Zielverkooper&#8220; (die Seelenverk\u00e4ufer), die S\u00f6ldner f\u00fcr die Kolonien anwarben. Und wenn dann heute einer genug von dem Gold, das im Irak ja nur so auf der Stra\u00dfe liegt, gelesen hat, wenn er genug dieser Fotos mit den harten Jungs und den coolen Sonnenbrillen gesehen hat, tja wenn er dann endlich bereit ist in guter alter Landsknechtstradition seine Seele zu verschachern, dann muss er feststellen, dass man die gar nicht will, sondern nur sein Geld.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch bleibt die Frage, wie denn die Realit\u00e4t deutscher S\u00f6ldner hinter der von den Medien errichteten Nebelwand aussieht. Und hier habe ich bei Kriegsreisende den gro\u00dfen Vorteil, dass ich keinen Chefredakteur davon \u00fcberzeugen muss, dass der Untergang des Abendlandes kurz bevor steht, um eine Geschichte zu bringen. Mir reicht oft genug das Schicksal eines einzigen S\u00f6ldners um davon zu berichten. Auch wenn es banal ist schreckt mich das nicht ab, denn das war das Leben von Soldaten meistens. So wei\u00df z.B. jeder Milit\u00e4rhistoriker, dass Krankheiten und Langeweile (Suff, Streit und Selbstmord) meistens weit mehr Opfer forderten als der Feind.<\/p>\n\n\n\n<p>Um zu berichten, wie man tats\u00e4chlich als Deutscher S\u00f6ldner wird und in den Irak kommt, habe ich ein l\u00e4ngeres Interview mit &#8222;Gerrie&#8220; gef\u00fchrt. Nat\u00fcrlich wurde der Name wie man so sch\u00f6n sagt von der Redaktion ge\u00e4ndert, dennoch tut er etwas zur Sache, denn mir liegen Ausweis, Vertrag und eine ganze Reihe von Fotos vor. Ich respektiere es allerdings, dass Gerrie im Artikel anonym bleiben will. Er erz\u00e4hlt sachlich von der Arbeit im Irak, von seinen Gr\u00fcnden, ohne mich mit Geschw\u00e4tz von blutbeschmierten Panzern und romantischen Sonnenaufg\u00e4ngen zu nerven.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders als die meisten seiner Generation ging Gerrie 1992 nach dem Abitur zum Bund. Dort verpflichtete er sich und wurde Fallschirmj\u00e4ger. Das hei\u00dft, er geh\u00f6rte nicht zu denen, die bei der Bundeswehr haupts\u00e4chlich ihren Bierbauch pflegen und ansonsten bis zur Pension eine ruhige Kugel schieben wollen. Gerrie wollte keinen langweiligen B\u00fcrojob, sondern was erleben. Also meldete er sich f\u00fcr Auslandseins\u00e4tze: 1993 Somalia, die Mission wurde abgeblasen, 1994 Ruanda, auch diese Mission kam \u00fcber das Planungsstadium nicht hinaus, 1995 bei Einsatz in Bosnien war Gerrie auf dem Uffz-Lehrgang und 1999 als viele ins Kosovo gingen auf dem Offizierslehrgang. Gleichzeitig ging es aber auch mit der Karriere nicht besonders voran, da die Bundeswehr mehrmals verkleinert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Also kam im Jahr 2000 der Abschied und die Eingliederung ins zivile Leben. Gerrie gelang der Absprung besser als vielen; er bekam einen netten B\u00fcrojob bei IBM, bei dem er Reisen durfte, sich nicht \u00fcberarbeiten musste und auch noch ganz brauchbar verdiente. Bleibt die Frage, ob so etwas einen jungen Mann, einen Ex-Fallschirmj\u00e4ger, der sich f\u00fcr alle m\u00f6glichen Auslandseins\u00e4tze gemeldet hat, ausf\u00fcllt. Tim Spicer spricht in seiner Autobiographie ver\u00e4chtlich vom &#8222;Idle Civvy&#8220;, Rolf Steiner bezeichnet seine Zivilistenjahre als &#8222;graue Periode&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Fast immer wenn \u00fcber S\u00f6ldner diskutiert wird, wird automatisch auf deren Geldgier verwiesen; das Streben nach Gewinn ist sozusagen ein entscheidendes Definitionskriterium. Dabei wird einfach ignoriert, dass schon immer pure Abenteuer- oder Reiselust gerade bei jungen M\u00e4nnern ein oft viel entscheidenderes Motiv war.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"560\" height=\"449\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Gerry-Kollegen.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4589\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Gerry-Kollegen.jpg 560w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Gerry-Kollegen-300x241.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 560px) 100vw, 560px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Es wundert mich deshalb nicht, dass Gerrie bei IBM unzufrieden war, viel Sport machte, von der Fremdenlegion tr\u00e4umte und Kontakte zu Gleichgesinnten suchte. Doch entgegen vieler Ger\u00fcchte wird man nicht so einfach S\u00f6ldner. Die wenigen echten, gut bezahlten Jobs sind hei\u00df begehrt. Zudem wimmelt die Szene von Schw\u00e4tzern und Schaumschl\u00e4gern, die sich mit erfundenen Geschichten in den Vordergrund dr\u00e4ngen. Als Einsteiger braucht man deshalb gute Verbindungen zu Leuten, die bereits im Gesch\u00e4ft sind. Dabei ist au\u00dferdem zu beachten, dass der internationale Markt fast vollst\u00e4ndig von den USA beherrscht wird, an die sich die Briten als Juniorpartner angeh\u00e4ngt haben. Kleinere Nischen werden noch von Israel und Frankreich besetzt, wobei letzteres von seinen guten Beziehungen zu seinen Exkolonien profitiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Deutschen haben sich durch ihre Abstinenz im Irakkrieg und ihre Zur\u00fcckhaltung in Afghanistan bei amerikanischen Milit\u00e4rs nicht gerade beliebt gemacht. Dazu kommt, dass diese mit deutschen Bescheinigungen und Zertifikaten nur wenig anfangen k\u00f6nnen. Selbst beim einfachsten Marine, wissen sie dagegen sofort, was er kann und was nicht. Auch Gerrie musste bald feststellen, dass er selbst als ehemalige Fallschirmj\u00e4geroffizier nicht besonders gefragt war. Man merkt ihm heute noch diesen Frust an, wenn er sagt: <em>&#8222;Generell spielen die alten Regiments Netzwerke (speziell bei Briten) eine wichtige Rolle bei der Besetzung von Posten. Da wir Deutschen in diesen Netzwerken nur peripher oder gar keine Rolle spielen, ist es um so schwerer f\u00fcr unsereins dort einen Fu\u00df in die T\u00fcr zu bekommen. Und trotz der Tatsache, dass deutsche Ex-Soldaten meistens intelligenter und gebildeter sind, sind wir nur 3. Wahl und bekommen weniger Geld f\u00fcr 3 mal bessere Leistung. Wir waren halt nicht in der \u201arichtigen\u2019 Einheit, haben nicht mit den \u201arichtigen\u2019 Kameraden zusammen im Dreck gelegen und sind nicht mit den \u201arichtigen\u2019 Kameraden durch die Puffs und Bars gezogen. Und unser deutscher Akzent verr\u00e4t dies von Beginn an.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch gelang es Gerrie, sich dem Gewerbe sozusagen \u00fcber einen Umweg anzun\u00e4hern. Ein Freund vermittelte ihn an ein SatKom Unternehmen, das Mitarbeiter f\u00fcr Servicearbeiten in Krisengebieten wie Afghanistan, Pakistan, Sri Lanka und dem Sudan suchte. Dabei handelte es sich zwar um keinen S\u00f6ldnerjob, dennoch musste sich Gerrie als ehemaliger Offizier manchmal auch um anfallende Sicherheitsfragen k\u00fcmmern. Wichtiger war aber noch, dass er bei Arbeiten in Afghanistan mit Mitarbeitern von DynCorp, Erinys, Saladin u.a. in Kontakt kam. Man erwies sich kleine Gef\u00e4lligkeiten und ging sicher auch mal was trinken. Ihm \u00f6ffnete sich sozusagen der &#8222;Kleine Dienstweg&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ihn das SatKom Unternehmer 2004 wegen schlechter Gesch\u00e4fte entlassen musste, w\u00e4re f\u00fcr Gerrie \u00fcber diese Kontakte der Einstieg bei DynCorp m\u00f6glich gewesen. Allerdings stand ihm nun sein Privatleben im Weg; er hatte kurz vorher geheiratet und war Vater geworden. Seine Frau war nicht bereit sich mit den relativ kurzen Urlaubszeiten anzufreunden, ganz zu schweigen von der st\u00e4ndigen Angst den Partner und Vater ihres Kindes zu verlieren. Gerrie beugte sich ihren durchaus nachvollziehbaren Argumenten und versuchte sesshaft zu werden, dieses mal als Selbst\u00e4ndiger. Er scheiterte, wie so mancher vor ihm, der sich in einer \u00e4hnlichen Situation befunden hatte. Nach gut zwei Jahren war die Ehe gescheitert, das Ersparte weg, und Gerrie wahrscheinlich ziemlich am Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerrie war zwar wieder auf dem Markt, aber die losen Kontakte zu DynCorp usw. hatten sich auch verfl\u00fcchtigt. Allerdings hatte er inzwischen begriffen, wie wichtig genau solche Kontakte sind um ins Gesch\u00e4ft zu kommen. Er engagierte sich deshalb sofort mit viel Enthusiasmus in dem Internetportal arbeiten-in-krisengebieten.de (inzwischen eingestellt), das zu dieser Zeit aufgebaut wurde. Seine Einsch\u00e4tzung, deckt sich \u00fcbrigens mit der, die ich bei gelegentlichen Besuchen im Laufe der Jahre gewonnen habe: <em>&#8222;Es ist richtig, dass sich dort Deutschsprachige aus dem Business austauschen, allerdings werden 95% (vielleicht sogar mehr) nie einen Fu\u00df in die T\u00fcr bekommen. Deutsche sind Exoten in der Branche. Ich sch\u00e4tze dass es derzeit vielleicht 3 Dutzend (inkl. \u00d6sterreicher) von uns weltweit gibt. Und man kennt sich.&#8220;<\/em> (War nicht mal von Tausenden die Rede?)<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"540\" height=\"405\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/gerry-car.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4590\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/gerry-car.jpg 540w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/gerry-car-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Mit \u00fcber die besten Kontakte unter den Deutschen verf\u00fcgen anscheinend ehemalige Fremdenlegion\u00e4re, bei denen es sich oft um ehemalige Bundeswehrsoldaten handelt, die wohl auch eher Abenteuerlust als der Aussicht auf materiellen Gewinn in die Fremde getrieben hat. Dennoch sollte niemand glauben, dass man allein durch flei\u00dfiges Posten bei arbeiten-in-krisengebieten.de zu einem Job kommt. Es gibt genug angebliche Ex-KSK, Ex-GSG9 und Ex-irgendwas. Diejenigen, die einen Kontakt vermitteln k\u00f6nnen, m\u00fcssen ja auch auf ihren eigenen Ruf achten, wie gesagt, die Szene ist sehr \u00fcberschaubar und man kennt sich.<br><br>Gerrie kam schlie\u00dflich mit einem britischen Kameraden in Kontakt und bekam \u00fcber diesen einen Job im Irak. Seine Qualifikationen waren ja auch nicht die schlechtesten. Dennoch musste er erst einmal jemanden davon \u00fcberzeugen. Heute arbeitet er vorwiegend im Bereich Kommunikation, aber auch als Ausbilder und im PSD-Bereich. F\u00fcr ihn ist es geradezu ein idealer Beruf. Zur Motivation als &#8222;S\u00f6ldner&#8220; zu dienen meint er: <em>&#8222;Die Bezahlung ist dabei sicherlich ein gewichtiger Grund, viel wichtiger ist aber die Art zu leben, in der Welt rumzukommen und in einem milit\u00e4risch gepr\u00e4gten Umfeld zu leben. Abenteuerlust ist ein entscheidender Faktor; dieser war es auch der mich zum Milit\u00e4r getrieben hat. Das ganze Gelaber von Vaterlandsliebe, Staatsb\u00fcrger in Uniform ist nur Beiwerk, mit dem man sich zwar identifiziert, das aber nicht ausschlaggebend f\u00fcr die Berufswahl ist.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><br>\u00a9 Frank Westenfelder<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"> \u00a0<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"211\" height=\"300\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Gerrie-Buch.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4675\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>PS: Der Artikel wurde im Fr\u00fchjahr 2010 geschrieben, als sich die Medien so langsam f\u00fcr S\u00f6ldner interessierten. Heute sind sicher ein paar Deutsche mehr unterwegs. Viele sind es dennoch nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Gerrie ist \u00fcbrigens immer noch im &#8222;Gesch\u00e4ft&#8220;, wenn sicher auch mehr mit Verwaltung und Organisation besch\u00e4ftigt. Dadurch hatte er auch die Zeit \u00fcber seine langj\u00e4hrigen Erfahrungen ein Buch zu schreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es berichtet nicht von spektakul\u00e4ren Schie\u00dfereien und Heldentaten &#8211; und zeichnet sich gerade dadurch aus -, sondern von einem abenteuerlichen Beruf mit all seinen Widrigkeiten. Das Buch eignet sich deshalb vor allem f\u00fcr jene, die sich f\u00fcr die realen Aspekte einer S\u00f6ldnerkarriere interessieren und nat\u00fcrlich f\u00fcr Berufseinsteiger.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">das Buch bei <a href=\"https:\/\/amzn.to\/4mYGzWK\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\"><strong>Amazon<\/strong><\/a> bestellen<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutsche Legenden.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4582,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,138],"tags":[12],"class_list":["post-4577","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","category-gegenwart","tag-deutsche"],"blocksy_meta":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Deutsche S\u00f6ldner - 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