{"id":4413,"date":"2025-06-08T11:54:14","date_gmt":"2025-06-08T11:54:14","guid":{"rendered":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/?p=4413"},"modified":"2025-06-08T11:56:44","modified_gmt":"2025-06-08T11:56:44","slug":"das-fusvolk-im-irak","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/das-fusvolk-im-irak\/","title":{"rendered":"Das &#8222;Fu\u00dfvolk&#8220; im Irak"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Rich man\u2019s war and poor man\u2019s fight.<\/h5>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"900\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/soldner-bucher.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4422\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/soldner-bucher.jpg 600w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/soldner-bucher-300x450.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Betrachtet man sich B\u00fccher die neuerdings zur Thematik der Milit\u00e4r- oder Sicherheitsfirmen im Irak erscheinen, so sieht man auf den Coverabbildungen immer den gleichen Typus: ehemalige Angeh\u00f6rige westlicher Sondereinheiten. Es dreht sich um das gleiche Personal, das auch in S\u00f6ldnerfilmen &#8211; angefangen von den Billig- und Primitivvarianten bis hin zu den besseren Produktionen wie &#8222;Proof of Life&#8220; oder &#8222;Blood Diamond&#8220; &#8211; die Szene dominiert. Nun mag es noch angehen, dass sich Hollywood in allererster Linie an den Pr\u00e4ferenzen seines westlichen Publikums orientiert, wenn jedoch &#8222;kritische&#8220; Literatur den selben Geschmack bedient, so ist das mehr als bedenklich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Presse treibt es oft noch schlimmer. Hier ist zwar manchmal etwas von S\u00f6ldnern aus Lateinamerika, S\u00fcdafrika, Nepal, Serbien oder Fidschi zu lesen, doch nur um sofort in die \u00fcblichen Klischees zu verfallen. Man kann dann lesen, dass ehemalige Folterknechte Pinochets, Ceaucescus, des s\u00fcdafrikanischen Apartheidregimes oder Veteranen von Todesschwadronen aus Kolumbien und Serbien nun im Irak ihrem sinistren Handwerk nachgehen. Gerne wird dann auf den Tod des S\u00fcdafrikaners Francois Strydom verwiesen, der fr\u00fcher in der ber\u00fcchtigten Einheit &#8222;Koevoet&#8220; gedient hatte. Journalisten der spanischen Zeitung &#8222;El Pais&#8220; lie\u00dfen sich in einer Hotelbar Bagdads von einem Serben beeindrucken, der mit zunehmendem Alkoholpegel immer mehr Moslems in Sarajewo erschossen haben wollte und nun im Irak einen Job suchte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz ohne Zweifel gibt es eine ganze Reihe solcher Personen, die inzwischen im Irak ihr Gl\u00fcck versuchen, dennoch leiden die Artikel an den \u00fcblichen Skandal heischenden \u00dcbertreibungen. Irgendwie erinnern sie an die Berichterstattung \u00fcber die Kriege in Indochina und dem Kongo, im denen st\u00e4ndig von Veteranen der Waffen-SS gemunkelt wurde. In der Fremdenlegion waren diese eher selten, und im Kongo gab es keinen einzigen, weshalb sich Kongo-M\u00fcller der ungeteilten Aufmerksamkeit der Weltpresse erfreuen durfte. Journalisten \u00fcbersehen auch allzu gerne, dass S\u00f6ldner oft enorme Aufschneider sind und mit Vorliebe die eigene Biographie mit einigen erfundenen Missionen und Leichen ausschm\u00fccken. Man h\u00e4lt sich hier an das italienische Motto: &#8222;Wenn es schon nicht wahr ist, so ist es doch zumindest gut erfunden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allen Dingen erinnert uns aber die Perspektive der Medien an die mittelalterlicher Chroniken &#8211; Geschichte wiederholt sich zwar nicht, funktioniert aber immer wieder gerne nach \u00e4hnlichen Prinzipien. In diesen Chroniken findet man leicht die Namen illustrer F\u00fcrsten, die in fremden Diensten Ruhm und Ehre suchten &#8211; vom Geld wird nur selten berichtet -; von der gro\u00dfen Masse der einfachen Knechte ist dagegen kaum etwas zu erfahren. Nur manchmal ist pauschal von &#8222;b\u00f6sem Volke aus allen L\u00e4ndern&#8220; zu lesen. Wenn man es etwas genauer wissen m\u00f6chte, entdeckt man, dass dieses Volk sehr oft aus den \u00e4rmsten Regionen Europas stammte: der Bretagne, den Pyren\u00e4en, Wales, den Alpen, oder Schottland. Reine Armut reichte nat\u00fcrlich nicht ganz aus; die potentiellen Rekruten sollten auch m\u00f6glichst kriegerisch und waffengewohnt sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass das Gesch\u00e4ft im Irak zur Zeit immer noch nach \u00e4hnlichen Mechanismen abl\u00e4uft belegt die Arbeit der &#8222;U.N. Working Group on the Use of Mercenaries&#8220; (UNWG), die im Juli 2005 ihre Arbeit aufgenommen hat und seither die Anwerbung und Verwendung von S\u00f6ldnern weltweit untersucht. In ihren Berichten ist weder von amerikanischen Special Forces, noch von serbischen Scharfsch\u00fctzen die Rede, sondern vom banalen Alltag der S\u00f6ldnerwerbung. Die Arbeitsgruppe besuchte so entlegene L\u00e4nder wie Hondoras, Ecuador, Peru, Chile und Fidschi, da dort die Hauptrekrutierungsgebiete vermutet werden. Wahrscheinlich muss sie sich in n\u00e4chster Zeit auch noch nach Nepal, Kolumbien und Uganda bewegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man mag es vielleicht f\u00fcr einen Skandal halten, dass arme Schweine aus der 3. Welt, die sich h\u00f6chstwahrscheinlich nie ein Auto leisten konnten, f\u00fcr das Roh\u00f6l der reichen L\u00e4nder den Kopf hinhalten. Wir denken, dass S\u00f6ldnergeschichte fast immer so war. Was uns aber dennoch gewaltig st\u00f6rt ist die Ignoranz der Journalisten und Autoren, die auf m\u00f6glichst billige Weise den Publikumsgeschmack bedienen. Zeitungen berichten bevorzugt \u00fcber S\u00f6ldner ihrer Nationalit\u00e4t &#8211; der &#8222;Stern&#8220; konnte sogar eine deutsche Firma ausfindig machen -, und konzentrieren sich ansonsten auf den von Hollywood gepr\u00e4gten Typus. Die meisten Leser wissen deshalb noch nicht einmal, dass diese Leute \u00fcberhaupt existieren. Und wenn dann tats\u00e4chlich mal ein paar in die Nachrichten gelangen, da sie einem Attentat zum Opfer gefallen sind, kann sich der westliche Leser damit tr\u00f6sten, dass es sich ja nur um faschistische Killer aus S\u00fcdafrika oder Chile gehandelt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Westliches Personal mit Spezialausbildung dominierte im ersten Jahr fast komplett die Szene. Der Krieg galt als gewonnen und US-amerikanische und britische PMCs rangelten um lukrative Regierungsauftr\u00e4ge. M\u00e4chtige Firmen mit viel politischem Einfluss wie Kellog Root &amp; Brown, DYNCORP, MPRI, Blackwater, Control Risk, oder AmorGroup, die den Kuchen unter sich aufteilen wollten hatten bereits Monate zuvor ihren Personalbestand aufgestockt und konnten unter zahlreichen Bewerben ausw\u00e4hlen (Selbst wir bei Kriegreisende &#8211; eine rein historische Seite &#8211; erhielten damals so viele emails, dass wir das eine oder andere Platoon h\u00e4tten vermitteln k\u00f6nnen).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"446\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/iraq-ied.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4420\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/iraq-ied.jpg 600w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/iraq-ied-300x223.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">IED-Explosion im Iraq<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Aber die Lage \u00e4nderte sich schnell. Als sich Ende 2003 im Irak die Anschl\u00e4ge h\u00e4uften und die ersten Ausl\u00e4nder entf\u00fchrt wurden, gingen die Preise f\u00fcr gut ausgebildete Ex-Soldaten durch die Decke &#8211; Tagess\u00e4tze von \u00fcber 1.000$ waren keine Seltenheit &#8211; und neue Sicherheitsfirmen schossen wie Pilze nach einem warmen Herbstregen aus dem Boden. Das Problem versch\u00e4rfte sich dadurch, dass Spezialkr\u00e4fte nur in sehr kleinen Gruppen und \u00fcber l\u00e4ngere Zeit ausgebildet werden. Die Zahl die sp\u00e4ter auf dem S\u00f6ldnermarkt zur Verf\u00fcgung steht ist relativ klein und begrenzt. Im Irak ben\u00f6tigte man aber Tausende &#8211; Tendenz rasant steigend. In ihrer Not begannen die Firmen, sich gegenseitig Personal abzuwerben. Au\u00dferdem waren sie damit konfrontiert, dass sich manchmal gerade die besten Mitarbeiter mit einigen Kameraden selbst\u00e4ndig machten. Ein Direktor von Blackwater beschrieb die Situation so: &#8222;wir suchten in allen Winkeln der Welt nach Profis.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Rettung f\u00fcr Blackwater kam in Gestalt von Jos\u00e9 Miguel Pizarro, ein Chilene, der auch die US-Staatsb\u00fcrgerschaft besa\u00df und in Lateinamerika als Vertreter gro\u00dfer US-R\u00fcstungsfirmen t\u00e4tig war. Pizarro war ein Anh\u00e4nger Pinochets und besa\u00df hervorragende Kontakte zum chilenischen Milit\u00e4r. Als er mit Blackwater Verbindung aufnahm und Firmengr\u00fcnder Erik Prince von US-Instrukteuren chilenische Kommandos versprach, antwortete ihm dieser: &#8222;Wenn Sie mir nur einen Navy Seal aus Chile besorgen k\u00f6nnen, ist es mir die Sache wert.&#8220; Anfang 2004 kamen dann die ersten 60 Ex-Seals aus Chile nach Nord Carolina und erhielten dort von Blackwater ihr Abschlusstraining, bevor sie in den Irak geschickt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Weitere folgten und Pizarro wurde schnell zu einem der ganz Gro\u00dfen im S\u00f6ldnergesch\u00e4ft mit Lateinamerika. Seine Firma Red T\u00e1ctica er\u00f6ffnete Rekrutierungsb\u00fcros und inserierte in Tageszeitungen in Chile, Uruguay, Peru, Ecuador und anderen L\u00e4ndern. Auch andere US-Firmen hatten inzwischen das gro\u00dfe Reservoir im S\u00fcden entdeckt und er\u00f6ffneten Zweigstellen oder gr\u00fcndeten Tochterfirmen. Dabei ben\u00fctzten sie auch nicht selten Pizarros Kontakte. Ein Beispiel f\u00fcr die personellen und institutionellen Verflechtungen sind die Ereignisse im Herbst 2005 in Honduras. Die erst kurz zuvor gegr\u00fcndete US-PMC Triple Canopy hatte einen Gro\u00dfauftrag im Irak bei der Bewachung von Anlagen und diplomatischem Personal an Land gezogen. Eine eigens daf\u00fcr in Honduras gegr\u00fcndete Tochterfirma &#8211; Your Solution Inc &#8211; warb das notwendige Personal in Chile und Mittelamerika an.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"170\" height=\"170\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/chile-mercs.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4424\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">chilenische S\u00f6ldner in Honduras<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Den letzten Schliff sollten die Rekruten dann in der Milit\u00e4rbasis Lepaterique in der N\u00e4he von Tegucigalpa erhalten. Die Leitung hatte ein gewisser Marina \u00d3scar Aspe, der zuvor schon f\u00fcr Pizarros Red T\u00e1ctica gearbeitet hatte. Das Lager selbst hatte in Honduras einen \u00e4u\u00dferst schlechten Ruf, da die CIA dort in den 80er Jahren honduranische Soldaten im Antiguerillakampf ausgebildet hatte und Contras f\u00fcr den Krieg in Nicaragua. Man kann also davon ausgehen, dass es bei der Organisation des Ganzen zu einer kameradschaftlichen Zusammenarbeit zwischen CIA, honduranischem Milit\u00e4r, Pizarro und der PMC Triple Canopy gekommen war. Als im September dann die Zeitung &#8222;La Tribuna&#8220; auf ihrer Titelseite brachte, dass Honduras chilenische S\u00f6ldner ausbilde, wollte nat\u00fcrlich niemand davon gewusst haben. Your Solutions wurde aufgefordert, seine Aktivit\u00e4ten einzustellen und umgehend das Land zu verlassen. Da sich Nicaragua jedoch weigerte, die S\u00f6ldner aufzunehmen, genehmigte man ihnen schlie\u00dflich noch 15 Tage, um ihr Training abzuschlie\u00dfen und anschlie\u00dfend in den Irak auszurei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Peru, wo ebenfalls viel rekrutiert wird, l\u00e4uft die Sache noch viel offensichtlicher. Dort organisierte das Gesch\u00e4ft f\u00fcr Triple Canopy die lokale Firma &#8222;Gun Supply&#8220;, die auch die Armee mit Munition beliefert. Gegen harte Dollars \u00fcbernahm dann die Armee gleich selbst die Ausbildung der S\u00f6ldner, ohne den Verteidigungsminister zu fragen. Dennoch gab es, auch nachdem die Vorg\u00e4nge publik geworden waren, kein Verbot seitens der Regierung. &#8222;Sie wissen, dass es eine M\u00f6glichkeit ist zu arbeiten,&#8220; sagte der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von Gun Supply. &#8222;Du machst es, oder du l\u00e4sst es; so einfach ist das. Tausend Dollar monatlich sind eine Menge Geld in Peru.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Damit kommen wir zum entscheidenden Grund, f\u00fcr das gro\u00dfe Interesse der PMCs am lateinamerikanischen S\u00f6ldnermarkt: durch den niedrigen Lebensstandard und die gro\u00dfe Menge ehemaliger Soldaten, die sich oft genug f\u00fcr einen Hungerlohn als &#8222;guachim\u00e1n&#8220; (watchman) vor einem Nobelviertel oder einem Supermarkt durchschlagen m\u00fcssen, lassen sie die Preise geradezu unglaublich dr\u00fccken. Hatte Blackwater den Chilenen noch 4.000$ Dollar im Monat bezahlt, so erhielten sp\u00e4ter geworbene Kolumbianer nur noch 2.500$ und ganz am Schluss kamen die Peruaner mit 1.000$ monatlich &#8211; das waren 5,75$ pro Stunde! Aber auch Chilenen, die sp\u00e4ter geworben wurden und keine besondere Spezialausbildung besa\u00dfen, erhielten nur noch um die 1.000$ monatlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die PMCs k\u00f6nnen problemlos f\u00fcr jeden dieser Billigs\u00f6ldner ein Vielfaches abrechnen und dennoch ihre Dienste wesentlich preiswerter anbieten. Man hat dort schnell begriffen, dass man zur Bewachung der ausgedehnten Anlagen, Besetzung der zahllosen Checkpoints oder als Fahrer im Konvoi keine Rangerausbildung braucht. Es reicht wenn die Angeworbenen mit Waffen umgehen k\u00f6nnen, gute Nerven haben und nicht zuletzt die H\u00e4rten des Dienstes ertragen. Dieser ist ohne Zweifel gef\u00e4hrlich. Wachen werden aus vorbeirasenden Autos beschossen und st\u00e4ndig muss man mit Bombenanschl\u00e4gen rechnen. Das zehrt an den Nerven; dazu kommt das Wachestehen in gl\u00fchender Sonne und Patrouillen mit gut 15 Kg Gep\u00e4ck. Gerade f\u00fcr die Indios aus den Anden und die Chilenen ist die ungewohnte Hitze oft der schlimmste Feind. W\u00e4hrend ihre viel besser bezahlten Kameraden aus den USA und Europa alle drei Monate einen Monat Heimaturlaub auf Firmenkosten genie\u00dfen, bleiben die Lateinamerikaner normalerweise f\u00fcr ein ganzes Jahr. Deshalb gilt die Langeweile oft als der zweitschlimmste Feind. Viele k\u00f6nnen ihre St\u00fctzpunkte nicht verlassen, und so verbringen sie dort ihre dienstfreie Zeit mit Alkohol und Satelliten-TV, warten darauf, sich wieder als Zielscheiben auf die Stra\u00dfe zu stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch herrscht kein Mangel an Freiwilligen. Wenn die Subunternehmen der gro\u00dfen US-PMCs in Lateinamerika annoncieren, finden sich meistens hunderte ein. Viele suchen auch \u00fcber dubiose Internetseiten einen &#8222;Job&#8220; im Irak. Bei dr\u00fcckender Armut und einer hohen Arbeitslosigkeit erscheint der S\u00f6ldnerdienst als eine der ganz wenigen M\u00f6glichkeiten, dem Elend zu entkommen. Der normale Weg w\u00e4re die Emigration, doch der Zugang in die USA wird immer enger und schwieriger. Auf die Frage, ob ihm f\u00fcr seine Dienste eine Bleiberecht in den USA in Aussicht gestellt wurde, antwortete ein chilenischer S\u00f6ldner: &#8222;Leider nicht. Wenn sie das anbieten w\u00fcrden, w\u00e4re ich in der Lage, gratis in den Krieg zu ziehen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend lateinamerikanische Staaten als Lieferanten auf dem S\u00f6ldnermarkt relativ neu sind und ohne den enormen Bedarf im Irak vielleicht nie als solche in Erscheinung getreten w\u00e4ren, gibt es auch die ganz traditionellen Anbieter, die praktisch von der ersten Stunde an mit dabei waren. An erster Stelle stehen hier nat\u00fcrlich die nepalesischen Gurkhas, von denen einige tausend in den Reihen der britischen Armee im Irak dienen, aber auch viele von PMCs wie der britischen ArmorGroup oder der US-Firma Custer Battles unter Vertrag genommen worden sind. Sie \u00fcbernehmen \u00e4hnliche Aufgaben wie die S\u00f6ldner aus Lateinamerika, werden aber deutlich besser bezahlt, da sie sehr oft eine solide Ausbildung in der britischen Armee oder mehrere UN-Missionen hinter sich haben, und nicht zuletzt einen hervorragenden Ruf genie\u00dfen, was sich bei S\u00f6ldnern schon immer in bare M\u00fcnze umsetzen lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Wesentlich weniger bekannt sind dagegen die S\u00f6ldner aus Fidschi, das man normalerweise nur mit paradiesischen S\u00fcdseeinseln in Verbindung bringt. Dennoch haben die M\u00e4nner aus Fidschi mit den Gurkhas eine Menge gemeinsam. Bis ins sp\u00e4te 19. Jahrhundert pflegten sie den Ruf wilder und tapferer Krieger &#8211; eine Tradition, die bis heute das Selbstverst\u00e4ndnis vieler M\u00e4nner bestimmt. In beiden Weltkriegen k\u00e4mpften viele als Freiwillige in Einheiten der britischen Armee, die dann, als Ende des 20. Jahrhunderts die Rekruten knapp wurden, ganz offiziell damit begann in Fidschi zu werben. Inzwischen dienen etwa 2.000 als britische Soldaten im Irak und stellen damit einen hohen Anteil des &#8222;britischen&#8220; Kontingents.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"290\" height=\"188\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/fidschi_irak.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4425\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">S\u00f6ldner aus Fidschi im Irak<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als die gro\u00dfe &#8222;S\u00f6ldnerakademie&#8220; f\u00fcr Fidschi erwiesen sich jedoch die UN-Missionen. Obwohl das kleine und bettelarme Land nur Streitkr\u00e4fte von 3.500 Mann unterh\u00e4lt, befand sich nach M\u00f6glichkeit immer ein Bataillon im UN-Einsatz &#8211; man rechne dies mal f\u00fcr europ\u00e4ische Streitkr\u00e4fte hoch! F\u00fcr die Regierung ist dies eine wichtige Devisenquelle und zudem eine M\u00f6glichkeit ihre Soldaten mit einem Zusatzeinkommen zu versorgen. Die Bedeutung dieses Gesichtspunkts wird durch eine ganze Reihe Milit\u00e4rputsche schlecht bezahlter Milit\u00e4rs unterstrichen. Im Auftrag der UN dienten Soldaten von Fidschi auf dem Sinai, Zypern, Namibia, dem Kosovo, Zimbabwe, Bougainville, Ost-Timor, den Salomonen und dem Libanon. Die Probleme begannen immer dann, wenn die Soldaten heimkehrten und keine neue Mission in Aussicht stand. Als zum Beispiel 2002 der Vertrag f\u00fcr das relativ starke Kontingent im Libanon auslief, mussten viele Soldaten entlassen werden, und Teile eines Bataillons wurden als Wachleute an eine lokale Supermarktkette vermittelt.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr viele ehemalige Soldaten war es deshalb fast eine Erl\u00f6sung, als sich die Lage im Irak verschlechterte und die Werbungen begannen. Als erste verst\u00e4rkten die Briten ihre Bem\u00fchungen. Offiziell ist Gro\u00dfbritannien ja der wichtigste Verb\u00fcndete der USA und besch\u00e4ftigt keine S\u00f6ldner; dennoch wei\u00df es die Regierung zu sch\u00e4tzen, wenn sich in den Leichens\u00e4cken, mit denen diese Politik letzten Endes bezahlt wird, anschlie\u00dfend keine Briten sondern Ausl\u00e4nder befinden. Gleich nach der Army kamen die PMCs; zuerst britische Firmen wie Global Risk Strategies, ArmorGroup und Sabre International Security. Aber auch US-Firmen wie Triple Canopy oder Skylink lie\u00dfen nicht lange auf sich warten<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sold liegt je nach Ausbildung und Gefahrenzulage mit 1.500-3.000$ deutlich \u00fcber dem der Peruaner. Doch der Preis ist hoch. Viele S\u00f6ldner aus Fidschi arbeiten als Konvoifahrer, wo es immer wieder durch Sprengfallen und Raketenangriffe zu Verlusten kommt. Bis Ende 2006 z\u00e4hlte das kleine Land \u00fcber 200 Gefallene. In Fidschi unterscheidet man dabei nicht gro\u00df, ob es sich bei den Toten um Angeh\u00f6rige des UN-Kontingents im Irak, um britische Soldaten oder um Angestellte einer PMC gehandelt hat. Schlie\u00dflich waren alle als Krieger ins Ausland gezogen, um Geld zu verdienen, mit dem sie ihre Familien unterst\u00fctzen wollten. Inzwischen haben die \u00dcberweisungen der im Ausland dienenden S\u00f6ldner, die Einnahmen aus der immer schlechter gehenden Zuckerindustrie \u00fcberrundet und liegen damit hinter dem Tourismus auf Platz zwei der Devisenquellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Existenz vieler Familien, manchmal sogar ganzer Dorfgemeinschaften h\u00e4ngt von den Verdiensten der &#8222;Gastarbeiter&#8220; im Irak ab. Selbst wenn die M\u00e4nner nicht zur\u00fcckkommen, sind Versicherungspr\u00e4mien von weit \u00fcber 100.000$ sehr viel Geld f\u00fcr die abgelegenen D\u00f6rfer. Tausende haben sich deshalb als potentielle Rekruten in die Wartelisten der britischen Armee und diverser S\u00f6ldnerfirmen eingetragen. Die Regierung duldet die Werbungen wohlwollend; f\u00fcr sie ist es eine Methode die schnell wachsende Bev\u00f6lkerung mit Arbeit zu versorgen und gleichzeitig dringend ben\u00f6tigte Devisen zu erhalten. So sagte der Arbeitsminister 2005: &#8222;Die Regierung wei\u00df, dass immer mehr M\u00e4nner nach Kuwait oder Irak gehen, und das ist eine gute Sache, weil es die Arbeitslosen mit Arbeit versorgt. Es ist eine der L\u00f6sungen f\u00fcr die steigende Arbeitslosenrate im Land.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist das alte Lied. Wie einst aus den schweizer Bergen kommen auch heute wieder die S\u00f6ldner aus den von Armut, Krieg und \u00dcberbev\u00f6lkerung geplagten Gebieten. Selbst in Uganda, wo seit langem ein besonders blutiger B\u00fcrgerkrieg w\u00fctet, wird seit einigen Jahren geworben. Die Menschen dort sind an die Schrecken des Krieges gew\u00f6hnt, haben nicht viele Alternativen und sprechen gut Englisch. Ein j\u00fcngerer Bruder des Pr\u00e4sidenten hat dort eine eigene Sicherheitsfirma gegr\u00fcndet, \u00fcber die er dann die Gro\u00dfabnehmer im Irak mit dem notwendigen Menschenmaterial versorgen kann &#8211; fr\u00fcher nannte man das &#8222;Soldatenhandel&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"370\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/mex_arbeitsamt.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4426\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/mex_arbeitsamt.jpg 500w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/mex_arbeitsamt-300x222.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">&#8222;Arbeitsamt&#8220; in Mexico City<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Bedarf ist gro\u00df, und so wundert es nicht, dass st\u00e4ndig neue Firmen entstehen und sich arme Staaten als Zulieferer etablieren m\u00f6chten. 2007 sch\u00e4tzte die Los Angeles Times die Zahl der S\u00f6ldner im Irak auf 180.000 und damit deutlich h\u00f6her als die der offiziellen US-Streitkr\u00e4fte (160.000). Unter diesen S\u00f6ldnern dienen angeblich 21.000 US-B\u00fcrger, 43.000 Ausl\u00e4nder und 118.000 Iraker. Die Iraker stehen ganz unten in der Hierarchie und m\u00fcssen sich meistens mit einer Bezahlung von 600$ monatlich zufrieden geben. Man mag dar\u00fcber diskutieren, ob es sich bei ihnen und den Nordamerikanern um &#8222;richtige S\u00f6ldner&#8220; handelt. Unserer Ansicht nach, sollte man auf beide Gruppen verzichten, da sie zu den Krieg f\u00fchrenden Nationen geh\u00f6ren und somit zumindest eine hypothetische Dienstpflicht besteht. Andererseits sollte man die britischen Soldaten aus S\u00fcdafrika, Nepal, Fidschi und Jamaika doch eher zu den S\u00f6ldnern rechnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gro\u00dfe Masse dieser S\u00f6ldner kommt wie gesagt aus sehr armen L\u00e4ndern, deren Einwohner seit langem ihr Gl\u00fcck als Emigranten in der Fremde suchen und wo der Lebensstandard so niedrig ist, dass es sich lohnt f\u00fcr 1.000$ im Monat sein Leben zu riskieren. Sicher befinden sich auch Leute mit einer kriminellen Vergangenheit darunter, aber die Folterknechte Pinochets haben sich wahrscheinlich l\u00e4ngst auf ihren Pfr\u00fcnden zur Ruhe gesetzt, und unter den S\u00fcdafrikanern dominieren Schwarze. Ehemalige Kommunisten wie Serben oder Rum\u00e4nen haben in den uramerikanisch gef\u00fchrten PMCs keine guten Aussichten. Statt im Dienst irgendwelcher finsterer Tyrannen haben deshalb die meisten S\u00f6ldner im Irak, die \u00fcberhaupt Erfahrung haben, diese im Dienst von UN-Missionen gewonnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu ihren Kollegen westlicher Provenienz, die gerne in Autobiographien und Fernsehinterviews auf sich aufmerksam machen, handelt es sich bei den S\u00f6ldnern aus der Dritten Welt um einfache Leute. Anstatt von Adrenalin, ihrem ersten &#8222;Kill&#8220; oder anderen Heldentaten zu schwafeln, erz\u00e4hlen sie von der Hitze, der Langeweile und immer wieder vom \u00fcberreichen Essensangebot der US-Kantinen. Aber genau dadurch wirken sie viel echter. Nat\u00fcrlich fehlt ihnen als einfachem &#8222;Fu\u00dfvolk&#8220; der Glamour der Fahrenden Ritter mit den schicken Waffen und Sonnenbrillen, und deshalb wird sie Hollywood auch in keinem Film verwenden. Dennoch ist ihr Dienst normalerweise wesentlich h\u00e4rter &#8211; so fehlen z.B. der regelm\u00e4\u00dfige Heimaturlaub und die Ruhepausen in Luxushotels -, ihr Sold betr\u00e4gt einen Bruchteil, ihre Ausr\u00fcstung ist schlechter und ihre Verlustraten oft h\u00f6her. Die 200 Toten, die Fidschi mit einer Bev\u00f6lkerung von etwa 900.000 bis Ende 2006 hatte, m\u00f6gen manchen nicht viel erscheinen. Berechnet man sie jedoch pro Kopf und stellt sie den USA gegen\u00fcber (Bev\u00f6lkerung ca. 300 Millionen), so entspr\u00e4che das weit \u00fcber 60.000 Gefallenen. Und unter diesen Umst\u00e4nden h\u00e4tte die US-Army wahrscheinlich l\u00e4ngst fluchtartig den Irak verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right has-small-font-size\">\u00a9 Frank Westenfelder<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rich man\u2019s war and poor man\u2019s fight.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4419,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,138],"tags":[203,139],"class_list":["post-4413","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","category-gegenwart","tag-irak","tag-pmc"],"blocksy_meta":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.4 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Das &quot;Fu\u00dfvolk&quot; im Irak - Kriegsreisende<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/das-fusvolk-im-irak\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Das &quot;Fu\u00dfvolk&quot; 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