{"id":4393,"date":"2025-06-08T11:52:11","date_gmt":"2025-06-08T11:52:11","guid":{"rendered":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/?p=4393"},"modified":"2025-06-08T11:52:11","modified_gmt":"2025-06-08T11:52:11","slug":"der-dreieckshandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/der-dreieckshandel\/","title":{"rendered":"Der Dreieckshandel"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Parallelen zwischen Soldaten- und Sklavenhandel.<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hatte sich die soziale Situation der S\u00f6ldner seit dem Ende des 16. Jahrhunderts bereits stetig verschlechtert, so wurde sie seit Kapitalismus und Merkantilismus immer st\u00e4rker die Politik und damit auch die Kriege bestimmten geardezu katastrophal. S\u00f6ldner wurden zu einer Ware, die r\u00fccksichtslos verschachert und verschlissen wurde. Der anarchische Freiheitswillen der Landsknechte und ihr gockelhafter Stolz wurde vom Absolutismus, der Macht des Geldes und den Korporalst\u00f6cken endg\u00fcltig zerbrochen. S\u00f6ldner waren der Auswurf der Gesellschaft, der einem sinnvollen Zweck zugef\u00fchrt werden sollte. So befahl ein f\u00fcrstlicher Erlass in Hessen, dass &#8222;die Beamten das sich einschleichende herren und nahrungslose Gesindel wie auch M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger, so nichts zu verlieren haben und zum Soldaten t\u00fcchtig, unter Anerbietung eines gewissen Anreitzgeldes anzuwerben sich bem\u00fchen sollen&#8220;. In ganz Europa stellten entlassene S\u00f6ldner und Deserteure den gr\u00f6\u00dften Anteil der zahlreichen R\u00e4uberbanden. Andererseits wurden H\u00e4ftlinge oft wieder den Werbern \u00fcbergeben. Jeder sollte arbeiten und den Reichtum seines F\u00fcrsten mehren, und wer dazu nicht taugte sollte als Soldat Nutzen bringen. Der Soldatenhandel brachte diese Einstellung deutlich zum Ausdruck. Aber auch die, die nicht von ihren F\u00fcrsten verkauft wurden, die immer noch auf eigene Faust unterwegs waren, verfingen sich im Netz des Merkantilismus. W\u00e4hrend die F\u00fcrstenpal\u00e4ste mit den Gewinnen der Handelsgesellschaften um die Wette wuchsen, wurde der Kriegsdienst zu einem immer sch\u00e4bigeren Gesch\u00e4ft. Am schlimmsten waren die Ausw\u00fcchse, wo es mit dem Sklavenhandel direkt in Ber\u00fchrung kam und die Parallelen nicht mehr zu \u00fcbersehen sind.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"544\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/dreieckshandel.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4396\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/dreieckshandel.jpg 600w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/dreieckshandel-300x272.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf der Suche nach schnellen Gewinnen war der sogenannte &#8222;Dreieckshandel&#8220; entstanden. Man tauschte an der afrikanischen K\u00fcste europ\u00e4ische Manufakturenwaren (Werkzeuge, Waffen, Textilien, Glas etc.) gegen Sklaven, transportierte diese nach Westindien, wo man f\u00fcr sie Zucker, Tabak und Gew\u00fcrze erhielt, die sich dann wieder in Europa mit gro\u00dfem Profit verkaufen lie\u00dfen. Ein Sklave, den man in Afrika f\u00fcr Branntwein und minderwertige Tauschartikel im Wert von 5 Gulden erwerben konnte, brachte in S\u00fcdamerika gut das Zehnfache in Zucker, der in Europa wiederum f\u00fcr ein Vielfaches verkauft werden konnte. Die Aktien, der im Dreieckshandel t\u00e4tigen Gesellschaften, warfen riesige Gewinne ab. Geschickte und skrupellose Kaufleute wie zum Beispiel die Schimmelpfennigs errichteten sich Schl\u00f6sser, erwarben weite L\u00e4ndereien und wurden in den Adelsstand erhoben. Da wollten auch die F\u00fcrsten nicht hintanstehen und beteiligten sich oder gr\u00fcndeten eigene Gesellschaften. Doch mit dem Wachstum des Gesch\u00e4fts und der zunehmenden Konkurrenz ben\u00f6tigten die Gesellschaften feste St\u00fctzpunkte in Afrika, in denen die Sklaven gesammelt werden konnten, und eigene Plantagen, wo man sie sicher absetzen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Portugiesen hatten bereits 1482 ihr erstes Fort an der Guineak\u00fcste gegr\u00fcndet. \u00dcber hundert Jahre beherrschten sie von dort den Handel mit Sklaven, Gold und Elfenbein bis sie von den gesch\u00e4ftst\u00fcchtigen Holl\u00e4ndern daraus verdr\u00e4ngt wurden. Die raublustige WIC bem\u00e4chtigte sich der alten portugiesischen Forts Elmina und Axim, um ihre neuen Eroberungen in Brasilien und der Karibik mit Sklaven zu versorgen. Bald folgten Engl\u00e4nder und Franzosen, errichteten eigene Forts in Afrika und eroberten die eine oder andere Zuckerinsel in der Karibik. In Guyana lagen die niederl\u00e4ndischen, franz\u00f6sischen und englischen Kolonien dicht an dicht und an der Goldk\u00fcste waren die Forts manchmal nur einige Kilometer voneinander entfernt. Auch D\u00e4nen und Schweden errichteten St\u00fctzpunkte in Afrika und erwarben karibische Inselchen. Schlie\u00dflich gr\u00fcndeten sogar der Herzog von Kurland und der Kurf\u00fcrst von Brandenburg einzelne Forts an der Gold- und der Elfenbeink\u00fcste. Einige diese zahlreichen verstreuten afrikanischen Forts und karibischen Kleinstkolonien, von denen einige Heute noch als Briefmarkenstaaten fortleben, wechselten h\u00e4ufig ihre Besitzer. Da die Garnisonen winzig waren und eine loyale Bev\u00f6lkerung fehlte, waren Kriege in Europa immer ein willkommener Anlass, sich eines Forts oder einer Insel zu bem\u00e4chtigen. Manchmal gelang auch einem H\u00e4uptling die Eroberung eines Forts und er verkaufte es dann meistbietend an eine der Kolonialm\u00e4chte. Accra an der Goldk\u00fcste war eine portugiesische Gr\u00fcndung und kam dann in den Besitz der Niederl\u00e4nder, der Schweden, wieder der Niederl\u00e4nder und schlie\u00dflich der Engl\u00e4nder; Gor\u00e9e im Senegal war zuerst niederl\u00e4ndisch und wechselte dann vier mal zwischen Frankreich und England im Besitz.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"241\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/elmina-forts.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4398\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/elmina-forts.jpg 800w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/elmina-forts-300x90.jpg 300w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/elmina-forts-768x231.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor allem unter den Besatzungen der holl\u00e4ndischen und d\u00e4nischen Forts befand sich immer ein gro\u00dfer Anteil deutscher S\u00f6ldner. Der N\u00fcrnberger Michael Hemmersam diente in Elmina und war an der Eroberung von Axim beteiligt. Der erste Kommandeur des d\u00e4nischen Forts Frederiksborg war Jost Cramer aus Lindau und sein Nachfolger Henning Albrecht aus Hamburg. Bei der Gr\u00fcndung der schwedischen Guineakompanie war der Ritter Carloff aus Rostock eine zentrale Figur. Er war vorher bereits im Dienst der WIC und leistete sp\u00e4ter den D\u00e4nen \u00e4hnliche Dienste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch nach den etwas unruhigen Gr\u00fcnderzeiten ersch\u00f6pfte sich der Dienst in Langeweile. Oft reichte der Machtbereich dieser Forts nicht weiter als die Schussweite ihrer Kanonen, und f\u00fcr die Besatzungen aus zwei, drei Dutzend Wei\u00dfen waren die Ankunft eines Schiffes oder einer Sklavenkarawane die gro\u00dfen Ereignisse des Jahres. Hitze, Ruhr, Gelbfieber, Malaria und der Guineawurm dezimierten die S\u00f6ldner. Viele waren krank und verkamen apathisch im Dreck. Aus einigen Forts kamen nur Bruchteile der Besatzungen zur\u00fcck. Auf der Zuckerinsel Sao Thom\u00e9 im Golf von Guinea herrschte ein derart m\u00f6rderisches Fieber, dass die WIC die Garnison als Strafkolonie ben\u00fctzte. Hemmersam, der diese Insel auf der R\u00fcckreise kurz besuchte berichtete, dass selbst die Schildwachen in St\u00fchlen sa\u00dfen, da sie zu schwach zum stehen waren. &#8222;Und waren diese V\u00f6lcker den Todten gleicher, als Lebendigen Menschen&#8220;, fasste er seinen Eindruck zusammen. Viele empfanden den Guineawurm als schlimmste Plage. Er wuchs als Parasit unter der Haut und konnte erst entfernt werden wenn das Geschw\u00fcr, das sich nach der Eiablage bildete, geplatzt war. Dann musste man ihn ganz langsam, \u00fcber mehrere Tage mit einem kleinen Holz herauswinden. Wenn er dabei abriss, vereiterten die Reste, was zu Amputationen und zum Tod f\u00fchren konnte. Fast jeder wurde mehrmals davon befallen und manche hatten gleichzeitig Dutzende unter der Haut.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"597\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sklavin-stedman.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4400\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sklavin-stedman.jpg 400w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sklavin-stedman-300x448.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwischen Hitze, Krankheiten, Langeweile und der verachteten menschlichen Ware entfalteten sich die niedrigsten Instinkte der S\u00f6ldner. In ihrer an Schmutz und Lastern nicht gerade armen Geschichte bilden die Forts an der Guineak\u00fcste einen verkommenen und verdorbenen H\u00f6hepunkt. Abgerissene, vom Fieber ausgezehrte Gestalten soffen sich um den Rest ihres Verstandes und vergn\u00fcgten sich mit schwarzen Sklavinnen und Konkubinen, die jederzeit f\u00fcr etwas Branntwein oder Tabak zu haben waren. Ein franz\u00f6sischer Reisender, der diese Forts im 19. Jahrhundert besuchte, berichtete, dass sich der d\u00e4nische Gouverneur von 20 Sklavinnen bedienen lie\u00df, die au\u00dfer wei\u00dfen Servietten keinerlei Kleidung trugen. Der englische Gouverneur lie\u00df seinen Wagen von vier Schwarzen ziehen, die er dabei mit der Peitsche antrieb. Nat\u00fcrlich f\u00f6rderten solche Vorbilder die Exzesse unter den ungebildeten und verrohten Mannschaften. Trotzdem kann man annehmen, dass sich der Rassismus der einfachen S\u00f6ldner in Grenzen hielt. Ihre eigene armselige Existenz diente kaum dazu \u00fcberheblichkeit und Dekadenz zu f\u00f6rdern. Sie hatten t\u00e4glichen Kontakt mit den bei den Forts wohnenden Eingeborenen, trieben Tauschhandel mit ihnen, a\u00dfen in ihren H\u00fctten und lebten oft fest mit schwarzen Frauen zusammen. Ihren Dienst versahen sie gemeinsam mit einheimischen S\u00f6ldnern, und von Gouverneuren und Offizieren nur wenig mehr geachtet. Einige Seeleute, die auf den Sklavenschiffen fuhren, hatten die Sklaverei bereits am eigenen Leib erfahren, und fast alle hatten Bekannte, die in den Bagnos von Algier oder Tunis auf ihren Freikauf warteten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Letztendlich unterschied sich ihr eigenes Leben nur wenig von dem der Sklaven, war manchmal sogar schlimmer. Ein schwedischer Reisender machte die Feststellung, dass Seeleute und Soldaten oft noch schlechter als Sklaven behandelt wurden. Sklaven erhielten sogar meistens bessere Nahrung und wurden bei Krankheit gepflegt, denn ihr Wert belief sich auf mehrere hundert Gulden, w\u00e4hrend ein neuer Soldat schon f\u00fcr ein Handgeld von neun Gulden in Amsterdam zu haben war. Man kennt die Bilder von den auf Schiffen zusammengepferchten Sklaven und entwickelt vielleicht eine vage Vorstellung von ihren Leiden. Weniger bekannt ist dagegen, dass die Verlustraten unter den Besatzungen bei diesen Transporten meistens wesentlich h\u00f6her lagen. Aktion\u00e4re und Reeder sorgten sich weit mehr um ihre kostbare Ware, als um die billigen S\u00f6ldner. Es lag in der Natur des Merkantilismus, dass immer noch Menschen freiwillig ein solches Schicksal auf sich nahmen, einzig beseelt von der Illusion dabei ihr Gl\u00fcck zu machen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"370\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/kerker.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4402\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/kerker.jpg 500w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/kerker-300x222.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch diese wenigen Verblendeten reichten l\u00e4ngst nicht mehr aus, um die L\u00fccken zu f\u00fcllen, die Krankheiten und schlechte Versorgung auf den Schiffen und im Kolonialdienst rissen. Die Seelenverk\u00e4ufer in den holl\u00e4ndischer H\u00e4fen arbeiteten mit allen schmutzigen Tricks, um neue Rekruten zu beschaffen. Ahnungslose Handwerksburschen wurden mit falschen Versprechungen angelockt und betrunken gemacht bis sie &#8222;kapitulierten&#8220;. Wenn jemand in Amsterdam ohne Geld war, musste er nur bei einem der &#8222;Zielverkooper&#8220; unterschreiben und erhielt dann Kost und Logis bis zur Ausfahrt eines passenden Schiffes. Aus gutem Grund wurden die Kostg\u00e4nger aber meistens in verlies\u00e4hnlichen Kellern gefangen gehalten. Dabei waren die sanit\u00e4ren Verh\u00e4ltnisse und die Verpflegung so erb\u00e4rmlich, dass die Geworbenen oft halb verhungert und schwer krank auf die Schiffe kamen. Da den K\u00e4ufern die Missst\u00e4nde bekannt waren, bezahlten sie erst, wenn die Neuen eine gewisse Zeit auf See lebend \u00fcberstanden hatten. Selbstverst\u00e4ndlich wurden dann alle Unkosten und der Gewinn des Zielverkoopers vom Sold abgezogen. Auch hier glich sich das Gewerbe immer mehr dem Sklavenhandel an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese armen Teufel hatten nur wenig Grund zur \u00dcberheblichkeit. Zumindest die etwas Intelligenteren empfanden sogar Mitleid. Der Mecklenburger Paul Erdmann Isert, der als Arzt auf einem d\u00e4nischen Schiff diente und dort nur knapp einen Sklavenaufstand \u00fcberlebte schrieb in einem Brief: &#8222;Denken sie sich den Anblick, einer solchen Menge Ungl\u00fccklichen! die, weil sie das Schicksal etwa hatten: von Sklaven-Eltern gebohren zu werden, oder weil sie im Krieg gefangen genommen, oder auch unschuldig gestolen worden, oder aus anderen gleichg\u00fcltigen Ursachen an die Europ\u00e4er verkauft, nun in schweren Banden von ihrem Vaterlande nach einem andern gef\u00fchrt werden, das sie nicht kennen.&#8220; Auch der sp\u00e4tere B\u00fcrgermeister von Kolberg Joachim Nettelbeck, der schon mit elf Jahren als Schiffsjunge auf einem Sklavenschiff mitgefahren war, l\u00e4sst in seiner Lebensbeschreibung ein gewisses Mitgef\u00fchl f\u00fcr die &#8222;menschliche Ware&#8220; und die &#8222;armen Kreaturen&#8220; erkennen. Die Roheit mancher Seeleute erkl\u00e4rt er bezeichnenderweise damit, dass sie auf allen Schiffen &#8222;und nicht blo\u00df auf der Sklavenk\u00fcste ein nur zu gewohnter Anblick&#8220; w\u00e4re. In den Augen der S\u00f6ldner hatten die Sklaven einfach Pech gehabt, da sie im Krieg gefangen genommen oder von einem geldgierigen K\u00f6nig verkauft worden waren. Manchen von ihnen war \u00e4hnliches widerfahren, denn auch in Europa wurden Gefangene und Untertanen oft genug verkauft.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"460\" height=\"622\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sklave-gehangt.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4405\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sklave-gehangt.jpg 460w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sklave-gehangt-300x406.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 460px) 100vw, 460px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der \u00fcberfahrt kamen die Sklaven an die andere St\u00fctze des Dreieckshandels, die Plantagen in Westindien. Dort an der versumpften K\u00fcste Guyanas pflanzten die Holl\u00e4nder in ihren Kolonien Surinam, Berbice und Paramaribo Zucker, Kaffee und Baumwolle. Dadurch wurde die vorgelagerte Insel Curacao lange Zeit zum bedeutendsten Sklavenmarkt der Welt. Nirgendwo in Amerika kamen so viele Sklaven auf so wenige Wei\u00dfe, und nirgendwo waren die Plantagenbesitzer und Zuckerbarone so voller Grausamkeit und Menschenverachtung. In ihrer Arroganz und Verdorbenheit \u00fcbertrafen sie sogar die Gouverneure an der Guineak\u00fcste. Durch die unmenschliche Behandlung verschlissen sie ihre Sklaven in wenigen Jahren, und da auch Schwangere keinerlei Schonung zu erwarten hatten, waren sie auf st\u00e4ndigen Nachschub aus Afrika angewiesen. Die Sklaven wurden beim geringsten Anlass bis aufs Blut gepeitscht. Nach dem ersten Fluchtversuch wurde ihnen die Achillessehne durchschnitten, nach dem zweiten ein Bein amputiert. Mit der Zeit gelang es den Pflanzern sogar, diese Methoden zur allgemeinen Rechtspraxis in den Kolonien zu machen. Aufr\u00fchrerische Sklaven wurden an Fleischhaken aufgeh\u00e4ngt, ger\u00e4dert oder langsam zu Tode gegrillt. Viele Pflanzer lie\u00dfen sich von fast nackten Sklavinnen bedienen und sich von ihnen im Schlaf k\u00fchle Luft zuf\u00e4cheln. Bei Gesellschaften f\u00fchren die Damen des Hauses ihre sch\u00f6nen Sklavinnen nackt den G\u00e4sten vor, um sie dann wochenweise zu vermieten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Macht dieser unglaublich reichen holl\u00e4ndischen Pflanzer und Zuckerbarone sicherten kleine S\u00f6ldnertrupps, deren Mannschaften zum Gro\u00dfteil aus Deutschland, Frankreich Polen und D\u00e4nemark kamen. Durch schlechte Behandlung, Gelbfieber und all die anderen Krankheiten starben sie oft noch schneller als die Sklaven. Deshalb versuchten auch von ihnen immer wieder einige ihr Gl\u00fcck in der Flucht. Doch die meisten Deserteure wurden im undurchdringlichen Dschungel von indianischen Kopfj\u00e4gern schnell wieder eingefangen und ohne Gnade geh\u00e4ngt oder erschossen. Also ertr\u00e4nkten sie ihr Elend im Alkohol, vegetierten mit ihren schwarzen Konkubinen in den Garnisonen und hofften, lange genug zu \u00fcberleben, bis die Kompanie eines Tages so gn\u00e4dig sein w\u00fcrde, sie zu entlassen. Einige wurden der Kompanie von Pflanzern abgekauft und fristeten ihr Leben als Aufseher, bis sie auch dort wegen fortgesetzter Trunkenheit entlassen wurden. Aber immerhin war dies noch der h\u00e4ufigste Weg, dem Milit\u00e4r zu entkommen. Manchmal, wenn sich gr\u00f6\u00dfere Trupps einig waren, entlud sich der angestaute Frust in Meutereien. So bem\u00e4chtigte sich 1763 eine Gruppe von deutschen und franz\u00f6sischen Deserteuren, die in Holland gepresst worden waren, in Paramaribo eines Truppentransporters und segelte nach Brasilien. Als sie dort von den Portugiesen vertrieben wurden, versuchten sie ihr Gl\u00fcck in Cayenne, wo sie von den Franzosen verhaftet und wieder nach Surinam ausgeliefert wurden. Die R\u00e4delsf\u00fchrer wurden hingerichtet und die anderen zum weiteren Dienst begnadigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine \u00e4hnliche Geschichte ereignete sich im selben Jahr beim gro\u00dfen Sklavenaufstand in Berbice. Innerhalb von Tagen stand die ganze Kolonie in Flammen. Die Sklaven brannten die Plantagen und Zuckerm\u00fchlen nieder und erschlugen ihre verhassten Unterdr\u00fccker. Da der Gouverneur zu diesem Zeitpunkt nur \u00fcber ganze zehn gesunde S\u00f6ldner verf\u00fcgte, konnte nur Fort St. Andries an der K\u00fcste gehalten werden. W\u00e4hrend die Sklaven jedoch mit Pl\u00fcndern und dem Machtgerangel ihrer Anf\u00fchrer besch\u00e4ftigt waren, erreichten die ersten Verst\u00e4rkungen das bedr\u00e4ngte Fort. Das Hauptproblem der Sklaven war jedoch ihre schlechte Bewaffnung. Die Masse verf\u00fcgte lediglich \u00fcber Buschmesser, Sicheln, Stangen und andere Arbeitsger\u00e4te. Mit den wenigen erbeuteten Musketen konnten sie nicht umgehen, au\u00dferdem mangelte es ihnen bald an Munition. Da wurde aus dem benachbarten Surinam ein Trupp von 70 vorwiegend deutschen und franz\u00f6sischen S\u00f6ldnern auf dem Landweg zur Verst\u00e4rkung geschickt. Man wei\u00df nicht auf welche Weise diese M\u00e4nner in den Besitz der Kompanie gelangt waren. Vielleicht waren es ehemalige Kriegsgefangene oder gepresste Deserteure, deren Kapitulationen bereits mehrmals willk\u00fcrlich verl\u00e4ngert worden waren. Jedenfalls meuterte der Gro\u00dfteil von ihnen. Sie \u00fcberw\u00e4ltigten ihre Offiziere, und 40 von ihnen schlugen sich unter der F\u00fchrung des Franzosen Jean Renaud und des deutschen Wundarztes Johann Carl Mangemeister in die B\u00fcsche, um sich den Aufst\u00e4ndischen anzuschlie\u00dfen. Als sie jedoch auf die Sklaven trafen fielen diese \u00fcber sie her und massakrierten 28 von ihnen, bevor der Irrtum aufgekl\u00e4rt werden konnte. Die \u00dcberlebenden waren trotzdem eine \u00e4u\u00dferst wertvolle Unterst\u00fctzung. Sie dienten nicht nur als Ausbilder und Sch\u00fctzen, sondern konnten auch Musketen reparieren und Pulver herstellen, und Mangemeister nahm sich sachkundig der Verwundeten an.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"460\" height=\"325\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/raedern.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4406\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/raedern.jpg 460w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/raedern-300x212.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 460px) 100vw, 460px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcberl\u00e4ufer hatte es schon immer gegeben und von allen Kolonialarmeen flohen S\u00f6ldner zu einheimischen F\u00fcrsten und H\u00e4uptlingen. Meistens h\u00f6rte man nie mehr etwas von ihnen; in Berbice berichten die Gerichtsakten von ihrem Schicksal. Die Meuterer waren von Anfang an ohne jede Chance. In manchem glichen sie r\u00f6mischen Legion\u00e4ren, die sich den Aufst\u00e4ndischen einer Provinz angeschlossen hatten. Gegen die \u00dcbermacht des Imperiums waren diese Rebellionen letzten Endes genauso aussichtslos, wie der Kampf einiger tausend Sklaven gegen das holl\u00e4ndische Kolonialreich. Nur wurden Legion\u00e4re meistens mit Gold gekauft, w\u00e4hrend die Renegaten in Berbice nur eine Hand voll Reis und etwas Zuckerrohrschnaps erwarten konnten. Doch gerade dadurch wird deutlich, wie gro\u00df ihr Hass und ihre Verzweiflung gewesen sein m\u00fcssen. Im Gegensatz zu den Sklaven wussten sie nur allzu gut, dass die Holl\u00e4nder immer neue Schiffe mit S\u00f6ldnern schicken w\u00fcrden. Trotzdem hatten sie sich dieser verlorenen Sache angeschlossen. Allerdings wohl kaum aus Sympathie f\u00fcr die Sklaven, sondern eher aus dem alten Trotz der Landsknechte. Sie waren weder Helden noch Revolution\u00e4re, sondern Meuterer und Renegaten, und deshalb k\u00e4mpften sie erbittert und warteten betrunken auf den Tod oder den Henker. Der Aufstand endete, wie solche Aufst\u00e4nde damals immer endeten. W\u00e4hrend die Sklaven langsam ihren Elan verloren, kam die niederl\u00e4ndische Milit\u00e4rmaschine in Gang. Nach einigen verzweifelten Gefechten unterwarfen sich die ersten halbverhungerten Sklaven und baten um Gnade. Schlie\u00dflich war alles verloren und die siegreiche Kolonialmacht hielt das \u00fcbliche Strafgericht. Die R\u00e4delsf\u00fchrer wurden barbarisch zu Tode gefoltert. Von den Deserteuren waren nur drei in Gefangenschaft geraten, was darauf schlie\u00dfen l\u00e4sst, dass sie sich bis zuletzt gewehrt hatten. Alle drei, unter ihnen Renaud und Mangemeister, erlitten den grausamen Tod auf dem Rad.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right has-small-font-size wp-block-paragraph\">\u00a9 Frank Westenfelder &nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Parallelen zwischen Soldaten- und Sklavenhandel<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4403,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[118,8],"tags":[62,128,19,120],"class_list":["post-4393","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-absolutismus-artikel","category-artikel","tag-kolonien","tag-lateinamerika","tag-sklavenhandel","tag-soldatenhandel"],"blocksy_meta":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Dreieckshandel - Kriegsreisende<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/der-dreieckshandel\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der Dreieckshandel - 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