{"id":3837,"date":"2025-02-28T15:01:45","date_gmt":"2025-02-28T15:01:45","guid":{"rendered":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/?p=3837"},"modified":"2025-02-28T15:54:22","modified_gmt":"2025-02-28T15:54:22","slug":"der-abschaum-der-menschheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/der-abschaum-der-menschheit\/","title":{"rendered":"Der Abschaum der Menschheit"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Die Rekrutierung von Kriminellen.<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Europa wie in den meisten anderen Kulturen bildeten Krieger urspr\u00fcnglich die privilegierte, herrschende Schicht. Nur wenn es wirklich notwendig war, wurde auch auf das einfache Volk zur\u00fcckgegriffen. Allerdings lie\u00dfen sich Volksaufgebote f\u00fcr l\u00e4ngere Konflikte oder gar fern der Heimat kaum verwenden, weshalb dann oft S\u00f6ldner geworben wurden. Doch S\u00f6ldner waren teuer und standen nicht immer in ausreichender Zahl zur Verf\u00fcgung. Vor allen Dingen gab es aber immer wieder Eins\u00e4tze, die so elend, riskant und miserabel bezahlt waren, dass kaum Freiwillige daf\u00fcr zu finden waren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es \u00fcberrascht deshalb nicht, dass man hier und da auf die Idee kam, verurteilte Verbrecher f\u00fcr solche Aufgaben heranzuziehen. Das erste besser belegte Beispiel ist die so genannte &#8222;<a href=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/die-merseburger-legion\/\">Merseburger Legion<\/a>&#8222;, die um 830 von Heinrich I. aus verurteilten Gesetzlosen gebildet worden war. Sie wurde haupts\u00e4chlich f\u00fcr den schmutzigen Kleinkrieg gegen die Elbslawen verwendet und erwirtschaftete durch die profitablen Sklavenjagden wahrscheinlich sogar Gewinn.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"520\" height=\"707\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/bernard_clairvaux.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3845\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/bernard_clairvaux.jpg 520w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/bernard_clairvaux-300x408.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 520px) 100vw, 520px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Bernard von Clairvaux ruft zum Kreuzzug auf<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Allerdings war Heinrich wohl kaum der erste, der Verbrecher f\u00fcr Kriegsdienste begnadigte. Leider haben Chronisten und Historiker diese banale oft auch peinliche Geschichte gerne \u00fcbergangen oder unter den Tisch gekehrt. So ist in Steven Runcimans dreib\u00e4ndigem Standardwerk zu den Kreuzz\u00fcgen nur einmal kurz von Kriminellen zu lesen, die sich dem Volkskreuzzug anschlossen. Dabei hatte die Kirche von Anfang an gro\u00dfz\u00fcgig mit S\u00fcndenerlass geworben. Der Kreuzzugsprediger Bernard von Clairvaux hatte ausdr\u00fccklich &#8222;M\u00f6rder, R\u00e4uber, Ehebrecher, Meineidige und alle anderen Kriminellen&#8220; zum Kreuzzug aufgerufen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber auch von weltlichen Institutionen wurden Verbrecher oft zum Kreuzzug verurteilt, und alle gro\u00dfen Ritterorden rekrutierten auf diese Weise einen Teil ihres Personals. Der Kreuzzugspredigrer Bernard von Clairvaux schreibt geradezu enthusiastisch: &#8222;Unter der gro\u00dfen Menge, die nach Osten zieht, gibt es nur wenige au\u00dfer Schurken, Vagabunden, Dieben, M\u00f6rdern, Meineidigen und Ehebrechern, durch deren Ausreise ein doppeltes Gut entsteht, ein Grund f\u00fcr zweifache Freude. Denn sie geben denen, die sie verlassen, genauso viel Anlass zur Freude wie denen, denen sie zu Hilfe kommen.&#8220; Die Methode Kriminelle, sozial Unerw\u00fcnschte und sogar ehemalige Ketzer via Kreuzzug zu &#8222;entsorgen&#8220; war in ganz Europa so popul\u00e4r, dass eine Historikern das Heilige Land als Endlagerst\u00e4tte (&#8222;dumping ground&#8220;) bezeichnete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man hat sicher immer mal wieder begnadigte Verbrecher in besonders verzweifelten Situationen zum Kriegsdienst herangezogen. In der Antike hat wurden in solchen Situationen &#8211; wie nach Cannae &#8211; auch Sklaven bewaffnet. Der Kleinkrieg in Pal\u00e4stina &#8211; nicht die einzelnen Kreuzz\u00fcge selbst &#8211; war dagegen die Idealsituation: Es gab einen st\u00e4ndigen Bedarf an K\u00e4mpfern, Pal\u00e4stina war weit weg und der Krieg zog sich lange hin. Die zeitliche Dauer war besonders wichtig, da man ja kaum Gef\u00e4ngnisse hatte, deren Insassen man bei Bedarf an die Front schicken konnte. Man konnte also nur die Verurteilten direkt vom Gericht \u00fcbernehmen oder Gefl\u00fcchteten einen Pardon anbieten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die relativ kurzen, fehdeartigen Kriege in Europa boten also normalerweise daf\u00fcr wenig Gelegenheit. Das \u00e4nderte sich aber sobald sich die Kriege in die L\u00e4nge zogen. So begnadigte der englische K\u00f6nig Edward I (1239-1307) zahlreiche Kriminelle um ihm bei seinem Kriegen in Schottland und Frankreich zu dienen. Als sein Enkel Edward III. aber mit dem so genannten Hundertj\u00e4hrigen Krieg begann (1337-1453), kam die Sache nach und nach richtig in Schwung. In der fast einj\u00e4hrigen Belagerung von Calais hatten die Engl\u00e4nder vor allem im Winter schwere Verluste durch Krankheiten. Au\u00dferdem zogen viele Lehnsleute ab, da ihre Dienstzeit abgelaufen war. Um zumindest die schlimmsten Verluste auszugleichen, begnadigte Edward allein f\u00fcr die Belagerung 1.800 Kriminelle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Normalerweise wurden die Begnadigten dazu verpflichtet f\u00fcr ein Jahr auf eigene Kosten zu dienen, daf\u00fcr wurden ihnen dann alle vor dem Ausstellungsdatum liegenden Verbrechen vergeben. Dabei konnte es sich um Raub, Viehdiebstahl, Vergewaltigung, K\u00f6rperverletzung, Wilderei und vieles mehr handeln. T\u00f6tungsdelikte waren allerdings der absolute Spitzenreiten. So nimmt der Historiker Andrew Villalon als Beispiel eine Sammelbegnadigung von 1360. Die darin aufgef\u00fchrten 411 M\u00e4nner, waren in England f\u00fcr den Tod von 369 Personen verantwortlich. Villalon kommt zu dem Schluss, dass sie bestenfalls in einer monumentalen Schlacht ein \u00e4hnliches Massaker h\u00e4tten anrichten k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"708\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/soldner-100jkrieg.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3847\" style=\"width:502px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/soldner-100jkrieg.jpg 500w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/soldner-100jkrieg-300x425.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">S\u00f6ldner im Hundertj\u00e4hrigen Krieg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die relativ gro\u00dfe Zahl von Begnadigten in den englischen Armeen erkl\u00e4rt sich vor allem damit, dass es in England immer schwierig war besonders f\u00fcr das schlecht bezahlte Fu\u00dfvolk ausreichend Ersatz zu finden. In Frankreich dagegen war man auf solche Ma\u00dfnahmen nie angewiesen; obwohl sie sicher vereinzelt auch vorgekommen sind. Da das Land als Hauptkriegsschauplatz meistens unter einem \u00dcberangebot an unbesch\u00e4ftigten S\u00f6ldnern litt, bestand das Problem mehr darin diese irgendwie wegzuschaffen. Neben Kriegsz\u00fcgen ins Reichsgebiet, nach Spanien und Italien versuchte man sie auch immer wieder zum Kreuzzug zu \u00fcberreden und bot ihnen daf\u00fcr kompletten S\u00fcnden- und Straferlass an. Doch Jean Froissart der gro\u00dfe Chronist des Hundertj\u00e4hrigen Krieges bemerkte dazu treffend: &#8222;Reisige k\u00f6nnen weder von Abl\u00e4ssen leben noch schenken sie ihnen viel Beachtung au\u00dfer im Moment ihres Todes.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben England war Kastilien das einzige Land in Europa, in dem man im Sp\u00e4tmittelalter in gr\u00f6\u00dferem Umfang Kriminelle f\u00fcr den Kriegsdienst rekrutierte. Dort hatte man durch die Reconquista an der Kreuzzugstradition festgehalten und immer wieder bei Bedarf Straf- und S\u00fcndenerlass versprochen. Diese gelegentlichen Amnestien wurden schlie\u00dflich als permanentes Privileg an bestimmte strategisch wichtige Orte vergeben. Wenn so genannte &#8222;Homicianos&#8220; (nach einem alten Wort f\u00fcr M\u00f6rder) normalerweise ein Jahr und einen Tag an einem so privilegierten Ort Dienst taten, erhielten sie einen k\u00f6niglichen Pardon f\u00fcr ihre Strafen. Erstmals wurde das Privileg der Homicianos von Ferdinand IV. 1310 f\u00fcr Gibraltar ausgestellt, als er nach dessen Eroberung dringend Truppen f\u00fcr die Garnison ben\u00f6tigte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Homicianos wurden an der weit abgelegenen S\u00fcdgrenze des K\u00f6nigreiches verwendet. Dort bestimmten \u00dcberf\u00e4lle, Hinterhalte, Sklaven- und Viehraub den Kriegsalltag. Das Land war seit Generationen verw\u00fcstet und es gab nichts um in gr\u00f6\u00dferem Umfang Freiwillige als Kolonisten oder Soldaten anzulocken. Fast zwei Jahrhunderte stellten die Homicianos einen guten Teil der Truppen in dem ruhmlosen aber aufreibenden Kleinkrieg an der Grenze. Als Granada schlie\u00dflich in einem zehnj\u00e4hrigen Krieg (1482-1492) erobert wurde, kamen die Homicianos noch einmal zahlreich zum Einsatz, um die neu eroberten Burgen und D\u00f6rfer zu besetzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dem Fall von Granada war die Reconquista abgeschlossen, wodurch eigentlich die Notwendigkeit entfiel Homicianos als Grenzsch\u00fctzer zu verwenden. Doch bereits nach wenigen Jahren, begann Spanien mit der Eroberung befestigter Pl\u00e4tze an der nordafrikanischen K\u00fcste (Melilla 1497, Mazalquivir 1505, Pe\u00f1\u00f3n de V\u00e9lez de la Gomera 1508). Da sich f\u00fcr diese abgeschnittenen, oft hei\u00df umk\u00e4mpften und konstant schlecht versorgten Forts nie ausreichend Garnisonstruppen finden lie\u00dfen, kam man dabei schnell auf das altbew\u00e4hrte Privileg der Homicianos zur\u00fcck. Als Spanien dann kurz darauf ein Weltreich eroberte und anschlie\u00dfend verteidigen musste, wurden Homicianos vor allen Dingen in die kleinen, abgelegenen Forts auf den den Philippinen, in Nordmexiko oder Florida geschickt. Bezeichnenderweise nannte man diese Forts &#8222;Presidios&#8220;, was im Spanischen sowohl Festung wie auch Gef\u00e4ngnis bedeutet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"557\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/vasco-da-gama-mannschaft.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3849\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/vasco-da-gama-mannschaft.jpg 400w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/vasco-da-gama-mannschaft-300x418.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Vasco das Gama und Besatzung<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Portugal, wo verurteilte Kriminelle bislang nur zur Zwangsarbeit verwendet worden waren, hatte bereits 1415 mit der Eroberung von Ceuta den Sprung nach Afrika gewagt. Anschlie\u00dfend waren einzelne Kapit\u00e4ne immer weiter an der westafrikanischen K\u00fcste nach S\u00fcden vorgesto\u00dfen und waren 1488 bis ans Kap der Guten Hoffnung gekommen. 1498 erreichte dann Vasco da Gama mit einer kleinen Flotte endlich das legend\u00e4re Indien. Bei der Betrachtung dieser Sternstunden der Geschichte wird gerne vergessen, dass es sich bei einem Gro\u00dfteil der Besatzungen &#8211; sowohl der Schiffe wie auch der Forts &#8211; um l\u00e4stige Sklaven, aufgegriffene Vagabunden, Waisenkinder, konvertierte Juden und nicht zuletzt Str\u00e4flinge handelte. In Portugal bezeichnete man die f\u00fcr den Kolonialdienst bestimmten Str\u00e4flinge &#8222;Degredados&#8220; (Abgewertete oder einfach Verbannte).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da die portugiesischen Schiffe aber oft schneller ins Unbekannte vorstie\u00dfen als Forts oder feste St\u00fctzpunkte errichtet werden konnten, erfand man die &#8222;Lan\u00e7ados&#8220; (die Geworfenen), die fast unter zum Tode Verurteilten rekrutiert wurden. Wenn ein Schiff an einer fremden K\u00fcste einen Ort passierte, wo die Errichtung eines St\u00fctzpunktes angebracht erschien, lie\u00df an einen Lan\u00e7ado zur\u00fcck. Er sollte sich mit den Einheimischen anfreunden, ihre Sprache lernen und im besten Fall schon einmal ein Proviantlager f\u00fcr die n\u00e4chste portugiesische Expedition anlegen. Fiel er einer der zahlreichen Krankheiten, wilden Tieren oder gar den Einheimischen zum Opfer, hatte er ja nur seine gerechte Strafe erhalten. Vasco das Gama hatte sich gleich zehn dieser Todeskandidaten aus den k\u00f6niglichen Gef\u00e4ngnissen erbeten. Einer von ihnen, ein konvertierter Jude namens Jo\u00e3o Nunes, war deshalb der erste Europ\u00e4er, der Indien auf dem Seeweg erreicht hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Verwendung von Str\u00e4flingen in \u00dcbersee hatte den doppelten Vorteil, den Bernard von Clairvaux schon bei den Kreuzz\u00fcgen so lobend hervorgehoben hatte: man befreite die Heimat von ihnen und erhielt gleichzeitig K\u00e4mpfer f\u00fcr \u00e4u\u00dferst verlustreiche Missionen. Und je weiter die Reise ging, desto weniger Sorgen musste man sich machen, dass sie jemals wieder nach Hause kamen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"450\" height=\"665\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/gartende-landsknechte.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3851\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/gartende-landsknechte.jpg 450w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/gartende-landsknechte-300x443.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">gartende Landsknechte<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Europa der Fr\u00fchen Neuzeit blieb die Begnadigung von Kriminellen zum Milit\u00e4rdienst deshalb lange auf Ausnahmen beschr\u00e4nkt. Schweizer und Landsknechte wurden auch lange relativ gut bezahlt, so dass es nie an Freiwilligen mangelte. Man kann zwar beobachten, dass viele entlassenen S\u00f6ldner ins kriminelle Milieu absackten und sich als Diebe oder Stra\u00dfenr\u00e4uber durchschlugen. Die &#8222;Gartzeit&#8220;, wie die Arbeitslosigkeit der Landsknechte genannt wurde, war von der Bev\u00f6lkerung gef\u00fcrchtet. Wie schon zur Zeit des Hundertj\u00e4hrigen Krieges lie\u00df sich das Problem oft erst l\u00f6sen, wenn wieder f\u00fcr einen neuen Feldzug geworben wurde. Schon allein deshalb stellten Kriminelle immer einen gewissen Teil der Heere; aber niemand hatte sie extra daf\u00fcr begnadigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lediglich auf den Britischen Inseln kam diese Methode im 16. Jahrhundert systematisch zum Einsatz. England und Schottland unterst\u00fctzen die Protestanten auf dem Kontinent immer wieder mit Truppen und hatten dabei schnell entdeckt, dass man auf diese Weise unerw\u00fcnschte Personen aus dem Land, nach &#8222;\u00dcbersee&#8220; entsorgen konnte. Die Tudor-Verwaltung in Irland leerte so regelm\u00e4\u00dfig die Gef\u00e4ngnisse, dass ein Beamter zufrieden feststellen konnte, dass das Land friedlicher und gehorsamer sei, wie noch nie seit seiner Eroberung. In Schottland lie\u00df man verurteilte Verbrecher, die in den Krieg geschickt wurden, zur Sicherheit noch schw\u00f6ren, &#8222;dass sie &#8211; unter Androhung der Todesstrafe &#8211; niemals wieder zur\u00fcckkehren w\u00fcrden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als nach dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg die europ\u00e4ischen M\u00e4chte mit dem Aufbau stehender Heere begannen, griffen alle nach und nach auf das Reservoir in ihren Gef\u00e4ngnissen zur\u00fcck. Das Ausma\u00df war dabei nur vom Bedarf abh\u00e4ngig und nicht von moralischen oder juristischen Abw\u00e4gungen. Ludwig XIV. war anfangs noch gegen die Rekrutierung von Kriminellen, da der Dienst f\u00fcr den K\u00f6nig keine Strafe sein sollte. Die Werber mussten sich deshalb auf Schmuggler, Schuldner, Betr\u00fcger und andere Kleinkriminelle beschr\u00e4nken. Schwerverbrecher wurden normalerweise auf die Galeeren geschickt. Als gegen Ende seiner langen Kriege, jedoch kaum noch Ersatz aufzutreiben war, musste die Marine 1.500 Galeerenstr\u00e4flinge nach Spanien schicken &#8211; nat\u00fcrlich in Ketten und unter schwerer Bewachung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zeiten, in denen sich S\u00f6ldner als stolze Kriegsleute pr\u00e4sentiert hatten und manchmal auch so wahrgenommen worden waren, geh\u00f6rten l\u00e4ngst der Vergangenheit an. Im 18. Jahrhundert galten sie allgemein als Abschaum der Gesellschaft. F\u00fcr die Bev\u00f6lkerung machte zwischen Soldaten und Gesetzlosen oft keinen Unterschied. Entlassene Einerseits stellten entlassene Soldaten und Deserteure die gr\u00f6\u00dfte Gruppe in den zahlreichen R\u00e4uberbanden, andererseits schickten die Gerichte oft gefasste Straft\u00e4ter direkt zum Milit\u00e4r. Manchmal \u00fcberlie\u00df man zum Tode Verurteilte dem Henker. Ein englischer Historiker schreibt aber treffend, dass wenn Gerichte und Gef\u00e4ngnisse dazu aufgefordert wurden nach &#8222;f\u00fcr den Milit\u00e4rdienst geeigneten Str\u00e4flingen&#8220; zu suchen, sich das &#8222;geeignet&#8220; ausschlie\u00dflich auf die k\u00f6rperliche Verfassung bezog.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich war man beim Milit\u00e4r selbst alles andere als begl\u00fcckt mit dieser Art von Ersatz, und immer wieder beschwerten sich Truppenf\u00fchrer. Doch im Absolutismus sollten die Untertanen in erster Linie ihrer Arbeit nachgehen und flei\u00dfig Steuern bezahlen. F\u00fcr das Milit\u00e4r blieben daher fast nur diejenigen, die auf dem Arbeitsmarkt keine Verwendung fanden, wie es Friedrich der Gro\u00dfe treffend formulierte: &#8222;Wen nimmt man zum Soldaten? Die Hefe des Volkes. Faulenzer, die lieber m\u00fc\u00dfiggehen als arbeiten, l\u00fcderliches Gesindel, das die Ungebundenheit im Soldatenrocke sucht, junge Taugenichtse, die daheim nicht guttun und sich aus Leichtsinn anwerben lassen.&#8220; Wellington, der Held von Waterloo, bezeichnete seine Soldaten als &#8222;Abschaum der Menschheit&#8220; (scum of the earth).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"525\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/wellington_waterloo.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3853\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/wellington_waterloo.jpg 800w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/wellington_waterloo-300x197.jpg 300w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/wellington_waterloo-768x504.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Friedenszeiten, wenn der Bedarf nicht so hoch war, beschr\u00e4nkte man sich auf die Rekrutierung von Kleinkriminellen &#8211; oft war Landstreicherei ja schon ein ausreichender Grund, um im Gef\u00e4ngnis zu landen. Die Kolonialm\u00e4chte schoben die schwereren F\u00e4lle nach wie vor gerne in die Kolonien als Zwangsarbeiter aber auch Soldaten ab. Gro\u00dfbritannien folgte hier bald dem portugiesischen und spanischen Beispiel. Wegen der extrem hohen Todesraten in Westafrika und der Karibik, verwendete man bei den Garnisonstruppen m\u00f6glichst viele Str\u00e4flinge. So sollen allein zwischen 1766 und 1784 \u00fcber 1.000 Str\u00e4flinge in die Sklavenforts nach Westafrika geschickt worden sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie f\u00fcr die Verwendung von S\u00f6ldnern wurde auch f\u00fcr die Rekrutierung von Str\u00e4flingen die Franz\u00f6sische Revolution zur gro\u00dfen Wende. In den neu aufgestellten Massenheeren aus B\u00fcrgersoldaten war f\u00fcr S\u00f6ldner und Kriminelle kein Platz mehr. Der Theorie nach mussten Patrioten aus Idealismus dienen und nicht f\u00fcr Geld oder aus Zwang. Als der preu\u00dfische Heeresreformer Gerhard von Scharnhorst dann ebenfalls mit dem Aufbau einer nationalen Armee begann, forderte er als erstes die Abschaffung der entehrenden Pr\u00fcgelstrafen und schrieb: &#8222;Will man aber die Ausl\u00e4nder, die Vagabunden, Trunkenbolde, Diebe, Taugenichtse und andere Verbrecher aus ganz Deutschland wieder haben, welche die Nation verderben, die Armee dem B\u00fcrger verhasst und ver\u00e4chtlich machen [&#8230;], dann wird man freilich nicht ohne die ehemaligen Strafen fertig werden. Bei entehrten Menschen geh\u00f6ren entehrende Strafen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach den napoleonischen Kriegen setzte sich eine Art von allgemeiner Wehrpflicht bei den meisten Gro\u00dfm\u00e4chte durch, wodurch die Verwendung von begnadigen Kriminellen wie auch von S\u00f6ldnern praktisch unm\u00f6glich wurde. Allerdings beschr\u00e4nkte sich dies auf Europa, wo Patriotismus und Nationalismus immer bedeutender in der Politik wurden. In den Kolonien dagegen, wo man weitgehend unbeachtete, kleine, schmutzige Kriege f\u00fchrte, kamen je nach Bedarf weiterhin S\u00f6ldner und Str\u00e4flinge zum Einsatz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von den traditionellen Kolonialm\u00e4chten fuhr nur Gro\u00dfbritannien die milit\u00e4rische Verwendung von Str\u00e4flingen zur\u00fcck. Nach einem H\u00f6hepunkt in den napoleonischen Kriegen, wurden die letzten Einheiten im &#8222;Royal African Corps&#8220; zusammengefasst und 1821 schlie\u00dflich aufgel\u00f6st. Allerdings konnte man sich dies erlauben, da man lange und gute Erfahrungen in der Verwendung einheimischer S\u00f6ldner hatte. W\u00e4hren die Zahl der indischen und afrikanischen Regimenter stetig wuchs, wurden zu Hause unerw\u00fcnschte Elemente zur Zwangsarbeit nach Australien geschickt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Spanien und Portugal hielt man dagegen an dem inzwischen altbew\u00e4hrten System fest um Forts in den Kolonien zu bemannen. Portugal, das immer knapp an Menschen war, schickte bis 1932 Str\u00e4flinge nach Angola, die dort teilweise vom Milit\u00e4r verwendet wurden. Nachdem Spanien 1898 seine letzten Besitzungen in \u00dcbersee verloren hatte, wurden Str\u00e4flinge noch bis 1911 in die unbeliebten nordafrikanischen Presidios geschickt. Als Spanien dann aber 1920 systematisch mit der Eroberung Marokkos begann, wurde die spanische Fremdenlegion gegr\u00fcndet, nicht nur um an vorderster Front zu k\u00e4mpfen, sondern auch um das Vaterland von Vagabunden, \u00dcbelt\u00e4tern und Kriminellen zu befreien. Bei nicht allzu schweren Vergehen konnten die Verurteilten oft zwischen einer l\u00e4ngeren Haftstrafe oder Dienst bei der Legion w\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"506\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/legionar-bagno.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3855\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/legionar-bagno.jpg 300w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/legionar-bagno-267x450.jpg 267w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Fremdenlegion\u00e4r<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz anders war die Situation in Frankreich. Dort hatte man den Patriotismus praktisch erfunden und die alten Kolonien fast vollst\u00e4ndig verloren. Als man aber1830 in Algerien mit der Eroberung eines zweiten Kolonialreichs begann, war der Bedarf an geeigneten Truppen gro\u00df, vor allem an solchen, die in Frankreich nicht vermisst werden w\u00fcrden. Im Juni 1832 wurden deshalb die &#8222;Bat&#8216; d&#8217;Af'&#8220; (Bataillons d&#8217;Infanterie L\u00e9g\u00e8re d&#8217;Afrique oder BILA) gegr\u00fcndet. Bezeichnenderweise ein gutes Jahr nachdem die Fremdenlegion aufgestellt worden war. In den Bat&#8216; d&#8217;Af&#8216; dienten neben verurteilten Soldaten viele Str\u00e4flinge aus Frankreichs Gef\u00e4ngnissen. Nach gro\u00dfen Unruhen wie der Revolution von 1848 oder der Pariser Kommune kamen Tausende von politischen H\u00e4ftlingen dazu. Die Bat&#8216; d&#8217;Af&#8216; wurden meistens unter barbarischen Bedingungen zu Schwerstarbeit &#8211; z.B. im Stra\u00dfenbau &#8211; eingesetzt, k\u00e4mpften aber auch an vorderster Front in jedem gr\u00f6\u00dferen Konflikt Frankreichs, bis sie 1940 aufgel\u00f6st wurden. Eine beeindruckende Beschreibung der inneren Zust\u00e4nde hinterlie\u00df der franz\u00f6sische Anarchist Georges Darien mit seinem Buch Biribi.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei den gro\u00dfen, ideologisch aufgeladenen Kriegen des 20. Jahrhunderts wurden immer mal wieder H\u00e4ftlinge begnadigt, um an das dringend ben\u00f6tigte Menschenmaterial zu kommen, normalerweise handelte es sich dabei aber um Ausnahmeerscheinungen. Geschichten wie in dem Film The Dirty Dozen (1967) geh\u00f6ren zumindest bei den Westalliierten ins Reich der Legende. Verurteilte Straft\u00e4ter wurden ausgerechnet dort rekrutiert, wo am lautesten die hohen Ideale beschworen wurden: in Nazi-Deutschland und in der Sowjetunion.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sowohl Stalin wie Hitler waren anfangs strikt gegen die Verwendung von H\u00e4ftlingen gewesen, waren dann aber durch die enormen Menschenverluste zum Umdenken bewogen worden. In der Sowjetunion dienten Deserteure zu Hunderttausenden in den so genannten &#8222;Shtrafbats&#8220;, w\u00e4hrend H\u00e4ftlinge aus Gef\u00e4ngnissen und Gulags in regul\u00e4re Einheiten der Roten Armee eingegliedert wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Deutschland tat mit sich mit der Verwendung von H\u00e4ftlingen viel schwere, da sie generell als &#8222;wehrunw\u00fcrdig&#8220; galten. Lediglich von Milit\u00e4rgerichten verurteilte Soldaten wurden ab Juni 1942 in den so genannten 500er Bew\u00e4hrungseinheiten an besonders kritischen Frontabschnitten eingesetzt. Einige Monate sp\u00e4ter wurden von Zivilgerichten Verurteilte und politische H\u00e4ftlinge in die 999er Bataillone eingezogen, dort allerdings mehr zu Bauarbeiten eingesetzt. Zur ber\u00fcchtigtsten Einheit sollte aber die von der SS aufgestellte Division Dirlewanger werden. Ihre Gr\u00fcndung ging auf eine verschrobene Idee Himmlers zur\u00fcck, ehemalige Wilddiebe bei der Partisanenbek\u00e4mfung einzusetzen. Da sich in deutschen Gef\u00e4ngnissen keine 100 Wilddiebe finden lie\u00dfen, blieb die Einheit lange eine exotische Randerscheinung, die sich haupts\u00e4chlich durch die Ermordung von Zivilisten in Wei\u00dfrussland hervortat. Erst als man sie gegen Ende des Krieges mit verurteilten SS-M\u00e4nnern, politischen H\u00e4ftlingen und einigen zivilen H\u00e4ftlingen verst\u00e4rkt hatte, kamen ein paar tausend Mann zusammen, die vor allem bei der Zerst\u00f6rung Warschaus 1944 eingesetzt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da die Westalliierten w\u00e4hrend des Krieges keine Str\u00e4flinge verwendet hatten, erscheint es besonders zynisch, dass einige von ihnen ausgerechnet auf verurteilte SS-Leute zur\u00fcckgriffen. In den Niederlanden hatte man Nazi-Kollaborateuren die Staatsb\u00fcrgerschaft entzogen und zu l\u00e4ngeren Haftstrafen verurteilt. Als sich das Land jedoch immer st\u00e4rker in einen schmutzigen und vor allem \u00e4u\u00dferst unpopul\u00e4ren Kolonialkrieg in Indonesien (1945-49) verstrickt sah, gab man vielen der H\u00e4ftlinge die Chance sich an der Front als gute Niederl\u00e4nder zu beweisen. Nachdem der Krieg verloren war, meldeten sich einige ehemalige SS-Leute f\u00fcr das Kontingent, das die Niederlande in der Koreakrieg (1950-53) schickten. M\u00f6glicherweise trafen sie dort auf alte Kameraden von der Ostfront, die von Belgien nach Korea geschickt worden waren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"442\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/ss-charlemagne.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3859\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/ss-charlemagne.jpg 500w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/ss-charlemagne-300x265.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">gefangene franz\u00f6sische SS-Angeh\u00f6rige<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Frankreich, das in Indochina vor \u00e4hnlichen Problemen stand, startete 1948 mit den BILOM (Bataillon d&#8217;Infanterie l\u00e9g\u00e8re d&#8217;Outre-Mer) eine Art Neuauflage der ber\u00fcchtigten Bat&#8216; d&#8217;Af&#8216;. In den BILOM dienten deutsche Kriegsgefangene, vor allem aber franz\u00f6sische Nazi-Kollaborateure, darunter auch Angeh\u00f6rige der SS-Division Charlemagne. Die BILOM wurden in Indochina eingesetzt, mussten aber bereits nach einem guten Jahr aufgel\u00f6st werden, nachdem die kommunistische Partei einen Skandal entfacht hatte. Allerdings wurden die Soldaten dann in anderen Einheiten der Kolonialtruppen verwendet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Interessiert man sich nicht nur f\u00fcr die Rekrutierung bereits inhaftierter Nazi-Kollaborateure, sondern auch f\u00fcr die Verwendung und den Schutz von gesuchten Kriegsverbrechern, so nehmen die USA sicher eine unangefochtene Spitzenposition ein. Je nachdem, wie weit man den Bogen spannt &#8211; von der heimlichen Verwendung von Gestapo-Offizieren wie Klaus Barbie, \u00fcber die Rekrutierung von SS-Leuten f\u00fcr die Green Berets, dem Aufbau der so genannten &#8222;Stay Behind&#8220; Netzwerke bis hin zur offiziellen Anwerbung deutscher Raketenspezialisten &#8211; kommt man leicht auf einige Hunderttausend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dem Ende des Kalten Krieges, der Massenheere und schlie\u00dflich der Wehrpflicht schien die Methode verurteilte oder gesuchte Kriminelle zum Kriegsdienst zu rekrutieren endg\u00fcltig der Vergangenheit anzugeh\u00f6ren. Allerdings nur kurz, wenn man sich die aktuellen B\u00fcrgerkriege in Syrien oder Libyen etwas genauer ansieht, st\u00f6\u00dft man schnell auf Hinweise dass dort die Streitkr\u00e4fte mit Ausl\u00e4ndern, S\u00f6ldnern, Kindern und eben auch H\u00e4ftlingen verst\u00e4rkt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich soll hier nicht behauptet werden, dass begnadigte Kriminelle im Milit\u00e4r ein und dasselbe wie S\u00f6ldner sind. Sehr oft treten jedoch beide Formen zusammen in Erscheinung, \u00fcberlappen sich und gehen ineinander \u00fcber. Regierungen rekrutieren H\u00e4ftlinge und ehemalige Soldaten werden zu R\u00e4ubern. Der Historiker John Rigby Hale bezeichnete die Armeen der Renaissance als &#8222;crime machines&#8220;. Vor allen Dingen aber werden Kriminelle wie eben auch S\u00f6ldner meistens dann rekrutiert, wenn die traditionellen Aufgebote nicht mehr funktionieren. Beide Gruppen sind &#8211; und bleiben auch meistens &#8211; Au\u00dfenseiter in den Gesellschaft, f\u00fcr die sie k\u00e4mpfen. Und ohne Reintegration in eine zivile Gesellschaft werden sie je nach Bedarf Kriminelle oder S\u00f6ldner.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"259\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/prigoschin-haftlinge.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3861\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/prigoschin-haftlinge.jpg 500w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/prigoschin-haftlinge-300x155.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"> Prigoschin mit H\u00e4ftlingen<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass die uralte Methode, Kriminelle an vorderster Front zu verwenden, gerade in unserer &#8222;post-heroischen&#8220;, materialistischen Zeit wieder besonders attraktiv werden kann, zeigen die j\u00fcngsten Ereignisse in Russland. F\u00fcr Putins Regierung war es von eminenter Bedeutung, von der russischen Mittelschicht keine allzugro\u00dfen Opfer zu verlangen. Rekrutiert wurden deshalb vor allem Angeh\u00f6rige ethnischer Minderheiten und auch nach M\u00f6glichkeit fremde S\u00f6ldner. Besonders erfolgreich bei der Beschaffung von entbehrlichem Menschenmaterial war Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin, der im Sommer 2022 in gro\u00dfem Stil damit begann, in russischen Gef\u00e4ngnissen zu werben. Nach westlichen Sch\u00e4tzungen hat er \u00fcber 50.000 Str\u00e4flinge rekrutiert, von denen gut 17.000 in der blutigen Schlacht um Bakhmut gefallen sein sollen. Die Methode war so erfolgreich, dass sie dann auch von der Ukraine \u00fcbernommen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Letzten Endes unterstreicht aber gerade dieses Beispiel den engen Zusammenhang zwischen der Verwendung von S\u00f6ldnern und der von Str\u00e4flingen.<br><br><strong>Literatur:<\/strong><br><br>Anderson, Clare and Hamish Maxwell-Stewart<br>Convict Labour and the Western Empires, 1415-1954<br>2014<br><br>Conway, Stephen<br>Continental European Soldiers in British Imperial Service, c. 1756-1792<br>in: The English Historical Review , FEBRUARY 2014, Vol. 129, No. 536, pp. 79-106<br><br>Hurnard, Naomi D.<br>The King&#8217;s Pardon for Homicide before A.D. 1307<br>Diss 1970<br><br>Kesselring, Krista<br>To Pardon and To Punish: Mercy and Authority in Tudor England<br>Diss 2000<br><br>Mawson, Stephanie J.<br>Convicts or Conquistadores? Spanish Soldiers in the Seventeenth-Century Pacific<br>in: Past &amp; Present, Volume 232, Issue 1, August 2016, Pages 87-125<br><br>Villalon, L.J. Andrew<br>&#8222;Taking the King&#8217;s Shilling&#8220;\u009d to Avoid &#8222;the Wages of Sin&#8220;\u009d: Royal Pardons for Military Malefactors during the Hundred Years War<br>in: The Hundred Years War. III: Further Considerations; 2013<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><br><br>\u00a9 Frank Westenfelder &nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Rekrutierung von Kriminellen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3839,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[94,8],"tags":[240,20],"class_list":["post-3837","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-archetypen","category-artikel","tag-kriminelle","tag-straeflinge"],"blocksy_meta":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.9 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Abschaum der Menschheit - Kriegsreisende<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/der-abschaum-der-menschheit\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der Abschaum der Menschheit - 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