{"id":276,"date":"2024-10-01T15:41:02","date_gmt":"2024-10-01T15:41:02","guid":{"rendered":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/?p=276"},"modified":"2025-01-16T14:28:32","modified_gmt":"2025-01-16T14:28:32","slug":"soldner-im-dreisigjahrigen-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/soldner-im-dreisigjahrigen-krieg\/","title":{"rendered":"S\u00f6ldner im Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading has-text-align-left\">Der allt\u00e4gliche Kampf ums \u00dcberleben.<\/h5>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"375\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/marodeure-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-284\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/marodeure-1.jpg 500w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/marodeure-1-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Negativbild des S\u00f6ldners in der deutschen Geschichte wurde fast ausschlie\u00dflich w\u00e4hrend des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriegs gepr\u00e4gt. Werden den Landsknechten des 15. Jahrhunderts oft noch wild-romantische Z\u00fcge abgewonnen, und gelten die S\u00f6ldner des Absolutismus meistens als armes, verschachertes Schlachtvieh, so scheinen sich in denen des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges alle schlechten Eigenschaften zu vereinen: Brutalit\u00e4t, Raublust, Profitgier gepaart mit Illoyalit\u00e4t und der st\u00e4ndigen Bereitschaft bei besserer Bezahlung die Seiten zu wechseln. Doch gerade die Landsknechte waren nicht nur f\u00fcr Pl\u00fcnderungsorgien, Disziplinlosigkeit und Meutereien ber\u00fcchtigt, sondern auch daf\u00fcr, f\u00fcr jede Partei, die bezahlen konnte, zu k\u00e4mpfen. Der Hauptursache des schlechten Rufs der S\u00f6ldner des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges ist sicher darin zu sehen, dass sie ihre Untaten haupts\u00e4chlich in Deutschland ver\u00fcbten. Die Landsknechte haben dagegen im kollektiven Ged\u00e4chtnis Italiens und Frankreichs \u00e4hnliche Spuren hinterlassen; der &#8222;Landsquenet&#8220; wurde dort zu einem Synonym f\u00fcr Pl\u00fcnderungen und Ausschreitungen einer z\u00fcgellosen Soldateska.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Situation der S\u00f6ldner hatte sich im 17. Jahrhundert grundlegend ge\u00e4ndert. Die Neuerungen kamen haupts\u00e4chlich aus den Niederlanden, wo der lange Unabh\u00e4ngigkeitskrieg gegen das \u00fcberm\u00e4chtige Spanien Reformen zuerst erzwungen und dann beschleunigt hatte. Nach vielen Niederlagen versuchten die Niederl\u00e4nder als erste, einen neuen Weg einzuschlagen. Unter Moritz von Oranien begannen sie Ende des 16. Jahrhunderts mit einer Heeresreform, die f\u00fcr die abendl\u00e4ndische Kriegskunst vorbildlich werden sollte. Ausgangspunkt war die regelm\u00e4\u00dfige Bezahlung. Daf\u00fcr konnte Disziplin und Gehorsam verlangt werden. Man gew\u00f6hnte die S\u00f6ldner aber nicht nur an das bislang unbekannte Exerzieren, sondern n\u00f6tigte sie auch zum Schanzen. Kein Landsknecht hatte vorher eine Schaufel in die Hand genommen. Diese Arbeit war etwas f\u00fcr die verachteten Schanzgr\u00e4ber und eines richtigen Kriegsmannes unw\u00fcrdig. In den Niederlanden galt fortan das Motto: &#8222;Graben spart Blut&#8220;. Festungsbau und Belagerungstechniken wurden zu regelrechten Wissenschaften. Bislang hatten die Sch\u00fctzen die Spie\u00dferhaufen als Pl\u00e4nkler mit einem unregelm\u00e4\u00dfigen Feuer unterst\u00fctzt. Jetzt wurden Musketiere in mehreren Gliedern aufgestellt und darauf gedrillt, Salven abzugeben. Neben dem Ausbildungsstand erh\u00f6hte Moritz von Oranien auch die Zahl der Vorgesetzten; aus den Doppels\u00f6ldnern, die auf dem ersten Blatt der Musterliste gef\u00fchrt wurden, wurde die &#8222;Prima Plana&#8220; &#8211; der Offiziersstand. Die Feuerwaffen wurden effektiver und Musketiere ersetzten immer mehr die Spie\u00dfer und Hellebardentr\u00e4ger. Die alten Gewalthaufen verschwanden zu Gunsten flacherer, beweglicherer Einheiten, die auf ihre Feuerkraft an Stelle des Massendrucks setzten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein weiterer wichtiger Unterschied war die verl\u00e4ngerte Dienstzeit. Landsknechte waren zuvor oft nur f\u00fcr die Dauer eines Feldzuges von einigen Monaten angeworben und dann wieder entlassen worden. W\u00e4hrend des Krieges in den Niederlanden war dann die Dienstzeit immer weiter verl\u00e4ngert worden. Die S\u00f6ldner dienten nun meistens viele Jahre. Eine Entwicklung die durch den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg weiter verst\u00e4rkt wurde. Hatten sich S\u00f6ldner fr\u00fcher auf einen zeitlich begrenzten Kriegszug begeben, wie ja das schweizer Wort &#8222;Reisl\u00e4ufer&#8220; verdeutlicht, so wurden sie nun zu dauerhaft Entwurzelten, deren eigentliche Heimat das Regiment war. Im Tross mit seinen Gark\u00fcchen, H\u00e4ndlern und Prostituierten wuchs der Anteil an Familienangeh\u00f6rigen. Dabei wurde er zu einer Dauerinstitution, und \u00fcbertraf in seinem Umfang die Zahl der Kombattanten bald um ein Vielfaches.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit steigendem Finanzaufkommen wurde aber nicht nur die Dienstzeit verl\u00e4ngert, sondern auch die Heeresst\u00e4rken selbst stetig gesteigert. Wallenstein schaffte es dann als erster eine 100.000-Mann-Armee aufzustellen. Diese gewaltigen Truppenmassen \u00fcber Jahre mit Ausr\u00fcstung und Nahrung zu versorgen \u00fcberforderte die logistischen M\u00f6glichkeiten jeder kriegf\u00fchrenden Partei. In diese L\u00fccke dr\u00e4ngten nun die hohen Offiziere als selbst\u00e4ndige Unternehmer. Sie organisierten Rekrutierung, Bewaffnung, Kleidung, Sold und nat\u00fcrlich das Essen der Truppe, und stellten ihre Ausgaben sp\u00e4ter ihrem Auftraggeber in Rechnung. Das reichte von einem Gro\u00dfunternehmer wie Wallenstein, der in seinen eigenen L\u00e4ndereien eine richtiggehende Industrie zur Truppenversorgung aufgebaut hatte, \u00fcber die Regimentskommandeure bis zu den Hauptleuten, die f\u00fcr eine bestimmte Summe die Verpflegung ihres F\u00e4hnleins einkauften. Es versteht sich von selbst, dass bei diesem System konstant betrogen wurde. Unsummen wurden an der Versorgung mit gepanschtem Mehl, verdorbenem Fleisch, schlechter Kleidung und billigen Waffen verdient. Beliebt waren auch die &#8222;Passe-Volanten&#8220;; d.h. f\u00fcr Gestorbene und Deserteure wurde weiterhin Sold und Kostgeld kassiert, und bei einer Musterung wurden dann von anderen Truppenteilen Ersatzleute ausgeliehen, die eben wie im Flug durchgereicht wurden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"274\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/30jk-lager.jpg\" alt=\"S\u00f6ldnerlager im Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg\" class=\"wp-image-279\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/30jk-lager.jpg 600w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/30jk-lager-300x137.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die eigentlichen Leidtragenden dieses Systems waren nat\u00fcrlich die einfachen S\u00f6ldner, an denen jeder verdienen wollte, der in der Hierarchie \u00fcber ihnen stand. Obwohl einige der gro\u00dfen Schlachten wirklich m\u00f6rderisch waren, erstaunt es deshalb nicht, dass die \u00fcberwiegende Anzahl der S\u00f6ldner Opfer der schlechten Versorgung wurden. Der englische Historiker Geoffrey Parker spricht sogar vom Zehnfachen der Schlachtverluste! Allgemein geht die Forschung von einer j\u00e4hrlichen Verlustrate von 25-30% aus. Der \u00fcberwiegende Anteil der S\u00f6ldner hatte also entgegen mancher Vorstellungen h\u00f6chstwahrscheinlich nie direkt gegen einen Gegner gek\u00e4mpft, sondern war irgendwo entlang der Marschstra\u00dfen oder in einem schlechten Winterlager verhungert, erfroren oder einer banalen Krankheit erlegen. Durch mangelnde Ern\u00e4hrung und schlechte Kleidung wurden die Truppen besonders anf\u00e4llig f\u00fcr Seuchen. So soll das kaiserliche Heer 1620 in B\u00f6hmen fast 50% von 27.000 Mann wahrscheinlich durch Hungertyphus verloren haben. Viele S\u00f6ldner gingen barfu\u00df, hatten keine M\u00e4ntel und \u00fcbernachteten in Strohh\u00fctten oder Erdl\u00f6chern. Im Winter 1621\/22 erfroren viele der schlecht gekleideten Spanier und Italiener von Spinolas Armee, und Gustav Adolf verlor im Lager vor N\u00fcrnberg \u00fcber 2\/3 seiner Truppen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Elend in manchen Winterlagern \u00fcbersteigt heute wahrscheinlich die Vorstellungskraft. Die gro\u00dfe Ausnahme war nat\u00fcrlich, wenn die Truppen bei wohlhabenden Bauern einquartiert wurden oder durch Regionen kamen, die noch nicht ausgesogen waren. Im Laufe der Zeit wurde es jedoch immer schwieriger die Truppen aus dem Land zu versorgen. In der letzten Phase des Krieges gingen deshalb die Heeresst\u00e4rken rapide zur\u00fcck, und der Anteil der Kavallerie stieg st\u00e4ndig, da nur noch Reiter die ausgepl\u00fcnderten Landstriche schnell genug passieren konnten. Der Traum von reicher Beute war sicher schon immer ein wichtiges Motiv f\u00fcr S\u00f6ldner gewesen. F\u00fcr die des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges wurde die Beute jedoch zu einer reinen \u00dcberlebensnotwendigkeit. Der Sold lag mit durchschnittlich 8-10 Gulden zwar zwischen dem Verdienst eines Hilfsarbeiters und dem eines Handwerksmeisters. Allerdings wurde er oft unregelm\u00e4\u00dfig oder gar nicht bezahlt. Zudem mussten die S\u00f6ldner im Feldlager fast alles zu \u00fcberh\u00f6hten Preisen kaufen. Viele hatten au\u00dferdem Frau und Kinder oder zumindest einen Buben. Man sollte das aus heutiger Sicht nicht f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssigen Luxus halten. Irgendjemand musste ja w\u00e4hrend des Dienstes auf die wenigen Habseligkeiten aufpassen, Feuer machen, abkochen, ein eventuell vorhandenes Lasttier versorgen und tausend andere kleine Arbeiten verrichten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An ein Entrinnen aus dieser Misere war kaum zu denken. Nat\u00fcrlich gab es immer wieder zahlreiche Deserteure, vor allem wenn der Sold zu lange ausblieb oder die Versorgungslage katastrophal wurde. Doch wohin sollten sie gehen, von was leben? \u00dcberall gab es Banden verelendeter Bauer, die Deserteuren auflauerten, um ihnen Sold und Beute abzunehmen. Einzelne hatten kaum eine Chance durchzukommen, aber die Bauernbanden vernichten sogar ganze Kompanien. Letzten Endes blieb nur das \u00dcberlaufen zum Gegner. Man entkam zwar nicht dem Krieg, konnte aber vielleicht bessere Konditionen aushandeln und bekam erneut Handgeld. Dennoch belegen Spezialuntersuchungen, dass \u00fcberraschend wenige desertierten. Der Gro\u00dfteil blieb seine ganze Dienstzeit &#8211; manchmal sogar \u00fcber Jahrzehnte &#8211; beim gleichen Regiment. Einige wechselten notgedrungen die Einheit, wenn ihr altes Regiment aufgel\u00f6st wurde oder wenn sie als Kriegsgefangene &#8222;untergesteckt&#8220; wurden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"320\" height=\"479\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/musketier-pikenier.jpg\" alt=\"Musketier und Pikenier\" class=\"wp-image-280\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/musketier-pikenier.jpg 320w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/musketier-pikenier-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 320px) 100vw, 320px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Veteranen, die bereits im Feuer gestanden hatten, bezeichnete man als &#8222;versuchte&#8220; oder &#8222;beschossene&#8220; Knechte. Sie waren das R\u00fcckgrat jedes Regiments. Jeder Oberst war auf diese alten &#8222;Kriegsgurgeln&#8220; angewiesen und war deshalb auch immer bereit, ihnen vieles durchgehen zu lassen. Mit fatalistischem Gleichmut ertrugen sie die Schrecken der Schlacht und gaben den jungen Rekruten den notwendigen R\u00fcckhalt. Weitaus wichtiger als ihr routiniertes Verhalten im Kampf war jedoch, dass sie die notwendigen \u00dcberlebensstrategien kannten. Sie fielen beim Marsch nicht zur\u00fcck, konnten sich bei leichten Verwundungen und Krankheiten selbst kurieren, wussten wie man zur Not eine wetterfeste H\u00fctte baute, fanden bei den Bauern den letzten Sack Getreide und lie\u00dfen sich von den Marketendern nicht betr\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein einzigartiges Zeugnis von Alltag und Selbstverst\u00e4ndnis eines solchen Veteranen ist ein 1993 von dem Historiker Jan Peters entdecktes Tagebuch, in dem ein einfacher S\u00f6ldner von seinen Erlebnissen zwischen 1625 und 1649 berichtet. Wahrscheinlich handelt es sich bei dem anonymen Verfasser um einen gewissen Peter Hagedorf, einen M\u00fcllersohn aus der Gegend von Magdeburg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hagedorf wanderte 1625 durch die Schweiz nach Norditalien; ob aus Reiselust, oder um Arbeit zu suchen, bleibt unklar. Jedenfalls lie\u00df er sich dort f\u00fcr einige Monate von den venezianischen Truppen anwerben und nahm an den K\u00e4mpfen um das Veltin teil. Danach besuchte er mit einem Kameraden einige St\u00e4dte in Norditalien, und nahm etwas sp\u00e4ter in Parma erneut Solddienst. Nach anderthalb Jahren machte er sich dann langsam auf den Heimweg. Nachdem sein Geld zu Ende gegangen war, bettelte er und erreichte so schlie\u00dflich Ulm. Von Hunger oder schweren K\u00e4mpfen berichtet er nichts; der Solddienst scheint f\u00fcr ihn mehr eine M\u00f6glichkeit gewesen zu sein, etwas von der Welt zu sehen. Unter diesen Umst\u00e4nden war es f\u00fcr ihn dann ein selbstverst\u00e4ndlicher Schritt, in Ulm in das Pappenheimsche Regiment von Tillys Armee einzutreten. Damit hatte er sozusagen den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg betreten, wo er f\u00fcr die n\u00e4chsten 22 Jahre bleiben sollte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"420\" height=\"269\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/belagerung-17-jahrhundert.jpg\" alt=\"Belagerung im 17.Jahrhundert\" class=\"wp-image-281\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/belagerung-17-jahrhundert.jpg 420w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/belagerung-17-jahrhundert-300x192.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 420px) 100vw, 420px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend dieser Zeit nahm er vor allem an den K\u00e4mpfen in S\u00fcddeutschland teil, an zahlreichen Belagerungen und Scharm\u00fctzeln, aber auch an gro\u00dfen Schlachten wie L\u00fctzen oder N\u00f6rdlingen. Er berichtet zwar chronologisch von den M\u00e4rschen, dem Schanzen und den Gefechten, geht dabei aber nie besonders ins Detail. Man hat &#8222;den Feinden zugesetzt&#8220; oder &#8222;mit Kanonen auf die Feinde gespielt&#8220; und nat\u00fcrlich immer wieder geschanzt. Wie er sich pers\u00f6nlich dabei geschlagen hat oder ob er gar get\u00f6tet hat, erscheint ihm nicht erw\u00e4hnenswert. Die gro\u00dfe politische Lage oder gar die Religion werden v\u00f6llig ignoriert. Er dankt zwar Gott, wenn er wieder einmal Gl\u00fcck gehabt hat, l\u00e4sst es aber dabei bewenden. Als er 1633 von den Schweden gefangen und untergesteckt wird, k\u00e4mpft er nun genau so professionell gegen kaiserliche und Bayern. Nach der Niederlage bei N\u00f6rdlingen kam er dann wieder in sein altes bayrisches Regiment. F\u00fcr ihn scheint das absolut keinen Unterschied gemacht zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wesentlich wichtiger ist ihm dagegen die Versorgungslage. Wenn es in einem Winterquartier genug Wein gab, findet er das durchaus interessant. &#8222;Diesen Winter habe auch hier Wein genug gehabt, umsonst.&#8220; Als es einmal besonders reichlich Nahrung gab schreibt er: &#8222;hier haben wir kein Rindfleisch mehr wollen essen, sondern es haben m\u00fcssen G\u00e4nse, Enten oder H\u00fchner sein.&#8220; W\u00e4hrend er von seinen ganzen gefallenen Kameraden bestenfalls einige der Offiziere nennt, erz\u00e4hlt er, dass er einmal mit einem Vetter sein Pferd versoffen habe. Kampf und Tod waren f\u00fcr ihn anscheinend derart banale Sachen, dass man dar\u00fcber nicht viele Worte verlieren musste, reichlich essen und trinken dagegen nicht. Das h\u00f6chste Lob war ganz offensichtlich: &#8222;gefressen und gesoffen, dass es gut hei\u00dft.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich schreibt er auch \u00fcber Hunger und Teuerung. Mehrmals notiert er genau, wie viel Brot, Wein oder Fleisch kosten. &#8222;Hier ist das Brot und Fleisch wieder an den h\u00f6chsten Nagel geh\u00e4ngt worden, wegen des vielen Volks.&#8220; Wenn sein Regiment in eine neue Region kommt, hat er fast immer zuerst ein Auge auf die Landwirtschaft und deren Produkte: &#8222;guter Weinwachs und Kornbau&#8220;, &#8222;guter Wein gewesen&#8220; oder &#8222;viel Viehzucht und sch\u00f6ner Kornbau&#8220;. Man k\u00f6nnte ihm jetzt ein allgemeines Interesse an Ackerbau und Viehzucht unterstellen, viel wahrscheinlicher ist es jedoch die Perspektive des S\u00f6ldners, der sofort bei der Ankunft mit Kennerblick abzusch\u00e4tzen beginnt, wie hier wohl die Quartiere sein werden, ob man hier noch gut leben oder vielleicht sogar richtig prassen kann.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"420\" height=\"286\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/soldnerlager.jpg\" alt=\"S\u00f6ldnerfamilie im Lager\" class=\"wp-image-282\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/soldnerlager.jpg 420w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/soldnerlager-300x204.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 420px) 100vw, 420px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser allt\u00e4gliche \u00dcberlebenskampf, bei dem es weit mehr ums Essen als um Heldentaten ging, wird besonders durch die Familienbeziehungen des S\u00f6ldners illustriert. Bald nach seinem Eintritt ins Pappenheimsche Regiment heiratete er zum ersten mal. Mit dieser Frau hatte er vier Kinder, die alle bereits nach Tagen oder wenigen Wochen starben. Nachdem seine Frau 1633 ebenfalls gestorben war, hatte er einige Jahre einen Jungen, der nun die anfallenden Hilfsdienste und Arbeiten erledigen musste. 1635 heiratete er nochmals. Von den f\u00fcnf Kindern dieser Ehe \u00fcberlebten immerhin zwei den Krieg, w\u00e4hrend die anderen ebenfalls sehr schnell starben. Die Frauen und der Junge dienten jedoch nicht nur der Bequemlichkeit des S\u00f6ldners, indem sich kochten oder wuschen. Sie achteten auf die Habseligkeiten beim Tross, organisierten Lebensmittel und halfen beim pl\u00fcndern. Als er selbst schwer verwundet war, lief seine erste Frau unter Lebensgefahr in das brennende Magdeburg und brachte Bettzeug zum Verbinden, Wein, Kleider und zwei silberne G\u00fcrtel zur\u00fcck. Der Junge holte einmal aus Heidelberg eine Kuh. Zudem mussten sie zur Erntezeit anscheinend immer Getreide auf den Feldern schneiden. Einmal sogar unter dem Gesch\u00fctzfeuer des belagerten Colmar. Von einer Teuerung berichtet er dann stolz, dass er mit seiner Frau einen Sack voll Gerste und Roggen gedroschen habe. Anschlie\u00dfend habe er mit zwei Schleifsteinen das Korn, gemahlen, einen Backofen in die Erde gegraben und so viel Brot gebacken, dass er noch mit gutem Gewinn davon verkaufen konnte.<br><br>Im September 1649 wurde er dann nach dem Frieden von M\u00fcnster mit dreifachem Monatssold zu je 13 Gulden abgedankt. Er war nun Mitte bis Ende Vierzig hatte eine Frau und zwei kleine Kinder und wusste nicht wohin. Die Aufzeichnungen enden an diesem Punkt und man wei\u00df nicht ob er versucht hat, im Zivilleben wieder Fu\u00df zu fassen. Wahrscheinlich suchte er sich wie viele entlassene S\u00f6ldner einen neuen Krieg. Das Reich war zwar ausgebrannt, aber der Kampf um die Vorherrschaft in Europa verlagerte sich damit lediglich an die Peripherie. Bereits vor dem Ende des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges hatte in England der B\u00fcrgerkrieg begonnen, der dann auf Schottland und Irland \u00fcbergriff. Die Niederl\u00e4nder k\u00e4mpften ohne Unterbrechung in Brasilien und in Indonesien. Auch die T\u00fcrkei wurde mit dem \u00dcberfall auf Kreta wieder an ihrer Westgrenze aktiv. Kurz darauf entbrannte im Wilden Feld ein Kosakenaufstand gegen Polen, in den die T\u00fcrkei, Ungarn, Siebenb\u00fcrgen, D\u00e4nemark, Schweden und schlie\u00dflich Russland verwickelt wurden. Frankreich und Spanien k\u00e4mpften unentwegt weiter an den Pyren\u00e4en, in Italien und in Flandern.<br><br>In allen diesen Kriegen kamen zahlreiche S\u00f6ldner aus dem Reich zum Einsatz. Oft machten sich ganze Regimenter unter ihren alten Obristen auf den Weg. Doch auch die deutschen F\u00fcrsten nutzten bald die Gelegenheit ihre L\u00e4nder von den \u00fcbersch\u00fcssigen Merodebr\u00fcder und Kriegsgurgeln zu befreien und daf\u00fcr noch harte Subsidien zu kassieren. Der Soldatenhandel, den viele mit den &#8222;verkauften Hessen&#8220; des Unabh\u00e4ngigkeitskrieges verbinden, hat seine Wurzeln in den \u00fcbersch\u00fcssigen Veteranen des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges, die diese Weise gewinnbringend verkauft wurden. Nat\u00fcrlich handelte es sich bei diesen S\u00f6ldner nicht nur um Deutsche. So bestand zum Beispiel ein bayerisches Regiment gegen Ende des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges aus 534 Deutschen, 217 Italienern, 15 Franzosen, 24 Lothringern, 24 Burgundern, 26 Griechen, 54 Polen, 5 Ungarn, 51 Slowenen, 11 Spaniern, 14 Tschechen, 14 T\u00fcrken, 18 Dalmatiern, 2 Schotten, 2 Kroaten und jeweils einem Iren und einem Sizilianer. Ein Venezianer sprach in diesem Zusammenhang deshalb treffend von &#8222;Arche-Noah-Armeen&#8220;.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\">\u00a9 Frank Westenfelder &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der allt\u00e4gliche Kampf ums \u00dcberleben.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":286,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,67],"tags":[66],"class_list":["post-276","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","category-neuzeit-artikel","tag-dreisigjahriger-krieg"],"blocksy_meta":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.3 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>S\u00f6ldner im Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg - Kriegsreisende<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/soldner-im-dreisigjahrigen-krieg\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"S\u00f6ldner im Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg - 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