{"id":1520,"date":"2024-11-13T11:03:46","date_gmt":"2024-11-13T11:03:46","guid":{"rendered":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/?p=1520"},"modified":"2025-01-14T12:13:31","modified_gmt":"2025-01-14T12:13:31","slug":"der-sold-des-sultans","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/der-sold-des-sultans\/","title":{"rendered":"Der Sold des Sultans"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Mehmed der Eroberer und seine Kanoniere.<\/h5>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"609\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/konstantinopel-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1525\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/konstantinopel-1.jpg 400w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/konstantinopel-1-197x300.jpg 197w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Belagerung von Konstantinopel<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als der t\u00fcrkische Sultan Mehmed II. nach seinem Regierungsantritt 1451 damit begann Konstantinopel einzuschlie\u00dfen und sich seinen Beinamen &#8222;der Eroberer&#8220; zu verdienen, meldete sich beim Kaiser der bedrohten Stadt ein Mann mit gro\u00dfen Pl\u00e4nen und exorbitanten Forderungen. Er nannte sich Urban und stammte aus Siebenb\u00fcrgen. Riesige Gesch\u00fctze wollte er gie\u00dfen und die T\u00fcrken damit zu Grunde richten. Doch in Konstantinopel kannte man genug dieser Abenteurer, die ohne Geld im Hafen ankamen und versuchten mit gro\u00dfen Versprechungen ihr Gl\u00fcck zu machen. Anscheinend machte auch Urban keinen besonders zuverl\u00e4ssigen Eindruck. Wahrscheinlich war er ziemlich abgerissen, ein Versprengter der ungarischen Armeen, ohne Mittel f\u00fcr die Heimreise. Gesch\u00fctzgie\u00dfer waren zwar gesuchte Spezialisten und Urban forderte einen entsprechend hohen Preis f\u00fcr seine Dienste, aber die Berater des Kaisers hielten ihn f\u00fcr einen Scharlatan. Da man an S\u00f6ldnern knapp war, stellte man ihn trotzdem ein, allerdings f\u00fcr eine wesentlich geringere Summe, die dann auch noch von korrupten Beamten zum Gro\u00dfteil unterschlagen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Urban war emp\u00f6rt und schlich sich aus der Stadt ins Lager des Sultans. Mehmed sch\u00e4tzte die neuen Waffen, war aber zu ihrer Herstellung immer noch auf christliche Gefangene und Renegaten angewiesen. Also wurde Urban gleich mit Geschenken \u00fcberh\u00e4uft und festlich bewirtet. Dann fragte ihn der Sultan, ob er Gesch\u00fctze von einer ausreichenden Gr\u00f6\u00dfe f\u00fcr die Mauern von Konstantinopel herstellen k\u00f6nnte. Urban behauptete Gesch\u00fctze f\u00fcr Steinkugeln beliebiger Gr\u00f6\u00dfe gie\u00dfen zu k\u00f6nnen, womit man nicht nur die Mauern Konstantinopels, sondern auch die Babylons in Staub verwandeln k\u00f6nnte. Der Sultan war begeistert und versorgte ihn reichlich mit Geld, Hilfskr\u00e4ften und gro\u00dfen Mengen an Erz. Nach drei Monaten war das Monstrum fertig. Zwei Stunden waren n\u00f6tig, um einen Schuss abzufeuern, aber jede der Steinkugeln wog zw\u00f6lf Zentner.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Probe sollte bald erfolgen. Zur Sperrung des Bosporus hatte Mehmed die Festung Rumeli Hissari bauen lassen. Dort wurde das Riesengesch\u00fctz platziert. Als eine venezianische Galeere die t\u00fcrkischen Aufforderungen zum Beidrehen wie \u00fcblich missachtete, wurde sie mit einem einzigen Schuss zertr\u00fcmmert. Als Mahnung lie\u00df Mehmed die gefangenen Venezianer hinrichten. Bald darauf begann die eigentliche Belagerung Konstantinopels. Mit 40 Ochsengespannen wurde Urbans Gesch\u00fctz in Stellung gebracht. Wo es dann seine zerst\u00f6rerische Arbeit an den Mauern und T\u00fcrmen begann. Der Pulverdampf verbreitete sich \u00fcber die Stadt und das Donnergrollen eines Schusses soll \u00fcber Kilometer weit zu h\u00f6ren gewesen sein. Der griechische Chronist Michael Dukas schrieb, dass Urban, wenn man ihm nur ein Viertel des Lohns bezahlt h\u00e4tte, den er vom Sultan empfing, der Stadt eine \u00e4u\u00dferst wichtige Hilfe gewesen und den T\u00fcrken gleichzeitig der wichtigste Teil ihrer R\u00fcstung entzogen worden w\u00e4re. So aber leistete Urban nun einen wesentlichen Beitrag zur Zerst\u00f6rung Konstantinopels.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"428\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/konstantinopel-kanone.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1526\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/konstantinopel-kanone.jpg 600w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/konstantinopel-kanone-300x214.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Transport von Urbans Kanone<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Aber Urbans Karriere war kurz. Nach kurzem Einsatz zerplatzte die Riesenkanone und riss ihn dabei in St\u00fccke. Der Sultan lie\u00df daraufhin eine neue gie\u00dfen. Wahrscheinlich taten dies nicht die T\u00fcrken. So leicht war die schwierige Kunst nicht zu erlernen. Aber im Heer des Sultans dienten tausende von beutel\u00fcsternen Renegaten: Griechen, Serben, Italiener, Ungarn und Deutsche. Darunter waren auch einige erfahrene Gesch\u00fctzgie\u00dfer. Die griechischen Chronisten erw\u00e4hnten sie aber nur als namenlose Masse, als &#8222;Franken&#8220;. Bekannt wurde nur Urban, durch seinen Aufenthalt in Konstantinopel und sein Riesengesch\u00fctz. F\u00fcr die anderen Gesch\u00fctzgie\u00dfer war es relativ einfach nach Urbans Vorgaben Ersatz zu schaffen. Damit nicht genug, gossen sie zahlreiche kleinere Gesch\u00fctze und Steinb\u00fcchsen. Michael Dukas schrieb, dass ein Schuss aus diesen Steinb\u00fcchsen zwei gepanzerte M\u00e4nner samt Schild durchschlagen habe. Sie waren zwar unhandlich und hatten eine \u00e4u\u00dferst geringe Feuergeschwindigkeit, waren in ihrer Wirkung aber trotzdem um vieles verheerender als Pfeile und Speere.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kampf um Konstantinopel wurde dennoch weitgehend mit den Waffen des Mittelalters ausgetragen. Die Angreifer st\u00fcrmten mit Leitern und setzten Katapulte und Belagerungst\u00fcrme ein. Wo es der Untergrund erlaubte trieben sie Stollen unter die T\u00fcrme, um sie zum Einsturz zu bringen. Man kann annehmen, dass auch hier fr\u00e4nkische Ingenieure im Einsatz waren &#8211; Bergbauspezialisten aus dem Harz, Tirol, B\u00f6hmen und Ungarn. Namentlich erw\u00e4hnt wurde nur einer: der deutsche Ingenieur Johannes Grande, der auf griechischer Seite k\u00e4mpfte. \u00dcber seine genaue Herkunft und seine Person ist nichts bekannt. Er muss allerdings eine wichtige Position &#8211; eventuell als Festungsbaumeister &#8211; in Konstantinopel gehabt haben. Denn w\u00e4hrend der Belagerung vertraute man ihm die Verteidigung der Nordmauer an, die ohne den Schutz von Vorwerken besonders durch Minen bedroht war.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Minenkrieg war heimt\u00fcckisch und nervenaufreibend. Wenn der Stollen gro\u00df genug war, wurden die St\u00fctzpfeiler verbrannt und die einst\u00fcrzenden Mauern begruben die Verteidiger unter sich. Diese achteten deshalb mit gr\u00f6\u00dfter Wachsamkeit auf das Ger\u00e4usch der Spitzhacken und Mei\u00dfel und stellten Wassersch\u00fcsseln auf, um an einem leichten Kr\u00e4useln der Oberfl\u00e4che rechtzeitig Ersch\u00fctterungen zu erkennen. Wurde auf diese Weise eine Mine entdeckt, grub man einen Gegenstollen und versuchte die Belagerer auszur\u00e4uchern. Grande war ein Spezialist in diesem unterirdischen Krieg. Dukas berichtet: &#8222;Ein gewisser Johannes aber, ein Deutscher, der in Kriegsk\u00fcnsten sehr erfahren war, und auch die Bereitung des fl\u00fcssigen Feuers verstand, bemerkte dieses Vorhaben, und grub eine Gegenmine, f\u00fcllte sie mit fl\u00fcssigem Feuer, ganz kunstgerecht, und als die T\u00fcrken voller Freude kamen, um durch ihren Gang in die Stadt einzudringen, da legte er selbst die Lunte an das Feuer, das in der Gegenmine bereit lag, die er gegraben hatte, und verbrannte die meisten von ihnen, und machte ihre Anschl\u00e4ge zunichte.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der Fall von Konstantinopel war nicht aufzuhalten. Als der Sultan seinen Kriegern alle Beute und Menschen in der Stadt versprach und f\u00fcr sich selbst nur die leeren H\u00e4user forderte, st\u00fcrmten die T\u00fcrken und ihre christlichen Hilfstruppen die zerschossenen W\u00e4lle. \u00dcber den Kampf, den Tod des Kaisers und die anschlie\u00dfende Pl\u00fcnderung gibt es ausreichend Literatur. \u00dcber das weitere Schicksal von Johannes Grande ist dagegen nichts bekannt. Wenn er in den harten Stra\u00dfenk\u00e4mpfen nicht erschlagen worden ist, kann man wohl annehmen, dass er ihm Dienst des Sultans sein Auskommen gefunden hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Urban war anscheinend mehr Gie\u00dfer als Kanonier, denn er hatte dem Sultan gesagt, dass er seinen riesigen M\u00f6rser nicht selbst ausrichten k\u00f6nne. Die M\u00f6rser stellten als Wurfgesch\u00fctze die h\u00f6chsten Anforderungen an die Kanoniere: Abschusswinkel, Ladung und Windrichtung mussten genau beachtet werden. Dennoch sollte man Urbans Leistung nicht untersch\u00e4tzen. Der Guss eines Riesengesch\u00fctzes war eine technische H\u00f6chstleistung. Das Eisen musste in mehreren \u00d6fen gleichzeitig geschmolzen werden und die Form einem immensen Druck standhalten. Au\u00dferdem war Eisen nicht gleich Eisen. Die T\u00fcrken versorgten ihn zwar mit dem Rohstoff, doch Urban musste entscheiden, ob es zu viel Kohlenstoff enthielt und damit zu hart und zu spr\u00f6de war, oder ob es zu weich war. Zu hartem Eisen konnte man einen Teil des Kohlenstoffs in Hoch\u00f6fen entziehen. Je gr\u00f6\u00dfer die geschmolzene Metallmasse war, desto mehr bestand die Gefahr, dass sich beim Guss Blasen bildeten und das Gesch\u00fctz unbrauchbar machten. War das Werk gegl\u00fcckt ben\u00f6tigte man riesige Kr\u00e4ne, Flaschenz\u00fcge und W\u00e4gen mit Ochsengespannen, um die gewaltige Masse zu bewegen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"352\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/kanon-turk.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1530\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/kanon-turk.jpg 500w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/kanon-turk-300x211.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">t\u00fcrkische Kanoniere vor Konstantinopel<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Bei diesen Arbeiten muss man sich Urban den Abenteurer und skrupellosen S\u00f6ldner vorstellen. Gekleidet in pr\u00e4chtige t\u00fcrkische Gew\u00e4nder, Leibwachen und Dolmetscher an seiner Seite, kommandierte er ein zahlreiches Heer von Sklaven und Arbeitern, \u00fcberwachte den Bau der \u00d6fen, pr\u00fcfte das Metall, trieb Zimmerleute an, schimpfte, schrie und machte immer wieder beim Sultan Eindruck. Er sa\u00df in keiner fertig eingerichteten Werkstatt mit gut ausgebildeten Hilfskr\u00e4ften. Alles, was er mitgebracht hatte, befand sich in seinem Kopf. Die T\u00fcrken gaben ihm Arbeitskr\u00e4fte, Erz, Lehm, Steine und Holz. Daraus ein funktionsf\u00e4higes Riesengesch\u00fctz zu formen, grenzte wirklich an Zauberei.<\/p>\n\n\n\n<p>Der auf griechischer Seite k\u00e4mpfende Johannes Grande beherrschte sicher auch nur einzelne Teilbereiche des Gewerbes. Da er nicht im Zusammenhang mit Gesch\u00fctzen erw\u00e4hnt wird und die Griechen jeden erfahrenen Gie\u00dfer eingesetzt h\u00e4tten, kann man annehmen, dass er davon nichts verstanden hat. Eventuell war er ein ehemaliger Bergmann, wof\u00fcr seine Erfahrung im Minenbau spricht. Wahrscheinlich war er aber auch Feuerwerker, also ein Spezialist f\u00fcr die Zubereitung von Pulver und Sprengstoffen. Man k\u00f6nnte einwenden, dass es keine gro\u00dfe Kunst sei, aus Schwefel, Salpeter und Holzkohle Pulver zu mischen und dieses zur Explosion zu bringen. Aber Feuerwerker konnten viel mehr. Sie verstanden sich auf die Mischung zahlreicher sehr modern anmutender Mittel. Ein um 1420 entstandenes Feuerwerksbuch gibt einen sch\u00f6nen \u00dcberblick davon. Neben der Herstellung von Salpeter und Knollenpulver werden Brandgeschosse, Rauchbomben, Feuerpfeile und sich bei N\u00e4sse selbst entz\u00fcndende Sprengs\u00e4tze aus ungel\u00f6schtem Kalk beschrieben. Es ist nicht bekannt \u00fcber welches Wissen Johannes Grande verf\u00fcgte. Da ihm die Griechen aber den Einsatz des, als Staatsgeheimnis geh\u00fcteten griechischen Feuers, kann man annehmen, dass er ihren Technikern um einiges \u00fcberlegen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Feuerwerker, Gie\u00dfer und Kanoniere waren gesuchte Spezialisten, die an den F\u00fcrstenh\u00f6fen Europas hohen Sold erwarten konnten. Aber die festen Stellen waren schnell besetzt, und wenn gerade ein Feldzug zu Ende war, musste sich mancher nach einer neuen Pfr\u00fcnde umsehen. Dabei mussten sie sich nat\u00fcrlich zuerst einmal selbst anpreisen, und man nimmt an, dass die ersten Feuerwerksb\u00fccher haupts\u00e4chlich als Empfehlungsschreiben in eigener Sache geschrieben wurden. Deshalb ergab es sich praktisch von selbst, dass auch immer wieder einige ihr Gl\u00fcck im Dienst des Sultans versuchten. Das zog zwar die ewige Verdammnis nach sich, bei der zu erwartenden f\u00fcrstlichen Entlohnung hat das aber wie so oft die richtigen S\u00f6ldnernaturen kaum abgeschreckt. &#8222;Den Turban nehmen&#8220; war eine g\u00e4ngige Redewendung, f\u00fcr den \u00dcbertritt zum Islam. Einige kamen auf venezianischen Galeeren nach Konstantinopel, Alexandria, Beirut oder in die H\u00e4fen am schwarzen Meer. In all diesen H\u00e4fen lebten Christen, Moslems, Juden, Armenier und Kopten nebeneinander. Es waren ideale Pl\u00e4tze, um die Fronten zu wechseln. Manch einer wird sich gezielt auf den Weg gemacht haben, um f\u00fcr gutes Gold in die Dienste des Sultans zu treten. Andere blieben zur\u00fcck, brauchten ihr Geld auf und suchten ein neues Auskommen. Die ersten t\u00fcrkischen Gesch\u00fctze wurden von Italienern gegossen, die immer zahlreich im t\u00fcrkischen Sold zu finden waren. Doch bald folgten ihnen Franzosen, B\u00f6hmen und Deutsche.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"482\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/kanonier.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1528\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/kanonier.jpg 400w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/kanonier-249x300.jpg 249w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Gesch\u00fctzmeister<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die meisten f\u00fchrte der Weg \u00fcber den Balkan und die Gefangenschaft. Die Herstellung von Salpeter, Pulver, Steinkugeln und Gesch\u00fctzen lag auf dem Balkan fest in den H\u00e4nden von Ausl\u00e4ndern. Vor allem die Ungarn st\u00fctzten sich bei ihren Abwehrk\u00e4mpfen gegen die \u00fcberlegenen T\u00fcrken stark auf Kanoniere aus B\u00f6hmen und dem Reich. Als der ungarische Reichsverweser Johann Hunyadi 1448 auf dem Amselfeld in einer zweit\u00e4gigen blutigen Schlacht von der t\u00fcrkischen \u00dcbermacht geschlagen wurde, hielten seine deutschen und b\u00f6hmischen Kanoniere die Wagenburg im Zentrum bis zum bitteren Ende. Wer dem Gemetzel der Janitscharen entging kam in Gefangenschaft. Da die T\u00fcrken stark an Sklaven interessiert waren, machten sie immer weit mehr Gefangene als ihre christlichen Gegner. Von den \u00fcberlebenden Kanoniere wird allerdings kaum einer auf den Galeeren geendet sein, denn sie waren zu wertvoll f\u00fcr den Sultan. Auch Hunyadis Sohn Mathias Corvinus k\u00e4mpfte weiter gegen die T\u00fcrken, aber auch er musste Niederlagen einstecken und verlor tausende von Gefangenen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die T\u00fcrken lernten von ihren Gegnern und versuchten immer mehr dieser abendl\u00e4ndischen Spezialisten in ihre Dienste zu ziehen. Gegen gute Bezahlung lieferten die Venezianer gerne Kanonen und Fachkr\u00e4fte, und auch einzelne Abenteurer wechselten daf\u00fcr den Glauben und die Fronten. Aber damit war der riesige Bedarf an Gie\u00dfern, Ausbildern und auch einfachen Hakensch\u00fctzen nicht zu decken. Der Gro\u00dfteil wurde deshalb unter den Kriegsgefangenen rekrutiert, die anscheinend regelrecht nach Fachleuten durchsucht wurden. Von einem solchen Schicksal berichtet in recht d\u00fcrftigen Worten der B\u00fcchsenmeister J\u00f6rg von N\u00fcrnberg. Er war wahrscheinlich 1456 von Ulrich von Cilly Herzog Stephan Kosoco von Bosnien zur Unterst\u00fctzung geschickt worden. Neben ihm arbeitete dort noch ein Bosnier, der vorher schon in t\u00fcrkischen Diensten gestanden hatte. Auf dem Balkan waren die Grenzen schwimmend. Auch die christlichen Kleinf\u00fcrsten k\u00e4mpften manchmal gegen die T\u00fcrken und dann wieder mit ihnen. So verb\u00fcndete sich auch der rebellische Sohn des Herzogs mit dem Sultan und fiel mit t\u00fcrkischen Truppen in seine Heimat ein. Wie \u00fcblich wurde das Land verw\u00fcstet und die Bev\u00f6lkerung in die Sklaverei verschleppt. Auch J\u00f6rg erlitt mit seiner gesamten Familie dieses Schicksal. Doch als B\u00fcchsenmeister wurde er schnell aus der Gefangenschaft erl\u00f6st. Er schreibt: da wurde &#8222;ich maister j\u00f6rg mit weib und kindern gefangen vn gefurt fur den t\u00fcrcken (Sultan) vnd da er erh\u00f6rt dz ich ein b\u00fcchsenmaister was liess er mich leben vn macht mir guten solt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber Jahre beteiligte sich nun J\u00f6rg im guten Sold des Sultans an den K\u00e4mpfen auf dem Balkan zwischen Bosniern, Ungarn, T\u00fcrken, Albanern und Venedig. Er sah zahllose brennende D\u00f6rfer und St\u00e4dte, das Hinschlachten und Pf\u00e4hlen von Tausenden zur Vergeltung, Siege und Niederlagen. Von seinen eigenen Verdiensten schweigt er verst\u00e4ndlicherweise. Dennoch scheinen sie nicht unbetr\u00e4chtlich gewesen zu sein, denn nach einigen Jahren nahm er an Kriegsz\u00fcgen nach Armenien, an den Euphrat und auf der Krim teil. Die Osmanen expandierten an allen Fronten und gaben nun ihrerseits die neue Technologie weiter, zum Teil im friedlichen Austausch mit befreundeten M\u00e4chten, aber auch wie im Westen durch Schmuggler und Renegaten. Bald fanden sich t\u00fcrkische Gie\u00dfer und Kanoniere von Marokko \u00fcber \u00c4gypten bis nach Sumatra und sogar im feindlichen Persien. Vor allem die Mogul-Eroberer Indiens verdankten ihnen viel. Unter ihnen haben sich vielleicht auch einige von J\u00f6rgs gelehrigen Sch\u00fclern befunden. Es ist auch gut m\u00f6glich, dass damals schon der eine oder andere deutsche B\u00fcchsenmeister als Gefangener, \u00dcberl\u00e4ufer oder als Gastgeschenk bis nach Delhi gelangte.<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00f6rg selbst begleitete den Sultan einmal zu einem Treffen mit einem verb\u00fcndeten indischen F\u00fcrsten. Die T\u00fcrken erhielten Elefanten und Kamele als Geschenke, die Inder dagegen Kanonen, die ihnen bisher unbekannt waren wie J\u00f6rg feststellt. Wenn J\u00f6rg nicht so eine Koryph\u00e4e auf seinem Gebiet gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte er bei dieser Gelegenheit vielleicht auch den Herrn gewechselt. Aber der Sultan hielt offensichtlich gro\u00dfe St\u00fccke auf ihn. Denn als 1480 eine neue Gro\u00dfoffensive gleichzeitig gegen Rhodos, Nauplia und Alexandria geplant wurde, schickte er J\u00f6rg in geheimer Mission nach Alexandria. Als Fachmann und offensichtlich auch Vertrauter des Sultans sollte er sich das Land und seine Befestigungen ansehen, um festzustellen, was er ben\u00f6tigen w\u00fcrde, um es zu erobern. Doch in Alexandria suchte J\u00f6rg Kontakt zu Franziskanerm\u00f6nchen, die ihn auf eine venezianische Galeere schmuggelten, mit der er nach Italien entkam. Was ihn zu diesem Schritt veranlasste ist unklar. Vielleicht waren es Intrigen am Hof in Konstantinopel, oder er f\u00fcrchtete nach \u00fcber 20 Dienstjahren in der T\u00fcrkei tats\u00e4chlich um sein Seelenheil; an der Bezahlung kann es jedenfalls nicht gelegen haben. Dass er seine Familie in der T\u00fcrkei zur\u00fccklassen musste, scheint ihn nicht bek\u00fcmmert zu haben, denn er verliert kein Wort dar\u00fcber. M\u00f6glicherweise war seine Frau verstorben, die T\u00f6chter mit Janitscharenoffizieren verheiratet und die S\u00f6hne zu braven t\u00fcrkischen B\u00fcchsenmeistern geworden. J\u00f6rg selbst fand schnell wieder eine Stellung und trat in die Dienste des Papstes, wo er sein &#8222;Tractat von den t\u00fcrcken&#8220; verfa\u00dfte. Dass er bei diesem neuen Herrn seine fr\u00fcheren Leistungen stillschweigend \u00fcberging und statt dessen mehr \u00fcber die Grausamkeiten und heidnischen Br\u00e4uche der T\u00fcrken schrieb versteht sich von selbst.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"563\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/rhodos-belagerung.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1529\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/rhodos-belagerung.jpg 400w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/rhodos-belagerung-213x300.jpg 213w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Belagerung von Rhodos<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend J\u00f6rg wieder ins christliche Abendland zur\u00fcckgekehrt war, begann 1480 der Gro\u00dfangriff auf die Johanniterfestung Rhodos. Auch hier st\u00f6\u00dft man auf einen deutschen Renegaten in einer bedeutenden Stellung. Die t\u00fcrkische Artillerie stand unter der Leitung von Meister Georg aus Mei\u00dfen, der damit ungef\u00e4hr die Aufgabe erf\u00fcllte, f\u00fcr die J\u00f6rg in Alexandria vorgesehen war. Doch anders als dieser zeigte sich Georg als \u00e4u\u00dferst dankbarer Diener seines neuen Herrn. In Konstantinopel stand er beim Sultan in h\u00f6chstem Ansehen. Er soll sich damit gebr\u00fcstet haben, viele tausend Christen umgebracht zu haben und dass keine Mauer seinen Gesch\u00fctzen widerstehen konnte. Vor den W\u00e4llen der belagerten Stadt goss er Gesch\u00fctze und leitete das Bombardement. Neben ihm hatten noch andere Renegaten das t\u00fcrkische Ingenieurwesen und die Artillerie auf den neuesten Stand gebracht. Laufgr\u00e4ben und Minenstollen wurden fachm\u00e4nnisch gegen die Mauern vorgetrieben, die gleichzeitig einem furchtbaren Bombardement ausgesetzt waren. Bereits in den ersten Tagen wurden allein neun T\u00fcrme zerst\u00f6rt. Der Gro\u00dfmeister D\u2019Aubusson berichtete, dass t\u00e4glich bis zu tausend Kugeln abgefeuert wurden.<br><br>Am 28.Mai sah die Wache in der D\u00e4mmerung einen Mann am Graben stehen und rufen. Ein Ritter, der in Konstantinopel als Gefangener gewesen war, erkannte Meister Georg. Er wurde eingelassen und von einem deutschen Ritter befragt. Dabei sagte er aus, dass er heimlich Christ geblieben sei und nun den Rittern beistehen wolle. Einige der Johanniter waren daf\u00fcr, ihn sofort hinzurichten. Aber D\u2019Aubusson war jede Verst\u00e4rkung willkommen. Georg sollte jetzt das Feuer auf die t\u00fcrkischen Batterien lenken, die ihm ja bestens bekannt waren. Zur Kontrolle lie\u00df ihn D\u2019Aubusson jedoch st\u00e4ndig von sechs Rittern bewachen. Mit der Zeit fiel auf, dass er die Gesch\u00fctze des Ordens immer an den Stellen des Walls platzierte, die er als Fachmann f\u00fcr besonders schwach hielt. Die T\u00fcrken nahmen diese daraufhin gezielt unter Feuer. Aber auch die Ordensritter unterhielten Spione im t\u00fcrkischen Lager. Pfeile mit Botschaften, die vor Georg warnten, wurden \u00fcber die Mauer geschossen. Als sich der Verdacht immer mehr erh\u00e4rtete wurde Georg verhaftet. Auf der Folter gestand er, stets ein treuer Anh\u00e4nger des Sultans gewesen zu sein. D\u2019Aubusson lie\u00df ihn h\u00e4ngen. Ein deutscher Pilger, der kurz darauf nach Rhodos kam schreibt dar\u00fcber: &#8222;Sie sprechen, das der b\u00fcchsenmaister gar ein gnedigen Herrn an dem t\u00fcrckischen keyser gehabt hab vnd gar reilich von Im begabt worden sey, er hab auch weyb vnd kynd zu Constantinopell gehabt&#8220;.<br><br>Rhodos konnte noch einmal gehalten werden, aber der Balkan wurde Ende des 15. Jahrhunderts von den T\u00fcrken \u00fcberrannt. In den T\u00fcrkenkriegen der Habsburger kamen wieder zahllose Deutsche in t\u00fcrkische Gefangenschaft. Aber viele kamen auch freiwillig. Sie flohen vor Schulden, dem Gesetz oder wollten den engen Zunftbeschr\u00e4nkungen entkommen. Die T\u00fcrkei erschien oft als ein Land der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten. Den T\u00fcchtigen standen T\u00fcr und Tor offen. Vor allem Gie\u00dfer, Uhrmacher und Goldschmiede waren in Konstantinopel gesuchte Leute. Unter den t\u00fcrkischen Feldherren befanden sich Griechen, Albaner, Polen, Rum\u00e4nen, Russen, Italiener, Kroaten, Bosnier und Deutsche. Ein Grazer, der den Namen Ahmed angenommen hatte, befehligte die Janitscharen beim Sturm auf Stuhlenwei\u00dfburg und brachte es schlie\u00dflich bis zum Gro\u00dfvesir. In der Schlacht bei Mohacs 1526 sollen die Artilleristen in Soleimans Armee zu guten Teilen italienische und deutsche \u00dcberl\u00e4ufer gewesen sein.<br><br>Die Gie\u00dfer und Kanoniere, die freiwillig oder als Gefangene in t\u00fcrkische Dienste traten, lebten in einem f\u00fcr europ\u00e4ische Verh\u00e4ltnisse unvorstellbaren Luxus. Hier waren sie wirkliche Herren. Sie kleideten sich in kostbare Stoffe, besa\u00dfen komfortable Wohnungen, Sklaven, Diener und Frauen. F\u00fcr sie gab es nur wenige Gr\u00fcnde in die finsteren und schmutzigen mitteleurop\u00e4ischen St\u00e4dte zur\u00fcckzukehren. Man kennt weder ihre Namen noch ihr Schicksal, nur sp\u00e4rliche Nachrichten verraten ihre Bedeutung und ihre Existenz. So berichtete zum Beispiel ein franz\u00f6sischer Reisender, dass er 1550 in der Gie\u00dferei von Konstantinopel 40 bis 50 deutsche Gie\u00dfer beobachtet habe.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00a9 Frank Westenfelder &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehmed der Eroberer und seine Kanoniere.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2589,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,114],"tags":[107,52,151],"class_list":["post-1520","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","category-renaissance","tag-renegaten","tag-technik","tag-turkei"],"blocksy_meta":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.4 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Sold des Sultans - Kriegsreisende<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/der-sold-des-sultans\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der Sold des Sultans - 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