{"id":1407,"date":"2024-11-08T13:16:08","date_gmt":"2024-11-08T13:16:08","guid":{"rendered":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/?p=1407"},"modified":"2025-01-16T17:55:49","modified_gmt":"2025-01-16T17:55:49","slug":"immigranten-an-die-front","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/immigranten-an-die-front\/","title":{"rendered":"Immigranten an die Front"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Greencard-Soldaten ersetzen Wehrpflichtige.<\/h5>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die Presse zunehmend \u00fcber S\u00f6ldnerfirmen berichtet, findet ein f\u00fcr die R\u00fcckkehr des S\u00f6ldnertums viel grundlegenderer Prozess weitgehend im Stillen statt. Das liegt zum Teil daran, dass Journalisten das gro\u00dfe spektakul\u00e4re Ereignis suchen &#8211; am besten irgend etwas mit Nazis und S\u00f6ldnern &#8211; und sich wenig f\u00fcr schleichende Entwicklungen interessieren. Geschichten \u00fcber S\u00f6ldnerfirmen, hinter denen man ja immer die finsteren Machenschaften multinationaler Konzerne und der Geheimdienste vermuten kann, verkaufen sich wahrscheinlich auch besser, als die simple Tatsache, dass die B\u00fcrger der gro\u00dfen Industrienationen nur noch wenig Lust versp\u00fcren, sich den Unannehmlichkeiten des Milit\u00e4rdienstes zu unterziehen, und dass die Regierungen, die ja schlie\u00dflich an allen Ecken und Enden sparen m\u00fcssen, nicht bereit sind, ihre Soldaten anst\u00e4ndig zu bezahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>So war Lance Corporal Jos\u00e9 Guti\u00e9rrez zwar einer der ersten Marines, die im Irak gefallen sind, aber kein Landsmann von Pr\u00e4sident Bush. Der Guatemalteke geh\u00f6rte zu den \u00fcber 37.000 so genannter Greencard-Soldaten, die in immer gr\u00f6\u00dferer Zahl junge US-Amerikaner an der Front ersetzen. In einigen Rekrutierungsb\u00fcros in Kalifornien stellen Ausl\u00e4nder inzwischen \u00fcber 50% der Bewerber. Und so erstaunt es nicht, dass die H\u00e4lfte der bislang im Irak get\u00f6teten Kalifornier keine US-B\u00fcrger waren. Die Werbestrategen des Pentagon bescheinigen den Latinos gerne eine &#8222;nat\u00fcrliche Tendenz zum Milit\u00e4r&#8220;, und auch die Rekruten betonen ihre idealistischen Motive. Sie m\u00f6chten dem Land dienen, &#8222;dem sie so viel verdanken&#8220;, oder sie wollen einfach beweisen, dass auch sie gute Amerikaner sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollen nat\u00fcrlich nicht bestreiten, dass manch junger Mexikaner oder Kolumbianer mit Begeisterung f\u00fcr die USA in den Krieg ziehen m\u00f6chte. Betrachtet man die Angelegenheit jedoch etwas genauer, so entdeckt man logischerweise auch fundamentale materialistische Gr\u00fcnde. Voraussetzung f\u00fcr den Milit\u00e4rdienst ist zwar eine unbefristete Aufenthaltgenehmigung, eine so genannte Greencard, viele der Rekruten erhoffen sich jedoch die volle Staatsb\u00fcrgerschaft mit allen ihren Rechten, die folgt der Greencard n\u00e4mlich nicht automatisch auf dem Fu\u00dfe. Einige Rekruten haben \u00fcber Jahre bereits Tausende von Dollars daf\u00fcr ausgegeben, den begehrten US-Pass endlich zu erhalten und versuchen nun \u00fcber den Milit\u00e4rdienst diesen umst\u00e4ndlichen Prozess etwas zu beschleunigen. Andere wie Guti\u00e9rrez versuchen auf diese Weise an eines der zahlreichen Stipendien zu kommen, mit denen die Rekrutierungsoffiziere locken. F\u00fcr viele Kinder armer Einwanderer ist dies oft die einzige M\u00f6glichkeit studieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Pentagon hat bereits seit einiger Zeit die in den USA lebenden Latinos als ideales Rekrutierungspotential ausgemacht und in einer auf diese zugeschnittenen dreij\u00e4hrigen Werbekampagne 11 Millionen Dollar ausgegeben. Latinos sind zur Zeit nicht nur die am schnellsten wachsende ethnische Gruppe, sondern auch die \u00e4rmste. Armut ist inzwischen einer der st\u00e4rksten Werber. Die Armee verspricht den Chancenlosen Ausbildung und Geld f\u00fcrs College. Auch das Pentagon r\u00e4umt ein, dass die Rekrutierung zur Zeit besonders gut l\u00e4uft, da es der Wirtschaft schlecht geht. Bekannt wurde hier der Fall von Juan Escalante, der sich eine gef\u00e4lschte Greencard kaufte und damit zur Armee ging. W\u00e4hrend er im Irak diente, stellten seine Eltern, die bereits seit 15 Jahren in den USA leben, einen Einb\u00fcrgerungsantrag und beriefen sich dabei auch auf den Milit\u00e4rdienst ihres Sohnes. Dadurch kam ans Licht, dass dieser eigentlich gar nicht in der Armee sein d\u00fcrfte. Nun droht der ganzen Familie die Abschiebung.<\/p>\n\n\n\n<p>Pr\u00e4sident Bush versprach im Sommer 2002 \u00f6ffentlich pers\u00f6nlich daf\u00fcr zu sorgen, dass die Einb\u00fcrgerung der Soldaten wesentlich beschleunigt wird. Vertreter von Einwandererorganisationen beklagen dennoch, dass die Besitzer einer Greencard ja bereits die schwerste H\u00fcrde genommen h\u00e4tten und es zu w\u00fcnschen w\u00e4re, auch anderen Einwanderungswilligen diese M\u00f6glichkeit zu er\u00f6ffnen. Viele Ausl\u00e4nder melden sich einfach auf das Ger\u00fccht hin freiwillig, dass man als US-Soldat die Staatsb\u00fcrgerschaft bekomme. So sagte ein Rekrutierungsoffizier der Marines in LA:, dass sie meisten Interessenten zur Zeit gar keine Greencard h\u00e4tten. Sie sagen, sie h\u00e4tten geh\u00f6rt, dass eine Aufenthaltgenehmigung nicht notwendig w\u00e4re. Die US-Botschaft in Mexiko-City erh\u00e4lt t\u00e4glich hunderte von Anfragen von potentiellen Rekruten, die auf diese Weise US-B\u00fcrger werden m\u00f6chten.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend des Vietnamkrieges entfielen 19% der Verluste auf Latinos, die zu dieser Zeit lediglich 4,5% der Bev\u00f6lkerung stellten. George W. Bush nutzte damals den politischen Einfluss seines Vaters, um diesem Risiko zu entgehen, nun schickt er wieder Latinos an die Front. Wie es ihnen dort ergehen kann berichtete einer der ersten Deserteure der spanischen Tageszeitung &#8222;La Vanguardia&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Interview nannte er sich Carlos. Er kommt aus Mittelamerika und diente acht Jahre in der Army, ohne die Staatsb\u00fcrgerschaft erhalten zu haben. Im Irak kommandierte er als Sergeant 10 Soldaten und machte ganz spezielle Erfahrungen. &#8222;Sie schickten uns nachts auf Patrouille durch unbeleuchtete Stra\u00dfen, oder im Konvoi immer wieder auf die selben Ruten, trotz der Hinterhalte. Manchmal hatte ich das Gef\u00fchl, dass wir als K\u00f6der dienten, um den Feind herauszulocken.&#8220; Mehrmals geriet er dabei in blutige Scharm\u00fctzel und verlor Kameraden, nur um am n\u00e4chsten Tag wieder in die gleiche Stra\u00dfe geschickt zu werden. &#8222;Warum?&#8220; fragte er sich. &#8222;Die Offiziere brauchen Gefechte, um Orden zu bekommen [\u2026]. Manchmal fragten wir uns, ob der wirkliche Feind nicht die Offiziere sind.&#8220; Carlos nutzte dann einen kurzen Urlaub in den USA um sich abzusetzen. Wenn sie ihn erwischen, muss er mit einer mehrj\u00e4hrigen Haftstrafe und anschlie\u00dfender Abschiebung rechnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun kann man einwenden, dass die Methode Einwanderer als Kanonenfutter zu rekrutieren in den USA eine lange Tradition hat &#8211; bereits im Sezessionskrieg gingen ganze Schiffsladungen europ\u00e4ischer Immigranten direkt an die Front. Das Interessante ist dann auch nicht, dass die Amerikaner arme Immigranten f\u00fcr ihre \u00f6konomischen Interessen am Golf sterben lassen, sondern dass dieses Beispiel weltweit Schule zu machen scheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich wird immer wieder die franz\u00f6sische Fremdenlegion zitiert, wenn man von der Rekrutierung von Immigranten in Europa spricht. Allerdings geht die Sache viel weiter. So schrieb die Times am 14.11. 2005: &#8222;How British Army is fast becoming foreign legion&#8220;. Da auch Gro\u00dfbritannien vor dem Problem steht, dass viel zu wenige Einheimische &#8211; d.h. die mit den B\u00fcrgerrechten &#8211; f\u00fcr den kargen Sold dienen wollen, hat man schon vor Jahren damit begonnen im gesamten Commonwealth zu werben. Inzwischen bilden Ausl\u00e4nder aus 57 Nationen mit fast 7.000 Mann ann\u00e4hernd 10% der Streitkr\u00e4fte &#8211; im Irak und bei den Gefallenen ist der Anteil nat\u00fcrlich wesentlich h\u00f6her. Die Masse stellen traditionell die Gurkhas mit 3.000 Mann, gefolgt von Fidschi (2.000), Jamaica (975) und S\u00fcdafrika (720).<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch in Spanien stellte man nach der Abschaffung der Wehrpflicht schnell fest, dass f\u00fcr die miese Bezahlung nicht ausreichend Rekruten zu bekommen waren. Andererseits warten aber auch in den spanischen Botschaften Lateinamerikas zahlreiche Antragsteller auf eines der begehrten Visen, das es ihnen erlauben soll ihren krisengesch\u00fcttelten Heimatl\u00e4ndern zu entfliehen und in Europa Arbeit zu finden. Zuerst wurde in Uruguay und anderen L\u00e4ndern zaghaft damit begonnen, nur unter denen zu werben, die noch die spanische Nationalit\u00e4t haben. Damit fiel jedoch das wichtigste Argument flach, n\u00e4mlich sich mit dem Milit\u00e4rdienst eine permanente Aufenthaltsgenehmigung in Europa zu verdienen. Der Erfolg war also entsprechend gering und f\u00fchrte haupts\u00e4chlich zu Protesten einiger uruguayischer Parlamentarier, die sich dar\u00fcber erregten, dass die Jugend ihres Landes &#8222;als Kanonenfutter f\u00fcr die politischen Notwendigkeiten der Regierung und des spanischen Milit\u00e4rs benutzt w\u00fcrden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen hat die spanische Regierung ihr Angebot erweitert es gilt jetzt f\u00fcr alle die aus &#8222;L\u00e4ndern mit historischen Bindungen zu Spanien&#8220; kommen, also neben einem Gro\u00dfteil Lateinamerikas auch f\u00fcr \u00c4quatorial Guinea. Lediglich Cuba bildet eine Ausnahme, da sich dessen Regierung hartn\u00e4ckig der gro\u00dfz\u00fcgigen Offerte widersetzt. Die Rekruten m\u00fcssen f\u00fcr drei Jahre unterschreiben, nach denen sie die spanische Nationalit\u00e4t beantragen k\u00f6nnen. Im ersten Jahr erhalten sie 661 Euro monatlich, die dann auf 841 aufgestockt werden. Obwohl sich f\u00fcr diesen Lohn verst\u00e4ndlicherweise nicht genug Spanier finden, unterzeichnen doch zunehmend Rekruten aus Ecuador, Peru und vielen anderen L\u00e4ndern. Inzwischen wird aber nicht nur in den entsprechenden L\u00e4ndern geworben. Die Armee wirbt auch direkt in den Immigrantenvierteln spanischer St\u00e4dte um neue Rekruten. Wirtschaftskrisen und schlechte Ernten in S\u00fcdamerika tun das ihre, um vielen den Dienst schmackhaft zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu Spanien gibt es in Italien noch eine allgemeine Wehrpflicht und damit ausreichend Rekruten, allerdings nur bis 2005! Danach wird es auch in Italien schwierig. Der italienische Ex-General und Abgeordnete des Europaparlaments Luigi Caligaris hat deshalb schon vorgeschlagen man solle endlich Homosexuelle und Ausl\u00e4nder rekrutieren. Allerdings zielt man in Italien wie anfangs in Spanien im Moment noch auf Lateinamerikaner mit italienischen Vorfahren. Ein Abgeordneter der Lega Nord ereiferte sich sogar: &#8222;Einem Albaner oder einem marokkanischen Moslem ein Maschinengewehr oder einen Panzer zu geben, und von ihm zu verlangen, dass er unser Land verteidigt, ist etwas undenkbares und ein Wahnsinn.&#8220; Andere sind da realistischer. Die Albaner stellen inzwischen die gr\u00f6\u00dfte Ausl\u00e4ndergruppe in Italien, und wie den Latinos in Amerika sagt man ihnen eine gewisse Tendenz zum Milit\u00e4r nach. Im Austausch gegen einen italienischen Pass werden sie wohl in Zukunft die Jobs \u00fcbernehmen, die jungen Italienern zu gef\u00e4hrlich und zu schlecht bezahlt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber diese neuen Gedanken beschr\u00e4nken sich nicht nur auf den reichen Westen. Sogar in Russland, wo der Milit\u00e4rdienst durch den verlustreichen Krieg im Kaukasus besonders unpopul\u00e4r ist, \u00fcberlegt man sich, die Armee von Wehrpflichtigen auf Freiwillige umzustellen. Im Moment wird es immer schwieriger allj\u00e4hrlich die ben\u00f6tigten 400.000 jungen M\u00e4nner zu finden. Viele entziehen sich dem Dienst durch Krankheit, Verweigerung oder Bestechung, andere entfallen wegen Drogensucht und Alkoholproblemen und tausende desertieren. Also plant das russische Verteidigungsministerium ebenfalls die Rekrutierung von Ausl\u00e4ndern, sofern diese russisch sprechen. Die Soldaten sollen dann nach drei Jahren die russische Staatsb\u00fcrgerschaft erhalten. Verteidigungsminister Sergei Ivanov sagte (Komsololsaka Pravda 2. April 2003), dass durch das Lockmittel der Staatsb\u00fcrgerschaft die Qualit\u00e4t der Armee erh\u00f6ht werden w\u00fcrde. &#8222;Man ist motiviert, besser als russische B\u00fcrger zu dienen. Denn, ein Fehler und du bist gefeuert.&#8220; Obwohl sich das Angebot vor allem an B\u00fcrger russischer Herkunft in den Ex-Sowjetrepubliken richtet, hat sogar die russische Armee inzwischen eine gewisse Anziehungskraft f\u00fcr Leute aus L\u00e4ndern, in denen der Durchschnittslohn deutlich unter einem Monatssold von ca. 150$ liegt.<br><br>Der italienische Ex-General Caligaris meinte zu seinen \u00dcberlegungen: &#8222;das alte Rom belohnte Ausl\u00e4nder, die in seiner Armee dienten mit der Staatsb\u00fcrgerschaft. Warum k\u00f6nnen wir nicht dem Beispiel des alten Rom folgen?&#8220; Nun, vielleicht sollte er mal bei seinem gro\u00dfen Landsmann und Staatsphilosophen Niccolo Machiavelli (1469-1527) nachlesen, der behauptete, Rom sei allein durch seine Volksheere frei geblieben und mit der Verwendung gotischer S\u00f6ldnertruppen h\u00e4tte sein Untergang begonnen.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00a9 Frank Westenfelder &nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Greencard-Soldaten ersetzen Wehrpflichtige.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1408,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,138],"tags":[143,144],"class_list":["post-1407","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","category-gegenwart","tag-migration","tag-wehrpflicht"],"blocksy_meta":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.4 - 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