{"id":1386,"date":"2024-11-08T10:43:45","date_gmt":"2024-11-08T10:43:45","guid":{"rendered":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/?p=1386"},"modified":"2025-01-16T17:57:12","modified_gmt":"2025-01-16T17:57:12","slug":"blauhelme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/blauhelme\/","title":{"rendered":"Blauhelme"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">die modernen Mietregimenter.<\/h5>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"333\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/blauhelme.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1388\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/blauhelme.jpg 500w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/blauhelme-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Blauhelme aus Nepal<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwar ist die Definition, was genau ein S\u00f6ldner ist, ziemlich umstritten. Geht es doch fast immer darum die eigenen Truppenverb\u00e4nde davon auszunehmen und die des Gegners m\u00f6glicherweise damit zu diffamieren. Etwas klarer sind dagegen die Vorstellungen, die man sich von der Geschichte des Gewerbes macht, und so werden gerade die &#8222;verkauften Hessen&#8220; immer wieder gerne als historisches Beispiel zitiert. Es handelt sich dabei um eine typische Erscheinung des so genannten Soldatenhandels, der im sp\u00e4ten 17. und im ganzen 18. Jahrhundert in ganz Europa praktiziert wurde. Auf der Anbieterseite findet man vor allem die deutschen Kleinstaaten und die schweizer Kantone. Aus heutiger Sicht ist das Interessante am Soldatenhandel, dass sich nicht einzelne S\u00f6ldner irgendwo im Ausland anwerben lie\u00dfen (was nat\u00fcrlich auch passierte), sondern dass stehende Regimenter, die im Besitz ihres Souver\u00e4ns blieben, f\u00fcr eine bestimmte Zeit vermietet wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl die einzelnen S\u00f6ldner nat\u00fcrlich weiterhin ihren &#8211; wenn auch \u00e4u\u00dferst m\u00e4\u00dfigen &#8211; Sold erhielten, so machten das eigentliche Gesch\u00e4ft die Regimentsinhaber. Manche finanzierten damit ihre luxuri\u00f6se Hofhaltung und pr\u00e4chtige Bauten; die Schweiz wurde in dieser Zeit mit kleinen Schl\u00f6ssern geradezu \u00fcberzogen; andere nutzten das Geld, um ihr stehendes Heer zu vergr\u00f6\u00dfern, wodurch sie noch bessere Gesch\u00e4fte machen konnten, aber auch an politischem Einfluss gewannen. Preu\u00dfen w\u00e4re ohne Soldatenhandel nie zur Gro\u00dfmacht geworden. Niemand sollte denken, dass die preu\u00dfischen Regimenter aus irgendwelchen patriotischen Motiven unter Prinz Eugen in Italien oder in Flandern k\u00e4mpften; sie verdienten dort eine Menge Geld und schlie\u00dflich sogar die K\u00f6nigskrone. Au\u00dferdem hatten sowohl Preu\u00dfen wie auch Bayern keine Skrupel, f\u00fcr die Subsidien aus Frankreich gegen den Kaiser zu k\u00e4mpfen. Hessen, eigentlich ein Kleinstaat unterhielt mit Hilfe ausl\u00e4ndischer Subsidien proportional die gr\u00f6\u00dfte Armee im Reich und wurde damit zum umworbenen Gesch\u00e4ftspartner aller Gro\u00dfm\u00e4chte. M\u00f6glichst ohne gr\u00f6\u00dfere Ruhezeiten vermietete Hessen an D\u00e4nemark, Venedig, Spanien, die Niederlande, Gro\u00dfbritannien und manchmal sogar an den Kaiser.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die h\u00f6chste Kommandogewalt \u00fcber die vermieteten Regimenter lag zwar konstant bei der entsendenden Macht und deshalb konnten sie auch immer ihre Truppen zur\u00fcckrufen, dennoch war es nicht \u00fcblich, dem &#8222;Feind&#8220; den Krieg zu erkl\u00e4ren. Wenn hessische Regimenter z. B. f\u00fcr die Niederlande gegen Frankreich k\u00e4mpften, so befand sich Hessen noch lange nicht im Krieg. Bei den Schweizern als Gro\u00dfanbieter konnte es sogar gut passieren, dass ihre Regimenter auf beiden Seiten k\u00e4mpften, w\u00e4hrend die schweizer Kantone mit allen gute Beziehungen pflegten. In der Regel ging es einfach um n\u00fcchterne Gesch\u00e4fte, bei denen die Regimenter Geld und politischen Einfluss einbringen sollten. Ob es sich bei den Soldaten, die ja oft ausgehoben wurden und dann ihrem Souver\u00e4n ein ganzes Leben lang treu dienten, \u00fcberhaupt um S\u00f6ldner handelte, k\u00f6nnte man sicher diskutieren. Im historischen Kontext gilt die ganze Epoche jedoch als einer der H\u00f6hepunkte der S\u00f6ldnergeschichte und wird immer wieder gerne als Demonstrationsbeispiel benutzt. Wahrscheinlich geht es dabei aber mehr um die Gesch\u00e4ftspraktiken an sich, als um die Motivation der einzelnen Soldaten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Betrachtet man nun die Gesch\u00e4ftspraktiken neuerer UN-Peacekeeping-Missionen vor diesem historischen Hintergrund &#8211; und wir sind nun mal der Ansicht, dass Politik immer auch Geschichte ist&nbsp;-, so entdeckt man mehr als ein paar zuf\u00e4llige Gemeinsamkeiten. Die gro\u00dfe Wende kam auch hier mit dem Ende des kalten Krieges. Hatten vorher vorwiegend wohlhabende, westliche Nationen Truppen geschickt, so dominieren nach 1990 arme Entwicklungsl\u00e4nder oder solche, die gro\u00dfe Armeen aufgebaut haben und diese von der UNO subventionieren lassen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><tbody><tr><td colspan=\"2\"><strong>UN-Missionen&nbsp;bis&nbsp;1990<\/strong><\/td><td colspan=\"2\"><strong>UN-Missionen&nbsp;nach&nbsp;1990<\/strong><\/td><\/tr><tr><td>Kanada<\/td><td>17<\/td><td>Bangladesch<\/td><td>31<\/td><\/tr><tr><td>Schweden<\/td><td>15<\/td><td>Pakistan<\/td><td>29<\/td><\/tr><tr><td>Irland<\/td><td>13<\/td><td>Jordanien<\/td><td>28<\/td><\/tr><tr><td>Finnland<\/td><td>12<\/td><td>Russland<\/td><td>28<\/td><\/tr><tr><td>Norwegen<\/td><td>12<\/td><td>Kanada<\/td><td>26<\/td><\/tr><tr><td>D\u00e4nemark<\/td><td>11<\/td><td>\u00c4gypten<\/td><td>25<\/td><\/tr><tr><td>Indien<\/td><td>11<\/td><td>Ghana<\/td><td>25<\/td><\/tr><tr><td>Italien<\/td><td>11<\/td><td>Argentinien<\/td><td>24<\/td><\/tr><tr><td>Australien<\/td><td>9<\/td><td>Frankreich<\/td><td>24<\/td><\/tr><tr><td>USA<\/td><td>8<\/td><td>Nigeria<\/td><td>24<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beim eingesetzten Personal wird dies noch deutlicher: hier f\u00fchrt Bangladesch vor Pakistan, Indien, Jordanien, Nepal, \u00c4thiopien und Nigeria. Stellt man die Zahl der entsandten Truppen in ein Verh\u00e4ltnis zur Gr\u00f6\u00dfe des Anbieters, so h\u00e4lt Nepal, eines der \u00e4rmsten L\u00e4nder der Welt, eine einsame Spitzenposition. Verst\u00e4rkt wird dieser Trend noch durch die gewaltige Steigerung der Peacekeeping-Missionen nach 1990.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"459\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/un-banglad-eritr.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1390\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/un-banglad-eritr.jpg 300w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/un-banglad-eritr-196x300.jpg 196w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Soldaten aus Bangladesch in Eritrea<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese Entwicklung liegen auf der Hand. So herrscht in der einschl\u00e4gigen Literatur die Meinung, dass vor allem Indien, Pakistan und Nigeria die UN-Missionen haupts\u00e4chlich dazu nutzen, ihre Armeen zu unterhalten, die sie in dieser Gr\u00f6\u00dfe ohne das Geld der UN gar nicht finanzieren k\u00f6nnten. Da die UN etwa 1 Million Dollar pro Bataillon im Monat bezahlt, wovon manche L\u00e4nder 50- 80% behalten, kommen hier bedeutende Summen zusammen. Aber auch das Geld, das die Soldaten erhalten, ist eine willkommene Devisenquelle. Dazu kommen zahlreiche andere Hilfen. Gerade bei afrikanischen Kontingenten helfen reiche NATO-Staaten immer wieder gerne mit Logistikg\u00fctern, Ambulanzen, Feldk\u00fcchen, Lastwagen, Telekommunikation und Ausbildung aus. Diese materiellen Hilfen k\u00f6nnen sich schnell zu mehreren Millionen summieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber auch f\u00fcr die einzelnen Soldaten sind die Eins\u00e4tze auch dann noch \u00e4u\u00dferst lukrativ, wenn ihre Regierungen einen guten Teil des Geldes behalten. Allein die t\u00e4gliche Verpflegungspauschale \u00fcbersteigt manchmal schon den Verdienst in ihren Heimatl\u00e4ndern, dazu kommt noch alle paar Monate eine Art Erholungsgeld. Bei UN-Beobachtern oder speziellen Aufgaben gibt es zahlreiche Zulagen und Pr\u00e4mien. So stellte Anfang der 90er Jahre ein russischer Offizier in Kambodscha freudig \u00fcberrascht fest:&#8220;Ich verdiene das 17fache von zu Hause, und das dreifache von dem, was der russische Botschafter hier hat.&#8220; Als in Nepal 120 Polizisten f\u00fcr eine UN-Mission gesucht wurden, meldeten sich 15.000 Freiwillige. Ein nepalesischer Offizier sagte einer Zeitung: &#8222;Viele gehen zur Armee in der Hoffnung an einer Peacekeeping-Mission teilnehmen zu k\u00f6nnen. In sechs Monaten k\u00f6nnen sie mehr verdienen als in 10 Dienstjahren zu Hause.&#8220; Und ein anderer best\u00e4tigte: &#8222;UN-Missionen sind wie Pr\u00e4mien. Sie sind die beste Methode, um unsere Moral zu heben und Geld zu verdienen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben den UN beliefert Nepal mit seinen beliebten Gurkhas Gro\u00dfbritannien, Indien, den Sultan von Brunei und verschiedene S\u00f6ldnerfirmen. Es w\u00e4re nun mehr als billig einen Gurkha moralisch danach zu beurteilen, ob er von den UN, der britischen Krone oder einer Sicherheitsfirma wie Gurkha Security Guards unter Vertrag genommen wird. Der gro\u00dfe Unterschied f\u00fcr ihn selbst ist wahrscheinlich nur, dass er in einem britischen Gurkharegiment eine Lebensstellung mit Pensionsanspruch hat. Pakistan stellt Piloten und auch ganze Einheiten in Saudi-Arabien und einigen Golfstaaten. Wie beim Soldatenhandel im 18.Jahrhundert geht es auch jetzt haupts\u00e4chlich ums Geld. W\u00e4hrend Pakistan \u00e4hnlich wie einst Preu\u00dfen seine Mietregimenter zum Ausbau seiner Milit\u00e4rmacht nutzt, geht es in Nepal &#8211; vergleichbar der Schweiz &#8211; eher darum der armen Bergbev\u00f6lkerung ein kleines und den Politikern ein gr\u00f6\u00dferes Einkommen zu verschaffen. Dem gegen\u00fcber stehen die gro\u00dfen Beitragszahler USA, Japan und Deutschland. W\u00e4hrend die USA ohnehin nur zum Teil ihren Zahlungsverpflichtungen nachkommen und sich an Peacekeeping-Missionen nur noch beteiligen, wenn diese der eigenen Au\u00dfenpolitik dienen, haben gro\u00dfe Exportnationen wie Japan und Deutschland sicher ein gesteigertes Interesse am Weltfrieden, sind aber nicht bereit, ihre Truppen gr\u00f6\u00dferen Risiken auszusetzen. Nur leicht vereinfachend k\u00f6nnte man den momentanen Stand der UN-Missionen so zusammenfassen: Die armen L\u00e4nder der Dritten Welt tragen das Risiko und haben die Toten, w\u00e4hrend die der Ersten bezahlen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"320\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/karremans.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1395\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/karremans.jpg 500w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/karremans-300x192.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Ratko Mladi\u0107 und Thom Karremans beim &#8222;Toast of shame&#8220;<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von der Moral mal abgesehen, w\u00e4re daran nun nicht viel auszusetzen (die Zyniker sind hier nicht wir), wenn es denn funktionieren w\u00fcrde. Das grundlegende Problem ist, dass die UN, selbst wenn sie gut bezahlen, praktisch keine anst\u00e4ndige Leistung f\u00fcr ihr Geld fordern und oft schon gl\u00fccklich scheinen, wenn die Truppen nur eine Art symbolische Pr\u00e4senz zeigen. So boten 1994 zwar 19 Staaten insgesamt 31.000 Soldaten an, es fanden sich aber keine 5.000 f\u00fcr Ruanda. 2000 offerierten sogar 88 Staaten 147.900 Soldaten, trotzdem gab es kaum welche f\u00fcr den Kongo oder Sierra Leone. Wenn dann tats\u00e4chlich einmal UN-Truppen in einer B\u00fcrgerkriegsregion eingesetzt und nicht sofort fluchtartig abgezogen werden, sind sie meistens mit ihrem eigenen Schutz besch\u00e4ftigt. Es ist uns leider kein Fall bekannt, wo UN-Truppen durch ihr entschlossenes Eingreifen ein gr\u00f6\u00dferes Massaker verhindert h\u00e4tten, daf\u00fcr einige, wo sie die Bev\u00f6lkerung erb\u00e4rmlich im Stich gelassen haben. Ein besonders eklatantes Beispiel war hier das Verhalten des niederl\u00e4ndischen Kontingents in Srebrenica unter dem Befehl von Oberstleutnant Thom Karremans.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Allerdings ist das nur selten den Soldaten vor Ort anzulasten, die oft gerne ihre Aufgabe erf\u00fcllen w\u00fcrden, sondern vielmehr den Politikern, die sich um die W\u00e4hlerstimmen in der Heimat sorgen oder durch ihr Geschacher in den UN einen effektiven Einsatz ganz verhindern. So versuchte z.B. der Kommandeur der UN-Truppen in Ruanda, der kanadische General Rom\u00e9o Dallaire mit seinen bescheidenen Mitteln den Genozid zu verhindern. Seine Bitten um Unterst\u00fctzung wurden in New York ignoriert, und nachdem die Hutu-Milizen 10 seiner belgischen Soldaten grausam ermordet hatten, wurde das Kontingent hastig abgezogen. Er selbst soll an diesen Ereignissen fast zerbrochen sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Probleme, die durch unklare Mandate und mangelnde Kontrolle entstehen, versch\u00e4rfen sich dadurch, dass die UN nur \u00e4u\u00dferst nachl\u00e4ssig bezahlen und dann auch noch dulden, wenn diese Gelder zu guten Teilen unterschlagen werden. Die Resultate sind dann die selben, wie beim Soldatenhandel schlimmster Machart: die Offiziere sind vorwiegend damit besch\u00e4ftigt sich zu bereichern und die einfachen Soldaten verlieren den Rest an Kampfmoral, pl\u00fcndern und vergewaltigen. Ein besonders eklatantes Beispiel war der Einsatz von UN-Truppen in Sierra Leone im Jahr 2000. Da den Briten der Einsatz zu riskant geworden war, mussten sie durch ein internationales Kontingent ersetzt von dem Nigeria den L\u00f6wenanteil stellte. Der London Sunday Telegraph schrieb dazu: &#8222;Nur wenige der Soldaten wollen Risiken eingehen &#8211; fast 500 Sambier kapitulierten und \u00fcbergaben den Rebellen ihre Waffen ohne einen Schuss abzufeuern; es gab Berichte, dass Freetown vor dem Fall st\u00fcnde, als jordanische Truppen auf eine Gruppe bewaffneter M\u00e4nner stie\u00dfen, flohen und ihren Kommandeuren sagten, dass eine Rebellenarmee auf die Hauptstadt vorstie\u00dfe.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl die UN zu diesem Zeitpunkt noch bezahlten, war zumindest bei den nigerianischen Soldaten in Sierra Leone \u00fcber Monate nichts angekommen. Von den \u00fcberwiesenen Geldern behielt die nigerianische Regierung ganz offiziell ca. 60% f\u00fcr Essen, Ausr\u00fcstung und Verwaltung. Der Rest verschwand irgendwo auf dem Weg in den Taschen korrupter Politiker und Offiziere. Ein UN-Sprecher musste einr\u00e4umen auf die Auszahlung des Soldes keinerlei Einfluss zu haben, und ein britischer Offizier bemerkte: &#8222;L\u00e4nder wie Nigeria sind begeistert, M\u00e4nner hierher zu schicken, weil dies bedeutet, dass sie zu Hause ihr stehendes Heer mit den UN-Geldern subventionieren k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch damit nicht genug sorgten die nigerianischen Truppen fortw\u00e4hrend f\u00fcr Schlagzeilen, weil f\u00fchrende Offiziere der UN-Missionen in Liberia (ECOMOG) und Sierra Leone (ECOMOG&nbsp; und UNAMSIL) in den illegalen Handel mit Diamanten verstrickt waren und deshalb auch nicht vor Gesch\u00e4ften mit Warlords der RUF zur\u00fcckschreckten, die Tausenden Arme und Beine hatten abhacken lassen. Schlie\u00dflich sah sich der indische Kommandeur von UNAMSIL Generalmajor Vijay Jetley gezwungen einen Report an den Sicherheitsrat zu schreiben, in dem er den Kommandeur der nigerianischen ECOMOG-Truppen Maxwell Kobe anklagte, 10 Millionen Dollar von der RUF erhalten zu haben, um deren Aktivit\u00e4ten zu dulden. Seiner Ansicht nach war die gesamte F\u00fchrungsschicht des Kontingents darin verwickelt und &#8222;arbeiteten hart daran, den Friedensprozess zu sabotieren&#8220;. Nat\u00fcrlich protestierte Nigeria gegen diesen unversch\u00e4mten General, der die Gefallenen beleidige, und drohte mit dem Abzug seiner Truppen, falls er nicht abgesetzt w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man muss sich deshalb nicht wundern, dass die Soldaten, die monatelang ohne Sold, oft fast ohne Munition und mit verrosteten Waffen allein gelassen, keine gro\u00dfe Kampflust zeigten; ganz besonders, wenn ihnen klar war, dass ihre Vorgesetzten mit dem Gegner Gesch\u00e4fte machten. Es gab deshalb sowohl in Liberia wie auch Sierra Leone Berichte \u00fcber Pl\u00fcnderungen von UN-Truppen und dar\u00fcber, dass diese Waffen und Munition an den Gegner verkauften. Zunehmend gab es auch Klagen von Hilfsorganisationen \u00fcber Vergewaltigungen und erzwungene Prostitution.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Je mehr sich der Einsatz aber hinzog, desto mehr konnte Nigeria darauf verweisen, dass die UN selbst mit ihren Zahlungen im R\u00fcckstand waren und inzwischen viele Millionen Dollar schuldig waren. Das lag sicher zum Teil am chronischen Geldmangel der UN. Allerdings sicher viel mehr daran, dass die UN auf Probleme am liebsten mit der Entsendung neuer Truppen reagiert; Qualit\u00e4tskontrolle ist aus politischen Gr\u00fcnden nicht opportun, und das notwendige Geld wird sich irgendwann auch einmal auftreiben lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor allem durch die Geldprobleme lie\u00df sich der Vergleich mit den ungeliebten PMCs nicht mehr vermeiden. Executive Outcomes hatte von April 1995 bis Januar 1997 im Auftrag der offiziellen Regierung von Sierra Leone relativ schnell f\u00fcr Ordnung gesorgt und die RUF fast bis an die Landesgrenzen zur\u00fcckgetrieben. W\u00e4hrend sich die \u00e4u\u00dferst effektiven Dienste der S\u00f6ldnerfirma auf lediglich 1,2 Millionen Dollar im Monat belaufen hatten, gab die UNO f\u00fcr ihre erb\u00e4rmliche Show monatlich 47 Millionen aus. Aber es war nicht nur das Geld, sondern auch die Inneffizienz der UN-Truppen, die durch die Korruption und Intrigen ihrer F\u00fchrung kaum etwas zur Besserung der Lage beitrugen, und so ergaben Umfragen, dass sich ein gro\u00dfer Teil der geplagten Bev\u00f6lkerung eine R\u00fcckkehr von Executive Outcomes an Stelle der Peacekeeper w\u00fcnschte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"270\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/nigerianer.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1393\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/nigerianer.jpg 600w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/nigerianer-300x135.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Nigerianer auf dem Weg nach Darfur<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ereignisse f\u00fchrten praktisch zwangsl\u00e4ufig zu einer Diskussion \u00fcber die Verwendung von PMCs bei UN-Missionen. Doch nach wie vor ist niemand bereit S\u00f6ldnerfirmen mit solchen Aufgaben zu betrauen. Die Argumente sind dabei haupts\u00e4chlich die, dass Gewalt ein Staatsmonopol bleiben muss und dass S\u00f6ldner nicht ausreichend zu kontrollieren seien. Wahrscheinlich geht es aber mehr darum, dass einige Anbieter um ihre fetten Pfr\u00fcnden und politischen Einfluss f\u00fcrchten. Auf der Seite der Einzahler geht es wohl mehr darum, dass niemand aussprechen darf, dass der K\u00f6nig keine Kleider hat. Denn wenn die UNO S\u00f6ldner bezahlen w\u00fcrde, w\u00e4re jedem klar, dass es um Gesch\u00e4fte geht. Statt dessen bezahlt man lieber die Mietregimenter der Dritten Welt; macht also l\u00e4ngst S\u00f6ldnergesch\u00e4fte, kann aber behaupten, dass das doch etwas ganz anderes sei. Sozusagen als Feigenblatt dieser Heuchelei dienen dann ein paar europ\u00e4ische Einheiten, die in ungen\u00fcgender Zahl und mit m\u00f6glichst geringem Risiko entsandt werden.<br><br>Zur Kontrolle w\u00e4re vielleicht noch zu sagen, dass sich keine PMC solch ein Desaster wie in Sierra Leone h\u00e4tte leisten k\u00f6nnen. Im Unterschied zu den L\u00e4ndern, die gro\u00dfe UN-Kontingente stellen und auf die entsprechende R\u00fccksichten genommen werden, muss eine PMC an einer effektiven Ausf\u00fchrung ihres Auftrages gelegen sein, da sie sonst um ihre Bezahlung und um Folgeauftr\u00e4ge f\u00fcrchten muss. Es kann wohl kein Zweifel bestehen, dass die UNO auf das eklatante Fehlverhalten einer PMC wesentlich schneller und energischer reagieren w\u00fcrde als auf das einer wichtigen Regierung &#8211; falls hier \u00fcberhaupt eine Reaktion erfolgt. Aber S\u00f6ldner haben nun einmal einen schlechten Ruf, und so gen\u00fcgt oft schon die Erw\u00e4hnung des Wortes, um jede vern\u00fcnftige Diskussion abzuw\u00fcrgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Blauhelme sind aber nicht immer &#8222;die Guten&#8220;. Diejenigen, die das immer noch glauben, sollten sich vielleicht einmal die M\u00fche machen im Internet unter den Suchbegriffen &#8222;Sexual violence peacekeeping&#8220; zu suchen oder &#8222;sex scandals&#8220; mit den verschiedenen Peacekeeping-Missonen ECOMOG, UNAMSIL, UNTAC (Kambodscha), KFOR (Bosnien), UNMEE (Eritrea) oder MONUC (Kongo) zu kombinieren. Man erh\u00e4lt Lesestoff f\u00fcr Tage. Die Liste enth\u00e4lt u.a. Frauenhandel, Zwangsprostitution, Sex mit Minderj\u00e4hrigen, Folter und Mord. Betroffen sind nicht nur Blauhelme aus Dritte-Welt-L\u00e4ndern, sondern auch solche aus West- und Osteuropa und Nordamerika. Zwar war auch die US-Firma Dyncorp in solche Skandale in Bosnien verwickelt, wir sind jedoch der Ansicht, dass sich keine PMC eine solche Liste an Vergehen und Verbrechen erlauben k\u00f6nnte, wie sie seit Jahren unter dem Banner der Vereinten Nationen ver\u00fcbt und dann regelm\u00e4\u00dfig unter den Teppich gekehrt werden. Falls es dennoch dazu kommt, sollte man sich vielleicht wirklich ernsthaft \u00fcber den Auftraggeber Gedanken machen.<br><br>Zur Zeit erscheinen fast schon monatlich neue B\u00fccher \u00fcber S\u00f6ldnerfirmen mit denen die Lust des Publikums an finsteren Gestalten bedient werden soll. \u00dcber die neuen Mietregimenter der UN, die damit verbundene Korruption und Ineffektivit\u00e4t gibt es dagegen keine einzige \u00fcergreifende Studie. In einem effekhascherischen Ritual schl\u00e4gt man auf die &#8222;b\u00f6sen&#8220; S\u00f6ldner ein, und \u00fcbersieht dabei gekonnt, dass man diese l\u00e4ngst auf ganz andere Weise besch\u00e4ftigt. Zum Teil liegt das an der \u00fcblichen Nabelschau des Westens, die sich nat\u00fcrlich mehr f\u00fcr europ\u00e4ische oder nordamerikanische S\u00f6ldner interessiert als f\u00fcr die der Dritten Welt. Dies ist allerdings besonders dumm, da man sich sehr leicht ausrechnen kann, dass die Zukunft des Gesch\u00e4fts genau diesem Personal geh\u00f6ren wird. Auf Dauer wird der Westen bestenfalls Stabsoffiziere, Ausbilder, Techniker und Piloten stellen, das Fu\u00dfvolk wird man in \u00e4hnlichen Regionen anwerben, wo sich die UN schon heute bedienen.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\">\u00a9 Frank Westenfelder &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>die modernen Mietregimenter.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1387,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,138],"tags":[142,120],"class_list":["post-1386","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","category-gegenwart","tag-peacekeeping","tag-soldatenhandel"],"blocksy_meta":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.3 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Blauhelme - 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