{"id":1371,"date":"2024-11-07T13:45:24","date_gmt":"2024-11-07T13:45:24","guid":{"rendered":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/?p=1371"},"modified":"2025-01-16T17:57:34","modified_gmt":"2025-01-16T17:57:34","slug":"tim-spicer-und-sandline","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/tim-spicer-und-sandline\/","title":{"rendered":"Tim Spicer und Sandline"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Gr\u00fcndung und Probleme einer PMC.<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter der kaum noch \u00fcberschaubaren Anzahl so genannten PMCs (Private Military Companies) bietet die inzwischen geschlossene Firma Sandline dem interessierten Betrachter gleich mehrere Vorteile: bei ihr handelte es sich weder um eine der lediglich mit \u00dcberwachungsaufgaben befassten Kleinen, noch um eine der Gro\u00dfen, die aber nur den verl\u00e4ngerten inoffiziellen Arm des Pentagon bilden, sondern um eine relativ selbst\u00e4ndige Gruppierung, die von milit\u00e4rischen Machbarkeitsstudien \u00fcber aktives Eingreifen in B\u00fcrgerkriege bis hin zum Staatsstreich alles im Angebot hatte. Zudem war Sandline eine der ersten gro\u00dfen S\u00f6ldnerfirmen, die sich in direkter Nachfolge von Executive Outcomes sozusagen noch als Trendsetter bet\u00e4tigte, bevor das Gesch\u00e4ft durch den Irakkrieg in v\u00f6llig neue Dimensionen eintrat. Nicht zuletzt sind es aber die Skandale, in die Sandline verwickelt wurde, die den Fall so interessant machen. Nat\u00fcrlich m\u00f6chten wir hier nicht einfach effekthascherisch S\u00f6ldner mit Skandalen gleichsetzen, sondern viel mehr das dadurch reichlich vorhandene Material nutzen, die Entstehung und die problematische Arbeit einer solchen PMC etwas genauer zu beschreiben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"360\" height=\"452\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/spicer.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1375\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/spicer.jpg 360w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/spicer-239x300.jpg 239w\" sizes=\"auto, (max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Tim Spicer<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn man wissen m\u00f6chte, wie es zu Sandline kam, muss man sich etwas mit der Person ihres Gr\u00fcnders Tim Spicer besch\u00e4ftigen. Wie viele dieser neuen Kondottieri lernte Spicer seinen Beruf bei der britischen Armee. Dort bekam er bei den &#8222;Scots Guards&#8220; einem der Eliteregimenter nicht nur eine solide Sandhurst-Ausbildung als Offizier, sondern auch die notwendigen personellen Kontakte. Bei zahlreichen Eins\u00e4tzen in Nordirland sammelte er Erfahrungen bei der modernen Terrorismusbek\u00e4mpfung, den Verwicklungen von Krieg und Politik und der dabei grundlegenden Bedeutung der Medien. Obwohl begeisterter Soldat beschr\u00e4nkten sich seine realen Kriegserlebnisse wie bei den meisten seiner Kameraden auf ein besseres Scharm\u00fctzel w\u00e4hrend des Falklandkrieges. Er &#8222;vermisste es&#8220;, wie er in seiner Autobiographie betont, und wurde dennoch von denen beneidet, &#8222;die ohne eigene Schuld die K\u00e4mpfe verpasst hatten&#8220;. Danach diente er wieder mehrmals in Belfast und dann am Ende seiner Karriere als Presseoffizier beim britischen UNO-Kontigent in Bosnien. Bereits in dieser Zeit erkannte er, dass das Ende des Kalten Krieges seiner Karriere nicht gerade dienlich war. Die so genannte &#8222;Friedensdividende&#8220; f\u00fchrte in ganz Europa zu einer Verkleinerung der Armeen, wodurch die Aussichten auf Bef\u00f6rderungen immer geringer wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Spicer war inzwischen 42, hatte Familie, und seine Kinder wollten auf gute Schulen geschickt sein, was in England noch nie billig war. Als ihm ein Bekannter eine Stelle bei einer Investmentgesellschaft der Londoner City anbot, griff er zu. Er selbst behauptet, man habe ihn wegen seiner Nahost-Erfahrungen eingestellt. Allerdings ist von eben diesen in seiner gesamten Autobiographie nichts zu lesen. Man kann also eher annehmen, dass der ehemalige Oberstleutnant die Position eines &#8222;Fr\u00fchst\u00fccksdirektors&#8220; hatte, der potentiellen arabischen Investoren gute britische Solidid\u00e4t vermitteln sollte. Er langweilte sich, vermisste das Milit\u00e4r und bezeichnete sich selbst als &#8222;Idle Civvy&#8220;, was man wohl am besten mit &#8222;nutzloser Zivilist&#8220; \u00fcbersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rettung in der Not kam durch seinen alten Regimentskameraden Simon Mann. Nach einem ersten Anruf im Oktober 1995 traf man sich auf ein paar Drinks, und Simon erz\u00e4hlte von seinem Freund Tony Buckingham und dessen Firma Executive Outcomes, die in Angola so hervorragende Arbeit geleistet hatte. Man sprach \u00fcber die neue Weltlage, aus der sich der gro\u00dfe Krieg zwar verabschiedet hatte, der Frieden aber nun durch ethnische Konflikte, Streit um schwindende Ressourcen, B\u00fcrgerkriege und Terrorismus bedroht wurde. Die UN waren oft unwillig oder unf\u00e4hig einzugreifen, und wenn sie es dennoch taten waren ihre Truppen zu schwerf\u00e4llig und zu teuer. Spicer hatte da seine Erfahrungen aus Bosnien und Mann konnte \u00fcber Angola und Sierra Leone berichten. Sicherheit war auf jeden Fall ein ganz besonders zukunftstr\u00e4chtiger Markt, dessen Bed\u00fcrfnisse zu guten Teilen private Anbieter befriedigen m\u00fcssten. Bald darauf folgte ein Treffen mit Buckingham, der zwar mit der Geschichte von Executive Outcomes nicht unzufrieden war, aber einen Neuanfang unter neuem Namen und Firmensitz f\u00fcr angebracht hielt. In letzter Zeit war die Firma an ihrem Hauptsitz in S\u00fcdafrika immer mehr unter Druck geraten, schlie\u00dflich musste sie unter dem Einfluss der USA auch aus Angola abziehen, da dort die amerikanische MPRI zum Zug kommen sollte. Spicer und Buckingham wurden sich schnell einig. Sie wollten allerdings keine einfache Sicherheitsfirma gr\u00fcnden, die sich auf Bewachungsaufgaben oder Ausbildung beschr\u00e4nkte, sondern etwas im Stil von Executive Outcomes, das auch den Einsatz von Kampfhubschraubern und Kommandotruppen im Angebot haben sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass diese Dienste gefragt waren, zeigte sich schon Anfang 1996 als Spicer gerade sein neues B\u00fcro in London bezogen hatte. Dort erhielt er einen Anruf von DSL (Defence Systems Limited) einer Sicherheitsfirma, die von zwei anderen Scots Guards Kameraden betrieben wurde. DSL hatte eine Anfrage aus Papua Neu Guinea bez\u00fcglich des Einsatzes von Kampfhubschraubern. Da aber DSL so weitgehende Dienste nicht offerierte, gab man den Tipp an Spicer weiter, der daraufhin mit Mathias Ijape dem Verteidigungsminister von Papua Neu Guinea Verbindung aufnahm.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"437\" height=\"352\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/bougainville.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1377\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/bougainville.jpg 437w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/bougainville-300x242.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 437px) 100vw, 437px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Rebellen auf Bougainville<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Papua Neu Guinea war als deutsche Kolonie nach dem Ersten Weltkrieg zuerst australisches Mandatsgebiet und dann 1975 unabh\u00e4ngig geworden. Wie viele dieser Exkolonien war der junge Staat allerdings kein politisch stabiles Gebilde. Vor allem die an der \u00f6stlichen Peripherie liegende Insel Bougainville geh\u00f6rt sowohl geographisch wie auch ethnisch und kulturell mehr zu den Salomonen, die aber als ehemalige britische Kolonie einen eigenen Staat bilden. Der Einfluss der alten Mandatsmacht Australien ist nach wie vor gro\u00df, und so wurde auch von einem australischen Tochterunternehmen des weltgr\u00f6\u00dften Bergbaukonzerns &#8222;Rio Tinto Zinc&#8220; 1972 auf Bougainville mit dem Abbau von Kupfer begonnen. Diese gigantische Mine erwirtschaftete zwar bald fast die H\u00e4lfte des gesamten Exports, f\u00fchrte aber f\u00fcr die Insel zu einem \u00f6kologischen Desaster. St\u00e4mme wurden enteignet und von ihrem Land vertrieben, Fl\u00fcsse vergiftet und der Wald abgeholzt. Man muss wahrscheinlich nicht betonen, dass die Eingaben und Schadensersatzforderungen der in ihrer Existenz bedrohten Einwohner bei den Politikern im fernen Port Moresby auf taube Ohren stie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach langen Jahren erfolgloser Proteste begannen die Einheimischen schlie\u00dflich mit Sabotageakten, die bald zur Schlie\u00dfung der Mine f\u00fchrten. Die Regierung antworte mit der Armee. Doch den PNGDF (Papua New Guinea Defence Forces) gelang es nicht, die lediglich mit mit Pfeil und Bogen und aus Wasserrohren gebastelten Schrotflinten bewaffneten Aufst\u00e4ndischen zu besiegen. Ganz im Gegenteil trieb sie durch ihre Grausamkeiten einen Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung der BRA (Bougainville Revolutionary Army) in die Arme und musste sich 1990 ganz von der Insel zur\u00fcckziehen. Erst als sich die K\u00e4mpfer der BRA nun ihrerseits ausreichend unbeliebt gemacht hatten, gelang es der Armee in Zusammenarbeit mit d\u00f6rflichen Selbstschutzgruppen einen Teil der Insel zur\u00fcckzuerobern. Australien, das veritable Interessen in diesem Konflikt hatte, versorgte die PNGDF mit Waffen, Munition und Schnellbooten, bildete viele ihrer Soldaten aus und unterhielt auch Milit\u00e4rberater vor Ort, so dass die Medien schon von Australiens heimlichem Vietnam sprachen. Ein offizieller Befehl der PNGDF von 1996 lautete: &#8222;Alle Zivilisten, die verd\u00e4chtigt werden, der BRA Unterschlupf zu geben, m\u00fcssen ohne Frage get\u00f6tet werden. \u2026Vertreibt die Rebellen. Lasst keinen zur\u00fcck; l\u00f6scht sie aus. Zerst\u00f6rt alle Nahrung, G\u00e4rten, H\u00e4user und alles, was ihr im Dschungel findet.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als die K\u00e4mpfe fast zehn Jahre angedauert und 15-20.000 Tote gekostet hatten, sank aber auch in Australien die Bereitschaft diesen \u00e4u\u00dferst unpopul\u00e4ren Krieg weiter zu unterst\u00fctzen. Das war dann der Punkt, an dem Sandline ins Gesch\u00e4ft kam. Spicer war zwar auch der Ansicht, dass milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung eigentlich eine Angelegenheit der Schutzmacht Australien gewesen sei. Da sich die aber aus f\u00fcr ihn nicht nachvollziehbaren Gr\u00fcnden weigerte, sah er genau die L\u00fccke, die eine PMC f\u00fcllen konnte. An Stelle der gew\u00fcnschten Helikopter, offerierte Sandline nun eine Komplettl\u00f6sung, um den Krieg zu gewinnen. Dazu geh\u00f6rten jeweils zwei Kampf- und zwei Transporthubschrauber, ein mit Elektronik gespicktes Flugzeug, um die Kommunikation der Rebellen zu \u00fcberwachen, mehrere Tonnen Infanteriewaffen, und ungef\u00e4hr 70 Mann, die die Soldaten der PNGDF f\u00fcr Kommandoeins\u00e4tze nicht nur ausbilden, sondern in diesen auch f\u00fchren sollten. Das alles sollte f\u00fcr 36 Millionen Dollar zu haben sein.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"450\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/mobutu.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1381\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/mobutu.jpg 300w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/mobutu-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Pr\u00e4sident Mobutu<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war f\u00fcr das Krisen gesch\u00fcttelte Land eine enorme Summe, und so zogen sich die Verhandlungen in die L\u00e4nge. General Singirok der Oberbefehlshaber der PNGDF kam zwar nach London, geriet aber schnell in den Verdacht dort auf Spesen eines anderen Waffenh\u00e4ndlers zu leben. Spicer bereiste in dieser Zeit Afrika auf der Suche nach neuen Kunden. Er kn\u00fcpfte Kontakte mit dem Pr\u00e4sidenten von Sierra Leone Ahmed Tejan Kabbah, um dort bei Bedarf die Nachfolge von Executive Outcomes anzutreten. Anschlie\u00dfend flog er nach Kinshasa, wo er \u00fcber Hilfe f\u00fcr den bedr\u00e4ngten Mobutu verhandelte. Bei dieser Idee war ihm zwar selbst nicht ganz wohl, da aber Mobutu ein allgemein anerkannter Tyrann und von keinem UN-Embargo betroffen war, gab es f\u00fcr Spicer keinen Grund, sich die Sache nicht zumindest einmal anzusehen. Er kam allerdings schnell zu dem Schluss, dass Mobutu nicht mehr zu retten war, und so musste sich dieser mit Taverniers &#8222;Wei\u00dfer Legion&#8220; zufrieden geben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wieder in London erfuhr Spicer, dass die letzte gro\u00dfe Offensive der PNGDF auf Bougainville in einem schrecklichen Desaster geendet hatte. Kurz darauf erhielt er einen Anruf von Verteidigungsminister Ijape: &#8222;You\u2019re on.&#8220; Nachdem die Vertr\u00e4ge unterzeichnet waren und die H\u00e4lfte der vereinbarten Summe bezahlt worden war, begann Sandline mit der Lieferung der Ausr\u00fcstung und der Rekrutierung des notwendigen Personals. Da die Bev\u00f6lkerung von Papua Neu Guinea ziemlich dunkelh\u00e4utig ist, wollte man nicht durch allzu viele wei\u00dfe S\u00f6ldner auffallen. Hier waren dann wieder die Kontakte von Executive Outcomes \u00e4u\u00dferst hilfreich, wodurch man einen guten Teil der S\u00f6ldner in S\u00fcdafrika anwerben konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl die australische Presse von den Waffenlieferungen Wind bekam und gro\u00dfe Schlagzeilen \u00fcber S\u00f6ldner auf Bougainville produzierte, lief dennoch alles wie geschmiert. Spicer folgte seinen M\u00e4nnern nach Port Moresby, um dort mit der konkreten Arbeit zu beginnen, und &#8230; wurde verhaftet. General Singirok hatte anscheinend tats\u00e4chlich gr\u00f6\u00dfere Summen von einem Konkurrenzunternehmen erhalten. Nun nutzte er die von den australischen Medien angeheizte Stimmung. Auf den Stra\u00dfen demonstrierten Studenten und die Soldaten wollten sich auch unter der F\u00fchrung von Sandline nicht weiter auf Bougainville verheizen lassen. Der Milit\u00e4rputsch war keine gro\u00dfe Sache; es fiel kein einziger Schuss. Spicer und seine Mannen wurden ohne Gegenwehr verhaftet und kurz darauf des Landes verwiesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ganze Unternehmen war sicher kein Ruhmesblatt in der Firmengeschichte. Dennoch war Sandline mit einem blauen Auge davongekommen. Den Anw\u00e4lten der Firma gelang es in den kommenden Jahren die noch ausstehenden 18 Millionen Dollar vor internationalen Gerichten einzuklagen; dass daf\u00fcr keine Leistungen erbracht werden mussten, war allein das Problem von Papua Neu Guinea. Zudem k\u00fcmmerte sich eine ausgezeichnete PR-Abteilung darum, den Imageverlust m\u00f6glichst klein zu halten. Es h\u00e4tte also langsam bergauf gehen k\u00f6nnen, bis dann die Sache in Sierra Leone passierte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"333\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/mine-sierra-leone.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1383\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/mine-sierra-leone.jpg 500w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/mine-sierra-leone-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Mine in Sierra Leone<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das an Bodensch\u00e4tzen (Bauxit, Rutil und Diamanten) reiche Land war seit einem Milit\u00e4rputsch 1992 \u00fcber Jahre von einem B\u00fcrgerkrieg verw\u00fcstet worden. Dabei k\u00e4mpften Milizen, marodierende Jugendbanden, Gener\u00e4le und Regierungen in wechselnden Allianzen um die Kontrolle der verschiedenen Rohstofffelder. Dazwischen agierten die UN mit einem Truppenkontingent unter nigerianischer F\u00fchrung (ECOMOG), das jedoch haupts\u00e4chlich die nigerianischen Interessen in der Region wahren sollte. Viele der Minen, die noch weiter von ausl\u00e4ndischen Konzernen betrieben wurden, wurden von S\u00f6ldnerfirmen wie DSL, Lifeguard oder Gurkha Security Guards bewacht, die dann wieder zum Teil mit Sch\u00fcrfrechten bezahlt wurden. Unbestrittener Marktf\u00fchrer war hier Executive Outcomes, mit deren massiver Sch\u00fctzenhilfe 1997 Pr\u00e4sidentschaftswahlen abgehalten werden konnten, die Pr\u00e4sident Kabbah an die Macht brachten. Als dieser dann jedoch den Einfluss des Milit\u00e4rs zu Gunsten der ihm ergebenen Kamajor-Milizen beschnitt, wurde er durch einen neuen Milit\u00e4rputsch aus dem Land vertrieben. Da Kabbah der Wunschkandidat Nigerias und des Westens gewesen war, griff nun ECOMOG auch ohne UN-Mandat in die K\u00e4mpfe ein, konnte aber gegen die inzwischen vereinten Rebellen und Putschisten nicht viel ausrichten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sandline unterhielt zu dieser Zeit im benachbarten Guinea ein Eingreifteam, um Mitarbeiter der Firma Lifeguard unterst\u00fctzen zu k\u00f6nnen, die Minen in Sierra Leone bewachten. Spicer und seine Kollegen h\u00e4tten Kabbah sicher gerne geholfen; das Problem war nur, wie ein von seinen Ressourcen abgeschnittener Pr\u00e4sident ihre Dienste bezahlen sollte. Die L\u00f6sung kam in Person des indischen Gesch\u00e4ftsmannes Rakesh Saxena, der im Namen einer kanadischen Bergbaugesellschaft umfangreiche Sch\u00fcrfrechte f\u00fcr Bauxit und Diamanten von Kabbah erworben hatte. Diese Sch\u00fcrfrechte waren nun nat\u00fcrlich wertlos, und deshalb war Saxena bereit einiges zu investieren, um Kabbah wieder im Amt zu sehen. Also bat er Sandline um eine Machbarkeitsstudie. Wie er selbst schreibt, sah sich Spicer damit vor einem gro\u00dfen Dilemma. Eines der Grundprinzipien von Sandline war, nur f\u00fcr legitime Regierungen zu arbeiten. Sie konnten also schlecht f\u00fcr Saxenas Diamantminen in den Krieg ziehen. Wenn aber Kabbah als gew\u00e4hlter Pr\u00e4sident den Einsatz absegnen w\u00fcrde, dann schon. Man fragt sich an dieser Stelle unvermeidlich, f\u00fcr wie naiv Spicer oder sein Ghostwriter die Leser halten. Sollte Kabbah vielleicht &#8222;nein&#8220; sagen? Sollte er sagen: &#8222;Ich m\u00f6chte nicht an die Macht zur\u00fcck, wenn Sandline die Arbeit macht und Saxena die Spesen zahlt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"333\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/kamajors.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1384\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/kamajors.jpg 500w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/kamajors-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Kamajor-Milizen<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich sagte er ja, und Sandline begann mit der Planung des Projekts. Neben einigen S\u00f6ldnern f\u00fcr Spezialeins\u00e4tze und zwei bis drei Helikoptern sollten vor allem Kabbahs Kamajor-Milizen bewaffnet werden, um dann die Hauptlast der K\u00e4mpfe zu tragen. Dass die UNO inzwischen ein Waffenembargo \u00fcber Sierra Leone verh\u00e4ngt hatte, st\u00f6rte nicht weiter, da man bei Sandline ja der Ansicht war auf Seiten der &#8222;Guten&#8220; zu k\u00e4mpfen und das Embargo nur f\u00fcr die anderen gelte. Als wesentlich schwereres Problem erwies sich, dass Saxena inzwischen in Kanada verhaftet worden war &#8211; Thailand hatte seine Auslieferung wegen Betruges beantragt &#8211; und damit der Geldfluss versiegte. Bei Sandline reduzierte man daraufhin die Unkosten. Man hielt lediglich einen Mi-24 Hind Helikopter im Einsatz, der ohnehin schon vor Ort war, und organisierte g\u00fcnstig in Bulgarien 35 Tonnen Infanteriewaffen f\u00fcr die Kamajor-Milizen, deren Verteilung ECOMOG \u00fcbernahm, nachdem Sandline geliefert hatte. Anscheinend reichte auch dies, denn im Februar 1998 war Pr\u00e4sident Kabbah wieder an der Macht.<br><br>Bei Sandline in London war man zufrieden, man wartete nun auf etwas Anerkennung und die Dankbarkeit des Pr\u00e4sidenten, die sich in einigen lukrativeren Folgeauftr\u00e4gen h\u00e4tte \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen. Doch nichts davon. Statt verhaltener Zustimmung begann der so genannte &#8222;Sandline-Skandal&#8220; immer h\u00f6here Wellen zu schlagen. Die Presse berichtete, dass eine S\u00f6ldnerfirma im Dienst diverser Bergbaukonzerne das UN-Waffenembargo unterlaufen habe. Sandline hatte vorher in st\u00e4ndigem Kontakt zu Beamten des britischen Foreign Office wie auch des US State Departments gestanden, die ebenfall an einer Regierung Kabbah interessiert waren; auf einem britischen Kriegsschiff war Sandlines Helikopter repariert worden, und ECOMOG hatte die Waffen in Sierra Leone in Empfang genommen und verteilt. Was war also falsch gelaufen?<br><br>Tatsache war, dass das Embargo umgangen worden war. Dies war zwar im Interesse der USA, Gro\u00dfbritanniens und Nigerias geschehen, doch nun wuschen die zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden ihre H\u00e4nde in Unschuld und wollten von keinerlei Absprachen wissen. Nat\u00fcrlich wussten das auch die Medien, doch um die Regierung Blair anzugehen, schlugen sie auf Sandline ein. Das funktionierte, denn nun berief sich Sandline auf konkrete Telefonate und Treffen mit namentlich genannten Beamten, so dass die britischen Beh\u00f6rden auf rechtliche Schritte verzichteten, da diese nicht im \u00f6ffentlichen Interesse seien.<br><br>Nach diesen Ereignissen arbeitete Spicer als Lobbyist haupts\u00e4chlich daran, das Bild der PMCs aufzupolieren. Er hielt Vortr\u00e4ge, trat im Fernsehen auf und schrieb ein Buch, um die Widerst\u00e4nde der \u00d6ffentlichkeit gegen die Verwendung von S\u00f6ldnerfirmen abzubauen. Die PMCs pr\u00e4sentiert er dabei im Gegensatz zu den individualistischen S\u00f6ldnern von gestern als moderne Dienstleistungsunternehmen von morgen, die schnell und flexibel humanit\u00e4re und milit\u00e4rische Aufgaben l\u00f6sen, die die nationalen Regierungen oder die UNO nicht \u00fcbernehmen wollen: &#8222;the condottiere of yesterday armed with the weapons of tomorrow.&#8220;<br><br>Das grundlegende Problem beim Einsatz dieser PMCs ist sicher die Frage, f\u00fcr wen und unter welchen Bedingungen sie arbeiten. Spicer macht es sich hier sehr einfach, indem er lapidar erkl\u00e4rt, dass Sandline nur f\u00fcr legale Regierungen arbeite und f\u00fcr diese auch keine illegalen Aktionen durchf\u00fchre. Was allerdings &#8222;legal&#8220; ist, darauf geht er nicht ein. War es legal die Regierung von Papua Neu Guinea in einem B\u00fcrgerkrieg zu unterst\u00fctzen, als dieser sogar der Schutzmacht Australien zu schmutzig geworden war? W\u00e4re eine Unterst\u00fctzung Mobutus legal gewesen? Ist es legal, einen gest\u00fcrzten Pr\u00e4sidenten wieder ins Amt zu bringen, wenn es ein Konzern bezahlt? Wer sind die Guten, wer die Schlechten? Wir glauben Spicer gerne, dass er ein \u00fcberzeugter britischer Patriot ist. Sind die Guten also die, f\u00fcr die sich die britische Regierung entscheidet &#8211; nat\u00fcrlich im Geheimen und unter Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit? Spicer l\u00f6st diese Fragen sehr einfach, indem er schlicht behauptet, es sei ein Grundprinzip von Sandline nur f\u00fcr die &#8222;good guys&#8220; zu k\u00e4mpfen. Das illustriert er dann mit folgendem Beispiel: &#8222;Wenn Sandline z. B. w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges schon existiert h\u00e4tte, h\u00e4tten wir f\u00fcr die franz\u00f6sische Resistance, den Maquis gek\u00e4mpft, aber nicht f\u00fcr die de facto Regierung von Vichy unter Marschall P\u00e9tain.&#8220; Tja, auch wir wissen heute, dass die Resistance die &#8222;good guys&#8220; waren, aber die legale Regierung waren sie doch wohl nicht? Oder haben wir da etwas nicht mitbekommen?<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\">\u00a9 Frank Westenfelder &nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gr\u00fcndung und Probleme einer PMC.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1372,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,138],"tags":[140,141,139],"class_list":["post-1371","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","category-gegenwart","tag-afrika","tag-briten","tag-pmc"],"blocksy_meta":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.9 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Tim Spicer und Sandline - Kriegsreisende<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/tim-spicer-und-sandline\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Tim Spicer und Sandline - 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