{"id":1206,"date":"2024-11-03T08:55:45","date_gmt":"2024-11-03T08:55:45","guid":{"rendered":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/?p=1206"},"modified":"2025-01-16T15:26:25","modified_gmt":"2025-01-16T15:26:25","slug":"sumru-der-finstere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/sumru-der-finstere\/","title":{"rendered":"Sumru der Finstere"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Ein Abenteurer aus dem Elsass als F\u00fcrst in Indien.<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem Tod des letzten bedeutenden Gro\u00dfmoguls Aurangzeb 1707 war das indische Mogulreich rasch in viele Teilf\u00fcrstent\u00fcmer zerfallen, die sich zum Teil erbittert bek\u00e4mpften. Dies bot nun den Kolonialm\u00e4chten endlich die langersehnte Gelegenheit ihren Besitz auszuweiten. Dabei boten sie den einzelnen F\u00fcrsten Unterst\u00fctzung bei ihren Thron- und Grenzstreitigkeiten an. Da die Konkurrenz unter den Kolonialm\u00e4chten in der Regel die Gegenseite unterst\u00fctzte, f\u00fchrten die indischen F\u00fcrsten oft Stellvertreterkriege f\u00fcr England und Frankreich, und diese lie\u00dfen sich ihre Unterst\u00fctzung mit immer neuen Landstrichen und Handelsprivilegien bezahlen. Aufgrund ihrer st\u00e4rkeren Flotte und des besseren Nachschubs bekamen die Engl\u00e4nder nach und nach die \u00dcberhand. Schlie\u00dflich kam es noch vor Ausbruch des Siebenj\u00e4hrigen Krieges zum Konflikt um das reiche Bengalen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"540\" height=\"777\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/plassey.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1208\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/plassey.jpg 540w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/plassey-208x300.jpg 208w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Inder gegen eupop\u00e4ische Truppen<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Engl\u00e4nder hatten in den Mangroves\u00fcmpfen des Gangesdeltas die Handelsniederlassung Kalkutta gegr\u00fcndet. Da der Nabob von Bengalen misstrauisch ihren Machtzuwachs beobachtete, protegierte er eine franz\u00f6sische Niederlassung im nahe gelegenen Chandernagore. Als die Forderungen der Engl\u00e4nder immer dreister wurden, belagerte der Nabob Kalkutta und eroberte schlie\u00dflich das Fort. Die Gefangenen, unter ihnen auch Frauen und Kinder, wurden alle in ein enges Verlies gepfercht, wo die meisten an Wassermangel und Hitze w\u00e4hrend der ersten Nacht starben. Ganz England schrie nach Rache f\u00fcr das &#8222;schwarze Loch von Kalkutta&#8220; und schickte Robert Clive als Gouverneur mit frischen Truppen nach Bengalen. Clive wandte sich aber nicht gleich gegen den Nabob sondern gegen dessen potentiellen franz\u00f6sischen Bundesgenossen in Chandernagore. Nach zw\u00f6lft\u00e4gigem Beschu\u00df mu\u00dfte sich die Franzosen der \u00dcbermacht ergeben. Danach begann der Krieg gegen den Nabob von Bengalen und am 23.6.1757 kam es zur Schlacht bei Plassey.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Plassey ist nicht eine der entscheidendsten Schlachten der Weltgeschichte und eine englische Legende, in ihr manifestierte sich endg\u00fcltig die \u00dcberlegenheit der europ\u00e4ischen Kriegstechnik \u00fcber die indischen Massenheere. Clives 3.000 europ\u00e4ischen und indischen S\u00f6ldnern standen 50.000 Mann Infanterie, 18.000 Mann Kavallerie, Kriegselefanten, 50 schwere Gesch\u00fctze und Feldartillerie unter franz\u00f6sischer Leitung gegen\u00fcber. Trotzdem war in einer Stunde alles vor\u00fcber, die Armee des Nabobs zerstreut und Clive der Herr von Bengalen. Ihr triumphaler Sieg hatte die Engl\u00e4nder lediglich zwei Dutzend Tote, darunter sieben Europ\u00e4er gekostet. Vieles war zusammengekommen. Durch einen kurzen Regen war das Pulver der Inder nass geworden und gro\u00dfe Kontingente hatten den Kampf v\u00f6llig verweigert. Eigentlich hatten nur die Franzosen an den Gesch\u00fctzen wirklich gek\u00e4mpft. Der Rest der Riesenarmee floh vor dem Salven- und Gesch\u00fctzfeuer der Engl\u00e4nder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Artillerie der indischen Armeen besa\u00df oft noch den Standard des 16. Jahrhunderts. Ihre Gesch\u00fctze waren wie bei den T\u00fcrken meist riesig und ben\u00f6tigten bis zu 200 Zugochsen beim Transport. Einmal aufgestellt waren sie in der Schlacht nicht mehr beweglich; zudem war ihre Feuergeschwindigkeit l\u00e4cherlich. Ganz anders die Feldartillerie der europ\u00e4ischen Armeen. Sie waren die &#8222;Maschinengewehre&#8220; jedes Regiments. In den H\u00e4nden von erfahrenen Kanonieren lag ihre Feuergeschwindigkeit noch \u00fcber der von Musketen. Im Nahkampf konnten sie mit gehacktem Blei und Schrapnellen undiszipliniert angreifende Truppenmassen innerhalb von Minuten massakrieren. \u00c4hnlich verhielt es sich bei den anderen Truppenteilen. Den Indern mangelte es nicht an Mut; die Kavallerie ritt bravour\u00f6se Attacken und die fanatischen Ghosais und Bairagis, wandernde Bettler, die Shiva den Gott der Zerst\u00f6rung verehrten, warfen sich in Selbstmordeins\u00e4tzen fast nackt, mit Asche beschmiert und wildem Haar heulend auf den Feind. Doch die mit \u00c4xten, Bogen, Speeren, Schwertern und Flinten bewaffneten V\u00f6lker w\u00e4lzten sich in ungeordneten Massen gegen den Feind, und oft gen\u00fcgten einige wenige Salven damit in den ersten Gliedern Panik ausbrach, die dann auf das gesamte Heer \u00fcbergriff. Diese wilden Haufen waren gegen europ\u00e4ische Linieninfanterie und die nach ihrem Muster ausgebildeten indischen Sepoys ohne Chance.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"363\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/sepoys.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1213\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/sepoys.jpg 500w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/sepoys-300x218.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Sepoys<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit Plassey hatte jeder indische F\u00fcrst diese Unterschiede begriffen. Es begann die gro\u00dfe Zeit der &#8222;Free Lances&#8220;, der europ\u00e4ischen Abenteurer, die jedem ihr K\u00f6nnen zur Verf\u00fcgung stellten, wenn nur genug bezahlt wurde. Fremde S\u00f6ldner hatten seit den Moguleroberern in Indien eine gro\u00dfe Rolle gespielt. Seit dem 17. Jahrhundert kamen die Deserteure und Renegaten der Kolonialm\u00e4chte hinzu. Als Gesch\u00fctzgie\u00dfer und Kanoniere fand man sie am Hof des Gro\u00dfmoguls und bei vielen anderen F\u00fcrsten. Doch nach Plassey wollten die F\u00fcrsten keine einzelnen Artillerieexperten mehr, sondern ganze nach europ\u00e4ischem Muster ausgebildete Infanterieeinheiten. Die Engl\u00e4nder hatten vorgemacht, dass man mit europ\u00e4ischen Drillmeistern aus Indern hervorragende Linieninfanteristen machen konnte. Die von Europ\u00e4ern ausgebildeten und gef\u00fchrten Inder &#8211; die Sepoys &#8211; , stellten die Hauptmacht der siegreichen britischen Streitkr\u00e4fte. Der erste, der anfing nun auch die indischen F\u00fcrsten mit Sepoys zu versorgen, war Walter Reinhardt. Obwohl man in Europa so gut wie nichts von ihm wusste, wurde er in Indien von den Engl\u00e4ndern mit Hass verfolgt und von Maharadschas und Sultanen umworben. Aufgrund seines d\u00fcsteren Gem\u00fcts soll er von franz\u00f6sischen Kameraden den Beinamen &#8222;Sombre&#8220; &#8211; der Finstere &#8211; erhalten haben; in Indien wurde daraus &#8222;Sumru&#8220;, und unter diesem Namen wurde er bereits zu Lebzeiten zu einer Legende.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Reinhardt war wahrscheinlich ein Zimmermann aus Stra\u00dfburg und als Seemann auf einem franz\u00f6sischen Schiff um 1750 an die Koromandelk\u00fcste gekommen, wo er als Gemeiner zu den Landtruppen wechselte. Nach einigen Jahren desertierte er. Seine Gr\u00fcnde sind unbekannt. Es k\u00f6nnen Schulden, Streit mit einem Vorgesetzten oder einfach die Hoffnung auf ein besseres Leben gewesen sein. Er schlug sich bis Bengalen durch und lie\u00df sich in Kalkutta f\u00fcr eine der schweizer Kompanien in englischem Dienst anwerben. Doch seine Erwartungen scheinen entt\u00e4uscht worden zu sein, denn bereits nach 18 Tagen desertierte er erneut, dieses mal zur franz\u00f6sischen Garnison in Chandernagore. Er diente dort unter dem Schotten Law, einem Neffen des ber\u00fcchtigten B\u00f6rsenspekulanten, und wurde zum Sergeanten bef\u00f6rdert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als sich die Festung den Engl\u00e4ndern ergeben musste schlug sich Law mit einigen hundert Mann, unter ihnen auch Reinhardt, durch die feindlichen Linien. Es ist zu vermuten, dass sie die Hilfstruppe stellten, die den Nabob von Bengalen bei Plassey unterst\u00fctzte. Nach dem Desaster setzten sie sich, hartn\u00e4ckig verfolgt von den Engl\u00e4ndern, nach Norden ab. Da der Nabob auf der Flucht ermordet wurde, waren sie fortan v\u00f6llig auf sich gestellt. Law versuchte allerdings nicht die franz\u00f6sische Garnison Pondicherry zu erreichen, sondern sah sich nach neuen Arbeitgebern um. An europ\u00e4ische Truppen erinnerten an seinen M\u00e4nnern bald nur noch ihre Musketen, die Uniformen waren schnell zerschlissen. Ihre wenigen Gesch\u00fctze wurden von Ochsen und Elefanten gezogen, einheimische S\u00f6ldner hatten sich ihnen angeschlossen; dazu kamen Frauen, Kinder, Diener und die Beute auf Ochsenkarren und Packpferden. Indien war riesig und vor ihnen lagen gl\u00fchende W\u00fcsten, steile Bergketten, undurchdringliche Dschungel und rei\u00dfende Fl\u00fcsse. Wenn es nicht anders ging lebten sie vom Raub, beteiligten sich an den Fehden der F\u00fcrsten oder wurden mit Geschenken weitergeschickt. Schlie\u00dflich landeten sie im Dienst des Gro\u00dfmoguls.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Gro\u00dfmogul f\u00fchrte gerade Krieg gegen Kasim Ali, den von England eingesetzten Nabob von Bengalen. Da die Engl\u00e4nder ihren Sch\u00fctzling tatkr\u00e4ftig unterst\u00fctzten, wurde die Armee des Gro\u00dfmoguls geschlagen und Law kam mit den meisten seiner Offiziere in Gefangenschaft. Der Rest seiner Schar war damit ein desolater, f\u00fchrerloser Haufen. Als kurz darauf Pondicherry nach langer Belagerung kapitulieren musste, waren die Franzosen wie schon zuvor die Portugiesen und Holl\u00e4nder aus dem Spiel um Indien ausgeschieden. Nun gab es nur noch die Wahl zwischen englischer Gefangenschaft und Indien. Die S\u00f6ldner beschlossen, weiterhin auf eigene Faust ihr Gl\u00fcck zu versuchen und w\u00e4hlten Reinhardt zu ihrem Befehlshaber. Er muss sich also in den Jahren des Herumziehens bew\u00e4hrt haben, nicht nur im Kampf, sondern viel mehr beim \u00dcberqueren von Fl\u00fcssen, der Organisation von Verpflegung und bei Verhandlungen mit indischen F\u00fcrsten, wozu die Kenntnis mehrerer Sprachen notwendig war.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"346\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/rajputs.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1214\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/rajputs.jpg 500w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/rajputs-300x208.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">indische Krieger<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kasim Ali, der Nabob von Englands Gnaden hatte f\u00fcr seine Herrschaft einen hohen Preis bezahlt. Die englischen H\u00e4ndler zahlten keine Steuern und wurden zu einer immer unertr\u00e4glicheren Konkurrenz f\u00fcr die einheimische Wirtschaft. Also begann Kasim Ali heimlich zu r\u00fcsten. Den Kern seiner Streitmacht sollte eine europ\u00e4isch ausgebildete Brigade unter Sumrus Kommando stellen. Mit dem Geld des Nabobs warb Sumru jeden herumziehenden Europ\u00e4er, der schon einmal Waffen getragen hatte, und entlassene oder desertierte Sepoys. Musketen und Kanonen wurden beschafft, Uniformen geschneidert und einheimische S\u00f6ldner ausgebildet. Aber die Engl\u00e4nder warteten nicht, bis der Nabob und Sumru ihr Reformwerk abgeschlossen hatten. Ohne Kriegserkl\u00e4rung erschienen sie \u00fcberraschend vor Patna und st\u00fcrmten die Mauern. Aber noch w\u00e4hrend die Engl\u00e4nder dabei waren, die reiche Stadt mit aller Gr\u00fcndlichkeit auszupl\u00fcndern, erschien Kasim Ali mit seinem Heer. Viele der zerstreuten englischen Soldaten wurden niedergehauen. Doch auch die, denen der R\u00fcckzug gelungen war, wurden nach einigen Tagen eingeholt und vernichtend geschlagen. Von dem 2.000 Mann starken Heer waren nur 200 Gefangene \u00fcbrig geblieben, darunter der Kommandeur und 60 Offiziere. Aber noch schwerer als dieser Verlust wog, dass die englische Armee den Nimbus ihrer Unbesiegbarkeit eingeb\u00fc\u00dft hatten. Zum ersten Mal war sie von indischen Truppen geschlagen worden. Sumru hatte daran einen wesentlichen Anteil.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Durch Patna wurde Sumru ber\u00fcchtigt. Denn es war nicht der Glanz des Feldherren, sondern der finstere Makel des Schl\u00e4chters, der an ihm haften blieb. Kasim Ali tobte wegen des heimt\u00fcckischen \u00dcberfalls auf Patna und wollte ein Exempel statuieren. Alle Gefangenen sollten get\u00f6tet werden. So etwas war bei Kriegen in Indien nichts ungew\u00f6hnliches, auch die Kolonialtruppen machten nur selten Gefangene; sie massakrierten bei der Niederschlagung von Aufst\u00e4nden ohne viel Skrupel Adlige, Frauen und Kinder. Au\u00dferdem hatten die Gefangenen zuvor in Patna wie die Wilden gehaust. Allerdings waren Europ\u00e4er von diesen Gepflogenheiten bislang immer verschont geblieben. Aber Kasim Ali hatte schon viel zu lange die Privilegien der Fremden dulden m\u00fcssen, um weiterhin Ausnahmen zu machen. Die Engl\u00e4nder behaupteten sp\u00e4ter, dass sich Kasim Alis Truppen geweigert h\u00e4tten, die Henkersarbeit auszuf\u00fchren, und dass deshalb Sumru das blutige Gesch\u00e4ft \u00fcbertragen wurde. Es ist sicher anzuzweifeln, dass indische Truppen die Ausf\u00fchrung eines Befehl ihres F\u00fcrsten verweigerten. Weit wahrscheinlicher ist, dass Kasim Ali die unsicheren Europ\u00e4er in seinem Heer durch die Bluttat fest an sich binden wollte. Denn dadurch wurde ihnen jeder Weg zur\u00fcck versperrt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sumru h\u00e4tte also bestenfalls fl\u00fcchten k\u00f6nnen. Viele seiner M\u00e4nner w\u00e4ren ihm ohne den Sold des Nabobs nicht gefolgt. Trotzdem h\u00e4tte er nach einem Ausweg suchen k\u00f6nnen; schlie\u00dflich war er sonst um Listen und Ausreden nicht verlegen. Vielleicht hielt er seine Position noch nicht f\u00fcr fest genug, oder die in Aussicht gestellte Belohnung sp\u00fclte alle Bedenken beiseite. Es ist aber auch gut m\u00f6glich, dass ihn der Sonderstatus von Europ\u00e4ern und besonders der von Offizieren genauso wenig interessierte wie Kasim Ali. Als Gemeiner und mehrmaliger Deserteur hatte er sicher ausreichend Gelegenheit gehabt, Hass gegen die arroganten und bestechlichen Offiziere anzuh\u00e4ufen, die die Mannschaften bei Ausr\u00fcstung, Essen, Sold und Beute betrogen. Offiziere wurden in Gefangenschaft oft von ihren alten Gegnern zur Tafel geladen, wo man sich dann mit gegenseitigen Komplimenten hofierte. Einfache S\u00f6ldner dagegen landeten in einem Fieber verseuchten Hungerlager, bis sie erneut kapitulierten. Die gefangene franz\u00f6sische Besatzung von Pondicherry wurde zum Beispiel so lange in Madras schikaniert bis sie bereit war, den Engl\u00e4ndern bei der Eroberung Bengalens zu helfen. Auf diesen Hass deutet auch die Art der Hinrichtung. Sumru lud die Offiziere zum Essen und lie\u00df sie dann beim Festmahl von seinen Sepoys niederhauen. Die Gemeinen wurden anschlie\u00dfend erschossen. Nach diesem Gemetzel wurde Sumru von den Engl\u00e4ndern mit unvers\u00f6hnlichem Hass gejagt. Mit Gewalt und Intrigen versuchten sie seiner habhaft zu werden, um ihn nach einem Schauprozess hinzurichten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vorsicht wurde deshalb in Zukunft zu Sumrus herausragendster Eigenschaft. Englische Berichterstatter werfen ihm oft Feigheit vor, da er seine Brigade nie in riskanten Situationen zum Angriff f\u00fchrte, sondern meistens defensiv einsetzte und selbst immer mit Reserven zur\u00fcckblieb. Andererseits wurde Sumru nie geschlagen und auch ein geordneter R\u00fcckzug war im Chaos einer Niederlage keine einfache Sache. Sumru war weder ein Held noch ein genialer Feldherr, er war ein \u00dcberlebensk\u00fcnstler und Organisationstalent. In vielem glich er darin den Condottieri der italienischen Renaissance, die auch nur ungern ihre kostbaren S\u00f6ldner und damit ihre Existenzgrundlage riskiert hatten. Wie sie musste Sumru st\u00e4ndig mit Betrug, Verrat, Meuchelmord oder der Auslieferung an den Feind rechnen. Nur inmitten seiner Brigade war er sicher und m\u00e4chtig, ohne sie ein toter Mann.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"540\" height=\"735\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/indien-herrscher.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1215\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/indien-herrscher.jpg 540w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/indien-herrscher-220x300.jpg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">indischer Herrscher<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotzdem wurde seine Brigade zu einem Faktor, der die Expansionsgel\u00fcste der Kompanie aufs schwerste behinderte. Deren Regimenter stie\u00dfen zwar weiter siegreich vor, doch die Tage der geringen Verluste von Plassey waren vorbei. Die Inder flohen nicht mehr nach den ersten Salven in wilder Panik, sondern bildeten Karrees, erwiderten das Feuer und gingen auch zum Gegenangriff \u00fcber. Als den Truppen der Kompanie endlich die Einnahme von Patna gelang, stellte das Annual Register erstaunt fest: &#8222;So endete dieser Feldzug gegen Kasim Ali. Er wurde von seiner Seite mit einer Tapferkeit, Energie und Disziplin gef\u00fchrt, dergleichen man bisher in Indien noch nicht gesehen hatte&#8220;. Sumru hatte Patna mit Umsicht verteidigt, sich aber vor dem Fall der Stadt mit seiner Brigade durchgeschlagen. Nach dem Fall von Patna mu\u00dften sich Kasim Ali und Sumru in das benachbarte Gebiet des Nabobs von Oudh zur\u00fcckziehen, der sich nun als n\u00e4chster gegen das Vordringen der Kompanie zur Wehr setzen mu\u00dfte. Da Kasim Alis Stern im sinken war, wollte Sumru noch rechtzeitig seinen r\u00fcckst\u00e4ndigen Sold eintreiben, was bei F\u00fcrsten im Exil noch nie besonders leicht gewesen war. Eines Tages umzingelte er deshalb mit seiner Brigade \u00fcberraschend das Lager seines Herrn und forderte sein Geld.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem er Kasim Ali um seine Sch\u00e4tze erleichtert hatte, \u00fcbergab er ihn dem Nabob von Oudh als Gefangenen. Aber er verstand sich auch auf andere Schliche. Bei jeder Gelegenheit sch\u00fcrten seine Agenten die Unzufriedenheit unter den S\u00f6ldnern der Kompanie und versuchten diese zum \u00dcberlaufen zu bewegen. Einmal machte sich fast das ganze Expeditionskorps auf den Weg, um sich Sumrus Brigade anzuschlie\u00dfen. Nur durch Versprechungen der englischen Offiziere und gro\u00dfz\u00fcgige Spenden von Branntwein konnte diese Massendesertion verhindert werden. 150 Europ\u00e4er und 100 Sepoys hatten den Dienst bei der Kompanie allerdings endg\u00fcltig satt und verst\u00e4rkten Sumrus Brigade. Bei einer anderen Gelegenheit machte sich ein Bataillon Sepoys geschlossen davon und konnte nur durch schnell herbeigef\u00fchrte Verst\u00e4rkungen zur Umkehr bewegt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber auch der Nabob von Oudh konnte dem Druck der Kompanie auf Dauer nicht standhalten. 1764 kam es zur Entscheidungsschlacht bei Baksar. Sumrus Brigade und die von seinen M\u00e4nnern ausgebildeten Bataillone lieferten den englischen Truppen einen harten Kampf. Als alles auf der Kippe stand, verweigerte Sumru einen Befehl zum Gegenangriff und zog sich mit seiner Brigade geschlossen zur\u00fcck. Da die Kompanie schwerste Verluste hatte, war sie trotz ihres Sieges zu Friedensverhandlungen mit dem Nabob bereit. Allerdings bestand sie auf der Auslieferung Sumrus. Der Nabob weigerte sich anfangs, da er dessen Macht f\u00fcrchtete, wollte ihn dann aber in Gegenwart eines englischen Zeugen ermorden lassen. Sumru war unterdessen mit der Bewachung der Familie und des Harems des Nabobs betraut. Es mag sein, dass er von den geplanten Anschlag erfahren hat. Von den Verhandlungen wusste er, und mit Verrat rechnete er ohnehin st\u00e4ndig. Also pl\u00fcnderte er die Frauen, unter ihnen Mutter und Gro\u00dfmutter des Nabobs, aufs gr\u00fcndlichste aus. Die Begums von Oudh reisten nicht gerade mit leichtem Gep\u00e4ck. Geld, Schmuck und kostbare Kleider wurden in einer eigenen Karawane mitgef\u00fchrt. Mit dieser gewaltigen Beute erkaufte sich Sumru erst einmal die Loyalit\u00e4t seiner Truppen. Dann setzte er sich mit ihnen nach Westen ab, um einen gewissen Sicherheitsabstand zwischen sich und die H\u00e4scher der Kompanie zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit seinem Aufbruch in das Innere der riesigen indischen Landmasse wurde er v\u00f6llig zum Free Lancer, zum versp\u00e4teten Condottieri, der sein Schwert und seine Truppen an den Meistbietenden vermietete. Gelegenheiten gab es genug. Marathen, Sikhs, Dschatten, Rohillas und Radschputs stritten sich um die Brocken des zerfallenden Mogulreichs. Aber auch innerhalb dieser V\u00f6lker gab es Fehden zwischen konkurrierenden St\u00e4mmen und Herrscherfamilien, und in weiten Gebieten konnten Steuern nur von einer starken Armee eingetrieben werden. Es gab also genug Arbeit f\u00fcr Sumrus Brigade, Geschenke, Bestechungsgelder und Frontwechsel. Da vor allem das Eintreiben von Steuern ein st\u00e4ndiges Problem war, belehnten die F\u00fcrsten in der Regel ihre Kommandeure mit einer eigenen Provinz, einem so genannten Jaghir, aus deren Steueraufkommen der Sold bestritten wurde. Damit lie\u00df sich zwar wesentlich mehr Geld machen, doch Sumru wollte seine Brigade nicht im Land verteilen, sondern st\u00e4ndig um sich haben. Nur auf diese Weise war er vor Verrat relativ sicher und konnte au\u00dferdem je nach Interessenlage den Auftraggeber wechseln.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"900\" height=\"582\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/gossmogul.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1210\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/gossmogul.jpg 900w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/gossmogul-300x194.jpg 300w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/gossmogul-768x497.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Gro\u00dfmogul mit Hofstaat<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach acht Jahren, in denen er mindestens einem Dutzend verschiedener Herren gedient hatte, scheint er des unsteten Wanderns dann doch m\u00fcde geworden zu sein; denn er trat in den Dienst des Gro\u00dfmoguls. Auch dort weigerte er sich lange ein Jaghir anzunehmen, da er st\u00e4ndig f\u00fcrchtete, \u00fcberrumpelt und als Verhandlungsmasse an die Engl\u00e4nder ausgeliefert zu werden. Doch diese Unabh\u00e4ngigkeit brachte Probleme mit sich. Der Gro\u00dfmogul war oft Monate mit dem Sold im R\u00fcckstand und Sumru musste st\u00e4ndig seine aufr\u00fchrerischen Mannschaften beruhigen und sogar des manchmal vor offenen Meutereien fliehen. Nat\u00fcrlich h\u00fctete und mehrte er seine eigenen Sch\u00e4tze. Denn sie hielten seine Brigade zusammen, und nur in h\u00f6chster Not war er bereit den Sold vorzustrecken. Schlie\u00dflich war er bereit, das F\u00fcrstentum Sardhana 90 Kilometer nord\u00f6stlich von Delhi als Jaghir anzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als F\u00fcrst von Sardhana widmete er sich nur noch wenig dem Krieg. Er z\u00e4hlte sein Geld und stritt mit seinen rebellischen S\u00f6ldnern um die r\u00fcckst\u00e4ndige Bezahlung. Seine Angst vor den Engl\u00e4ndern scheint sich in dieser Zeit zu einer regelrechten Paranoia ausgewachsen zu haben. Sumru war st\u00e4ndig auf der Hut, mied die \u00d6ffentlichkeit und lie\u00df seinen Palast von Leibw\u00e4chtern abriegeln. Seit Jahren hatte er sich v\u00f6llig der indischen Lebensweise angepasst und lebte wie ein Nabob, mit pr\u00e4chtigen Kleidern, einer Heerschar von Dienern und einem Harem, den er auch auf seinen Feldz\u00fcgen mit sich f\u00fchrte. Nur wenige Gl\u00fccksritter waren so hoch gestiegen wie der einfache Zimmermann aus Stra\u00dfburg. Ein schweizer Offizier im Dienst der Ostindischen Kompanie berichtete \u00fcber ihn, dass er zwar flie\u00dfend die persische Hofsprache und das im Land \u00fcbliche Hindustani sprach, aber weder lesen noch schreiben konnte und aus seiner niederen Herkunft nie ein Hehl machte. Am meisten beeindruckte diesen Offizier allerdings Sumrus Klugheit: &#8222;Sein Hauptverdienst liegt in seiner klugen Handlungsweise. Verm\u00f6ge dieser Eigenschaft hat er bisher seine Brigade ganz und unbesiegt bewahrt, obgleich er in den vielen Schlachten, die er mitgefochten hat, die Angriffe des Feindes beinahe ganz allein auszuhalten hatte. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird ihn seine Klugheit auch in Zukunft retten. Er besitzt diese Eigenschaft in einem hohen Grade und niemand kann ihm ein gewisses milit\u00e4risches Genie absprechen&#8220;.<br><br>Dank dieser Klugheit \u00fcberlebte er weiter und mehrte seinen Reichtum. Nach einem letzten Sieg \u00fcber den Radscha von Bharatpur, kr\u00f6nte er seine Karriere als Gouverneur von Agra. Dort stiftete er wie viele gro\u00dfe Kriegsherren, die im Alter das Gewissen plagt, ein Kloster. Am 4. Mai 1778 starb er im Alter von 58 Jahren in seinem Palast an einer Erk\u00e4ltung. Sein Grabmal ist noch heute in Agra zu sehen. Wahrscheinlich hatten die Strapazen der zahlreichen Feldz\u00fcge, das extreme Klima, Alkohol- und Opiumgenu\u00df und die st\u00e4ndige Furcht vor Anschl\u00e4gen schlie\u00dflich seine Gesundheit zerst\u00f6rt. Viele Europ\u00e4er \u00fcberlebten das Klima nur wenige Jahre, Sumru hatte dagegen fast drei\u00dfig durchgehalten und lange Zeit davon unter au\u00dfergew\u00f6hnlichen Bedingungen. Obwohl seine Brigade als eine der unzuverl\u00e4ssigsten und aufr\u00fchrerischsten in Indien galt, hatte doch allein ihre blo\u00dfe Existenz die Ostindische Kompanie jahrelang von einer weiteren Expansion nach Westen abgehalten.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\">\u00a9 Frank Westenfelder &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Abenteurer aus dem Elsass als F\u00fcrst in Indien.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1211,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[118,8],"tags":[126,62],"class_list":["post-1206","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-absolutismus-artikel","category-artikel","tag-instrukteure","tag-kolonien"],"blocksy_meta":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.9 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Sumru der Finstere - 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