{"id":1194,"date":"2024-11-01T16:19:09","date_gmt":"2024-11-01T16:19:09","guid":{"rendered":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/?p=1194"},"modified":"2025-01-16T15:27:22","modified_gmt":"2025-01-16T15:27:22","slug":"im-wilden-feld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/im-wilden-feld\/","title":{"rendered":"Im wilden Feld"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Deutsche Regimenter im Krieg um Polen und die Ukraine.<\/h5>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"473\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/kosaken.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1196\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/kosaken.jpg 500w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/kosaken-300x284.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>\u00dcber Jahrhunderte waren die Tataren in Ru\u00dfland und Litauen eingefallen, hatten die Siedlungen verbrannt und zahllose Menschen erschlagen oder in die Sklaverei verschleppt. Als Ru\u00dfland und Polen-Litauen damit begannen sich erfolgreich zur Wehr zu setzen, waren gro\u00dfe Teile der Ukraine zu einer menschenleeren Ein\u00f6de geworden &#8211; man nannte sie das &#8222;Wilde Feld&#8220;. Zuerst wagten sich nur Fischer und J\u00e4ger in das Gebiet, das immer noch regelm\u00e4\u00dfig von den Tataren auf ihren Raubz\u00fcgen durchzogen wurde. Aber je mehr die Tataren an Macht einb\u00fc\u00dften, desto attraktiver wurde das wilde Feld f\u00fcr Abenteurer, vertriebene Bauern und entlaufene Leibeigene. Aus ihnen entstanden die Kosaken.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem unbarmherzigen Leben im Grenzland waren nur die H\u00e4rtesten gewachsen. Die Kosaken f\u00fchrten einen st\u00e4ndigen Kleinkrieg gegen die Tataren. In kleinen Booten unternahmen sie ausgedehnte Raubz\u00fcge im schwarzen Meer bis nach Istanbul und nach Persien. Waren sie ihren Gegnern nicht gewachsen flohen sie in die W\u00e4lder oder in die S\u00fcmpfe der gro\u00dfen Fl\u00fcsse. Sie waren die geborenen S\u00f6ldner. Der Gro\u00dff\u00fcrst Iwan III und der Zar Iwan der Schreckliche hatten sie gegen den Ordensstaat in Livland und gegen Polen geschickt, mit Stephan Bathory und dem falschen Demetrius waren sie gegen Russland gezogen und schlie\u00dflich hatten sie im Auftrag der Stroganovs und des Zaren mit der Eroberung Sibiriens begonnen. Die Kosaken wurden zu einem jener armen und abgeh\u00e4rteten Grenzv\u00f6lker, die wie die Almogavares, Uskoken oder Albanier ein unstetes Leben zwischen Banditen- und S\u00f6ldnertum f\u00fchrten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre hart erk\u00e4mpfte Freiheit geriet in Gefahr als Polen-Litauen mit dem Machtverfall der Krimtataren damit begann, seine alten Herrschaftsanspr\u00fcche \u00fcber die Ukraine auch praktisch umzusetzen. Der polnische K\u00f6nig vergab riesige L\u00e4ndereien, und pl\u00f6tzlich wurden die entlaufenen Leibeigenen von ihren alten Herren wieder eingeholt. Die Zahl der freien Kosaken wurde streng begrenzt. Sie dienten als Registerkosaken in der polnischen Kronarmee, der \u00fcberwiegende Teil aber wurde zu immer neuen Frondiensten gepre\u00dft. Der polnisch-litauische Adel war f\u00fcr seine Selbstherrlichkeit in ganz Europa ber\u00fcchtigt. Hinzu kam, da\u00df im Gefolge der katholischen Polen die Jesuiten auf \u00fcbelste Weise damit begannen, die orthodoxe Religion der Bev\u00f6lkerung zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die Siedler und Pioniere im Wilden Feld waren es gewohnt f\u00fcr ihre Freiheit zu k\u00e4mpfen. Es kam zu Aufst\u00e4nden, die von den Polen blutig niedergeschlagen wurden. Dabei stellten berittene Kosaken nur eine kleine Minderheit, das Gros bildeten Bauern und Landarbeiter, die oft nur mit Spie\u00dfen, Sensen, Mistgabeln oder \u00c4xten ausger\u00fcstet waren. Manche trugen sogar noch primitivere Waffen aus Hirschgeweihen oder Kieferknochen von gro\u00dfen Tieren. Wie die Hussiten benutzten sie die Wagenburg &#8211; den Tabor -, die sie in kritischen Situationen verzweifelt verteidigten. In diesen Kolonnen von Bauernwagen, Karren und geraubten Kutschen folgte dem zusammengelaufenen Heer eine Unzahl von Frauen und Kindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese schlecht ger\u00fcsteten und undisziplinierten Massen hatten gegen die gepanzerten polnischen Husaren und deren fremde S\u00f6ldner nur geringe Chancen. Zudem k\u00e4mpfte immer ein Teil der Registerkosaken auf polnischer Seite. Doch der Ha\u00df wuchs st\u00e4ndig, und 1648 gelang es dem angesehenen Kosaken Bogdan Chmielnicki einen Aufstand zu entfesseln, der die Ukraine wieder zum Wilden Feld machen und letztlich den Untergang der Gro\u00dfmacht Polen-Litauen einleiten sollte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"350\" height=\"424\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/chmielnicky.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1200\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/chmielnicky.jpg 350w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/chmielnicky-248x300.jpg 248w\" sizes=\"auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Bogdan Chmielnicki <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Chmielnicki war ebenfalls ein Opfer der Willk\u00fcr polnischer Beamter geworden. W\u00e4hrend seiner Abwesenheit hatte polnische Beamte seinen Hof \u00fcberfallen, seinen zehnj\u00e4hrigen Sohn erschlagen und seine Frau und sein bestes Pferd geraubt. Doch Chmielnicki besa\u00df Einflu\u00df unter den freien Kosaken am Dnjepr und diplomatisches Geschick. Es gelang ihm sogar vom Krimchan einige tausend Reiter zum Krieg gegen Polen zu erhalten. Gleichzeitig sammelten sich heimlich tausende von unruhigen Kosaken. Die polnische Kronarmee in der Ukraine wurde in Marsch gesetzt, um den Aufstand im Keim zu ersticken. In der Kronarmee und in den polnischen Festungen dienten zahlreiche deutsche S\u00f6ldner. Vor allem die Musketiere waren wegen ihres disziplinierten Salvenfeuers gesch\u00e4tzt und galten neben den Husaren als Elite der polnischen Armee.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim ersten Zusammensto\u00df am Dnjepr erschlugen die Kosaken der Kronarmee und die gepre\u00dften ukrainischen Bauern ihre polnischen Offiziere und gingen mit wehenden Fahnen zu Chmielnicki \u00fcber. Die Polen und ihre deutschen S\u00f6ldner standen allein. Verzweifelt versuchten sie ihre schnell aufgeworfenen Schanzen zu halten, aber die Pfeile der Tataren schlugen in ihre dichten Reihen. Vor den schnellen Reitern gab es kein Entkommen. Wer nicht niedergemacht wurde, den f\u00fchrten die Tataren in die Sklaverei. Kurz darauf erlebte die polnische Hauptmacht bei Korsun dasselbe Schicksal. Die deutschen Musketiere sollen sich bis zum letzten Mann geschlagen haben. Was blieb ihnen aber auch anderes \u00fcbrig. Als fremde S\u00f6ldner hatten sie kein Pardon zu erwarten, versprengte Trupps wurden gnadenlos von den Bauern erschlagen. Aus den endlosen Weiten der Ukraine fand kaum jemand den Weg zur\u00fcck. Ein rum\u00e4nischer Chronist notierte dazu nur: &#8222;Dieses gesamte polnische Heer [\u2026] verschwand dort in der Steppe.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Sieg bei Korsun stand die ganze Ukraine in Flammen. Der seit Jahrzehnten aufgestaute Ha\u00df entlud sich in unglaublichen Exzessen. Polnische Adlige, katholische Priester und Juden wurden bestialisch zu Tode gequ\u00e4lt, Frauen und Kinder massakriert, Menschen gekreuzigt, verbrannt, gepf\u00e4hlt und geh\u00e4utet. Gro\u00dfgrundbesitzern h\u00e4ngte man die K\u00f6pfe ihrer Familienangeh\u00f6rigen um den Hals, bevor sie gelyncht wurden. \u00dcberall erhob sich das Volk, um sich an seinen Unterdr\u00fcckern zu r\u00e4chen. Bauern aus Polen, Galizien und der Moldau schlichen \u00fcber die Grenze und schlossen sich den Aufst\u00e4ndischen an. Die Beute lockte Donkosaken, Zigeuner und Vagabunden. Von Gl\u00fcck konnten die sagen, die den Tataren in die H\u00e4nde fielen, ihnen blieb die Hoffnung sp\u00e4ter aus der Sklaverei freigekauft zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die Polen schlugen bald in \u00e4hnlicher Weise zur\u00fcck. Eine Armee unter dem litauischen Magnaten Wischnewecki bahnte sich mit &#8222;Feuer und Schwert&#8220; ihren Weg nach Podolien. D\u00f6rfer und kleine St\u00e4dte wurden verw\u00fcstet und die Einwohner konnten froh sein, wenn sie einen schnellen Tod fanden. Ein Historiker bezeichnete diese Armee treffend als &#8222;Kreuzritter mit Jesus auf den Lippen und Kinderblut an den Schwertern&#8220;. Wischneweckis Vormarsch wurde erst von einem Kosakenhetman gestoppt, der ihm an Grausamkeit und Brutalit\u00e4t ebenb\u00fcrtig war.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"450\" height=\"396\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/pol_hussar.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1201\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/pol_hussar.jpg 450w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/pol_hussar-300x264.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">polnischer Husar<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Ukraine versank in einem Sumpf von Blut und schien f\u00fcr Polen verloren. Doch man war entschlossen sie zur\u00fcckzuerobern. Der Sejm beschlo\u00df die Aufstellung eines gro\u00dfen Heeres. Da traf es sich gut, da\u00df im Reich Frieden geschlossen worden war. Tausende von Musketieren und Dragonern suchten Arbeit. Zu diesen alterprobten Veteranen stie\u00df der pr\u00e4chtig ger\u00fcstete polnische Adel. Jeder hatte Pagen und Diener dabei, viele f\u00fchrten ihre Frauen und M\u00e4tressen mit. Tausende von Tro\u00dfwagen und Kutschen folgten dem Heer. In jedem Feldlager feierte man mit erlesenen Speisen und Weinen den bevorstehenden Sieg \u00fcber das aufst\u00e4ndische Bauernpack. Es kam anders. An den sumpfigen Ufern der Piljawka \u00fcberfielen die Kosaken im Sp\u00e4tsommer 1648 das polnische Heer. Lediglich die kaltbl\u00fctigen Veteranen des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges hielten sich einen Tag. Dann war alles vorbei. Fliehen konnten nur die Reiter und auch von diesem kamen nur wenige aus den endlosen Weiten zur\u00fcck. Wieder war ein Heer in der Steppe verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Was waren dies nun f\u00fcr S\u00f6ldner, die ins Wilde Feld zogen, um dort zu verschwinden? Einer ihrer bekanntesten F\u00fchrer war der General Christoph von Houwald. Wenn ihn seine Karriere auch weit aus der Masse hervorhebt, so war er doch ein typisches Kind des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges. Er wurde 1601 als Sohn eines Tuchmachers in der N\u00e4he von Halle geboren, verlor fr\u00fch seine Eltern und lernte Armut und Hunger kennen. Bereits mit 11 Jahren wurde er Tro\u00dfbube bei einem Hauptmann der ungarischen Armee; mit 16 diente er dann als einfacher Musketier in einem kaiserlichen Regiment in Friaul. Als der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg begann, trat er bereits als erfahrener S\u00f6ldner in die b\u00f6hmische Armee ein. Anschlie\u00dfend k\u00e4mpfte er unter dem gl\u00fccklosen Mansfeld im Reich und in Holland. Er wurde mehrfach verwundet, aber auch bef\u00f6rdert. Als Leutnant begann er seinen Aufstieg in der schwedischen Armee. Wegen seiner Verdienste wurde er geadelt und f\u00fchrte schlie\u00dflich als Generalmajor drei Regimenter. Nachdem er aufgrund pers\u00f6nlicher Differenzen seinen Abschied genommen hatte, wurde er Stadtkommandant von Danzig und verbrachte dort in relativer Ruhe die letzten Kriegsjahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald nach den ersten Erfolgen der Kosaken erhielt er den Auftrag, f\u00fcr Polen ein Regiment zu werben. Wie \u00fcblich zogen sich die Verhandlungen \u00fcber das Geld in die L\u00e4nge. Nach der schweren polnischen Niederlage an der Piljawka wurde man sich dann aber schnell einig, und Houwald zog mit seinem Regiment nach Polen. Die Kosaken waren mit einem gewaltigen Heer vorgesto\u00dfen. Au\u00dfer den Tataren hatten sich ihnen Nogaier und andere Nomaden aus den Steppen n\u00f6rdlich des Kaspischen Meers angeschlossen. Wie einst unter Dschingis Chan ergossen sich Horden berittener Bogensch\u00fctzen nach Westen. Den Ansturm hemmte nur noch der Schl\u00e4chter Wischnewecki, der mit seinen Truppen die Stadt Zbaras gegen eine erdr\u00fcckende \u00dcbermacht verteidigte. Houwalds Regiment war Teil der polnischen Entsatzarmee, in der wieder deutsche S\u00f6ldner den Gro\u00dfteil der Infanterie stellten. Auch Houwald erlebte jetzt die Behinderungen durch die endlose Kolonne von Bagagewagen und Kutschen. Dem alten Haudegen war der Luxus, den sich der Adel g\u00f6nnte, ein Dorn im Auge. In Briefen klagte er \u00fcber die Unlust und mangelnde Courage der Adligen, die st\u00e4ndig mit pr\u00e4chtigen Waffen und &#8222;verg\u00fcldeten Gewehren&#8220; protzten und im Lager herumstolzierten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"450\" height=\"506\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/kurassier.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1202\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/kurassier.jpg 450w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/kurassier-267x300.jpg 267w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">K\u00fcrassier<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Und wieder schien sich das Schicksal der stolzen polnischen Armee zu wiederholen. Als alles damit besch\u00e4ftigt war, den Tro\u00df \u00fcber einen versumpften Flu\u00df zu bringen, griffen die Kosaken \u00fcberraschend aus den Uferw\u00e4ldern an. \u00dcber der Niederung lag noch Nebel, und bald war jede Ordnung dahin. Ulanen und Infanterie waren zwischen den Bagagewagen eingeklemmt und wurden von allen Seiten angegriffen. Da mu\u00dfte &#8222;mancher redlicher Teutscher in den S\u00e4bel beissen&#8220;, berichtet Houwald. Doch die S\u00f6ldner hatten schon so manche blutige Schlacht \u00fcberstanden. In dem Chaos behielten sie die Ruhe und begannen zu schanzen. Bald schreckten die Tataren vor ihren gezielten Salven zur\u00fcck. Aber auch die Pikeniere hatten einige der in die Reihen eingedrungenen Kosaken &#8222;so empfangen und abgespicket&#8220;, da\u00df die anderenfl\u00fcchteten. Der Ansturm wurde abgeschlagen. Trotzdem schien die Lage hoffnungslos. Da verhandelten die Polen mit dem Krimchan. Die Tataren waren nur wegen der Beute mitgezogen und wollten auch die Kosaken nicht zu m\u00e4chtig werden lassen. So waren sie mit einer enormen Summe zum Abzug zu bewegen. Von ihren Bundesgenossen im Stich gelassen waren dann auch die Kosaken zu einem Waffenstillstand bereit.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch der Friede war br\u00fcchig. Kosakische R\u00e4uberbanden und die Aufgebote polnischer Edelleute f\u00fchrten weiter einen unbarmherzigen Kleinkrieg und terrorisierten das Land. Polen begann weiter zu r\u00fcsten und lie\u00df vor allem im Reich die Werbetrommel kr\u00e4ftig r\u00fchren. Die arbeitslosen deutschen Obristen und Knechte kamen in Scharen. Bald hatte man in Polen &#8222;20.000 Mann Teutscher V\u00f6lcker&#8220;. Das waren nat\u00fcrlich nicht alles Deutsche. Es waren die Restbest\u00e4nde der buntgemischten Regimenter des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges. &#8222;Deutsche&#8220; waren alle S\u00f6ldner aus dem Westen, und manchmal war das Wort einfach gleichbedeutend mit Musketier. Doch diese fremden S\u00f6ldner waren nur ein Teil des riesigen Heeres. Zu ihnen und den Polen kamen Abteilungen aus Litauen, Wei\u00dfru\u00dfland und Galizien. Polen-Litauen hatte noch einmal seine ganze Macht aufgeboten, um dem Aufstand Herr zu werden. Bei Beresteczko am Styr kam es im Juli 1651 zur Schlacht. Auch die Kosaken hatten alles mobilisiert: Bauern und Leibeigene, Tataren und Nogaier. Den Kern ihres Heeres bildete eine riesige Wagenburg, die sich an die S\u00fcmpfe des Styr anlehnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Houwalds Regiment stand in der Mitte und sah sich den &#8222;dicken schwarzen Haufen wie Heuschreckenschw\u00e4rme zusammengeballt&#8220; gegen\u00fcber. Rachedurstig warfen sich die polnischen Reiter auf die Kosaken. Die Infanterie r\u00fcckte langsam vor und schlug dabei die immer wieder anbrandenden Tataren zur\u00fcck. Dichter Pulverqualm legte sich \u00fcber die Ebene. Vor allem das Artilleriefeuer der Polen wirkte vernichtend. Drei Tage wogte die Schlacht, dann wurden den Tataren die Verluste zu gro\u00df. Sie wendeten ihre Pferde und zogen sich von den Polen verfolgt zur\u00fcck. Allein gelassen verschanzten sich die Kosaken in ihrer Wagenburg, wo sie alle Angriffe zur\u00fcckschlugen. Die Belagerung wurde schwierig. Die Eingeschlossenen machten Ausf\u00e4lle, \u00fcberfielen Schildwachen der polnischen Batterien und &#8222;putzten denselben die K\u00f6pfe mit der Sensen weg&#8220;. Bei den Polen dagegen begannen die ersten Kontingente abzuziehen. Doch die Bauern und Kosaken wurden von ihren F\u00fchrern im Stich gelassen. Chmielnicki war schon mit den Tataren geflohen, und als auch noch die anderen Hetmane damit begannen, sich \u00fcber den Sumpf abzusetzen, brach Panik aus. Jeder wollte der erste am Flu\u00df sein. In dieses Chaos traf der Sturm der Polen. Sie fanden nur noch wenig Widerstand und \u00fcbten grauenhafte Vergeltung. Gnade war keine zu erwarten. Zehntausende wurden erschlagen oder ertranken bei der Flucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kosaken mu\u00dften klein beigeben und sich einem Frieden beugen. Aber die Unterwerfung der Ukraine erwies sich als schwierig. Hunger, Ruhr und der st\u00e4ndige Guerillakrieg gegen die Bev\u00f6lkerung dezimierten das polnische Heer auf den langen M\u00e4rschen. Chmielnicki war bald wieder obenauf und f\u00fchrte ein Heer in die Moldau. Als ihm die Polen den Weg verlegen wollten, erlitten sie eine vernichtende Niederlage. Der rum\u00e4nische Chronist schreibt dar\u00fcber: &#8222;da\u00df nicht ein Hetman, da\u00df nicht ein Anf\u00fchrer, ja ich wage sogar zu behaupten, nicht ein einziger der anwesenden 8.000 Fu\u00dfknechte davonkam [&#8230;] denn Chmielnicki und der Sultan hatten vorher ausgemacht, da\u00df die Tataren aus dieser Schlacht keinen einzigen Gefangenen fortf\u00fchren sollten, sondern alles, was ihnen in die Quere laufen sollte, niederhauen, damit sie dadurch den Truppenbestand Polens schw\u00e4chten&#8220;. In diesem Desaster fand auch Houwalds Regiment sein Ende. Houwald hatte allerdings vorher das Kommando abgegeben und war zum Berater des K\u00f6nigs aufgestiegen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"563\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/polen_armee.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1203\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/polen_armee.jpg 400w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/polen_armee-213x300.jpg 213w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Krieg ging also weiter und griff sogar auf die Moldau, die Walachei und Siebenb\u00fcrgen \u00fcber. Doch damit nicht genug. Chmielnicki suchte neue Verb\u00fcndete. Da ihm der Krimchan als zu wankelm\u00fctig erschien, wandte er sich an den Zaren und unterstellte die Ukraine Moskau. Daraufhin fiel 1654 ein russisches Heer in der Ukraine ein und schlug im B\u00fcndnis mit den Kosaken ein weiteres polnisches Heer. Doch als sich Ru\u00dfland mit Polen auf Kosten der Kosaken zu einigen drohte, wandte sich Chmielnicki zuerst an die T\u00fcrkei, dann an Schweden. Da der polnische K\u00f6nig Anspruch auf den schwedischen Thron erhob, lie\u00df sich Karl Gustav von Schweden nicht lange bitten. 1655 brach ein schwedisches Heer in Posen ein, nahm Warschau und marschierte auf Krakau. Daraufhin schlo\u00df nun Polen ein B\u00fcndnis mit den Krimtataren und Ru\u00dfland n\u00fctzte die Gelegenheit, um ins schwedische Livland einzufallen. Schweden wiederum konnte den F\u00fcrsten R\u00e1k\u00f3czi von Siebenb\u00fcrgen zu einem \u00dcberfall auf Polen bewegen. In der polnischen Geschichte bezeichnet man diese Zeit als die &#8222;Kriege der blutigen Sintflut&#8220;. St\u00e4dte wurden entv\u00f6lkert, ganze Landstriche wurden zu menschenleerem \u00d6dland.<br><br>Auch die schwedischen und russischen Armeen brachten zahlreiche fremde S\u00f6ldner nach Polen und ins Wilde Feld. Der Unterschied war nur, da\u00df Ru\u00dfland zur Ausbildung seines r\u00fcckst\u00e4ndigen Milit\u00e4rs vor allem Offiziere anwarb, w\u00e4hrend das menschenarme Schweden einen unstillbaren Bedarf an S\u00f6ldnern hatte, so da\u00df ein gutes Drittel seiner Armee allein aus Deutschen bestand. Dazu kamen Schotten, Engl\u00e4nder, Iren, Franzosen und wie immer Abenteurer von \u00fcberall, bis hin zu einigen T\u00fcrken.<br><br>Mit dem Eingreifen der Gro\u00dfm\u00e4chte wurde der Krieg in Polen und im Wilden Feld zu einem Mahlstrom, in den die fremden Regimenter geworfen und zerrieben wurden. Es ist unm\u00f6glich das Schicksal dieser S\u00f6ldner im Detail zu verfolgen. Allein die Geschichte der deutschen Regimenter im schwedischen Dienst f\u00fcllt eine zweib\u00e4ndige Darstellung. Die endlosen Weiten der Steppe, Hunger, Krankheiten und K\u00e4lte forderte schreckliche Verluste. Pferde verendeten und Stiefel zerfielen. Durch Ruhr, Typhus und die Pest schmolzen ganze Regimenter auf Kompaniest\u00e4rke, ohne je einen Feind gesehen zu haben. Von zwei schwedisch-deutschen Regimentern war zum Beispiel 1556 nach 6 Monaten nur noch knapp ein Viertel \u00fcbrig. S\u00f6ldner wurden dabei schnell zur Mangelware. St\u00e4ndig mu\u00dften neue Werbungen f\u00fcr Ersatz sorgen, Gefangene, die kein L\u00f6segeld bezahlen konnten, ja ganze Regimenter wurden &#8222;untergesteckt&#8220;, das hei\u00dft in die Armee des Siegers eingegliedert.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00a9 Frank Westenfelder &nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutsche Regimenter im Krieg um Polen und die Ukraine.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1198,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[118,8],"tags":[123,125,124],"class_list":["post-1194","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-absolutismus-artikel","category-artikel","tag-kosaken","tag-polen","tag-veteranen"],"blocksy_meta":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.4 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Im wilden Feld - 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