{"id":1168,"date":"2024-11-01T09:57:39","date_gmt":"2024-11-01T09:57:39","guid":{"rendered":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/?p=1168"},"modified":"2025-01-16T15:26:59","modified_gmt":"2025-01-16T15:26:59","slug":"der-zauber-ostindiens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/der-zauber-ostindiens\/","title":{"rendered":"Der Zauber Ostindiens"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Der Kolonialdienst in der VOC.<\/h5>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"647\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/voc-wappen.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1170\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/voc-wappen.jpg 500w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/voc-wappen-232x300.jpg 232w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Wappen der VOC<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nachdem die Niederl\u00e4nder im Dauerkonflikt mit Spanien einige erste Handelsexpeditionen zu den Gew\u00fcrzinseln in Ostindien geschickt hatten, beschlossen sie ihre Unternehmungen dort zu b\u00fcndeln und gr\u00fcndeten 1602 die OIC (Oost-Indische Compagnie), aus der dann sp\u00e4ter die VOC (Vereenigde Oost-Indische Compagnie) wurde. W\u00e4hrend WIC ihre Kr\u00e4fte in einem permanenten Krieg um Pernambuco verschliss, machte die VOC in Ostindien bessere Gesch\u00e4fte. Hier war es den Niederl\u00e4ndern gelungen sich nach und nach ein riesiges Imperium zusammenzurauben. Das dazu notwendige Menschenmaterial konnte nur zum Teil im eigenen Land angeworben werden, da die relativ kleine Bev\u00f6lkerung auch auf den Werften und in den Kontoren gebraucht wurde. Gegen Ende des Jahrhunderts verf\u00fcgte die VOC \u00fcber 200 Gro\u00dfschiffe mit mehr als 30.000 Mann Besatzung. In den zerstreuten Garnisonen lagen st\u00e4ndig 8-15.000 S\u00f6ldner, und vor allem die weiten Seereisen forderten einen hohen Tribut. St\u00e4ndig gingen Schiffe durch Sturm oder Krieg verloren, noch mehr dezimierten Krankheiten die Mannschaften. Im Durchschnitt lag die Todesrate bei einem Transport nach Ostindien bei 10%, oft jedoch weit dar\u00fcber. So waren zum Beispiel von den 600 Mann, die 1616 zu einer Erkundungsfahrt um die Erde aufgebrochen waren, nur 53 zur\u00fcckgekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Ostindien kam es zwar auch zu K\u00e4mpfen mit Portugiesen und Eingeborenen, aber Fieber, Malaria, Beriberi, Ruhr, Totschlag und Milit\u00e4rstrafen forderten weitaus h\u00f6here Opfer. Selbst in relativ friedlichen Zeiten ergab sich daraus ein enormer Menschenverschlei\u00df. Im 17. Jahrhundert wurden 317.800 Mann nach Asien geschickt; nur 114.400 kamen zur\u00fcck. Weit \u00fcber die H\u00e4lfte davon waren Ausl\u00e4nder, wovon die Deutschen den L\u00f6wenanteil stellten. Der Anteil der Franzosen und Engl\u00e4nder war schon deshalb zur\u00fcckgegangen, da diese mit eigenen Flotten nach Asien vorstie\u00dfen. Au\u00dferdem f\u00fchrten beide mehrere Kriege gegen Holland, wodurch Werbungen immer wieder untersagt wurden. Weiterhin dienten in der VOC viele Flamen, Skandinavier und Polen. Das ideale Hinterland war f\u00fcr Holland aber weiterhin das Reich. Aus Friesland, Holstein und den Hansest\u00e4dten kamen erprobte Seeleute; Hessen, Pf\u00e4lzer und Els\u00e4sser nutzten die gute Schiffsverbindung auf dem Rhein, aber das ferne Indien verlockte auch erstaunlich viele S\u00fcddeutsche aus N\u00fcrnberg, Schwaben und Bayern dazu ihr Gl\u00fcck in Amsterdam zu versuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Dienst in Ostindien unterschied sich in vielem von dem in Brasilien. Man versuchte zwar auch hier den Portugiesen einzelne Schiffe und Forts abzunehmen, k\u00e4mpfte sonst aber eher selten gegen europ\u00e4ische Truppen. An der langen reichen K\u00fcste Indiens und Ceylons, im chinesischen Meer und im weiten indonesischen Archipel zerstreuten sich die Flotten der Kolonialm\u00e4chte. Da die asiatischen Staaten in der Regel dicht bev\u00f6lkert und relativ hoch entwickelt waren, konnten die Kolonialm\u00e4chte anfangs nur kleinere Inseln erobern oder mu\u00dften sich auf Handelsniederlassungen beschr\u00e4nken. F\u00fcr die S\u00f6ldner der WIC war der Seetransport oft das Interessanteste gewesen, in Brasilien hatte dann der Krieg schnell die exotischen Reize erstickt. In Ostindien bestand der Dienst dagegen oft aus Seereisen. Truppen wurden von Batavia nach Ceylon, Indien, auf die Molukken, nach Sumatra oder eine andere der zahllosen Inseln geschickt. Im lockeren aber weiten Machtbereich der VOC gab es unendlich viel Fremdes zu sehen und zu entdecken, und so trieben Reiselust und die Hoffnung auf schnelle Reicht\u00fcmer weiterhin zahllose Abenteurer auf die holl\u00e4ndischen Schiffe.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"688\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/oostindien.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1172\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/oostindien.jpg 1000w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/oostindien-300x206.jpg 300w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/oostindien-768x528.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Viele kamen aus St\u00e4dten und besa\u00dfen eine gewisse Bildung. Sie hatten Reiseberichte gelesen und waren entschlossen ihre Jugendtr\u00e4ume zu verwirklichen. Nat\u00fcrlich wollten auch sie reich werden, aber es waren meistens recht nebelhafte Vorstellungen von m\u00e4rchenhaften Sch\u00e4tzen und Bergen aus Gold. Einer hatte sogar geh\u00f6rt, da\u00df man Hammer und Mei\u00dfel mit nach Indien nehmen sollte, um die Diamanten &#8222;von den Klippen zu kriegen&#8220;. In ihrer Vorstellungswelt war der ferne Osten eine fantastische Welt, eine Mischung aus Marco Polo und 1001 Nacht, wo barbarische K\u00f6nige, deren Schatzkammern mit Perlen und Juwelen gef\u00fcllt waren, auf Thronen aus Elfenbein und Lapislazuli sa\u00dfen. In den Krieg zogen sie hoch auf einem Elefanten, und wenn sie get\u00f6tet wurden, warfen ihre Witwen Edelsteine ins Volk, um sich dann auf den brennenden Scheiterhaufen zu st\u00fcrzen. Ein Schreiber aus Leipzig berichtet er habe &#8222;an der Frantz\u00f6sischen Reise-Sucht kranck darnieder gelegen&#8220; und sei deshalb mit einem Freund nach Paris aufgebrochen. Auf einem Hamburger Schiff trafen sie einen S\u00f6ldner, der bereits in Ostindien gewesen war. Dieser predigte ihnen so lange von &#8222;Croesischen Sch\u00e4tzen&#8220; und &#8222;g\u00fcldenen Bergen&#8220; bis sie ihre Pl\u00e4ne \u00e4nderten und sich in Amsterdam anwerben lie\u00dfen. Dem N\u00fcrnberger Patriziersohn Johann Sigmund Wurffbain dagegen hatten seine Eltern geraten, das Ende des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges in Ostindien abzuwarten. Er wurde nur S\u00f6ldner, weil man ihm eine Stelle als Kaufmann in Aussicht gestellt hatte. Da er aus einer wohlhabenden Familie kam, empfand er Strapazen, Verpflegung und Disziplin als unzumutbar und kam zu dem Schlu\u00df: Es &#8222;wird niemand aus F\u00fcrwitz oder frembder Lust, sondern vielmehr aus Mangel der Nahrung, oder ungeb\u00fcrlichen Ursachen, sich unterstehen, f\u00fcr einen Soldaten bey den Engell\u00e4ndern, Portugiesen und Holl\u00e4ndern, Dienst zu nehmen&#8220;. Er riet seinen Lesern solche Reisen lieber auf eigene Kosten zu unternehmen. Aber wer hatte schon das Geld dazu? F\u00fcr viele blieb der Kriegsdienst die einzige M\u00f6glichkeit aus ihrer engen Heimat auszubrechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg war meistens der gleiche. Man meldete sich in Amsterdam bei den Rekrutierungsb\u00fcros der VOC und wurde gemustert. Das hie\u00df man verpflichtete sich in der Regel f\u00fcr f\u00fcnf Jahre und erhielt Waffen, eine Seekiste, Bettzeug und Handgeld, mit dem Kleidung und Zusatzverpflegung gekauft werden konnte, das aber viele gleich im Hafen vertranken. Wurde gerade keine Flotte zusammengestellt, mu\u00dfte man warten, entweder auf eigene Kosten oder im Haus eines Seelenverk\u00e4ufers, eines &#8222;Zeelverkoopers&#8220; wie sie genannt wurden. Diese nahmen stellenlose Seeleute und S\u00f6ldner bei sich auf, verk\u00f6stigten sie und verkauften sie dann bei Bedarf an Kapit\u00e4ne, Reeder oder die VOC. Die Unkosten und der nicht unbetr\u00e4chtliche Gewinn des Seelenverk\u00e4ufers wurden sp\u00e4ter vom Sold abgezogen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"284\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/voc-werft.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1175\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/voc-werft.jpg 600w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/voc-werft-300x142.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">VOC-Werft in Amsterdam<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach der Musterung wurden die S\u00f6ldner mit kleineren Schiffen nach Texel gebracht, wo die Flotten nach Ostindien ablegten. Mit der Seereise begann dann f\u00fcr viele die Ern\u00fcchterung. Oft dr\u00e4ngten sich drei- bis vierhundert Mann auf dem Zwischendeck. Gesunde, Verlauste und Kranke lagen dicht an dicht. Jeweils sieben Mann bildeten eine Back und erhielten in einer gemeinsamen Holzsch\u00fcssel ihr Essen. Es gab Gerstengr\u00fctze, Bohnen, Erbsen, Stockfisch und Salzfleisch, dazu erhielt jeder w\u00f6chentlich eine Ration Zwieback und am Anfang der Fahrt mehrere kleine Hartk\u00e4se. Au\u00dferdem besa\u00df jeder eine Kanne f\u00fcr die t\u00e4gliche Wasserration, zu der manchmal auch etwas Branntwein und am Anfang der Fahrt auch Bier kamen. Wasser war immer knapp und wurde strenger rationiert bei widrigen Winden oder wenn der Kapit\u00e4n aus Eile auf Zwischenstationen verzichtete. Nach einigen Wochen begann das Wasser zu stinken und in den F\u00e4ssern schwammen wei\u00dfe W\u00fcrmer. Einige S\u00f6ldner berichten, da\u00df sie es immer durch ein Tuch siebten und nur mit zugehaltener Nase trinken konnten. Das Essen war zwar nahrhaft, aber es gab genug Kapit\u00e4ne, die mit dem Ankauf von verdorbenem Proviant ihr Gehalt aufbesserten oder den daf\u00fcr vorgesehenen Lagerraum zum Teil f\u00fcr eigene Handelsware benutzten. Konnte mit diesem Essen ein Gesunder immerhin auf bessere Zeiten hoffen, so war es f\u00fcr Kranke oft t\u00f6dlich. Es war schwer verdaulich, viel zu salzig und enthielt keinerlei Vitamine. Die meisten Opfer forderte dann auch der Skorbut, der sogenannte &#8222;Scharbock&#8220;, gefolgt von Ruhr, Dysenterie, Blattern, Wassersucht und diversen Tropenkrankheiten.<\/p>\n\n\n\n<p>In fast allen Reiseberichten sind die Seereisen auch gleichzeitig Chroniken des allt\u00e4glichen Sterbens an Bord. Viele der Kranken waren zu schwach, um sich zu bewegen und lagen apathisch in Urin, Eiter und Erbrochenem, in Hitze und Gestank des Zwischendecks. Man wu\u00dfte zwar noch nichts von Vitaminen, hatte aber die Erfahrung gemacht, da\u00df frische Nahrung den meisten Kranken half. Deshalb versuchte man nach M\u00f6glichkeit auf den Kanaren oder Kapverden Fr\u00fcchte und frisches Wasser zu laden. Kl\u00fcgere Kapit\u00e4ne lie\u00dfen Zitronen in F\u00e4sser einlegen und dann an die Mannschaft ausgeben. Aber wirklich schlimm wurde es in der windstillen Region am \u00c4quator. Dort lagen die Schiffe oft wochenlang fest und in der m\u00f6rderischen Hitze wurde das Zwischendeck zur H\u00f6lle. Ein S\u00f6ldner schreibt, da\u00df es selbst nachts noch hei\u00dfer als in einer &#8222;Badstuben&#8220; zu Hause war. Einige verloren vor Durst und Hitze den Verstand und sprangen \u00fcber Bord. F\u00fcr Schiffe, die lange am \u00c4quator festgelegen hatten, war die Insel St. Helena manchmal die letzte Rettung. Danach kam das Kap der guten Hoffnung, das seinen Namen erhalten hatte, da nun das schlimmste vorbei war. Im indischen Ozean waren die Winde besser und man legte den Weg nach Batavia meistens in einer Etappe und mit weit geringeren Verlusten zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch nicht nur Krankheiten dezimierten die Mannschaften. Enge, Hitze, Verzweiflung, Langeweile und schlechte Verpflegung f\u00f6rderten Gewalt und Aggressionen. Bei S\u00f6ldnern und Matrosen sa\u00dfen die Messer locker. Ein falsches Wort und es kam beim Essen und vor allem beim Spiel zu Streit, Schl\u00e4gereien und Totschlag. Nat\u00fcrlich waren solche Dinge schon immer typisch f\u00fcr das Zusammenleben von S\u00f6ldnern, aber im Mittelalter berichten nur wenige Chronisten ganz allgemein davon und auch die Landsknechte schrieben lieber von ihren Heldentaten. Durch die zahlreichen Reiseberichte wird dieses vage Bild nun deutlicher. Fast jeder, der auf den Schiffen der VOC fuhr, schreibt \u00fcber Diebstahl, Gewalt und Messerstechereien. Da sich an Karten- und W\u00fcrfelspielen um Geld der meiste Streit entz\u00fcndete, waren diese streng verboten, harmlose Brettspiele wie Dame dagegen erlaubt. Doch die S\u00f6ldner lie\u00dfen sich dadurch nur bedingt von ihrer gro\u00dfen Leidenschaft abhalten. So schreibt einer, da\u00df der Profos vor allem deshalb verha\u00dft war, da er nachts \u00fcber das Deck schlich und lauschte, ob heimlich gespielt wurde. Er und seine Genossen verstopften deshalb alle L\u00f6cher mit Matratzen und planten, im Falle einer Entdeckung den Profos zu \u00fcberw\u00e4ltigen und \u00fcber Bord zu werfen. Um trotzdem die Disziplin aufrecht zu erhalten, bediente man sich einer ganzen Reihe barbarischer Milit\u00e4rstrafen. Gepeitscht wurde schon wegen Lappalien, schlimmer war das Kielholen, wobei der Verurteilte mehrmals mit einem Seil unter dem Kiel durchgezogen wurde, was nur wenige \u00fcberlebten. F\u00fcr schwere Vergehen gab es die Todesstrafe in Form von H\u00e4ngen oder Erw\u00fcrgen, manche wurden auch in Eisen geschlossen und erst in der n\u00e4chsten Garnison verurteilt. Wer im Streit ein Messer ben\u00fctzte, dem wurde die Hand damit an den Mast genagelt und er mu\u00dfte sie selbst losrei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"364\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/fruechte.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1176\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/fruechte.jpg 600w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/fruechte-300x182.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Wenn die S\u00f6ldner nach den langen Strapazen endlich Java erreichten, kamen sie in eine fremde, faszinierende Welt. Die Holl\u00e4nder hatten in einem Krieg gegen den herrschenden Sultan und die konkurrierenden Engl\u00e4nder das alte Jakarta zerst\u00f6rt und eine v\u00f6llig neue Stadt errichtet, die sie nach ihrer Heimat Batavia nannten. Batavia war fast eine holl\u00e4ndische Stadt mit Mauer, Wassergraben, Zugbr\u00fccken, Kan\u00e4len, breiten gepflasterten Stra\u00dfen, m\u00e4chtigen Kolonialbauten und pr\u00e4chtigen G\u00e4rten. In Batavia flossen die Reicht\u00fcmer des Imperiums zusammen, hier sa\u00df der Gouverneur und hier war der Knotenpunkt f\u00fcr die weitverzweigten Handelsrouten. Das Kastell sollte mit seinen vier Bastionen Diamant, Rubin, Saphir und Perle sowohl Macht wie auch Reichtum der Kompagnie demonstrieren. In den Stra\u00dfen dr\u00e4ngten sich Holl\u00e4nder, Chinesen, Malaien, Neger, Inder und Mischlinge aller Rassen. Es gab Sklaven aus dem gesamten Archipel, aus Bali, Amboina, Macassar, Borneo und Sumatra, dazu solche aus Bengalen, Ceylon und Madagaskar. Jeder Haushalt besa\u00df Sklaven, ein einfacher Handwerker manchmal nur ein halbes Dutzend und die R\u00e4te von Indien mehrere hundert. Durch die Menge schoben sich Lastentr\u00e4ger, S\u00e4nften, von Wasserb\u00fcffeln gezogene Karren und manchmal ein Elefant. In den Kontoren und Lagerh\u00e4usern stapelten sich Baumwoll- und Leinenstoffe aus Indien, seidene T\u00fccher aus Persien, Bengalen und China, Zinn aus Malaysia, chinesisches Porzellan, Tee, Opium, Salpeter, Zucker, Ebenholz und all die Gew\u00fcrze Ostasiens: Muskatbl\u00fcten und -N\u00fcsse, wei\u00dfer und schwarzer Pfeffer, Zimt und die hei\u00df begehrten Gew\u00fcrznelken von den Molukken. Die G\u00e4rten, Marktst\u00e4nde, Buden und Gark\u00fcchen waren voll von exotischen Bl\u00fcten, Fr\u00fcchten, Ger\u00fcchen und Menschen, von denen man in Europa keinerlei Vorstellung hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Neuank\u00f6mmlinge waren \u00fcberw\u00e4ltigt. Das Staunen begann gleich mit der Ankunft, wenn zahllose kleine Boote die Schiffe umschw\u00e4rmten und den Ausgezehrten exotische Fr\u00fcchte und Speisen verkauften. Fast alle Berichterstatter machten sich die M\u00fche die verschiedenen Fr\u00fcchte zu beschreiben: Ananas, Melonen, Bananen, Papayas, Mangos und Pampelmusen. In der Stadt beglotzten sie die tausend V\u00f6lkerschaften in ihren fremdartigen Kleidern, Chinesen mit langen Seidenhemden und Pantoffeln, Inder mit ge\u00f6lten Haaren, schwarze Sklaven, einheimische, mit Federn geschm\u00fcckt S\u00f6ldner mit bunt bemalten Schilden, seltsamen Waffen und Musikinstrumenten, Frauen in durchsichtigen Leibchen und Saris. Sie besuchten chinesische und malaiische Hochzeiten, blumengeschm\u00fcckte Prozessionen mit riesigen Pauken, chinesische Theaterauff\u00fchrungen und Hahnenk\u00e4mpfe. Fast jeder bewunderte die Anmut und den reichen Schmuck der einheimischen T\u00e4nzerinnen. Einer schreibt begeistert \u00fcber die fremden Sitten und Gebr\u00e4uchen und der Sch\u00f6nheit der Stadt, wo sogar die Bastionen mit Magnolien und Limonen bepflanzt waren. Er beteiligte sich an Jagden auf Krokodile, Nash\u00f6rner, Tiger und B\u00fcffel. Ein anderer fra\u00df einmal so viele Mangos bis ihm schlecht wurde. Andere sahen Elefantenjagden auf Ceylon. Wer hatte im Europa des 17. Jahrhunderts schon jemals solche Tiere gesehen? In Batavia und Colombo mu\u00dften die S\u00f6ldner vor Elefanten exerzieren, damit diese ihre Scheu vor dem Musketenfeuer verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich hatte die VOC ihre S\u00f6ldner nicht als bezahlte Touristen geworben, aber gro\u00dfe Kriege waren in Ostindien relativ selten. Die Kolonialm\u00e4chte vermieden nach M\u00f6glichkeit Konflikte mit m\u00e4chtigen Herrschern, sch\u00fctzten ihre Handelsniederlassungen mit Garnisonen und eroberten lediglich kleinere Inseln. Zur Sicherung der exorbitanten Gewinne war eine Monopolstellung im Handel von zentraler Bedeutung. Dazu jagte man zwar auch die Schiffe der Konkurrenz, versuchte aber vor allem mit den einheimischen F\u00fcrsten entsprechende Vertr\u00e4ge zu schlie\u00dfen. Wenn das Erscheinen der Flotte nicht ausreichte einen F\u00fcrsten zur Unterschrift zu bewegen, landeten die S\u00f6ldner und sorgten mit gezieltem Terror f\u00fcr die notwendige Einsicht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"407\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/nassau-banda.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1178\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/nassau-banda.jpg 500w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/nassau-banda-300x244.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Fort Nassau auf Banda<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Oft rebellierten die Eingeborenen, wenn die Flotte weg war. Aber die modernen Forts mit ihren Gesch\u00fctzen konnten sie nicht erobern, und die Aufst\u00e4nde wurden wieder mit der altbew\u00e4hrten Brutalit\u00e4t niedergeschlagen. Letzten Endes f\u00fcgten sie sich und lieferten ihre Gew\u00fcrze in den Kontoren der VOC ab. F\u00fcr Schwierigkeiten sorgten lediglich englische Schiffe, die die Eingeborenen aufwiegelten und mit Musketen versorgten, um ebenfalls an die begehrten Gew\u00fcrze zu kommen. Doch die Fregatten und Landungstruppen der VOC wurden meistens schnell mit diesen Unruhen fertig. Die S\u00f6ldner brannten einige D\u00f6rfer und Felder nieder und versorgten den Sklavenmarkt in Batavia mit neuem Nachschub. Bis Mitte des Jahrhunderts hatten sie die Inseln des Archipels so dauerhaft &#8222;befriedet&#8220;, da\u00df viele ihre gesamte Dienstzeit ruhig in den Garnisonen verbringen konnten.<br><br>Doch das Leben in den kleinen weit verstreuten Forts hatte andere T\u00fccken. Viele Inseln waren als Fieberh\u00f6llen gef\u00fcrchtet. Hinzu kam, da\u00df auch hier immer wieder einige Kommandanten die Gelegenheit n\u00fctzten, sich an der Nahrung zu bereichern. Aber fast noch schlimmer als die Krankheiten war die im wahrsten Sinne des Wortes t\u00f6dliche Langeweile. Die S\u00f6ldner bek\u00e4mpften sie mit ihren altbew\u00e4hrten Mitteln: Suff, Spiel und Streit. Es war sicher nicht ganz so \u00fcbel wie auf den Schiffen, aber im Laufe der Jahre kam einiges zusammen. Duelle, Messerstechereien, Totschlag und die folgenden Strafen forderten meistens mehr Opfer als Kriege und Strafexpeditionen. Wurffbain war f\u00fcnf Jahre auf Amboina und dort geschah einfach nichts. Er schreibt \u00fcber Ruhr, Wassersucht, Fieber, Blattern, Pocken und Beriberi und kam zu dem Schlu\u00df, da\u00df auf Amboina die ungesunde Luft mehr Europ\u00e4er aufgerieben h\u00e4tte, als die Waffen der Eingeborenen. Die einzige Abwechslung scheinen Schiffe und Gerichtstage gewesen zu sein. Die ersteren waren selten, die anderen eine regelm\u00e4\u00dfige Abwechslung in der Monotonie. Akribisch notierte Wurffbain wieviele Personen gegei\u00dfelt, gebrandmarkt, gewippt, verbannt, ger\u00e4dert, geh\u00e4ngt, enthauptet, stranguliert und erschossen wurden. Die Ursachen &#8211; Konspiration, Gottesl\u00e4sterung, Ehebruch, Blutschande, Mord, Totschlag, Desertion, Sodomie und die Flucht von Sklaven &#8211; verraten viel \u00fcber den Alltag in einem kleinen Fort am Ende der Welt. Gewalt und die entsprechenden Strafen findet man zwar in allen Reiseberichten, aber nur Wurffbain schreibt so ausf\u00fchrlich dar\u00fcber, da sich sonst auf Amboina absolut nichts ereignete, was ihm berichtenswert schien. Klatschgeschichten, ein Dutzend Schiffe, das Einfangen entlaufener Sklaven und alle ein, zwei Monate ein Gerichtstag waren die Glanzlichter seines f\u00fcnfj\u00e4hrigen Dienstes.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00a9 Frank Westenfelder &nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kolonialdienst in der VOC.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1169,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[118,8],"tags":[62,121],"class_list":["post-1168","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-absolutismus-artikel","category-artikel","tag-kolonien","tag-voc"],"blocksy_meta":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.4 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Zauber Ostindiens - Kriegsreisende<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/der-zauber-ostindiens\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der Zauber Ostindiens - 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