{"id":1148,"date":"2024-10-31T18:14:24","date_gmt":"2024-10-31T18:14:24","guid":{"rendered":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/?p=1148"},"modified":"2025-01-16T15:29:02","modified_gmt":"2025-01-16T15:29:02","slug":"der-soldatenhandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/der-soldatenhandel\/","title":{"rendered":"Der Soldatenhandel"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Die Legende von den &#8222;verkauften Hessen&#8220;.<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Es traten wohl so etlich vorlaute Bursch&#8216; vor die Front heraus und fragten den Obersten, wie teuer der F\u00fcrst das Joch Menschen verkaufe? Aber unser gn\u00e4digster Landesherr lie\u00df alle Regimenter auf dem Paradeplatz aufmarschieren und die Maulaffen niederschie\u00dfen. Wir h\u00f6rten die B\u00fcchsen knallen, sahen ihr Gehirn auf das Pflaster spritzen, und die ganze Armee schrie: Juchhe nach Amerika&#8220;, schrieb Schiller in Kabale und Liebe 1784. Schiller war nicht der einzige; in ganz Deutschland emp\u00f6rte man sich pl\u00f6tzlich \u00fcber den &#8222;Menschenhandel&#8220; der F\u00fcrsten. Der Anla\u00df war die Vermietung von Truppen zur Niederschlagung des Aufstandes in Nordamerika. Die Kritik richtete sich haupts\u00e4chlich gegen Hessen-Kassel, das den L\u00f6wenanteil der S\u00f6ldner geliefert hatte. Doch bei genauerer Betrachtung entpuppt sich das Bild von den &#8222;verkauften Hessen&#8220; als eine Legende.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"640\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/hessen-kassel.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1149\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/hessen-kassel.jpg 400w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/hessen-kassel-188x300.jpg 188w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">S\u00f6ldner aus Hessen-Kassel<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Hessen-Kassel war der Soldatenhandel ein Gesch\u00e4ft mit Tradition. Das Land hatte am Ende des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges eine der gr\u00f6\u00dften Armeen unterhalten, woraus dann die ersten stehenden Regimenter gebildet worden waren. Da gro\u00dfe Teile des Landes verw\u00fcstet waren, war der Kriegsdienst eine der wenigen Erwerbsm\u00f6glichkeiten der Bev\u00f6lkerung. Zudem konnte der Kleinstaat nur durch fremden Subsidien sein starkes Heer unterhalten und sich dadurch vor weiteren \u00dcbergriffen sch\u00fctzen. Bereits 1677 ging ein erstes Regiment nach D\u00e4nemark, das vorher schon an den Kaiser vermietet worden war. Danach vermietete Hessen-Kassel Truppen an Spanien, den Kaiser, Venedig und mehrmals an die Niederlande. Ab 1694 begann das Gesch\u00e4ft mit England, das dann zum Hauptkunden wurde. Mit der Zeit \u00fcbernahmen die Hessen in England die Funktion der Schweizer in Frankreich. Mit den englischen Subsidien wurde Hessen-Kassel zu einem regelrechten S\u00f6ldnerstaat, der sogar eine proportional gr\u00f6\u00dfere Armee als das f\u00fcr seinen Militarismus bekannte Preu\u00dfen unterhalten konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als England nun nach dem Siebenj\u00e4hrigen Krieg damit begann einige dieser Subsidien in seinen Kolonien wieder einzutreiben und damit den amerikanischen Unabh\u00e4ngigkeitskrieg ausl\u00f6ste, lag es auf der Hand wieder auf die bew\u00e4hrten Hessen zur\u00fcckzugreifen. Da die Engl\u00e4nder jedoch gleich eine ganze Armee mieten wollten, wandten sie sich zuerst an Ru\u00dfland. Katharina die Gro\u00dfe hatte zwar keine Sympathien f\u00fcr Revolution\u00e4re, sah aber die Schwierigkeiten der konkurrierenden Gro\u00dfmacht mit Wohlwollen und wies deshalb die Anfrage emp\u00f6rt zur\u00fcck. Erst jetzt kamen die deutschen F\u00fcrsten zum Zug. Auch von ihnen lehnten zwar einige ab, aber Hessen-Kassel, Braunschweig, Hessen-Hanau, Ansbach-Bayreuth, Waldeck und Anhalt-Zerbst lieferten, was sie aufbringen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hessen-Kassel mit seiner langen S\u00f6ldnertradition verf\u00fcgte \u00fcber eine gro\u00dfe Zahl an gut ausgebildeten Truppen und konnte deshalb gleich gro\u00dfe Kontingente in Marsch setzen. Der Siebenj\u00e4hrige Krieg lag zwar schon einige Jahre zur\u00fcck, hatte aber genug Veteranen hinterlassen, die nun ein armseliges Leben fristeten. Die Wunden waren verheilt, die Schrecken verbla\u00dft und in Amerika warteten Sold und Beute. In vielen hessischen Familien war es wie in der Schweiz Tradition, da\u00df immer einige S\u00f6hne ihr Gl\u00fcck bei den Soldaten versuchten, so da\u00df kein Mangel an Freiwilligen herrschte. Die jungen Burschen hatten sich oft genug die Geschichten ihrer V\u00e4ter und Onkel angeh\u00f6rt und tr\u00e4umten von wilden Abenteuern in fernen L\u00e4ndern. Zudem galten die rebellischen Kolonisten nicht als ernstzunehmende Gegner. Bei dem ganzen Unternehmen schien es sich eher um eine gr\u00f6\u00dfere Polizeiaktion zu handeln, bei der manch einer sein Gl\u00fcck machen konnte. Sehr viele Freiwillige gab es auch unter den Offizieren. Diejenigen, die im Frieden nicht entlassen worden waren, waren oft zur\u00fcckgestuft worden und konnten in der Regel Jahrzehnte auf eine Bef\u00f6rderung warten. Nur der Krieg versprach ein schnelles Avancement. Auch viele Deutsche aus anderen Staaten, Iren, Italiener und Franzosen meldeten sich. Alle hofften auf Abenteuer und Beute im sagenhaften Amerika, wie es in einem hessischen Soldatenlied deutlich zum Ausdruck kommt:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"405\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/hessen_sold.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1157\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/hessen_sold.jpg 600w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/hessen_sold-300x203.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Frisch auf, ihr Br\u00fcder, ins Gewehr,<br>&#8217;s geht nach Amerika!<br>Versammelt schon ist unser Heer,<br>Vivat, Viktoria!<br>Das rote Gold, das rote Gold,<br>das kommt man nur so hergerollt,<br>da gibt&#8217;s auch, da gibt&#8217;s auch, da gibt&#8217;s auch bessern Sold!<br>[&#8230;]<br>Adch\u00f6, mein Hessenland, adch\u00f6!<br>Jetzt kommt Amerika.<br>Und unser Gl\u00fcck geht in die H\u00f6h&#8216;,<br>Goldberge sind allda!<br>Dazu, dazu in Feindesland,<br>was einem fehlt, das nimmt die Hand.<br>Das ist ein, das ist ein, das ist ein anderer Stand!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rotes Gold, reiche Beute und besseren Sold hatten ihnen die Werber versprochen und sie glaubten es nur allzugerne. Manch einer trug sich sicher auch mit dem Gedanken, sich nach einem leichten Sieg auf einem Hof oder einer Plantage der Rebellen anzusiedeln. Den unter gro\u00dfem Trubel ausr\u00fcckenden Waldeckern rief ein hoher Beamter hinterher: &#8222;Die, welche hiervon wieder zur\u00fcckkommen, will ich alle in Kutschen fahren sehen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu Szenen, wie sie Schiller beschrieben hat, kam es beim Ausmarsch nicht. Meutereien und Streiks, die alten Methoden, mit denen sich die Landsknechte manchmal noch erfolgreich zur Wehr gesetzt hatten, waren nicht mehr m\u00f6glich. Wer sein Handgeld genommen hatte, der hatte seine Haut verkauft und als einzige M\u00f6glichkeit der Auflehnung blieb ihm die Desertion. S\u00f6ldner waren zwar schon immer desertiert, ganz besonders in langen Kriegen und bei schlechter Versorgung, aber im 18. Jahrhundert wurden Deserteure zum Hauptproblem aller Armeen. Trotz drakonischer Strafen flohen allein aus der preu\u00dfischen Armee Zehntausende, Kopfgelder wurden ausgesetzt und Frankreich bemannte mit eingefangenen Deserteuren seine Galeeren. Kaum ein Feldherr wagte es, seine Truppen in un\u00fcbersichtlichem Gel\u00e4nde oder in aufgelockerter Formation einzusetzen, aus Angst sie dabei zu verlieren. Nachts und auf dem Marsch wurden die S\u00f6ldner von leichten Reitern bewacht. Allerdings schafften nur die wenigsten, denen die Flucht gl\u00fcckte, den Absprung ins Zivilleben. Arbeitslos und ohne Papiere dauerte er meistens nicht lange bis sie einem anderen Werber in die H\u00e4nde fielen und erneut kapitulierten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"442\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/abfahrt-soldner.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1161\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/abfahrt-soldner.jpg 600w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/abfahrt-soldner-300x221.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abfahrt der S\u00f6ldner<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nichts davon bei den Hessen. Auf dem Marsch des ersten Kontingents zur Einschiffung nach Bremerlehe desertierten von den 8.397 Mann ganze 13. Doch es kam noch besser. Die Amerikaner, die sich gerade gegen ihren K\u00f6nig erhoben hatten, hatten schon von den gepre\u00dften und verkauften S\u00f6ldnern geh\u00f6rt und rechneten damit, da\u00df viele bei der ersten Gelegenheit desertieren und vielleicht sogar ebenfalls gegen die Tyrannei zur Waffe greifen w\u00fcrden. Jedem \u00dcberl\u00e4ufer wurden 50 Morgen Land in Aussicht gestellt, jedem Hauptmann, der 40 seiner Leute mitbrachte, sogar 800 Morgen, dazu Vieh und Steuerfreiheit f\u00fcr mehrere Jahre. Keiner der \u00dcberl\u00e4ufer sollte gezwungen werden, weiter zu dienen. Falls sie sich doch dazu entschlie\u00dfen k\u00f6nnten, sollten die Offiziere einen Rang h\u00f6her eingestuft werden. Aber all diese Versprechungen trafen weitgehend auf taube Ohren. Nur ganz wenige Hessen nutzten die Gelegenheit. Sogar viele, die in Gefangenschaft geraten waren, warteten brav bis sie ausgetauscht wurden und schlossen sich dann ihren alten Regimentern wieder an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war nicht das verkaufte Schlachtvieh, dessen Schicksal Schiller sp\u00e4ter so lautstark anprangern sollte. Man sollte allerdings nach den Gr\u00fcnden fragen. Auf der Morea waren deutsche S\u00f6ldner bei jeder Gelegenheit zu den T\u00fcrken \u00fcbergelaufen, und es ist kaum anzunehmen, da\u00df die St\u00f6cke der Drillmeister pl\u00f6tzlich eine gr\u00f6\u00dfere Loyalit\u00e4t in ihnen hervorgerufen haben sollten. Aber anders als in den meisten Armeen bestand der Gro\u00dfteil der hessischen S\u00f6ldner aus Landeskindern, deren Verwandte f\u00fcr Deserteure haftbar gemacht wurden. Die Gemeinen wurden durch das sogenannte Kantonsystem rekrutiert, durch das jedem Regiment ein bestimmtes Rekrutierungsgebiet, eben ein Kanton, zugewiesen wurde. In gewisser Weise waren die Hessen also eher Wehrpflichtige als richtige S\u00f6ldner. Zudem hatten die Engl\u00e4nder wahre Schauerm\u00e4rchen \u00fcber die Grausamkeit der Rebellen verbreitet. Aber vor allem f\u00fchlte man sich auf der sicheren Seite der Sieger, und der Krieg war, verglichen mit den Gemetzeln in Europa, selten mehr als ein Gepl\u00e4nkel. Des \u00f6fteren wurde sp\u00e4ter betont, da\u00df von den 19.000 verkauften Hessen nach sechs Jahren nur noch etwa 10.500 zur\u00fcckkehrten. Doch solche Verlustraten erreichte Friedrich der Gro\u00dfe sogar in seinen siegreichen Schlachten. Von den Hessen waren dagegen bis Kriegsende nur 535 im Kampf gefallen, \u00fcber 4.000 an Krankheiten gestorben und 3.000 nach dem Friedensschlu\u00df freiwillig in Amerika geblieben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"439\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/trenton.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1163\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/trenton.jpg 600w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/trenton-300x220.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Schlacht bei Trenton<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der ersten gro\u00dfen Schlacht des Krieges bei Flatbush im August 1776 wurden die Amerikaner von der disziplinierten europ\u00e4ischen Infanterie f\u00f6rmlich \u00fcberrannt. Der Feuergeschwindigkeit und vor allem dem gef\u00fcrchteten Bajonettangriff der Hessen hatten sie nichts entgegenzusetzen. Ein hessischer Oberst schrieb: &#8222;Die Riflemans sind mehrentheils mit dem Bajonett an die B\u00e4ume gespie\u00dft worden; diese f\u00fcrchterlichen Leute verdienen eher Mitleid als Furcht. Sie m\u00fcssen immer eine Viertelstunde Zeit haben, um ein Gewehr zu laden und in dieser Zeit f\u00fchlen sie unsere Kugeln und Bajonette&#8220;. Engl\u00e4nder und Hessen w\u00fcteten furchtbar unter den Amerikanern und massakrierten selbst noch viele von denen, die sich ergeben wollten. Weit \u00fcber 3.000 toten und gefangenen Amerikanern standen zwei tote Hessen und 61 tote Engl\u00e4nder gegen\u00fcber. Kein Wunder, da\u00df das \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl der S\u00f6ldner danach geradezu ins Unerme\u00dfliche wuchs. Aber auch die Verluste bei Niederlagen hielten sich in Grenzen. Beim ersten wichtigen Sieg Washingtons bei Trenton im Dezember 1776 verloren die Hessen zwar mit 933 Mann gut die H\u00e4lfte ihrer eingesetzten Truppen, darunter waren jedoch lediglich 17 Tote und 78 Verwundete. F\u00fcr europ\u00e4ische Armeen waren solche Verluste Lappalien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im gro\u00dfen Ganzen aber blieben K\u00e4mpfe relativ seltene Ausnahmen. So gab es Einheiten, die w\u00e4hrend des ganzen Krieges an keinem einzigen Gefecht teilgenommen hatten. Statt dessen marschierten die Truppen durch die menschenleere Wildnis oder verbrachten Monate und Jahre beim monotonen Garnisonsdienst. Hier begegneten die S\u00f6ldner dann ihren gef\u00e4hrlichsten Feinden: Klima und Krankheiten. Die sch\u00f6nen Paradeuniformen erwiesen sich von Anfang an als v\u00f6llig untauglich, und es klingt wie ein schlechter Witz, da\u00df eine Menge S\u00f6ldner auf den M\u00e4rschen im Sommer am Hitzschlag starben. Aber auch in den bitterkalten Wintern n\u00fctzten die zerschlissenen Uniformen kaum mehr als die d\u00fcnnen Decken und Zelte. Vor allem in Kanada gab es starke Verluste durch Erfrierungen. Diejenigen, die l\u00e4nger an einem Ort stationiert waren, hausten in Erdh\u00fctten, die mit Brettern, \u00c4sten und Stroh notd\u00fcrftig abgedeckt waren. Bei Regen liefen sie voll Wasser und im Winter trieb Schnee herein. In diesen Lagern entstanden durch Fieber, Lungenentz\u00fcndung, Ruhr und Typhus die schwersten Verluste Opfer des Krieges.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Toten wurden zwar bezahlt, mu\u00dften aber ersetzt werden. Au\u00dferdem forderten die Engl\u00e4nder Verst\u00e4rkungen. Da die echten Freiwilligen bereits mit den ersten Einheiten ausgezogen waren, mu\u00dften die Werber zunehmend zum Zwang greifen, um ihr Soll zu erf\u00fcllen. In Hessen begann es bereits an Arbeitskr\u00e4ften zu mangeln, Felder lagen brach und H\u00f6fe verkamen, da in manchen Familien nur Frauen, Kinder und Alte zur\u00fcckgeblieben waren. Um seinen Staat nicht v\u00f6llig auszubluten, lie\u00df der Landgraf in den Reichsst\u00e4dten und anderen L\u00e4ndern werben. Die Altersgrenzen wurden ausgedehnt, Gef\u00e4ngnisse und Armenh\u00e4user nach Rekruten durchforstet; Schuldner, Arbeitslose, Vagabunden, Handwerksburschen, Studenten und Unruhestifter wurden in Armee gepre\u00dft. Man nahm Sechzigj\u00e4hrige und halbe Kinder, Lahme und Epileptiker, manchen fehlte ein Auge, anderen die Z\u00e4hne. Je l\u00e4nger der Krieg dauerte, desto mehr h\u00e4uften sich deshalb die Klagen der Offiziere in Amerika \u00fcber das &#8222;Gesindel&#8220;, das sie als Ersatz geliefert bekamen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"230\" height=\"255\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/seume.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1164\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Johann Gottfried Seume<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter diesem &#8222;Gesindel&#8220; befand sich auch der sp\u00e4tere Dichter Johann Gottfried Seume. W\u00e4hrend seines Studiums in Leipzig hatte ihn die Unruhe gepackt. Kurz entschlossen verkaufte er seine B\u00fccher und machte sich auf den Weg nach Paris. Er kam nur bis nach Hessen. Dort griffen in Werber auf, zerrissen seine Papiere und warfen ihn zu den anderen Rekruten in die Festung Ziegenhain. Seine &#8222;Kameraden waren noch ein verlaufener Musensohn aus Jena, ein bankerotter Kaufmann aus Wien, ein Posamentierer aus Hannover, ein abgesetzter Postschreiber aus Gotha, ein M\u00f6nch aus W\u00fcrzburg, ein Oberamtmann aus Meiningen, ein preu\u00dfischer Husarenwachtmeister, ein kassierter hessischer Major von der Festung und andere von \u00e4hnlichem Stempel&#8220;. Die Gefangenen schmiedeten Fluchtpl\u00e4ne, aber aus den F\u00e4ngen des Milit\u00e4rs gab es kein Entkommen. Wie schon so viele vor ihm f\u00fcgte sich Seume in sein Schicksal und versuchte sich mit seinen guten Seiten anzufreunden: &#8222;Am Ende \u00e4rgerte ich mich nicht weiter; leben mu\u00df man \u00fcberall: wo so viele durchkommen, wirst du auch: \u00fcber den Ozean zu schwimmen war f\u00fcr einen jungen Kerl einladend genug; und zu sehen gab es jenseits auch etwas.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit diesem zusammengew\u00fcrfelten Ersatz schwand sich auch langsam die Zuverl\u00e4ssigkeit der alten Regimenter. Viele der neugeworbenen Rekruten waren mehrfache Deserteure, denen es nur auf das Handgeld ankam, oder die nach einer freien \u00dcberfahrt nach Amerika gesucht hatten. Als Wachen waren sie kaum zu verwenden, da sie bei der ersten Gelegenheit verschwanden. Einige wurden zur Abschreckung geh\u00e4ngt, und in Kanada schickte man indianische Skalpj\u00e4ger hinter ihnen her. Aber S\u00f6ldner waren knapp, und so beschr\u00e4nkte man sich bei gefa\u00dften Deserteuren in der Regel auf mehrmaliges Spie\u00dfrutenlaufen und steckte sie dann wieder ins Glied. Doch auch bei den alten Truppen lie\u00df die Zuverl\u00e4ssigkeit nach. Durch die zwangsl\u00e4ufig engen Kontakte zur Bev\u00f6lkerung hatten sich die Vorurteile von den primitiven und blutr\u00fcnstigen Rebellen verfl\u00fcchtigt. In den St\u00e4dten verdienten die S\u00f6ldner gutes Geld als Hafenarbeiter; auf dem Land halfen sie den Bauern, bei denen sie einquartiert waren. Viele hatten Beziehungen mit amerikanischen Frauen und Familienanschlu\u00df. Zudem schwand mit der Zeit der Glaube an einen englischen Sieg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber auch das alles f\u00fchrte nicht zu Massendesertionen. Die meisten Hessen verrichteten weiter brav ihren Dienst, arbeiteten in ihrer Freizeit bei den Amerikanern, schickten Geld nach Hause, pflanzten im Lager Gem\u00fcse, hielten sich H\u00fchner und richteten Schulen f\u00fcr ihre Kinder ein. Erst nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes stiegen die Zahlen deutlich an. Diese Deserteure flohen weniger vor dem Krieg in Amerika als vor der R\u00fcckkehr. Sie hatten sich eingerichtet und f\u00fcrchteten in Deutschland an andere Armeen, vor allem an die preu\u00dfische, weiterverkauft zu werden. Unter denen, die nach dem Friedensschluss freiwillig in Amerika blieben, war auch ein gewisser K\u00fcster, dessen Nachkomme dann als General Custer in den Indianerkriegen bekannt werden sollte<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz des gro\u00dfen Wirbels, den die &#8222;verkauften Hessen&#8220; ausgel\u00f6st haben, waren sie so bieder wie das ganze Gesch\u00e4ft. In fast allen europ\u00e4ischen Armeen herrschten weit schlimmere Zust\u00e4nde. Verglichen mit den Kriegen im Wilden Feld, auf Kreta oder der Morea waren im Soldatenhandel geradezu zivilisierte Verh\u00e4ltnisse eingezogen. \u00c4hnlich m\u00fcssen es auch die S\u00f6ldner empfunden haben, denn nur so l\u00e4\u00dft sich die relativ geringe Anzahl von Deserteuren erkl\u00e4ren. Doch w\u00e4hrend die wirklich schmutzigen Geschichten nie richtig zur Kenntnis genommen wurden und fast v\u00f6llig vergessen sind, l\u00f6ste der Soldatenhandel im Unabh\u00e4ngigkeitskrieg eine wahre Flut von Artikeln und Ver\u00f6ffentlichungen aus. Die Ideen der Aufkl\u00e4rung \u00fcber Menschenrechte und b\u00fcrgerliche Freiheiten bestimmten zunehmend die \u00f6ffentliche Meinung. Intellektuelle eiferten gegen den Handel mit Menschenblut und bezeichneten die F\u00fcrsten als Tyrannen, die ihre Untertanen wie Vieh oder Sklaven verkauften. Diese Gedanken m\u00f6gen sicher ihre Berechtigung haben, nur waren die, um die es dabei ging, meistens anderer Meinung. Sie \u00fcbten einen in Europa und ganz besonders in Hessen altehrw\u00fchrdigen Beruf aus. Selbst Seume, der immer wieder als Kronzeuge gegen diesen Menschenhandel aufgef\u00fchrt wird, konnte sich \u00fcber sein Schicksal nur schlecht beklagen. In Amerika erfreute er sich dank seiner Bildung der Protektion der Offiziere und wurde als Schreiber vom Dienst freigestellt. Er und seine Kameraden waren in keinerlei K\u00e4mpfe verwickelt und gebrauchten ihre Musketen nur beim Exerzieren oder auf der Jagd. Sp\u00e4ter wieder in Europa hatte er keine Bedenken eine Offiziersstelle in der russischen Armee anzunehmen und sich in ihren Reihen an der Niederschlagung des polnischen Aufstandes zu beteiligen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"330\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/yorktown.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1166\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/yorktown.jpg 500w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/yorktown-300x198.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Kapitulation bei Yorktown<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viele Schriften, die vehement gegen den Soldatenhandel Stellung bezogen, kamen ausgerechnet aus Frankreich und wurden von deutschen Intellektuellen begeistert aufgegriffen. Dabei wurde nur allzu gerne vergessen, da\u00df das Hilskorps, das Frankreich zur Unterst\u00fctzung Washingtons nach Amerika schickte, ebenfalls zum Teil aus deutschen Truppen bestand. Darunter befand sich das Regiment &#8222;Royal Allemand de Deux-Ponts&#8220;, das Herzog Christian IV. von Zweibr\u00fccken 1756 f\u00fcr Frankreich aufgestellt hatte. Das Regiment, das schon im Siebenj\u00e4hrigen Krieg gegen die Engl\u00e4nder und deren hessische S\u00f6ldner gek\u00e4mpft hatte, stand diesen nun wieder bei der Belagerung von Yorktown gegen\u00fcber. Yorktown wurde manchmal als &#8222;deutsche Schlacht&#8220; bezeichnet, da den Hessen und Ansbach-Bayreuthern der Engl\u00e4nder nicht nur die Zweibr\u00fccker sondern auch starke deutsche Milizen der Amerikaner unter dem Befehl des Generals Steuben gegen\u00fcberstanden. Die Gemeinsamkeiten zwischen franz\u00f6sischen, englischen und deutschen S\u00f6ldnertruppen waren weitaus gr\u00f6\u00dfer, als die zwischen den Franzosen und ihren amerikanischen Verb\u00fcndeten. F\u00fcr die franz\u00f6sischen Aristokraten waren die amerikanischen Milizen lediglich Pack und ihre Offiziere feige Bauernl\u00fcmmel. Nach der Kapitulation von Yorktown luden sie ihre englischen und hessischen Waffenbr\u00fcder zum Dinner, lobten ihre Tapferkeit und versuchten ihnen die Gefangenschaft zu erleichtern. Amerikanische Offiziere waren von solchen Geselligkeiten selbstverst\u00e4ndlich ausgenommen.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\">\u00a9 Frank Westenfelder &nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Legende von den &#8222;verkauften Hessen&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1150,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[118,8],"tags":[119,120],"class_list":["post-1148","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-absolutismus-artikel","category-artikel","tag-amerika","tag-soldatenhandel"],"blocksy_meta":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.1 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Soldatenhandel - Kriegsreisende<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/der-soldatenhandel\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der Soldatenhandel - 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