{"id":1046,"date":"2024-10-29T13:47:31","date_gmt":"2024-10-29T13:47:31","guid":{"rendered":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/?p=1046"},"modified":"2025-01-16T12:08:16","modified_gmt":"2025-01-16T12:08:16","slug":"die-schotten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/die-schotten\/","title":{"rendered":"Die Schotten"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Englands Gegner und Reservoir.<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter vielen Gesichtspunkten bot Schottland lange sozusagen ideale Voraussetzungen f\u00fcr ein S\u00f6ldnervolk. Eine starke Zentralgewalt war praktisch nie vorhanden. Das Land war karg und bergig, die Bev\u00f6lkerung bettelarm, an Entbehrungen gewohnt und vor allem \u00e4u\u00dferst kriegerisch. Zumindest einige der vielen Adligen und zahllosen Clans waren immer mit irgendeiner Fehden besch\u00e4ftigt. \u00dcberf\u00e4lle, Raubz\u00fcge aber auch Blutrache waren so weit sich die Menschen zur\u00fcckerinnern konnten keine Seltenheiten. In einigen wichtigen Dingen kann man Schottland mit der Schweiz vergleichen, nur dass das Land sicher noch rauer und auf jeden Fall viel abgelegener war. Die Schotten h\u00e4tten deshalb bereits im Mittelalter jene Rolle f\u00fcr England \u00fcbernehmen k\u00f6nnen, die die Schweizer lange f\u00fcr Frankreich spielten.Englands Gegner und Reservoir.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"350\" height=\"434\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/schotte-krieger.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1055\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/schotte-krieger.jpg 350w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/schotte-krieger-242x300.jpg 242w\" sizes=\"auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch genau hier lag das grundlegende Problem des schottischen S\u00f6ldnermarktes. W\u00e4hrend die Schweiz zwischen den Gro\u00dfm\u00e4chten Habsburg und Frankreich man\u00f6vrieren konnte, wurde Schottland allein schon durch seine geographische Lage zum Objekt englischer Au\u00dfenpolitik. Deshalb mussten sich die Schotten \u00fcber Jahrhunderte gegen die Engl\u00e4nder wehren, anstatt an diese ihre \u00fcberz\u00e4hligen S\u00f6hne zu vermieten. Nach dem Verlust ihrer Unabh\u00e4ngigkeit wurde England dann wie zu erwarten zum Hauptkunden; doch jetzt warb man keine fremden S\u00f6ldner mehr, sondern rief &#8222;Briten&#8220; zu den nationalen Fahnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein weiteres Hindernis bildete bis weit ins 14. Jahrhundert die \u00f6konomische und daraus resultierende milit\u00e4rische R\u00fcckst\u00e4ndigkeit. Im Gegensatz zum normannischen Adel in England verf\u00fcgten die Schotten nur in seltenen Ausnahmen \u00fcber Panzerhemden, R\u00fcstungen und die dazu geh\u00f6renden schweren Pferde. Sie k\u00e4mpften meistens &#8222;nackt&#8220;, wie Chroniken berichten, das hei\u00dft ohne jeden K\u00f6rperpanzer, lediglich mit Schild, Schwert und Wurfspeeren. Bei den zahlreichen Kriegen, die die englisch-normannischen K\u00f6nige im Hochmittelalter gegen ihren rebellischen Adel und oft sogar ihre eigenen S\u00f6hne f\u00fchren mussten, verwendeten sie deshalb lieber S\u00f6ldner vom Festland, bevorzugt aus der Bretagne, Flandern oder Brabant, wie z.B. die bekannten Brabanzonen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den Bedarf an gepanzerten Kriegern unterstreicht auch die Verwendung der ersten gr\u00f6\u00dferen Einheiten schottischer S\u00f6ldner &#8211; der Gallowglass (aus dem Irischen &#8222;gallocaich&#8220; f\u00fcr &#8222;fremder Krieger&#8220;). Der normannische Adel hatte bald nach der Eroberung Englands Irland als lohnendes Ziel entdeckt. Die Iren waren wahrscheinlich noch schlechter bewaffnet als die Schotten und ben\u00f6tigten deshalb eine Art schwerer Infanterie, die es zur Not mit den Normannen aufnehmen konnte. Die passenden Leute fanden sie an der westschottischen K\u00fcste und den vorgelagerten Hebriden, wo sich vor Generationen viele norwegische Wikinger niedergelassen hatten. Deren Nachkommen k\u00e4mpften immer noch mit Panzerhemden und langen zweischneidigen \u00c4xten. Diesen Gallowglass fiel nun meistens die Aufgabe zu, bei den \u00fcblichen Raubz\u00fcgen den R\u00fcckzug gegen die verfolgenden Reiter zu decken. Sie bew\u00e4hrten sich anscheinend ganz gut, denn bald hatten mehrere irische Kleink\u00f6nige eigene Formationen aus Gallowglass. An eine richtige Bezahlung war bei der Geldmangel der Zeit und in Irland im besonderen nat\u00fcrlich nicht zu denken. Die Gallowglass erhielten deshalb Land und Bezirke, in denen sie zum eigenen unterhalt Abgaben eintreiben durften. Die meisten blieben deshalb als Immigranten im Land und gingen mit der Zeit in der irischen Bev\u00f6lkerung auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-admin\/edit.php?post_type=post\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Schottland selbst \u00fcbernahm der Adel relativ schnell Sitten und Bewaffnung der benachbarten Normannen. Zahlreiche Heiraten und Grundbesitz auf der anderen Seite f\u00f6rderten zumindest in diesen Kreisen die \u00dcbernahme der fremden Sitten. Schottische Ritter zogen wie ihre s\u00fcdlichen Kollegen zum Kreuzzug ins Heilige Land und sp\u00e4ter nach Preu\u00dfen. Doch zu dieser Zeit war in England mit Edward I. (1272-1307) ein m\u00e4chtiger Herrscher auf den Thron gekommen. Zielstrebig eroberte Edward Wales und begann dann mit der Unterwerfung Schottlands. Damit waren die Schotten f\u00fcr die folgenden Generationen gezwungen, die englischen Herrschaftsanspr\u00fcche abzuwehren. Als B\u00fcndnispartner offerierte sich Frankreich, dessen Dauerkonflikt mit der englischen Krone um die Herrschaft von Aquitanien mit dem Ausbruch des Hundertj\u00e4hrigen Krieges (1339-1453) auf einen neuen H\u00f6hepunkt zusteuerte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das lange B\u00fcndnis mit Frankreich &#8211; oft als &#8222;Auld Alliance&#8220; (altes B\u00fcndnis) bezeichnet &#8211; besteht aus einer ganzen Reihe von Vertr\u00e4gen, die immer wieder erneuert wurden. In der ersten Phase des Hundertj\u00e4hrigen Krieges unterst\u00fctzte Frankreich mit Geld, Waffen und manchmal auch M\u00e4nnern schottische Einf\u00e4lle an der englischen Nordgrenze, um dort Kr\u00e4fte zu binden. Obwohl schottische S\u00f6ldner vereinzelt auf beiden Seiten &#8211; es gab immer einige, die wegen pers\u00f6nlicher Differenzen ihr Gl\u00fcck auf englischer Seite suchten &#8211; zu finden sind, hatte man zu dieser Zeit in Frankreich noch wenig Verwendung f\u00fcr sie. Man warb haupts\u00e4chlich schwere Reiter aus dem Reich oder Italien und zu Tausenden die bew\u00e4hrten Armbrustsch\u00fctzen aus Genua.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die gro\u00dfe der Zeit der Schotten in franz\u00f6sischen Diensten begann mit der vernichtenden Niederlage bei Azincourt (1415). Diese hatte Frankreich so schwer getroffen, dass verzweifelt nach Ersatz im Ausland gesucht wurde. Durch Azincourt war die K\u00f6nigsgewalt v\u00f6llig zerfallen und der interne Adelskonflikt zwischen Burgundern und Armagnacs wurde zum offenen Krieg. W\u00e4hrend die Burgunder das B\u00fcndnis mit England suchten, fanden die Armagnacs Schottland. Nat\u00fcrlich wurde auch mit einem gewissen Erfolg in Spanien und besonders Italien geworben, doch die Schotten hatten einen entscheidenden Vorteil: sie waren am billigsten. Theoretisch erhielten sie zwar den gleichen Sold, aber der K\u00f6nig von Kastilien oder die italienischen Condottieri, mit denen die Armagnacs in Kontakt traten, wollten gutes Geld sehen, bevor sie mit den Werbungen begannen. Den Schotten dagegen gen\u00fcgten schon kleine Anfangszahlungen und gro\u00dfe Versprechungen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"260\" height=\"455\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/bogenschuetze-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1056\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/bogenschuetze-1.jpg 260w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/bogenschuetze-1-171x300.jpg 171w\" sizes=\"auto, (max-width: 260px) 100vw, 260px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">franz\u00f6sischer Bogensch\u00fctze<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bald stellten die Schotten den L\u00f6wenanteil der fremden S\u00f6ldner und auch einen gro\u00dfen Anteil der franz\u00f6sischen Armeen. 1424 wurden z.B. 2.500 Men at Arms und 4.000 Bogensch\u00fctzen gemustert. Das war enorm, wenn man bedenkt das Schottland bei seiner geringen Volksgr\u00f6\u00dfe maximal 20.000 Mann aufstellen konnten. Zus\u00e4tzlich wurde st\u00e4ndig Ersatz ben\u00f6tigt. Bei Beaug\u00e9 gelang ihnen zwar eine englische Armee zu schlagen, wobei der Bruder des englischen K\u00f6nigs fiel. Doch bald kamen verlustreiche Niederlagen. Zuerst bei Cravant und dann in der blutigen Schlacht von Verneuil (1424). Dort hielten die Schotten zu Fu\u00df das Zentrum und mussten schlie\u00dflich von allen anderen Truppenteilen verlassen mit Tausenden f\u00fcr ihre Tapferkeit bezahlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach Verneuil zerfiel der gro\u00dfe Krieg wieder in zahlreiche kleine Konflikte, in denen die unbezahlten S\u00f6ldner das schutzlose Land vorwiegend auf eigene Faust beraubten. Es war die Zeit der \u00c9corcheur, der Schinder, wie sie das Volk treffend bezeichnete. Auch die Schotten waren an diesen neuen Freien Kompanien stark beteiligt. Sie waren ber\u00fcchtigt f\u00fcr ihre Habgier und Grausamkeit und \u00fcberfielen auch franz\u00f6sische Adlige der eigenen Fraktion. Doch was konnte man auch von S\u00f6ldnern erwarten, die in einem fremden Krieg k\u00e4mpften und au\u00dfer warmen Worten nicht viel erhalten hatten. \u00dcberall fand man Schotten; bei der Verteidigung von Orleans, oder als man versuchte die \u00c9corcheur mal wieder in die Schweiz abzuschieben. Sogar die Engl\u00e4nder gingen mit der Zeit dazu \u00fcber gefangene Bogensch\u00fctzen mit Zwang zu rekrutieren; schlie\u00dflich galten sie als Untertanen. Henry V. hatte sie noch als Verr\u00e4ter h\u00e4ngen lassen. Schottische Bogensch\u00fctzen bildeten inzwischen auch die Leibwache des franz\u00f6sischen K\u00f6nigs Karl VII., was zumindest eine halbwegs geregelte Bezahlung mit sich brachte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Karl VII. 1445 als Grundlage eines stehenden Heeres die Ordonanzkompanien schuf, um dem wilden Rauben der \u00c9corcheur ein Ende zu setzen, wurden auch zwei schottische gebildet. Dennoch ging die Zahl der schottischen S\u00f6ldner in Frankreich nun langsam in dem Tempo zur\u00fcck, wie Frankreich die Oberhand gewann und der Krieg in geregeltere Bahnen kam. Wie so oft in der S\u00f6ldnergeschichte kehrten aber auch viele der Schotten nicht in ihre Heimat zur\u00fcck, sondern blieben als Immigranten in Frankreich. Vor allem die Hauptleute hatten statt Geld oft Landbesitz f\u00fcr ihre Dienste erhalten, andere hatten Franz\u00f6sinnen &#8211; sicher auch nicht immer ohne Besitz &#8211; geheiratet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dennoch dienten auch weiterhin einige hundert Schotten in den Ordonanzkompanien und der k\u00f6niglichen Leibwache. Vor allem die Garde wurde zu einer \u00e4u\u00dferst beliebten Institution. Manche Familien dienten dort \u00fcber mehrere Generationen und beim Adel war es beliebt die Kinder auf diese Art zur Erziehung nach Frankreich zu schicken. Die schottischen Bogensch\u00fctzen k\u00e4mpften so unter Ludwig XI. wieder einmal gegen ihre englischen Kollegen im Sold Karls des K\u00fchnen und sogar noch in den italienischen Kriegen. In der Schlacht von Ravenna (1512) st\u00fcrmten sie gemeinsam mit den deutschen Landsknechten die spanischen Stellungen. &#8222;Bogensch\u00fctze&#8220; war aber zu dieser Zeit wahrscheinlich mehr eine formale Bezeichnung, denn es wird berichtet, dass sie sehr gut mit langen \u00c4xten gek\u00e4mpft h\u00e4tten. Die Garde bestand bis Ende des 16. Jahrhunderts zum Gro\u00dfteil aus Schotten, danach \u00fcberwogen Franzosen. W\u00e4hrenddessen war ihr alter Ruhm jedoch l\u00e4ngst auf die neuere Schweizergarde \u00fcbergegangen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"386\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/schotten-schweden.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1057\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/schotten-schweden.jpg 600w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/schotten-schweden-300x193.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">schottische S\u00f6ldner in Schweden<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ausweitung der Kriege w\u00e4hrend der Fr\u00fchen Neuzeit und nat\u00fcrlich auch die konstant verbesserten M\u00f6glichkeiten zum Seetransport, verhalfen den Schotten aber zu genug neuen Auftraggebern. Der erste wichtige Kunde war K\u00f6nig Christian von D\u00e4nemark, gegen dessen Herrschaft sich die Schweden erhoben hatten. Zur Niederschlagung fiel er 1520 mit einem gro\u00dfen S\u00f6ldnerheer aus Deutschen, Franzosen und Schotten. Die Schweden wurden geschlagen und die Sieger hielten ein furchtbares Strafgericht in Stockholm. Doch Christian konnte seine S\u00f6ldner nicht sehr lange bezahlen und so ging Schweden dann doch verloren. In den sich hinziehenden K\u00e4mpfen wurden noch mehrmals Schotten geworben, die dadurch auch zuerst mit Schweden, dann mit Polen und Russland kamen, so dass man am Ende des Jahrhunderts im ganzen Ostseeraum Gruppen schottischer S\u00f6ldner findet. Einige verschlug es sogar bis in die Dienste Iwans des Schrecklichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Haupteinsatzgebiet schottischer S\u00f6ldner wurde aber der Freiheitskampf der Niederlande. Bereits 1570 wurde die ber\u00fchmte &#8222;Scots Brigade&#8220; gegr\u00fcndet, die fast 250 Jahre bestehen sollte. Im Kampf gegen die \u00fcberm\u00e4chtigen spanischen Tercios, die als die beste Infanterie ihrer Zeit gef\u00fcrchtet wurden, mussten die Schotten schmerzhafte Niederlagen einstecken. Doch in den Niederlanden handelte es sich um keinen begrenzten Feldzug, sondern um einen permanenten Krieg, der \u00fcber Jahrzehnte gef\u00fchrt wurde. Die Oranier und Moritz von Nassau revolutionierten die Kriegsf\u00fchrung. Belagerungen wurden zu einer Wissenschaft und die Soldaten wurden erstmals einem geregelten Drill unterworfen. Der Krieg in den Niederlanden wurde zur hohen Schule der Berufssoldaten. Viele der Schotten, die man sp\u00e4ter auf den Schlachtfeldern Westeuropas antreffen sollte, hatten ihr Handwerk dort gelernt. Vorher waren die Schotten sicher tapfere Krieger gewesen, doch jetzt wurden sie Profis, die auf der absoluten H\u00f6he ihrer Zeit waren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch diese moderne Art der Kriegsf\u00fchrung kostete enorme Verluste. Dabei waren es viel weniger die seltenen Schlachten als die endlosen Belagerungen, der Hunger, die K\u00e4lte und die Lagerkrankheiten. St\u00e4ndig musste neuer Nachschub in Schottland rekrutiert werden, der in den Lagern und Laufgr\u00e4ben Flanderns verschwand. 1624 kamen 11.000 Mann Nachschub aus England. Mangels Unterk\u00fcnften lie\u00df man sie lange in den engen Transportschiffen. &#8222;Der gr\u00f6\u00dfte Teil von ihnen starb Elend an K\u00e4lte und Hunger&#8220;. Unter den zusammen gepferchten Soldaten w\u00fctenden Seuchen. Schlie\u00dflich gab es so viele Tote, dass niemand wusste, was man mit ihnen anfangen sollte. So stapelte man die Leichen zu Tausenden am Strand von Seeland, wo sie von Hunden und Schweinen angefressen wurden. Wahrscheinlich hatte fast jede schottische Familie Angeh\u00f6rige, die irgendwo in Flandern verscharrt worden waren, wie einem alten Volkslied zu entnehmen ist:<br><em><br>&nbsp;&nbsp;Oh, woe unto these cruell wars<br>&nbsp;&nbsp;That ever they began!<br>&nbsp;&nbsp;For they have reft my native isle<br>&nbsp;&nbsp;Of many a pretty man.<br>&nbsp;&nbsp;First they took my brothers twain<br>&nbsp;&nbsp;Then wiled my love frae me:<br>&nbsp;&nbsp;Oh, woe unto these cruell wars<br>&nbsp;&nbsp;In low Germanie!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gef\u00f6rdert wurde der geregelte Nachschub dadurch, dass Elizabeth I. von England nicht nur die Niederlande offiziell unterst\u00fctzte, sondern im Gegensatz zu ihrem Vater an guten Beziehungen zu Schottland interessiert war. Am Ende ihrer Regierungszeit erkl\u00e4rte sie sogar den Sohn ihrer einstigen Rivalin Maria Stuart, der inzwischen als Jacob VI. Schottland regierte, zu ihrem Nachfolger. Durch diesen Geniestreich wurde bereits das sp\u00e4tere Gro\u00dfbritannien vorgezeichnet. F\u00fcr die Versorgung mit S\u00f6ldnern bedeutete dies, dass sich England nun um einen guten Teil der logistischen Probleme k\u00fcmmerte und manchmal auch mit Geld aushalf. Schottland war also fast dort angekommen, wozu es durch seine geographische Lage bestimmt war: dass seine S\u00f6hne f\u00fcr englische Interessen ins Feld zogen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber der Freiheitskampf der Niederlande war nur ein Vorspiel f\u00fcr den ganz gro\u00dfen Menschenfresser, den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg. Heute w\u00fcrde sagen, dass die Schotten als Lieferanten f\u00fcr diesen Konflikt sehr &#8222;gut aufgestellt&#8220; waren. Sie hatten bew\u00e4hrte Gesch\u00e4ftsbeziehungen zu D\u00e4nemark und den Niederlanden, und seit 1611 schickten sie auch &#8211; sehr zum \u00c4rger D\u00e4nemarks &#8211; Regimenter nach Schweden, wo sie zuerst von Gustav Adolf im Krieg gegen Polen verwendet wurden. Die Schotten hatten zu dieser Zeit einen guten Stamm an erfahrenen Offizieren und Mannschaften. Dennoch sch\u00e4tzten die Kunden offensichtlich vor allem ihre H\u00e4rte und Anspruchslosigkeit, wie es ein 1631 in Stettin erschienenes Flugblatt zum Ausdruck bringt: &#8222;Es ist ein starkes, dauerhaftiges Volk, behilft sich mit geringer Speis, hat es nicht Brod, so essen sie Wurzeln, wenn\u2019s auch die Notdurft erfordert, konnen sie des Tags \u00fcber die 20 teutsche meil\u2019 laufen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"574\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/schotten.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1052\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/schotten.jpg 800w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/schotten-300x215.jpg 300w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/schotten-768x551.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">schottische S\u00f6ldner in schwedischen Diensten<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die gro\u00dfe Masse der Schotten &#8211; insgesamt zwischen 20.000 und 30.000 &#8211; kamen in schwedischen Diensten ins Reich. Gustav Adolf hatte allein 13 schottische Regimenter, die zu seinen besten z\u00e4hlten. Unter seiner F\u00fchrung k\u00e4mpften sie bei Breitenfeld, nahmen an dem triumphalen Siegeszug durch S\u00fcddeutschland teil und hatten grausame Verluste beim Sturm auf Wallensteins Lager vor N\u00fcrnberg. Die gro\u00dfen Schlachten und die zahlreichen kleinen Gefechte forderten schwere Opfer. Viel mehr starben aber auf dem Marsch und an den Seuchen in den Winterlagern. Fachleute sch\u00e4tzen diese Verluste auf das Zehnfache vom dem, was die grausamen Schlachten kosteten. Kompanien verschwanden und Regimenter schmolzen zusammen. Von dem ber\u00fchmten Mackay-Regiment sollen nach drei Jahren von 2.000 nur noch 300 \u00fcbrig gewesen sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da reichte es nicht mehr, wenn man in der Heimat an Abenteuerlust oder an die Verpflichtung zum Kampf f\u00fcr die Religion appellierte. Viele Schotten hatten sich ohnehin nie so v\u00f6llig frei entschieden. Als Abh\u00e4ngige hatten sie oft keine andere Wahl gehabt, als dem vom Clanchef bestimmten Offizier in den Krieg zu folgen. Durch die hohen Verluste wurde der Krieg aber auch immer mehr zu einem beliebten Mittel mit dessen Hilfe sich die Autorit\u00e4ten unerw\u00fcnschte Elemente vom Hals schafften. So schickte die Regierung 1627 150 M\u00e4nner eines besonders unruhigen Clans in den Krieg, in der Hoffnung sie m\u00f6gen alle dort umkommen. Zwei Regimenter setzten sich ausschlie\u00dflich aus &#8222;Ehebrechern, Frauensch\u00e4ndern, Dieben, M\u00f6rdern, Trunkenbolden und Sabathst\u00f6rern&#8220; zusammen, die die Pfarrer den Werbern gemeldet hatten. Manchmal wurden auch Schwerverbrecher aus den Gef\u00e4ngnissen geholt. Diese mussten dann bei der Einschiffung schw\u00f6ren, dass sie &#8222;unter Androhung der Todesstrafe niemals in das K\u00f6nigreich zur\u00fcckkehren w\u00fcrden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Ende des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges brachte bestenfalls eine kurze Atempause. Wenn auch nun nicht mehr so gro\u00dfe Zahlen schottischer S\u00f6ldner zum Einsatz kamen, boten doch die Kriege Ludwigs XIV. und die Schwedens gegen mehr als genug M\u00f6glichkeiten. In schwedischen Diensten k\u00e4mpften noch viele der alten Veteranen und Polen, w\u00e4hrend bereits die n\u00e4chsten Generationen in den gro\u00dfen Nordischen Krieg (1700-21) zogen und irgendwo in Karelien, der Ukraine oder als Gefangene im fernen Sibirien verschwanden. In den Niederlanden hatte die alte Scots Brigade neuen Zulauf und schlug sich in den blutigen Schlachten Spanischen Erbfolgekrieges bei Ramillies, Oudenarde und Malplaquet, wo sie auch ihren Landsleuten in franz\u00f6sischen Diensten gegen\u00fcber standen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach und nach wurde das schottische Potential aber zunehmend von England absorbiert. 1707 wurde offiziell die Union mit Schottland als Gro\u00dfbritannien vollzogen. F\u00fcr einen gewissen Zulauf in anderen L\u00e4ndern sorgten, die Aufst\u00e4nde gegen die englische Vorherrschaft, die in Schottland immer noch mit steter Regelm\u00e4\u00dfigkeit ausbrachen. Jede niedergeschlagene Rebellion &#8211; vor allem die der Jakobiten 1715, 1719 und 1745 &#8211; f\u00fcllte die Emigrantenregimenter in Frankreich. Es gab aber auch andere Gr\u00fcnde um ins Ausland zu gehen: Fehden zwischen einzelnen Clans, Probleme mit dem Gesetz und nicht zuletzt die Religion. Da Angeh\u00f6rige der katholischen Minderheit in der Heimat kaum Karriere machen konnten, versuchten viele von ihnen in den Armeen Frankreichs, Spaniens oder \u00d6sterreichs. Dennoch litten die Emigrantenregimenter, die in Schottland nicht werben durften, meistens an Personalmangel. Als dann nach der Niederlage der Jakobiten bei Culloden (1745) der letzte gro\u00dfe Schwung an Fl\u00fcchtlingen absorbiert war, nahmen sie immer mehr S\u00f6ldner anderer Nationalit\u00e4t auf um ihre St\u00e4rke zu halten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"282\" src=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/culloden.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1058\" srcset=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/culloden.jpg 600w, https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/culloden-300x141.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Schlacht bei Culloden<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viel charakteristischer als die traditionellen Fremdenregimenter sind f\u00fcr den Absolutismus deshalb die schottischen Offiziere, die in allen europ\u00e4ischen Armeen anzutreffen waren. Einige dienten sogar als Milit\u00e4rberater in der T\u00fcrkei, Persien oder Indien. Oft stammten sie aus alten Soldatenfamilien und hatten ihr Handwerk unter verschiedenen Herren gelernt. Viele mussten sicher aus politischen Gr\u00fcnden die Heimat verlassen, andere lockten Geld und Abenteuer, und nicht wenige wurden zu diesem Schritt von Verwandten ermuntert, die in der Fremde bereits Karriere gemacht hatten. Die meisten von ihnen dienten in Russland, wo durch die Reformen Peters des Gro\u00dfen ein riesiger Bedarf an fremden Offizieren bestand. Die Schotten William Bruce, Patrick Gordon und Alexander Leslie leisteten dort Grundlegendes. Sie reorganisierten die Struktur der Armee, die Versorgung, die Artillerie, errichteten Gie\u00dfereien und gr\u00fcndeten Schulen. Dazu kamen zahlreiche andere, bis hinunter zum einfachen Drillmeister.<br><br>Diese Offiziere waren wie gesagt Profis, die oft ohne gro\u00dfe Sentimentalit\u00e4ten den Arbeitgeber wechselten, wenn sie ein besseres Angebot erhielten oder ihnen die Aufgabe reizvoll erschien. Ein relativ bekanntes Beispiel ist der preu\u00dfische Feldmarschall James Keith. Auch er hatte als Jakobit fliehen m\u00fcssen und hatte dann in Spanien und Russland gedient bevor er nach Preu\u00dfen gekommen war, wo er f\u00fcr Friedrich den Gro\u00dfen zu einer Art v\u00e4terlichem Freund wurde und dann bei Hochkirch fiel. Die siegreichen \u00f6sterreichischen Truppen auf der anderen Seite standen unter dem Kommando von Ernst Gideon v. Laudon, der zwar in Litauen geboren aber schottischer Abstammung war. Laudon hatte zuerst in Russland gedient, war dann aber nach Preu\u00dfen gegangen um dort eine Stelle zu bekommen. Als sein Gesuch von Friedrich dem Gro\u00dfen abgelehnt wurde, zog er weiter nach \u00d6sterreich, wo er wahrscheinlich der f\u00e4higste Heerf\u00fchrer des Siebenj\u00e4hrigen Krieges wurde.<br><br>Aber auch diese Abenteurer wurden gegen Ende des Jahrhunderts immer seltener. Viele so genannte Schotten stammten wie Laudon aus Familien, die manchmal schon seit Generationen im Ausland lebten. Das neue Gro\u00dfbritannien hatte mit seinem Kolonialreich einfach zu viel zu bieten. Au\u00dferdem waren die Engl\u00e4nder intelligent genug die Schotten f\u00fcr ihre Sache zu rekrutieren, anstatt sie ins feindliche Ausland laufen zu lassen. So wurden bereits im Siebenj\u00e4hriger Krieg (1757-1763) gezielt Hochl\u00e4nder zur britischen Armee einberufen. Die Schotten dienten nun gewisserma\u00dfen &#8222;nationalen&#8220; Interessen. Die gro\u00dfe Zeit des Fremdendienstes war f\u00fcr sie damit vorbei. Lediglich als nach der gro\u00dfen Demobilisierung von 1815 noch einmal eine gr\u00f6\u00dfere Zahl britischer S\u00f6ldner auf den Markt kam, waren auch wieder viele Schotten dabei, die dann in S\u00fcdamerika f\u00fcr Simon Bolivar k\u00e4mpften.<br><br>Interessant an den Schotten ist aber auch, dass sie noch weit mehr als z.B. die Schweizer im Ausland blieben. Trotz aller Verbundenheit zur Heimat lie\u00dfen sich viele alte Veteranen in den L\u00e4ndern, in denen sie als S\u00f6ldner gedient hatten dauerhaft nieder. Oft wurden die S\u00f6hne dann auch wieder Soldaten. So findet man hohe Offiziere schottischer Herkunft noch bis weit ins 19. Jahrhundert in Russland, D\u00e4nemark oder Schweden.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\">\u00a9 Frank Westenfelder &nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Englands Gegner und Reservoir.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1047,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,104],"tags":[105],"class_list":["post-1046","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","category-volker","tag-schotten"],"blocksy_meta":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.1 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Schotten - Kriegsreisende<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/kriegsreisende.de\/geschichte\/artikel\/die-schotten\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Schotten - 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