Lesetipp: George R.R. Martin: Das Lied von Eis und Feuer

Ich muss wohl vorausschicken, dass ich eigentlich kein großer Fantasy-Fan bin. Irgendwie hat mich aber die gut gemachte TV-Serie "Game of Thrones" dann doch dazu verleitet die Bücher von George R. R. Martin in die Hand zu nehmen, und musste feststellen, dass es sich um ganz hervorragende Romane handelt.

Ganz im Gegensatz zu Übervater Tolkien, bei dem man die guten Lichtgestalten von den üblen Finsterlingen bereits am Klang der Namen unterscheiden kann, zeichnet Martin komplexe Charaktere. Große Helden erweisen sich gerne als selbstgerechte Naivlinge, ehemalige Schurken entwickeln tatsächlich Charakter.

Vor allen Dingen aber zeigt Martin – ebenfall im Unterschied zu Tolkien – Krieg nicht als heroisches Gemetzel. Mit großen Schlachtbeschreibungen gibt er sich kaum ab. Bei ihm geht es vor allem um die Auswirkungen auf die kleinen Leute: Plünderungen, Mord, Folter und Vergewaltigungen.

Seine Anregungen besorgte er sich wahrscheinlich in Fachliteratur zum Hundertjährigen Krieg und den Albigenserkriegen. Und so sind trotz aller Fantasy, mit der er übrigens recht sparsam umgeht, ausgesprochen realistische Romane entstanden, die mittelalterliche Kriege in vielem eindringlicher und ralistischer als viele so genannte "historische" Romane beschreiben.



Um einen Eindruck von Martins Realismus zu geben, möchte ich hier ein ausfürliches Zitat aus Band acht (Die dunkle Königin) anführen. Ein Priester erklärt hier, wie einfache Männer in den Krieg ziehen und dabei zu Geächteten ("broken men") werden:

»Fast alle sind einfache Menschen, die sich nie weiter als eine Meile von dem Haus entfernt haben, in dem sie geboren wurden, bis eines Tages irgendein Lord erschienen ist und sie in den Krieg geführt hat. Mit schlechtem Schuhwerk und schlechter Kleidung marschieren sie unter seinem Banner, oft nur mit einer Sichel oder einer geschärften Hacke bewaffnet oder einem Hammer, der aus einem Stock besteht, an den sie mit Fellstreifen einen Stein gebunden haben. Brüder marschieren neben Brüdern, Söhne neben Vätern, Freunde neben Freunden. Sie haben die Lieder und die Geschichten gehört, also ziehen sie mit Ungeduld im Herzen los und träumen von den Wundern, die sie sehen werden und von Reichtum und Ruhm, die ihnen bevorstehen. Der Krieg erscheint ihnen wie ein Abenteuer, das größte, das sie je erleben werden.

Dann bekommen sie eine Kostprobe von der Schlacht. Manchen genügt das, um sie zu brechen. Andere machen jahrelang weiter, bis sie die Schlachten, in denen sie gekämpft haben, nicht mehr zählen können, doch sogar ein Mann, der hundert Kämpfe überlebt hat, kann im hundertersten brechen. Brüder sehen Brüder sterben, Väter verlieren ihre Söhne, Freunde beobachten Freunde dabei, wie sie versuchen, ihre Eingeweide im Bauch zu halten, nachdem sie von einer Axt aufgeschlitzt wurden.

Sie sehen, wie der Lord, der sie geführt hat, niedergemacht wird, und ein anderer Lord behauptet, sie würden nun ihm gehören. Sie tragen eine Wunde davon, und noch ehe diese halb verheilt ist, bekommen sie schon die nächste. Nie gibt es genug zu essen, ihre Schuhe zerfallen beim Marschieren in ihre Einzelteile, ihre Kleider sind zerschlissen und zerrissen, und die Hälfte der Männer scheißt sich in die Hose, weil sie schlechtes Wasser getrunken haben. Wenn sie neue Stiefel oder einen wärmeren Mantel oder vielleicht einen verrosteten Eisenhelm wollen, müssen sie sich an den Leichen bedienen, und über kurz oder lang bestehlen sie auch die Lebenden, die kleinen Leute, auf deren Land sie kämpfen: Menschen, die sind, wie sie selbst früher waren. Sie schlachten die Schafe und stehlen die Hühner, und von da an ist es nur noch ein kleiner Schritt, auch die Töchter zu verschleppen. Eines Tages schauen sie sich um und stellen fest, dass ihre Freunde und ihre Verwandten verschwunden sind, dass sie an der Seite von Fremden kämpfen, unter einem Banner, das sie kaum kennen. Sie wissen nicht, wo sie sind und wie sie nach Hause zurückgelangen, und der Lord, für den sie in die Schlacht ziehen, kennt ihre Namen nicht. Trotzdem kommt er, schreit sie an, sich zu formieren und eine Reihe mit Speeren und Sicheln und geschärften Hacken zu bilden und keinen Fußbreit zurückzuweichen. Und die Ritter stürmen auf sie los, gesichtslose Männer in stählerner Rüstung, und der eiserne Donner ihres Angriffs erfüllt die Welt ...

Und der Mann bricht.

Er rennt davon oder kriecht hinterher durch die Leichen der Gefallenen oder stiehlt sich in der Nacht davon, und irgendwo findet er ein Versteck. Inzwischen denkt er nicht mehr an zu Hause, und Könige, Lords und Götter bedeuten ihm nicht mehr als ein Stück verdorbenen Fleisches, mit dem er den nächsten Tag überleben kann oder einen Schluck schlechten Weins, der die Angst für wenige Stunden ertränkt. Der Gebrochene lebt von Tag zu Tag, von Mahlzeit zu Mahlzeit, und er ist eher Tier als Mensch. Lady Brienne hat durchaus Recht. In Zeiten wie diesen sollte sich ein Reisender vor Gebrochenen hüten und sie fürchten ... Und gleichzeitig sollte er ihnen auch sein Mitleid schenken.«